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Gabriele II – Alexandre Dumas

Am Hochzeitsabend fand die Marquise von Fontenoy-Mareuil, indem sie in ihr Zimmer trat, dasselbe ganz angefüllt mit sehr schönen, geschmackvollen Meubles und andern eleganten und prachtvollen Kleinigkeiten, bei deren Auswahl ein sehr feiner Geschmack und große Sorgfalt obgewaltet haben mußte. Zugleich war das Alter und der Geschmack der Marquise sehr zart berücksichtigt. Auf einem der eleganten Tischchen fand die Marquise ein zierliches Briefchen, welches sie zu öffnen eilte und Folgendes las: »Gnädige Frau! »Jetzt, wo ich Ihre Tochter werden soll, wünschte ich mit diesem Namen auch einen Platz in Ihrem Herzen zu erhalten, und bitte Sie, mir vorläufig das Recht zuzugestehen, mich aller Mittel, ihn zu erringen, bedienen zu dürfen. Besonders wünsche ich, daß Alles um Sie her Sie erinnern möge, daß Sie jetzt ein Kind mehr haben, welches Sie liebt und Sie zu pflegen wünscht. Erlauben Sie also, daß diese Kleinigkeiten zu Ihrem Gebrauch dienen und in Ihrem Zimmer bleiben. »Doch habe ich eine noch viel größere Gunst zu erbitten, nämlich, daß Ihre Güte mir rathen und mich leiten wolle in einer Welt, deren Gewohnheiten mir noch ganz fremd sind und in der ich doch nichts thun möchte, was Ihnen mißfallen oder diejenige lächerlich machen könnte, die von Ihnen gewürdigt wurde, in Ihre Familie einzutreten und Ihren edlen Namen zu tragen. »Meine Dankbarkeit, gnädige Frau, wird Ihnen den Werth beweisen, den ich auf Ihre Lehren lege, sowie die tiefe Verehrung Ihrer Tochter »Gabriele.« Die Marquise empfand Freude und Zärtlichkeit, indem sie diese einfachen, aber durch das gute Herz, welches sich in denselben aussprach, so rührenden Worte las. Sie hatte wenig häusliches Glück in ihrem Leben genossen. Ihre einzige Tochter, die Mutter Yves von Mauléon, war in den ersten Tagen der Revolution geboren. Nach dem blutigen Tode ihres Gemahls, ohne irgend eine Stütze und zur Flucht gezwungen, trennte sie sich von ihrem Kinde und vertraute es fremden, aber sichern Händen an, um es auf diese Weise vor den Gefahren der Verbannung zu bewahren; . einige Jahre später brachte man sie ihr nach London und sie vermählte sie, kaum 14 Jahre alt, mit dem Herzoge von Mauléon, um ihr eine Stütze zu sichern in dieser Zeit, wo die wechselnden Ereignisse sie fürchten ließen, zu sterben und ihr Kind schutzlos zurückzulassen. Als es später wieder erlaubt war, kehrte sie nach Paris zurück; der Herzog von Mauléon blieb mit seiner Frau in England und kam erst 1814 wieder nach Paris, wo die junge Herzogin, schon krank, nur eben noch Zeit hatte, ihrer Mutter ihren einzigen Sohn Yves anzuvertrauen, und in ihren Armen zu sterben. Ihr Mann überlebte sie nur wenige Monate. Yves gewährte seiner Großmutter nicht die Freuden, sondern nur die Sorgen einer Mutter. Frau von Fontenoy-Mareuil war alt und arm; die hohe Achtung für ihre Wünsche, die zarte Hinneigung und herzliche Berücksichtigung waren also ihr neue und unerwartete Freuden, die ihr zu Theil zu werden schienen, um ihre letzten traurigen Tage mit ihrem sanften Lichte zu erhellen. So, durch diesen liebevollen Brief bewegt, erwartete sie mit Ungeduld den andern Morgen, um ihr Kind zu umarmen. Nicht aus Zärtlichkeit hatte die Marquise diese Heirath veranstaltet, nur aus Pflichtgefühl hatte sie ihre friedliche Wohnung im Hotel der Prinzessin verlassen, um mit den jungen Leuten zu leben; nur der Schicklichkeit wegen hatte sie eingewilligt, mit ihrer Erfahrung und ihrem Alter der unwissenden jungen Frau zur Stütze zu dienen. Seit vielen Jahren hatte sie nichts von dem Leben gehofft, als was es ihr geben konnte, nahm aber mit Freude und Dankbarkeit an, was es ihr noch Gutes bot. Das Glück und die Freude im Alter sind wie die Strahlen der Wintersonne: man freut sich um so mehr ihres wohlthuenden Einflusses, weil man nicht darauf gerechnet hatte.« Frau von Fontenoy-Mareuil freute sich also darauf, Gabriele, die schon keine Fremde mehr für sie war, den andern Morgen zu sehen. Die Hoffnung, ein freundliches, jugendliches Wesen um sich zu haben, entzückte sie und sie fühlte sich hingezogen zu dem scheuen Kinde, dessen Herz errathen hatte, was mancher feingebildeten Dame nicht eingefallen sein würde. Es ist mit der Güte wie mit dem Seelenadel, Beides hat nur Werth, wenn es von selbst entsteht, denn nur dann hat es Kraft und Gewalt.


Bei ihrem Erwachen fand Gabriele eine Botschaft von der Marquise, die sie veranlaßte, zu ihr zu kommen, und sobald die junge Frau, durch einen ruhigen Schlummer gestärkt, ihre einfache, aber elegante Morgentoilette beendigt hatte, eilte sie nach dem Zimmer ihrer Schwiegermutter. Frau von Fontenoy-Mareuil, durch ein Gefühl von Wohlwollen, welches man so leicht für die annimmt, die man anfangt, zu den Seinigen zu rechnen, veranlaßt, fand die junge Herzogin von Mauléon tausend Mal schöner, als ihr Mademoiselle Rémond je erschienen war. Sie reichte ihr die Hand, sobald sie sie eintreten sah, und Gabriele fand so viel Güte in dem Lächeln, mit dem sie sie empfing, daß sie beinahe vor der alten Dame niederkniete, indem sie die ihr dargereichte Hand mit Verehrung küßte. Die Marquise drückte das schöne Kind mit mütterlicher Zärtlichkeit an sich und ließ sie sich auf Kissen niedersetzen, die zu ihren Füßen lagen, und ihre Hände in einer der ihrigen haltend, betrachtete sie zum ersten Male genau alle einzelnen Schönheiten ihres reizendes Gesichtes. Yves von Maulion trat in diesem Augenblicke in das Zimmer. Weit entfernt von dem Gedanken, Gabriele da zu finden, blieb er an der Thür stehen und betrachtete mit eben so viel Ueberraschung als Neugierde diese Gruppe, welche diejenigen vereinigte, die mit ihm durch die stärksten und innigsten Bande verbunden und ihm doch in diesem Augenblicke fast fremd waren. Alle Eindrücke, welche in dieser schlaflosen Nacht in der Seele des jungen Mannes einander verdrängt hatten, zu beschreiben, würde unmöglich sein; er konnte sich von denselben selbst keine Rechenschaft geben: es waren eben so schnell gefaßte als aufgegebene Pläne, Empfindungen des Zorns gegen seine junge Frau, des Unmuths gegen seine Großmutter, die diese Heirath gewünscht hatte, der Übeln Laune gegen sich selbst, die sie sich gefallen ließ. Haß und Liebe wogten in seinem Herzen, das sich gegen ihn selbst auflehnte. Seit langer Zeit hatte er bei allen seinen Handlungen nur den Eingebungen des Augenblicks gefolgt; auf welchen Grundsatz, auf welche Ansicht, auf welche Pflicht sollte er sich jetzt stützen in den Ungewißheiten, die seine Seele zerrissen? Er war noch in dieser Stimmung, als er sich entschloß, seine Großmutter aufzusuchen, um wenigstens der, seiner schon traurigen Stimmung so ungünstigen Einsamkeit zu entfliehen. Der Zorn, den er gegen Gabriele empfand, indem er sie argwöhnisch, mißvergnügt und strenge wiederzufinden glaubte, war wenigstens grundlos, obgleich diese gleichgültig ihn verachtende Frau sich über ihn beklagen zu müssen glaubte. Indessen drückte sein ruhiges, dem Einflusse seines Willens unterworfenes Gesicht nur Heiterkeit aus und zeigte eine angenehme Ueberraschung, als er die fand, deren Gegenwart er vermeiden wollte. Frau von Fontenoy-Mareuil reichte ihm die Hand zum Kusse, ohne sich in ihrer liebevollen Prüfung unterbrechen zu lassen, legte sie aber bald auf Gabriele’s reizende Stirn, durch Stimme und Geberde ihren Enkel auffordernd, mit ihr diese anmuthigen Umrisse, dieses glänzende, seidenweiche Haar und allen Glanz der Jugend und Schönheit, der sie bezauberte, zu bewundern. »Ja, es ist ein edles Gesicht,« sagte sie mit heiterem, liebevollem Tone, »das unserer Gabriele.« Dieses Wort unser erregte in dem jungen Manne eine unangenehme Empfindung; Gabriele sah darin einen Ausdruck von Liebe und ihr Blick wurde noch schmeichelnder. Die ausgezeichneten und zarten Manieren der Marquise übten einen angenehmen Einfluß auf sie aus. Sie waren ihr entzückend, anziehend und imposant zugleich. Der Respect, den die junge Frau so kindlich zeigte, hatten denselben Einfluß auf die Marquise; sie gefielen einander also gegenseitig und wunderten sich darüber. »Madame,« sagte Gabriele mit kindlichem Tone, »ich muß Ihnen meine ganze Unwissenheit bekennen; ich bin nicht nur gänzlich unbekannt mit der Welt, sondern ich weiß auch nicht einmal, was man mit dem Worte die Welt bezeichnet . Was versteht man darunter?« Die Marquise lächelte. »Sie fangen mit einer Frage an, mein liebes Kind,« sagte sie, »die schwerer zu beantworten ist, als Sie wohl glauben und setzen fast mit dem ersten Worte meine alte Erfahrung in Verlegenheit. Als ich in Ihrem Alter war, nannte man den Hof der Königin Marie Antoinette die Welt, die, welche daran Theil nahmen und sich nachher auch unter sich vereinigten, gehörten nur dem Adel an. Aus diesem ziemlich abgeschlossenen Centrum gingen die Moden und die Sitten hervor, in ihm wurde über den Ruf entschieden, aus ihm kamen Verfolgungen und Gnadenbezeigungen, In diesem Zirkel Zutritt zu haben, oder seine Manieren nachzuahmen, war das Ziel Aller; wer nicht dazu gehörte oder nicht seine Sprache und Gewohnheiten hatte, galt nichts. Jetzt, ich muß es gestehen,« fügte die Marquise seufzend hinzu, »gibt es noch einige Zirkel im Faubourg St, Germain, die zur großen Welt zu gehören glauben, aber es ist ein Irrthum. Das Hotel der Gewalthabenden ist überfüllt mit Pairs, Deputirten, Ministern und Gesandten. Im Hotel des reichen Finanziers findet man die Notabilitäten des Reichthums; in dem Hotel des großen Herrn aus alter Zeit findet man.Emporkömmlinge, mit ihnen vereinigt zuweilen auch Andere, die aber zu keiner bestimmten Gesellschaft gehören. So ist die Welt jetzt, kann aber unmöglich so bleiben.

Im Mittelpunkt von diesem Allen erheben sich einige allgemein bekannte Namen. Wenn man also 5 oder 600 Personen, die allen Gassen der Gesellschaft angehören, vereinigt hat, wenn die Thüren sich abermals öffnen, um einen neu Angekommenen eintreten zu lassen, und bei der Nennung seines Namens kein Mitglied dieser glänzenden Menge zu fragen braucht, wer es ist, wenn derselbe bei Allen eine Erinnerung an alten, historischen Adel, an eine neue politische Laufbahn, an kriegerische Ehren, an literarische Erfolge, oder an Künstlerruf erweckt; . nun wohl, mein Kind, ich muß es zugestehen, das ist die jetzige große Welt, die Berühmtheiten aller Arten, die Aristokratie unserer Tage.«

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