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Fiormona oder Briefe aus Italien – Wilhelm Heinse

Ich studirte in den Jahren 1785 und 1786 in G. mit einem jungen Manne, mit dem mich bald gleiche Neigung, feurige Jugend, und die Liebe zu den alten Sprachen fester verband. Er war von guter Familie, besaß ein anständiges Vermögen, und hatte alle Gelegenheit, seine Zeit der Musik, seiner Lieblingsneigung, und dem Studium der Alten zu widmen. Ueber seinen Charakter sag‘ ich hier weiter nichts. Er leuchtet aus seinen Briefen hell hervor. Die Erinnerung an die süßen Stunden unsers Umgangs, an die hohen Schwärmereyen einer heiligen Freundschaft, und an das Vergnügen, welches mir sein heller, treflicher Geist gewährte, lockt mir noch jetzt Thränen der Freude und der Wehmuth ins Auge. Im Jahr 1787 reiste er durch einen großen Theil von Deutschland nach Italien. Hier war er in seinem Elemente. Ein ununterbrochener Briefwechsel setzte mich in den Stand, ihn mit meinen Gedanken überall zu begleiten, und — wie wir es bis dahin gehalten hatten — seine geheimsten Empfindungen nachzufühlen. Diese Briefe werden mir ewig ein theurer Schatz seyn; so oft ich sie in die Hand nehme, wird es heiter um mich, und es ist mir, als wandelte ich mit ihm unter dein milden italischen Himmel. Diese hier dem Drucke übergebenen Briefe enthalten einen Theil seiner Geschichte in Italien; den interessantesten, aber leider den letzten seines schönen Lebens. Am wärmsten Mittag fiel die herrliche Sonne von ihrer Höhe. — So viel ich von der traurigen Katastrophe erfahren konnte, habe ich in ungeschminkter Wahrheit erzählt; es wird gewiß manche Thräne fließen, so wie die meine auf dieß Denkmal geflossen ist. Wer diese Briefe gelesen hat, wird mir wegen ihrer Bekanntmachung nicht zürnen. Was so ein Geist dachte und empfand, daran muß sich noch mancher Enkel erwärmen. Der Jüngling wird ihm mit freudigem Bruderkuß entgegen jauchzen, und das kältere Alter den liebenswürdigen Sohn der Freude lächelnd und gern schwärmen hören. — In den Briefen selbst habe ich nichts geändert; Familienangelegenheiten und Privatsachen mußte ich weglassen. So sind sie ganz der reine Abdruck seines Geistes. Den Schaden, den die Moralität meiner Leser durch sie leiden könnte, nehme ich auf mich. Wer so groß und so stark ist, dieser Moral zu folgen, für den ist jede andere ungültig; und wer nicht Fiormona ist, kann es sich nicht einfallen lassen, so zu handeln. — Fliege gegen die Sonne, und halte ihren Glanz aus, wenn du nicht Adler bist! Von meines Freundes Familie lebt kein naher Verwandter mehr. Sollten irgend einem, dem seine Geschichte bekannt ist, diese Blätter in die Hände fallen, so wird er zu diskret seyn, um durch eine nähere Bekanntmachung der Personen irgend jemanden der Lebenden zu kompromittiren. Eine andere Klasse von Mitwissern wird aus eignem Interesse schweigen. Und Er, der längst seinem Richter gestanden hat, und über jedes menschliche Urtheil erhaben in reinem Lüften wandelt, wird es mir gern verzeihen, daß ich seine Mitbürger, die er so herzlich liebte, näher mit seinem Geiste bekannt machte. [Die Briefe Carls.


] Neapel, den 6ten Februar. 88. Es war eine Stunde nach Mitternacht, als ich sie verließ. Orion tauchte eben seine Stralenschulter ins Meer und vom nahen Morgenhauch gekräuselt, spielten die Wellen lauter ans Gestade. Wie ein Trunkener wankt‘ ich durch die blühenden Gehäge fort; der Himmel mit allen seinen Sternen zitterte vor meinen Blicken; wunderbar schwamm und wogte meine Seele durch die herrlichen Gestalten. Lieber Franzi was ist ein Jahrhundertlanges Leben gegen so Eine Nacht voll Genuß! Ich warf mich aufs Lager nieder; aber das innere glühende Leben wallte fort, und ich konnte kein Auge zuthun. Ich legte mich ins Fenster, und ließ mich vom Morgenwinde kühlen; und der Duft der blühenden Pomeranzen und Zitronen stieg in warmer Luft zu mir auf. Der Golf dampfte majestätisch und im dämmernden Morgenroth schwammen leise Wölkchen herauf. Was ist das Leben, mein Freund, ohne diesen Genuß, daran sich Leib und Seele weidet! Schäumend schwillt der Becher vor meinen Lippen an; ambrosisch umströmt mich sein Duft; aber ich will ihn ganz ausleeren, und sollte ich mit dem letzten Tropfen selbst hinunterfluten. Besser, die Jugend voll Kraft und Herrlichkeit durchtanzt, und dann rasch hinüber; als an der gebrechlichen Krücke des darbenden Alters sich in eine andere Welt schleichen. Sie ist ein gelungenes, herrliches Geschöpf; von der Natur in einer ihrer liebevollsten Launen geboren; voll innern, warmen Lebens; eine heitere Phantasie, kein kränkelndes Hirngespinnst irgend eines ohnmächtigen Moralschreibers! Sie erkennt und versteht den großen Zug der Natur! Vereinigung des Lebendigen und Schönen, und folgt ihm mit so einer Dahingebung, und doch solch einer Kraft. — Es ist einzig! und Euch, Menschen am Eispool, unverständlich. Für meine Person darfst Du nichts fürchten. Ich gehe in dem Hause aus und ein, aber keine Seele ahndet etwas. Die Mutter ist eine große Freundin von schauerlichen Mährchen, und findet, daß ich gut erzähle; dem Onkel helf ich bey seinen physischen Experimenten. Jetzt wohnen sie auf ihrem Landhause, nahe am Golf; und da ich das vorher wußte, hatte ich mich längst in der Nachbarschaft eingerichtet. Fiormona ist kalt, wie eine Juno, so bald wir mit andern zusammen sind; aber heiter, schuldlos und ungezwungen. Sie ist große Freundin der Musik. Von ihrem treflichen Spiel habe ich Dir, dünkt mich, schon einmal gesagt; himmlisch schön sind ihre Modulationen; auf den Tönen ihrer Laute fliegt die Seele ihr durch alle Himmel nach, und auf dem Calascione gaukelt sie in unendlichen Launen hin und wieder. Sie hat einen richtigen Geschmack und ein rasches Gefühl, das darum nicht wenig fein ist. — Diese gleiche Neigung, die Gelegenheit zu unserer Bekanntschaft gab, verschaff uns jetzt manche Götterstunde. Doch bedarf ich oft meiner ganzen Kraft, daß alle meine Nerven nicht reissen, wenn sie in Gesellschaft spielt, und nun in eine Melodie einfällt, mit deren ersten Tönen sich der Himmel mir öffnet, und es wie ein Regenschauer entzückender Erinnerungen über mich herabströmt. — Ich habe sie gebeten, mich nie wieder dem Sturme auszusetzen. Der Graf hat mir aus Rom geschrieben, daß er nächstens hier eintreffen werde. Da werd‘ ich seinen Cicerone machen, und des Herren weise Meynungen einschlucken sollen.

Aber ich werd‘ ihn fein laufen lassen. Sollen mich auch hier die bürgerlichen Verhältnisse aus meinem Vaterlande binden? — So weit reicht die Kette nicht. Und wär’s nicht meiner Mutter wegen, so ließ ich den Laffen ganz laufen. Du schreibst mir nicht viel von meiner Schwester; aber deutest so auf sie hin, daß mir ein Unglück ahndet. Sollte die Neigung zu L. ernsthaft werden? Das wolle der Himmel nicht! Ich wette, er ist schon versprochen, und müßte, nach Euern Begriffen, Eine unglücklich machen. Wenn Du sie siehst, so sprich ihr Muth ein; sie soll die Natur unter das Gesetz beugen. Aber mir bangt, sie wird von dem fühllosen Riesen erdrückt werden. Steh ihr bey. Des Himmels Wonne, das ist, die Wonne, in der Dein Freund jetzt schwimmt, werde Dein. Leb herzlich wohl. Neapel, den 11ten Februar. So wenig Dir die todten Buchstaben jetzt den Abdruck meines lebendigen Geistes darstellen können, so schreib ich Dir doch, Du Einziger, dem ich mein Herz ausschütte. Ja, ich fühle es jetzt. Was nur in dunkeln Ahndungen vor uns schwamm, wenn die Götterkraft der Liebe, die wir mit ihrer ewigen Gewalt um uns her wirken und schaffen sahen, in Schattenbildern über unsere Seele zitterte. Wir standen am Ufer des Lebensstroms und freuten uns der wallenden Bewegung — jetzt wall‘ ich selbst in seinen Fluten, und tauche nieder, und trinke die Quelle des Lebens. O Gefühl der Jugend! heiliges Gefühl der Liebe! Wir machten neulich eine Parthie nach Pompeji und den wiederauferweckten Ruinen. Fiormona kennt die Geschichte Griechenlands und Roms tief, und hat mit den freyen Geistern dieser Heroen vertrauten Umgang gepflogen. An dem Strale muß sich auch so eine Seele gesonnt haben. Die Mutter, der Onkel und noch ein Paar Geschöpfe aus der Verwandtschaft hörten die Erklärung eines hoch gelahrten Führers an. Fiormona und ich gingen in den Ruinen des sogenannten kleinen Landhauses auf und nieder. Das ganze ist geengt, und überall spricht Einschränkung hervor. Was weilen wir länger hier? sagte sie, ich mag die Privathäuser der Alten nicht. Ihre Forums, ihre Tempel, ihre Theater lieb‘ ich! Da verklärte sich der herrliche Geist dieser freyen Menschen.

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