| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Elegabal Kuperus – Karl Hans Strobl

H Das Haus des Eleagabal Kuperus und die Witwe des Dichters inter dem Dom, wo sich die Dächer der kleinen Häuser um enge Höfe zusammendrängen, verlieren die Gäßchen ihre Richtung und weichen, von alten grauen Fronten beengt, vor plötzlich vortretenden Ecken zur Seite, steigen über Stufen hinab und hinauf, bis sie, auf allen Seiten von den Häusern umstellt, in irgendeinem Winkel enden. In diesem innersten Kern der Stadt hat die neue Zeit, die an der Erweiterung des Umkreises arbeitet, noch nichts geändert, und unter dunklen Torbogen, in düsteren Nischen, vor deren schwarzen Heiligenbildern zitternde Lämpchen brennen, kauert die Vergangenheit. Die Stufen, an denen die Häuser hinabsinken und emporsteigen, sind von vielen Tritten glatt und schlüpfrig geworden, daß die alten Weiblein zur Winterszeit nur zaghaft und unter Stoßgebeten zum Dom zu gehen wagen. Was an Freude und Leid über diese Stiegen getragen wurde, hat gleichermaßen an den runden Löchern in ihrem Granit gearbeitet, in denen nach sommerlichen Regengüssen kleine Wasserlachen stehen und im Winter länger als anderswo Eiskrusten knistern. Versonnen und manchmal ein wenig verdrießlich sehen die alten Häuser aus kleinen Fenstern nach den wenigen Menschen, die hier mit Bedacht über das holprige Pflaster gehen, als hätte die Hast und Unruhe, die dem Domberg vorbeibraust, noch keine Macht über sie. Man sieht hier sehr viele alte Leute. Das Leben scheint sich in diesen stillen krummen Gäßchen länger hinzudehnen als anderswo. Und wenn man Sonntags alle diese alten Männlein und Weiblein zum Dom wandern sieht, dann ist es wie im Reiche der Erinnerung, wo die Schatten des Gewesenen umhergehen. Doch die Jugend lebt mitten unter den alten Leuten grausam, unbändig und lärmend wie draußen und trotzt mit dem Recht der Gegenwart zwischen den grauen Häusern, tobt über Stiegen auf und ab und läßt sich gleich dem Sonnenschein nicht daran hindern, das Glück der Kraft zu spenden. Die Alten sehen zu und lächeln, denn hier sind Vergangenheit und Gegenwart noch nicht im Streite. Darum liebt das Alter auch grüne Pflanzen und weiße Gardinen, und viele der kleinen vielscheibigen Fenster leben von einem grünen Flor. Im Sommer nicken die blutroten Knospen der Fuchsien über hölzerne Gitter, und breitblättrige Pelargonien stehen würdig im Hintergrund. Dann gibt’s auch ganze Fenster voll von blühenden Hyazinthen, die in allen Farben prahlen, und beim Rahmenmacher, der auch Tiere hält und Vögel ausstopft, kann man ausländische Blattpflanzen und wunderliche Orchideen sehen, daß alle Kinder weit umher gezwungen sind, vor seinen Fenstern stehenzubleiben und mit ihren Fingern gegen die Scheiben zu tupfen. An großen Festtagen im Sommer stellt er seine Passionsblume aus, die schöne und traurige Blüte, die alle Werkzeuge der Marter Christi zeigt, die Nägel und den Hammer und sogar die gräßliche Dornenkrone. Hier hält man noch etwas auf Festtage, hebt sie unter den Tagen der Arbeit hervor, und sogar die Häuser ändern ihr Gesicht zur Osterzeit, zu Pfingsten oder am Fronleichnamstage. Wenn der Umzug durch die engen Gäßchen kommt, wenn die Glöckchen bimmeln und der weiße Weihrauch in breiten Wolken über den Köpfen der Priester schwimmt, dann flackern Reihen von Kerzen in den Fenstern, und Heiligenbilder schauen aus verschlafenen Augen in das viele Licht. Und zur Pfingstzeit fehlt die grüne Birke an keiner Tür, so daß es aussieht, als habe der Frühling jedem Haus einen Strauß an die Brust gesteckt. Dann schaut alles so hell und heiter in die Welt, daß man fast nicht glaubt, wie viele sonderbare Geschichten hinter den altersbraunen Türen und kleinen Fenstern schlafen; heimliche und unheimliche Geschichten, die an trüben Tagen und in den langen Winternächten erwachen. Nahe dem Hauptaufgang zum Dom, den zwei steinerne Heilige mit kalten, leeren Augen bewachen, steht ein Haus, um das sich viele solcher Geschichten spinnen. Denn hier wohnt Eleagabal Kuperus, von dem man sich in den Häusern um den Dom höchst merkwürdige Dinge erzählt, der in der Phantasie der Jugend vom fahlen Glanz des Geheimnisses umgeben ist und dem die alten Weiblein scheu ausweichen, wenn er ihren Weg zum Dom kreuzt. Sein Haus ist sicher das älteste hierherum und hat einen schiefen Giebel auf seinem faltigen braunen Gesicht sitzen, wie einen alten Hut. Bei trockenem Wetter scheint seine Front staubig und zerfurcht, wenn aber der Regen gegen seine Wände schlägt, dann kommen auf ihnen uralte Bilder hervor: Isaaks Opferung, das Urteil Salomos, der Durchzug der Juden durch das rote Meer und viele andere, denen die Leute hier oben keine Deutung wissen. Wie eine geheime Schrift durch die Sonne oder das Wasser geweckt wird, so tauchen diese Bilder aus der Feuchtigkeit, recken sich über alle Flächen zwischen den Fenstern und zeigen sich, untereinander mit Ranken aus Pflanzen und Tierleibern und mit unleserlichen Sprüchen verbunden. Über der Tür aber, die reich geschnitzt und mit rostigen Eisenbändern beschlagen ist, wird dann eine Gestalt sichtbar, die im Gewande einer fernen Zeit dasteht, in einer Hand ein Schwert und in der andern Hand einen Schlüssel hält. Aus ihrem Munde geht ein Band hervor, auf dem in altertümlichen Buchstaben geschrieben steht: »Glaube dem Wunder«.


Das Seltsame an dieser Gestalt und das Seltsamste am ganzen Haus aber ist dies, daß die Hand, die den Schlüssel hält, aus der Mauer hervorragt in wirklicher, greifbarer Form, eine Hand, die mit ihren gekrümmten Fingern, mit den Sehnen und den deutlichen Adern dazwischen so sehr der lebendigen Hand eines Menschen gleicht, daß man die große Kunst ihres Bildners bewundern muß. Wenn der Regen in seinen Furchen verrieselt und die Sonne die Wand getrocknet hat, dann sind die Bilder und Sprüche verschwunden, und nur die Hand hält über der Tür ihren Schlüssel, als wachse sie aus der Mauer hervor und wolle anzeigen, daß hier ein Verschlossenes und nur durch sie zu Öffnendes sei. Und auch diese Tür – sie ist der Schrecken und das nie ausgeschöpfte Rätsel der Kinder, denn ihr Schnitzwerk zeigt den Besuch Sauls bei der Hexe von Endor. Das lebt rund um den Helden von mißgestalteten Leibern, von greulichen Fratzen und von Lindwürmern. Oben speit ein Drache Feuer aus, und unten schwimmt der Leviathan in einem Meer von lauter spitzen Wellen und bläst aus seinen Nasenlöchern mächtige Wasserstrahlen. Unter all den Leuten, die Absonderliches von Eleagabal Kuperus und seinem Haus zu erzählen wissen, zeichnet sich die alte Frau Swoboda aus, die im Dome schlanke Kerzchen für die Seelen im Fegefeuer anzündet. Sie ist es, die in einer Mondscheinnacht gesehen hat, wie die Finger der Hand über der Tür sich einzeln vom Schlüssel lösten und ausstreckten, genau wie die Finger einer Menschenhand, die einen Krampf überwinden will. Und sie ist es, die im Morgengrauen eines trüben Wintertages deutlich gesehen hat, wie die Drachen und Ungetüme der geschnitzten Tür durcheinanderwimmelten und wie Saul den Arm erhob, um sie zu bannen. Nun schwört sie darauf, daß Eleagabal Kuperus ein Zauberer sei, und eine Legion alter Weiber steht hinter ihr, die dasselbe behaupten. Aber auch die Männer, die über dieses Geschwätz nur lachen, meiden doch den alten Mann in dem geheimnisvollen Haus, und wenn ihm einer in der Dämmerung der schlecht beleuchteten Gassen begegnen soll, dann geht er lieber auf die andere Seite. Selten nur schrillt die Klingel unter der Hand mit dem Schlüssel, und immer ist es ein Fremder, irgendein Mensch aus der brausenden Stadt dort unten, der den Eleagabal Kuperus in seiner Burg besucht. Die Frau, die an einem von schwerem Dunst und geheimen Stimmen erfüllten Winterabend über die große Stiege heraufkam und langsam über den kleinen Platz vor dem Dom schritt, zögerte ein wenig vor der Tür des Hauses, in welchem Kuperus wohnte. Hier oben waren nur noch wenige Lichter wach, und eines von ihnen stand unbeweglich wie ein starres Auge in der Stirn dieses Hauses. Frau Swoboda, die aus der Sakristei des Domes kam, sah, wie vor der Tür des Kuperus eine dunkle Gestalt nach der Klingel tastete, und schickte erschauernd ein kurzes Gebet um das Heil dieser armen Seele, die sich hier dem Bösen überantwortete, zum Himmel. Als sie um die Ecke des Gäßchens gekommen war, hörte sie das Gekreisch der Glocke, und frierend und der eigenen Gottgefälligkeit froh hüllte sie sich fester in ihr großes Umschlagetuch. Die Frau, die zu Eleagabal Kuperus eingelassen sein wollte, hatte eine Weile zu warten, bevor sich die schwere Tür öffnete. Die von dem Kampf mit dem Nebel ermatteten Strahlen einer nahen Gaslaterne regten das Schnitzwerk der Tür zu ringelndem Geranke auf, glitten über die Hand mit dem Schlüssel hin und strandeten an dem Ufer des Dunkels, das schwer über dem Ende des Gäßchens lag. Leise ging die Pforte auf. Ein langer Gang ließ die Frau in das Innere des Hauses, in dem sie lautlos über weiche Teppiche schritt. Links und rechts gaben leuchtende Buchstaben, die sich zu Worten ohne begreiflichen Sinn vereinigten, Hieroglyphen, Keilschriftzeichen und glitzernde Symbole so viel von einer beunruhigenden Dämmerung, daß hohe, dunkle Bilder und Statuen zu erkennen waren, die längs des Ganges den Eintretenden begleiteten, wie eine wehmütige Melodie plätscherte ein Springbrunnen in einem rot beleuchteten Raume, in dem sich die Bilder rings an den Wänden sammelten, hier wartete ein Diener, dessen behaarter Kopf, dessen kleine spitze Ohren und dessen böse glimmende Augen ihn einem Wolfe ähnlich machten, und hob die Hand zu einer schweigenden Gebärde. Die Frau folgte ihm durch einen schmalen Weg zwischen zwei Wänden von Büchern, bis er aus einem Becken eine Kugel nahm und sie mit silbernem Klang wieder zurückfallen ließ. Aus den Falten eines Vorhangs, die kühl um ihr heißes Gesicht wehten, trat sie unter eine Kuppel aus Glas, die sich über einem Zimmer aus Marmor wölbte. Wie in einem Tempel strebten zwei Reihen von Säulen empor, aber auf ihren breiten Kapitälen, von denen Tierköpfe zwischen Schnörkeln herabsahen, lastete kein Gebälk. Sie waren scheinbar zwecklos, nur um ihrer selbst willen in diesen Raum gestellt, dessen unteren Teil sie gliederten, während sich die Kuppel ungestützt und frei darüberspannte wie ein Symbol der Unendlichkeit des Himmels. Alle Arten von Marmor setzten die Buntheit dieses Gemaches zusammen, vom weißen Marmor der Tiroler Brüche bis zu den geflammten, gezackten, gestirnten Farbenwundern der seltensten Abarten.

Über die Wände rieselten rote Bäche, als ob dort oben aus einer verborgenen Öffnung ein kleiner Blutstrahl hervorkäme, der, sich verzweigend, über die glatte Fläche fließt; daneben waren Platten, die wie Landkarten bemalt waren, dann schienen zarte Farne, Moose oder kleine Bäumchen in den Stein eingeschlossen, nun blühten Korallen und ließen ihre Äste weit auseinandergehen, als ob sie alle herrlichen Kräfte ungefesselten Wachstums entfalteten. Leuchtend ergossen die weißen, gelblichen und elfenbeinfarbenen Marmorarten ihre makellosen Flächen und machten den Blick zur Erfassung neuer Farbenspiele fähig. Dieses Gemach zeigte eine starre Leblosigkeit, die gleichwohl vom heftigsten Leben sprühte, eine Ruhe, in der eine unbändige Bewegung brauste, es glich einem Kopf, in dem verworrene Gedanken stürmen, in dem die seltsamsten Einfälle wohnen, von denen keiner laut wird oder in wirkliches Leben tritt. Über diesem Gewirr lag die Kuppel fest aufgeschraubt, damit nichts davon nach außen dringe, gewölbt und gläsern wie die Hornhaut eines Auges, auf dessen Netzhaut die köstlichsten und wunderbarsten Farben spielen. An dem Marmortisch in der Mitte, von den beiden Säulenreihen rechts und links bewacht, saß Eleagabal Kuperus. Seine Hand lag auf dem Tische, seine Finger folgten irgendeiner Ader des Marmors, seine Lippen bewegten sich. Nun sah er auf und sein Blick hüllte die fremde Frau in einen Schleier von Fragen. Tief innen in einem Kopf, der ebensoviel von einem alten Patriarchen als von einem alten Raubtier hatte, lagen diese fragenden Augen. Über ihnen ging eine hohe Stirne empor, die in so viele gleichlaufende Falten gezogen war, daß man bei einem andern darüber gelacht hätte, unter ihnen begann ein weißer wilder Bart, ein verworrenes Gestrüpp, das nach allen Seiten auseinanderstrebte, doch in eine Richtung gezwungen, auf die Brust niederfiel. Zwischen dem Gestrüpp klaffte die dunkle Höhle eines Mundes, aus dem zwei Eberhauer hervortraten. Die Schneidezähne waren verlorengegangen, aber die Eckzähne des obern Kiefers hatten sich zu seltener Kraft entwickelt, und wenn Eleagabal Kuperus lachte, so krochen sie wie krumme Messer aus ihrer Scheide. Um den kahlen Schädel lag ein dünner Kranz von weißen Haaren, der sich bei starken Affekten wie unter elektrischen Wirkungen zu sträuben schien. Zögernd trat die Frau auf ihn zu und legte ein rundliches Paket, das sie unter ihrem Mantel getragen hatte, vor ihn auf den Tisch. »Sie sind mir willkommen«, sagte Eleagabal Kuperus und winkte dem Diener mit dem Wolfsgesicht, der hinter der Frau in der vorgebeugten Haltung eines Raubtiers gelauert hatte, daß er sich entferne. »Sie sind mir willkommen«, sagte Eleagabal Kuperus noch einmal, und die Frau fühlte, wie sein Blick sie durchdrang. Dann fügte er hinzu, und seine Hand deutete nach dem rundlichen Paket: »Sie bringen mir den Kopf Ihres Mannes.« Ein Zittern kam über die Frau, und der Tisch, an dem Eleagabal Kuperus saß, begann sich schnell um seine Achse zu drehen, so schnell, daß es schien, als ob sich der Mann vor ihr vervielfache. Schwindelnd griff sie nach einer der Säulen, aber sie zog ihre Finger rasch zurück, denn der Stein war so heiß, daß er ihr fast die Haut verbrannte. »Nehmen Sie die Dinge so, wie sie nun einmal sind. Der Tod ist ein mächtiger Herr, fast so mächtig wie das Leben, und manchmal ist es, als ob er es überwinde. Ich ehre Ihren Schmerz, und ich will Ihren Wunsch erfüllen.« »Sie wissen, was ich Ihnen vortragen wollte?« »Ich weiß es. Ihre Liebe war groß, und ich beuge mich vor der Liebe.« Da brach die Frau in ein Weinen aus und sah verzweifelnd um sich, denn sie fühlte sich so schwach, daß sie einer Stütze bedurfte. Eleagabal Kuperus erhob sich und trat zu ihr; er legte einen Arm um ihre Schultern, und es geschah das Seltsame, daß Frau Emma Rößler, die mit Grauen und Angst zu diesem verrufenen Greis, zu diesem unheimlichen Mann gekommen war, den Kopf in das dichte Gestrüpp seines Bartes verbarg.

So standen sie beide ganz still, und das Schweigen knisterte wie eine blaue schmale Flamme. Dann führte er sie zu seinem Stuhl an dem Marmortisch und ließ sie niedersetzen.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |