| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Eine Nordpolfahrt (RPh09) – Robert Kraft

Wieder einmal hatte Richard von der gütigen Traumfee verlangt, ihn etwas recht Merkwürdiges erleben zu lassen. Und siehe da, noch war er kaum eingeschlafen, da ging auch bereits sein Wunsch in Erfüllung. Der Direktor des Bremer Norddeutschen Lloyd teilte nämlich dem plötzlich in einen Seemann von gesetztem Alter mit rotem Gesichte und noch röterer Nase verwandelten Richard mit, daß er zum Kapitän eines Nordlandsdampfers bestimmt wäre, der von einer Künstlergesellschaft gemietet worden sei. Er wisse doch, meinte der Direktor, wen er an Bord habe, daß es ganz bevorzugte Passagiere, darunter die ersten Sterne des Hoftheaters, seien, und daß man ihm als erfahrenem Nordlandsfahrer nur deshalb die Führung dieses Dampfers anvertraut habe, weil man ihn wegen seiner persönlichen Vorzüge ganz besonders für diesen Kapitänsposten geeignet halte. Richard dankte durch eine Verbeugung für die ihm zuteil gewordene Ehre. Enttäuscht über das, was ihm die Phantasie da vorspiegelte, war er nicht im geringsten. Er war ja in diesem Augenblicke thatsächlich davon überzeugt, ein alter Seemann zu sein, der sich am Kap Horn schon ein Dutzend Mal den Wind um die Nase hatte pfeifen lassen und auch bereits ein paar Polarexpeditionen mitgemacht habe, bis er schließlich in die Dienste des Bremer Lloyd getreten war. Allerdings früher, als er noch Schiffsjunge und dann später Leicht- und Vollmatrose gewesen war, da hatten – offen gestanden – derartige Abenteuer, wie er sie voraussichtlich jetzt erleben würde, für ihn noch mehr Reiz gehabt. Dieses jugendliche, für allerhand wunderbare Erlebnisse so empfängliche Alter hatte er eigentlich schon längst hinter sich; jetzt war ihm ein steifes Glas Grog beinahe lieber. Mit jener Künstlergesellschaft, die in die nördlichen Breiten wollte, hatte es aber folgende Bewandtnis. Einzig und allein die Laune der schönen Primadonna des Hoftheaters hatte genügt, um das lustige Völkchen zur Ausführung einer so extravaganten Idee zusammenzuführen. Die junge Dame nämlich, in die sich ein in der Residenz lebender vielfacher Millionär, ein kleiner, gutmütiger Mann mit etwas krummen, auswattierten Beinen und einem hohlen, anscheinend mit Stroh ausgepolsterten Kopfe so sterblich verliebt hatte, daß er sie sogar zu heiraten beabsichtigte, hatte es sich, nicht zufrieden mit den ihr verehrten Perlen und Diamanten und einem glänzenden Heim, in dem sie dieses kostbare Geschmeide bergen konnte, in Ermangelung anderer Wünsche ihres übersättigten Herzens partout in dem Kopf gesetzt, auf einem eigenen oder doch gemieteten Dampfer eine der damals üblichen Nordlandsreisen anzutreten. Da diese nun in der Gesellschaft des langweiligen und simpelen Verehrers zu eintönig geworden wäre, so wurden, da die Ferien vor der Thür standen, sämtliche Mitglieder des Hoftheaters dazu eingeladen, und so war bald eine bunte Gesellschaft zusammengekommen: der Baß, der Baß-Buffo, der erste und zweite Tenor; dann der Held, der sentimentale Liebhaber, der nichtswürdige Intrigant, der im gewöhnlichen Leben immer finstere Komiker und die anderen, die dazu gehörten; dann die weiblichen Mitglieder des Theaters, von der Naiven bis zur Heldenmutter, außerdem noch ein paar Balletteusen. Auch einige andere Künstler schlossen sich an, ein Maler, ein Bildhauer, ein nervöser Virtuos und ein halbverhungerter Dichter. Als Proviant an Bord genommen wurde, staunten die Matrosen, dabei mit der Zunge schnalzend, besonders die ungeheuren Mengen des Champagners und der Schnäpse an, die vorhanden waren. Nachdem nun die aus achtundzwanzig Köpfen bestehende Gesellschaft über die Laufbrücke geschritten war, begrüßte sie Kapitän Richard nochmals, dann donnerte er durch das Sprachrohr seine Kommandos – und der Dampfer stach in See. Ja, es waren wirklich ganz besondere Passagiere! Es versprach eine lustige Fahrt zu werden. Selbst die Seekrankheit verlief bei den Leutchen ganz anders als sonst bei gewöhnlichen Sterblichen; sogar in der Todesqual mußte noch deklamiert werden, und wenn der ewig durstige Baß das zwanzigste Glas Punsch bestellte, so war er anscheinend kein Mensch mehr, sondern der zürnende Jupiter selbst und donnerte, daß die Schiffsplanken erzitterten. Die Seekrankheit war überstanden; man amüsierte sich zusammen und allein ausgezeichnet. Der Dichter tanzte, wenn er satt war, und die erste Tänzerin dichtete in gräßlichen Versen die Fjords an; der Maler spielte Klavier, und der Virtuose malte; die Naive suchte der Primadonna den Millionär abspenstig zu machen, und die Heldenmutter schäkerte mit einem Schiffsjungen; der Komiker und der Heldentenor spielten Tag und Nacht in einer engen Kabine Sechsundsechzig um ihre Gage, soweit diese noch nicht versetzt war. Kapitän Richard gestand sich, noch nie eine solche famose Seereise gemacht und noch nie ein solch vergnügtes Völkchen um sich gehabt zu haben. Eine traurige Rolle spielte nur der Millionär. Er hatte bei der Seekrankheit seine geraden Beine verloren und konnte das Ersatzpaar nicht finden. Aus Verzweiflung angelte er den ganzen Tag, fing aber niemals etwas, bis einmal doch, als er fortgewesen war und wieder zurückkam, etwas Großes angebissen halte. Als er nämlich den Fisch mit der Rute an Deck schwang, waren es seine Wattenpolster für die Beine, die am Angelhaken hingen! Nach dem Nordpol.


Das Nordkap war von ferne bewundert, andeklamiert, angesungen, angedichtet, angetanzt und angetrunken worden – eine Landung war wegen der hohen See nicht möglich gewesen – es ging nun auf die Bäreninsel zu, die man umfuhr; dann sollte die Rückreise angetreten werden. „Mein bester Kapitän, nun noch nach Spitzbergen,“ flehte die Primadonna, „nur die ewig eisgekrönten Gipfel von Spitzbergen möchte ich einmal sehen, dann will ich sterben.“ „Ne, Bauline, ja nich, awer was fällt Dich nur inn!“ stotterte ihr Bräutigam ängstlich. Trotzdem wurde der Kurs nach Spitzbergen genommen. Das wüste Eisgebirge, das auch im heißesten Juli nicht auftauen wollte, kam in Sicht. „Mein liebster, bester Kapitän,“ flechte da die Primadonna wieder, „nun bloß noch um Spitzbergen herum, und ich habe keine Sehnsucht mehr auf Erden.“ „Da verlangen Sie wirklich zu viel von mir, meine Gnädige. Wir sind hier an der Westküste, die im Sommer, so wie jetzt, meistenteils eisfrei ist; die Nord- und Ostküste dagegen starrt auch noch um diese Jahreszeit meist in Eis. Ich kann das Risiko nicht auf mich nehmen.“ Die Primadonna verwandelte sich jetzt. Sie drapierte ihren Pelz um die Schultern, legte die Hand auf die Bordwand und hob sich auf den Zehenspitzen: „Kapitän, um Spitzbergen – oder es ist mein Tod!“ rief sie pathetisch mit flammenden Augen. „Ne, ach ne, Bauline, mach doch nur keinen solchen Unsinn nich,“ erinnerte der Bräutigam. Die Umschiffung war in dieser Jahreszeit wohl möglich; sie wurde ja von allen Walfischfängern ausgeführt. Der verantwortliche Kapitän wollte sich nur entlasten, deshalb wurden jetzt auch die anderen Mitglieder um ihre Ansicht befragt. „Meinetwegen,“ brummte der Baß, dann setzte er hinzu: „Steward, ein Glas Punsch, aber mit möglichst wenig Wasser!“ „Ich melde zwanzig mit Schippenkönig,“ sagte der Heldentenor, als er abstimmen sollte, „jawohl, fahren wir um das Nordkap herum.“ „Pardon, das Nordkap haben wir bereits seit drei Tagen hinter uns, es handelt sich um Spitzbergen.“ „Och jut, rutschen Sie mal um dat Dings rum. Ick steche.“ Alle waren damit einverstanden, und so kam der Dampfer bald an die Nordküste. „Mein liebster, bester Kapitän,“ schmachtete jetzt die Primadonna, „nun bloß noch nach dem Nordpol, dann ist das Ziel meines Lebens erreicht.“ Kapitän Richard mochte einwenden, was er wollte – die Primadonna wünschte den Nordpol zu sehen und drohte mit Dolch, Blei, Gift und Küssen. „Awer, Baulinchen, was willste denn nur uff’m Nordbol? Der is ja noch gar nicht entdeckt!“ jammerte der Bräutigam. „So werde ich ihn entdecken!“ Es konnte allerdings der Versuch, den Wunsch der Primadonna zu erfüllen, gewagt werden, man durfte wohl etwas weiter vordringen, denn das Wasser war noch frei, aber ein Wagnis blieb es doch, denn man hatte bereits den 80. Breitengrad überschritten, und ein umspringender Wind konnte das Schiff im Treibeise einschließen. Wieder mußten die Passagiere abstimmen.

„Meinetwegen,“ brummte der Baß. „Steward, ein Glas Punsch, aber ganz ohne Wasser.“ „Ich decke“, sagte der Heldentenor, „fahren Sie mal weiter auf’n Nordpol zu, aber een bißken fix, daß det Dings endlich jefunden wird. Schwarz – zählt viere.“ „Nach dem Nordpol!“ Das war bald der einstimmige Ruf. Natürlich dachte der Kapitän nicht daran, aus der Vergnügungsreise eine Polarexpedition zu machen; er wollte nur noch etwas weiter vordringen, denn die Gelegenheit war wirklich günstig, das Meer war ja ganz eisfrei, und auch der Wind würde nach menschlichem Ermessen konstant bleiben. „Kapitän, ist es wahr, daß durch den Nordpol die Achse geht, um welche sich die ganze Erde mit allem, was drauf ist, dreht?“ flötete plötzlich die erste Ballerina. „Jawohl, meine Gnädige, und am Südpol kommt diese Achse wieder heraus.“ „Na, wer schmiert da denn eigentlich die Achse?“ fragte schnell der in der Nähe stehende Bräutigam, der nämlich sein Geld in einer Schmierölfabrik verdient hatte. „Das thun die dort oben angestellten Eskimos,“ erklärte der Kapitän. „Ach nee!“ rief die Balletteuse staunend. „Ich wollte es nämlich mit die Achse gar nicht recht glauben, weil ich’s doch gar nicht merke, wie sich die Erde dreht. Mich hat einmal ein Baron erzählt, eigentlich wäre der sogenannte Nordpol nur sozusagen ein großes Loch, und wenn man da hineinfiele, käme man unten am heißen Südpol wieder heraus. Stimmt das?“ „Das ist gar nicht so unmöglich, die Gelehrten sind sich selbst noch nicht ganz einig, ob der Nordpol ein Loch oder eine Achse ist.“ „Ach, da möchte ich einmal jemand hineinwerfen!“ freute sich die Balletteuse. „Aber sagen Sie mal, Herr Kapitän, wenn die Eskimos nun immer das Schmieröl in das Loch gießen –“ „Ich bitte um Entschuldigung, meine Gnädige, nur einen Augenblick, ich werde gerufen, stehe gleich wieder zur Verfügung.“ Aber Richard hütete sich, wieder zur Verfügung zu stehen. Er hatte nämlich in derartigen Sachen mit solchen Passagieren schon seine bitteren Erfahrungen gemacht. AmAbend zeigte sich ein herrliches Nordlicht. Das mußte mit einem allgemeinen Punsch gefeiert werden; da es aber an Deck schon zu kalt war, wurde derselbe in der Kajüte eingenommen, und Richard sorgte dafür, daß bis zum Schlafengehen niemand wieder heraufkam, denn er wollte schleunigst die Rückfahrt antreten. Es sollte aber anders kommen.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |