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Dschinnistan – Verschiedene

Es wäre eine sehr unnöthige Schamhaftigkeit, geneigte Leserinnen und Leser, wenn wir uns der Liebhaberey zu Geister- und Feen-Mährchen schämen wollten, da sie etwas so allgemeines unter den Menschen ist, daß die Wenigen, die man (wenn Sie wollen) für Ausnahmen gelten lassen kann, eben so selten sind als die Personen, die keine Rose riechen können, ohne in Ohnmacht zu fallen, oder keine Sackpfeiffe hören, ohne Wasser zu machen. Unter allen Schriftstellern hat der Fabeln, und Mährchen-Dichter den weitesten Kreis. Alle Alter, Geschlechter und Stände, junge und alte, hohe und niedrige, gelehrte und ungelehrte, beschäftigte und müßige Personen versammeln sich um den Erzähler wunderbarer Begebenheiten, und hören mit Vergnügen, was sie unglaublich finden. Die Geschichte der Völker fängt mit redenden Thieren und mit Theophanien an: Götter und Halbgötter in Menschengestalt, Genieen und Feen, Zauberer und Zauberinnen, Zentauren und Zyklopen, Riesen und Zwerge, spielen die erste Rolle in den ältesten Zeiten der Nationen: jede hat ihre Mythologie, ihren Vorrath uralter Mährchen, die mit ihrer eigenen Vorstellungs- und Lebensweise, mit ihrer Geschichte, Religion, klimatischen, sittlichen und bürgerlichen Verfassung so stark verwebt ist, daß keine Zeitfolge sie ganz daraus vertilgen kann. Fabeln waren die erste Lehrart, Allegorie die älteste Hülle der Philosophie, Mährchen der Stoff der ältesten und größten Dichter. Kamtschadalen und Griechen, Persianer und Isländer kommen in diesem Punkte zusammen. Die Literatur der rohesten Völker geht von Mährchen aus: und ein großer, vielleicht der angenehmste und beliebteste Theil der Literatur der kultivirtesten, besteht aus Mährchen. Als Perrault seine Contes de ma Mere l’Oye den Kindern und dem Hofe Ludwigs des Vierzehnten vorerzählte, that er ungefähr das nämliche, was Homers Ulysses oder Odysseus, da er dem König Alzinous und seiner Gemahlin und ihrem fröhlichen Hofgesinde seine Mährchen von der schönen Zirze, von dem Popanze Polyfemus, von seiner Reise ins Elysium, und von seinemAufenthalt bey der Fee Kalypso in der Zauberinsel Ogygia vorlog. Es scheint seltsam, daß zwey so widersprechende Neigungen, als der Hang zum Wunderbaren und die Liebe zum Wahren, dem Menschen gleich natürlich, gleich wesentlich seyn sollen; und doch ist es nicht anders. In das wie und warum wollen wir uns jetzt nicht einlassen: genug, daß es so ist, und daß die Mährchen von der wunderbaren Gattung, wenn sie gut erzählt werden, diese beyden Neigungen zugleich vergnügen, und eben darin der Grund des sonder»baren Reizes liegt, den sie für alle Arten Zuhörer oder Leser haben. Ich sage, wenn sie gut erzählt werden; und verstehe darunter vornehmlich die Gabe, theils das Wunderbare mit dem Natürlichen so zu verweben, daß beyde für die Imagination ein täuschendes Ganzes werden; theils das Herz und die Leidenschaften der Leser so unvermerkt zu gewinnen und in das Spiel zu ziehen, daß sie, des Unglaublichen und sogar des Ungereimten der Begebenheiten und der Maschinen ungeachtet, an den handelnden oder leidenden Personen des Stückes Antheil nehmen, Liebe oder Haß, Furcht oder Hoffnung, für sie empfinden, und, bey aller Ueberzeugung, daß sie nur ein Mähr,chen lesen, sich doch kaum enthalten können, ingeheim zu wünschen, und (wenigstens so lange sie lesen) beynahe zu glauben, daß es wahr sey. Diese Wirkung nicht blos auf Kinder und gemeines Volk, sie auch auf Personen von Erziehung und Geschmack zu thun, dies ist es, was den guten Erzähler von dem schlechten unterscheidet. In allen Dingen ist, wie Pindar sagt, derjenige Meister, der es durch die Natur ist: indessen giebt es gleichwohl keine Naturgabe, die nicht durch Kunst zu ihrer Vollkommenheit gebracht würde; und jede Kunst hat ihre Regeln, Handgriffe und kleine Geheimnisse. Unstreitig gilt dies auch von der Gabe und Kunst Mährchen zu erzählen; jene ist nicht so gemein, diese nicht so leicht als sich wohl viele einbilden mögen. Seitdem Galland mit den berühmten Arabischen Mährchen, und die Gräfin d’Aulnoy mit ihren FeenMährchen den allgemeinen Geschmack der lesenden Welt für diese Art von Gemüths-Ergötzung, so zu sagen ausfindig gemacht haben, war nichts natürlicher, als daß nun eine Menge Arbeiter, mit mehr oder weniger Witz, Geschmack, Menschen- und Sitten-Kenntniß, und Geschicklichkeit in der Kunst des Vortrags, oder auch manche mit gar nichts von allem diesem, ein so fruchtbares Feld der schonen Litteratur in die Wette anbauten; und daß dieser Wetteifer nach und nach Mährchen von allen möglichen Gattungen in unendlicher Menge hervorbrachte. Einige gute Köpfe fanden, daß man über die Grenzen der Damen d’Aulnoy und Mürat hinausgehen, und auch Mährchen für eine Klasse von Leuten schreiben könne, welche schwerer zu unterhalten sind als Kinder, oder Personen, die in gewissen Stunden sich gerne zu Kindern machen lassen. Man fand, daß Witz und Laune, ja sogar Philosophie und selbst Philosophie von der esoterischen Art, sich mit dieser popularen, von aller Prätension so weit entfernten Dichtart sehr wohl vertrage; und daß sie eine sehr gute Art sey, gewisse Wahrheiten, die sich nicht gerne ohne Schleyer zeigen, in die Gesellschaft einzuführen: oder solche, die in einem ernsthaften Gewande etwas abschreckendes haben, gefällig und beliebt zu machen. Man kann es nicht oft genug wiederhohlen: wer die Menschen von ihren Irrthümern und Unarten heilen will, muß seine Arzneyen durch Beymischung irgend eines angenehmen Saftes oder geistigen Liquors angenehm zu machen wissen; und man unterrichtet und bessert sie nie gewisser, als wenn man das Ansehen hat sie blos belustigen zu wollen. Diesem Grundsatze zu Folge könnte die Dichtart, von welcher hier die Rede ist, gewissermassen eine Lehrart sokratischer Weisheit werden: auch fehlet es nicht, besonders im Englischen, an mehr und minder glücklichen Versuchen in dieser Art. Indessen ist nicht zu läugnen, daß das Fach der wunderbaren Erzählungen durch Leute, die sich blos deswegen damit abgaben, weil sie glaubten, daß jedermann Verstand genug habe ein Mährchen zu machen, mit einer Unzahl schaler Produkte, und schlechter Nachahmungen nicht guter Originale überladen; und dadurch den verständigen Personen verächtlich worden ist. Selbst unter den Mährchen, die eine Art von entschiedener Reputation haben, und wovon gegenwärtig eine Sammlung in 30 grossen Oktavbänden, unter dem Nahmen Le Cabinet des Fées, ou Collection choisie de Contes des Fées et autres contes merveilleux, zu Paris herauskömmt, befinden sich nicht wenige, die keinen Platz in einer auserlesenen Sammlung zu verdienen scheinen, und die entweder durch Monotonie, gemeine Erfindung und zu wenig Kunst in der Komposition, uninteressant, oder durch Mangel an Imagination, Witz und Salz ungenießbar sind. Ob Dschinnistan oder die auserlesene Feen- und Geister-Mährchen, wovon wir hier den ersten Band liefern, ihren Titel besser verdienen, wird das Publikum entscheiden. Was der Herausgeber davon zu sagen hat, ist blos so viel als nöthig ist, von der Art und Weise, wie er bey seiner Arbeit zu Werke gegangen, Rechenschaft zu geben. Bey der Auswahl hat man sich zum Gesetze gemacht, von jeder Gattung Mährchen, diejenigen, die man für die artigsten, sinnreichesten und interessantesten hält, auszuheben, und so auf einander folgen zu lassen, daß der Leser auch durch Verschiedenheit der Gattungen, und Abwechslung in der Manier des Vortrags unterhalten werde. Einige erfordern ihres Inhalts wegen ein ernsthafteres, andre ein munteres und lachendes Kolorit; einige sind mehr auf Rührung des Herzens, andre mehr auf Schilderung von Charaktern und Sitten, noch andre mehr auf Belustigung des Witzes abgesehen; einige lassen mehr feine Züge von Menschenkenntnis Kritik und Satyre zu, andre empfehlen sich durch Anspielungen und eine Art von seiner Allegorie, die der Erzählung ausser dem sogleich in die Augen fallenden materiellen Sinn (wenn ich so sagen kann) einen geistigen unterlegt, welchen der Leser selbst zu finden das Vergnügen haben kann; noch andre wollen blos in dem naiven Mährchenton erzählt seyn.


Alles dies aber sind hier gleichwohl blosse Untergattungen, welche alle unter der Hauptrubrik, wunderbarer Erzählungen, begriffen sind, als worauf diese Sammlung eingeschränkt ist. Was die Uebersetzung betrifft, so wird man bey Vergleichung der sechs Stücke, die diesen ersten Band ausmachen, mit ihren Originalien, finden, daß sie von der freyesten Art ist. Ob desto besser, muß entscheiden, wem es zukommt. In allen ist manches weggelassen, manches verändert, manches zusammengezogen, manches hinzugethan worden; bey einigen mehr, bey andern weniger, je nachdem es dem Ganzen vortheilhafter schien. Oft gewinnt eine Stelle durch einen einzigen Zug, der hinzukommt, sehr viel; oft ist eine kleine Wendung hinreichend, einen Gedanken fein, oder treffend, oder naiv, oder zu allem was er sonst seyn soll, zu machen. Der Herausgeber würde sich ein Gewissen daraus machen, einem Originale die kleinste Schönheit zu nehmen; hingegen trägt er auch kein Bedenken, ihm deren so viele zu leihen, als er kann. Zuweilen scheint der erste Erfinder nicht recht gesehen zu haben, was er aus seinem Einfall machen konnte: zuweilen ist das Original mit Wunderbarem bis zum Eckel überladen, oder es thut keine Wirkung, weil der Verfasser, durch irgend eine falsche Idee verführt, es gar zu begreiflich machen wollte. Es scheint einer der feinsten Kunstgriffe in dieser Gattung von Dichteren zu seyn, daß man die Genien und Feen als Wesen einer höhern Ordnung und Bürger einer andern Welt einführt, deren Natur, Wirkungsart und Geschichte für uns immer etwas räthselhaftes, geheimes und unerklärbares hat; auch alsdann, wenn unsre Begebenheiten durch eine noch höhere und geheimere Ordnung der Dinge, (das was man Schicksal nennt) in die ihrige eingeflochten, und wir, ohne zu wissen wie und warum Werkzeuge abgeben, wodurch das Schicksal ihnen Gutes erweiset. Zu einem Beyspiele, dessen, was hier gesagt wird, kann die Art und Weise dienen, wie im goldnen Zweig sowohl die Entwicklung als das Wunderbare behandelt, und die ganze Erzählung abgekürzt worden ist. In dem letzten Stücke dieses Bandes (Timander und Melissa) hat man blos die Grundlinien der Fabel aus einem Mährchen der Gräfin d’Aulnoy genommen, das Ganze aber völlig umgearbeitet, und etwas ganz Neues daraus gemacht. Dieß wird in der Folge noch öfter geschehen: und überhaupt hält sich der Herausgeber berechtigt, die Mährchen, die er in dieser Sammlung giebt, nach seiner Weise zu erzählen, und sich alle Veränderungen, die er damit vorzunehmen für gut findet, eben so ungescheut zu erlauben als ob sie durch Eroberung sein Eigenthum geworden wären. Es sollen aber auch ganz neue Stücke von eigner Erfindung und Komposition darin erscheinen.

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