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Drei Mährchen – Caroline Fouqué

Es war ein heitrer Abend. Unzählige Sterne leuchteten am Himmel. Die Luft wogte wie ein glänzendes Meer. Spiel und Gesang erscholl auf den Straßen von Sevilla, während Alonzo und Clara schweigend in dem väterlichen Garten ihrer nahen Verbindung gedachten. Alle Erinnerungen ihres kurzen Lebens zogen noch einmal an ihnen vorüber, und wie die lustigen Gestalten sie umspielten, verloren sie sich in die schuldlose Kinderwelt, deren Andenken das Herz mit stiller Rührung erfüllt. »Wie sich das alles geändert hat,« sagte Clara nach einer Weile. »Erinnerst du dich noch des Tages, an weichem mein Vater jenes Sommerhaus einweihete, das an euren Garten stößt? Die Neugier hatte dich bis auf die hohe Mauer gelockt, du nicktest mir freundlich zu, und ich eilte, dich zum Spiele zu laden, als mein Vater mich heftig fortriß, und es dir mit harten Worten verwieß, in einen fremden Garten eindringen zu wollen. Mir sagte er darauf, ihr dort drüben wäret Mozaraber und unsere Feinde, ich solle nicht mit euch reden. Ich verstand von allem dem wenig, und weinte nur herzlich, ihn so erzürnt zu sehen.« »Wunderbar rufst du jetzt jene Gefühle zurück,« sagte Alonzo. »Ich kannte schon mehr von dem Streite der Partheien. Der Haß unsrer Väter hatte schon frühe mein junges Gemüth entzündet. Diese Beschimpfung setzte mich außer mir. Glühend vor Zorn eilte ich zu meinem Vater, der die Flamme nur noch mehr anschürte, indem er voll Schmerz und Unwillen der Vergangenheit gedachte. Die Elend-en, rief er aus, als scheue Flüchtlinge verbargen sie sich in den Gebirgen, während wir, dem alten Glauben und vaterländischen Boden getreu, unter Maurischem Drucke seufzten. Als das Glück sie darauf siegreich zurückführte, und der Feind entfloh, durften sie sich, uneingedenk unsrer königlichen Abstammung, zu unsern Oberherrn aufwerfen. Aber bei Gott! Die Rache, die schon tausendfältig ausgebrochen, soll aufs neue erwachen. Einst wird Don Antonio Mendoza vor mir zittern, wie du heut vor ihm zittertest! Ich wünschte mit kindischer Ungeduld diesen Augenblick herbei, und sieh’ nur, wie der Himmel des ohnmächtigen Zornes spottet, aller Haß ist verschwunden, Glück und Friede erblühet aus unserer Liebe.« Sie näherten sich bei diesen Worten einem Springbrunnen, an dessem Rande eine Lilie und Rose dichtverschlungen blüheten. In den ersten Tagen ihrer Liebe hatten beide diese Blumen gepflanzt und mit einem goldnen Ringe verbunden, der sich freudig auf dem grünen Bette wiegte. Der würtzige Duft zog sie jeden Abend herbei. Sie waren gern bei den stillen Blumen, die ihnen das Bild ihres Lebens zurückwarfen. Clara trat freudig hinzu, aber unbeweglich blieb sie stehen, und sagte mit zitternder Stimme: Ach Alonzo, unsre Blumen, ach um Gotteswillen sieh! Alonzo eilte herbei. Die goldnen Bande hatten sich gelöst, die Rose lag in den Staub getreten neben dem zerbrochnen Ringe, und blickte traurig zu der Lilie hinauf, die mit gesenktem Haupte über den geliebten Trümmern schwebte. »Wer hat uns das gethan?« rief Alonzo mit funkelnden Augen.


»Wer?« sagte Clara, »ach frage nicht so. Niemand an dem du Rache nehmen könntest.« »Ich werde ihn finden,« erwiederte er, »und hätte er sich in der Hölle verborgen!« In dem Augenblick erschreckte sie ein Geräusch. Es war als klirrten Schwerter in der Ferne. Alonzo eilte durch das Gebüsch dem Tone entgegen. Das Geräusch nahm zu, einzelne Worte verhallten in der Luft, endlich erkannte er Don Antonio und seines Vaters Stimme. Er beflügelte seine Schritte, und trat zu den Kämpfenden, als sein Vater erschöpft ausrief: »Gott stärke meinen Arm, und lasse keinen Vanega beschimpt in die Gruft sinken.« Sogleich zog Alonzo sein Schwert, und drang mit solcher Heftigkeit in Don Antonio ein, daß dieser in kurzem verwundet zu Boden stürzte. Bleich wie der Tod stand Clara gegen ihn über. Ihre Blicke ruheten schmerzlich auf Alonzo. »Geh‘ nur« du Unglücklicher,« sagte sie bitter weinend, »uns blühen hier keine Rosen wieder.« Alonzo sah starr vor sich hin, das Schwert war seiner Hand entfallen, betäubt sank er in seines Vaters Arme, der ihn eiligst fortriß, und in seinem Zimmer verbarg,« während er die nöthigen Maaßregeln zu ihrer Rettung ergriff. Nach einigen Stunden kehrte Don Rodrigo zu seinem Sohne zurück. Er fand ihn unbeweglich vor Claras Bilde knien, das Herz schien in seinem Busen zu stocken, kein Laut drang aus seinem Munde. Gerührt trat der Vater zu ihm hin: »Mein geliebter Sohn,« sagte er nach einer Weile, »laß mich nicht an einem Tage alle meine Hoffnungen beweinen. Ermanne dich jetzt, die dringendste Gefahr ist vorüber, Don Antonio lebt!« Diese letzten Worte zuckten wie ein Lichtstrahl durch die innere Nacht seiner Gefühle, und entfalteten plötzlich alles, was ein dumpfer Schmerz ihm bis dahin verbarg. »Ich Unglückseliger,« rief er, »was hab‘ ich gethan!« »Was die Ehre dir gebot,« erwiederte der Alte ruhig. »Bereue es nicht, was es dir auch kosten möge. Wende jetzt deinen Blick in die Zukunft. Das Loos ist geworfen, wir müssen fliehen.« »Wie,« sagte Alonzo, »ich sollte Clara verlassen? jetzt, wo tausend Leiden ihr Herz zerreissen, wo der erzürnte Vater — »Unsinniger,« unterbrach ihn Don Rodrigo, »du wagst es an sie zu denken? Kennst du den stolzen Antonio so wenig? Glaubst du, er könne je die erlittene Schmach verzeihen? Und ahndet dir nicht, daß nur äußere Rücksichten ein Band knüpften, dem die innere Stimme tausendfältig widersprach? Glaube mir, was so durch sich selbst getrennt ist, strebe nie sich zu vereinen, daraus entstehen Mißgeburten, die den menschlichen Sinn berücken und das unbeachtete Gemüth zum Falle verlocken. Sieh, wie in dieser Nacht das verborgene Feuer alle Schranken durchbrach, und die schuldlose Hand in des Feindes Blut tauchte: das war der Lohn unseres falschen Vereines. Auch kann nur dein krankes Gemüth den Gedanken an Versöhnung ertragen. Doch es ist wahrlich nicht an der Zeit, sich Träumen zu überlassen. Der Augenblick zwingt uns zu einem Schritt, den wir früher vielleicht besser gethan hätten.

Noch einmal, mein Sohn, gebe ich dir das Schwert wider unsere Feinde in die Hand. Folge mir nach Granadas Gebirgen. Seit jenem großen Siege, den Don Juan d’Austria über uns gewann, leben die Anhänger unsrer Parthei zerstreut in den Alpuxarras. Laß sie uns sammeln. Sie werden unserm Rufe willig folgen. Hoher Muth und fester Wille beherrschen die Welt. Alonzo, unsre Väter saßen auf Granadas Thron. Dem Kühnen ist nichts unmöglich.« Alonzo zögerte einen Augenblick. Was sollten ihm jene glänzenden Aussichten! Seine Welt war ja erstorben. Sollte er mit eigner Hand die letzten Trümmer eines freudigen Lebens zerstören? Don Rodrigo beobachtete ihn mit zurückgehaltener Heftigkeit, dann sagte er so schonend, als es in seiner Gewalt war: »Ich will nicht glauben, ein kränkliches Gefühl könne einen Vanega so sehr für die Ehre seines Namens abstumpfen, daß der Gedanke an einen Thron aufhöre ihn zu entzücken. Ich will und kann es nicht glauben. Ich bin deiner gewiß, mein Sohn, daher eile ich, Anstalten zu unsrer Abreise zu treffe.« »Um Gotteswillen,« rief Alonzo, »nur einen kurzen Aufschub! Nur wenige Augenblicke Abschied zu nehmen von allem — Thränen erstickten seine Stimme, er ergriff des Vaters Hand, und sah ihn so flehend an, daß dieser mit verändertem Tone sagte: »Auch das, mein Sohn, ich reise heute, deine eigne Ehre bürgt mir dafür, daß du mir morgen folgst.« Mit diesen Worten verließ er ihn. Kaum sah sich Alonzo unbemerkt, so ließ er seinem Schmerze freien Lauf. Alle Gefühle brachen hervor, und rissen ihn gewaltsam fort. »Soll denn,« rief er bitter aus, »meines Herzens Blut in eurem kalten Haß erstarren! Darf das Alter so frech mit der Blüthe des Lebens spielen! O ihr Weltklugen, welchen Balsam könnt ihr der zerrißnen Brust reichen! Nehmt nur das weggeworfne, erschöpfte Leben, ich will es an ihrem Busen enden, oder niemals selig werden.« Da trat Ambrosio, ein schöner Knabe in Claras Dienste, zu ihm herein. Er hielt einen Cypressenzweig in der Hand, an welchem der zerbrochne Ring befestigt war. Alonzo eilte ihm entgegen. Der Knabe verhüllte das Gesicht, und gab ihm weinend den Zweig und das beschriebene Blatt. Alonzo starrte lange die Zeilen an, ohne zu wissen was er las. Unwillkührlich bewegten sieh die Lippen, und wie er die Worte aussprach, durchdrang der Ton sein Innres. Er glaubte die geliebte Stimme zu vernehmen, und wiederholte in stiller Andacht jene Worte: Wie Seel‘ und Leib sich von einander trennen, So scheid‘ ich von des Lebens heitren Tagen, Des Schmerzes Schrei verhall‘ in laute Klagen, Vor dir will ich mein Leid ein Leiden nennen.

Ich fühl‘ es ja, wie heiß die Wunden brennen, Die kühn dein Arm der eignen Brust geschlagen, Dein Schmerz wird ewig mir im Innern nagen, Mein Leid wirst du im eignen stets erkennen. So will dennoch ein Band uns hier vereinen, Die Liebe, wechselnd an Gestalt und Farben, Umhüllt uns magisch rings mit Trauerschleiern, Wie furchtbar auch die Zeichen uns erscheinen, Heil uns! daß wir das eine Glück erwarben Durch Liebesthränen unsern Gram zu feiern. »Ach, Kind!« rief Alonzo, »zu welcher Stunde bist du mir heute erschienen! Und endet denn nun hier deine Botschaft? hast du mir nichts mehr zu sagen?« — »Lieber Herr,« erwiederte Ambrosio, »meine Worte klingen so traurig, daß ich lieber ganz schwiege; sie sollen euch zur schnellsten Flucht bewegen. Nicht einen Augenblick, flüsterte mir Donna Clara zu, darf er verweilen, meine Ruhe, mein Leben hängen davon ab.« »Ihr Leben?« unterbrach ihn Alonzo; »ihr Leben, Ambrosio, sagte sie das? Auf sie wird Don Antonio die Rache doch nicht lenken?« »Ich kann euch über den eigentlichen Sinn ihrer Worte keine weitere Auskunft geben,« erwiederte Ambrosio. »Sie sah so bleich aus und zitterte so heftig, als sie dies sagte, daß ich nicht einen Augenblick säumte, euch ihre Befehle zu überbringen.« »Ich muß sie sehn,« rief Alonzo, »und wäre es auch nur ein flüchtiger Augenblick. Diese letzte Gunst will ich vom Himmel erzwingen.« Er ging in der heftigsten Bewegung im Zimmer auf und nieder. Endlich blieb er vor Claras Bilde stehen. Ihr Auge blickte so ruhig auf ihn hin, alle Freuden einer glücklichen Liebe spielten auf dem frommen Angesicht, er ward ruhiger, und schrieb unter sanften Thränen folgende Zeilen: Ein blutig Wort drang aus verborgnen Reichen Zu mir herauf in jener dunklen Stunde. Es riß mich fort zu des Verderbens Schlunde. Ich sah‘ mein Glück auf immer mir entweichen. Jetzt sendest du mir selbst der Trennung Zeichen, Aus deiner Hand kommt mir die trübe Stunde, Grausam schlägst du mir tiefer noch die Wunde Und rettungslos muß ich im Schmerz erbleichen. O laß nur einmal, einmal noch dich schauen, In deinem Blick wird mir der Himmel offen, Und milder fühl‘ ich meine Thränen fließen. Still meid‘ ich dann Sevillas blüh’nde Auen, Zerstört ist ja mein Lieben und mein Hoffen! Aus ros’ger Glut sah‘ ich Cypressen sprießen. Der Knabe ging mit dem Blatte fort, und kam erst spät amAbend zurück. »Verzeiht, lieber Herr,« sagte er im Hereintreten, »daß ich euch so lange warten ließʻ allein Don Antonio beobachtet seine Tochter so genau, daß ich erst bei der Abendtafel Gelegenheit fand, ihr das Blatt zuzustellen. Sie empfing es mit so sichtlicher Verlegenheit, daß es mich fast reuete, sie, ihrem Vater gegen über, in diese Verlegenheit gesetzt zu haben. Wenige Augenblicke darauf befahl sie mir, die Blumen vor dem Fenster zu begießen. Sie folgte mir, und während sie mit den Blumen beschäftigt schien, sagte sie eilig: Geh’, Ambrosio, ihm zu verkünden, daß ein Eid mich bände, daß ich in jenemAugenblick, als ich meinen Vater durch seine Hand dem Tode nahe glaubte, ihm und dem Himmel gelobte, meinen liebsten Wünschen zu entsagen, daß ich die Sakramente darauf empfangen und geschworen habe, ehe zu sterben, als meineidig zu seyn.« »Jesus,« schrie Alonzo, »so hat sich mein guter Geist von mir losgesagt Nun, Ambrosio, ich gehe, hat mich die Liebe aus ihrem Heiligthum gestoßen, so mögen mich andre Mächte beschützen!«

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