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Die verzauberte Insel (RPh05) – Robert Kraft

Richard ist bis zum zwölften Jahre ein kräftiger, lebensfroher Knabe gewesen, als er durch ein Unglück gelähmt wird. AmAbend seines vierzehnten Geburtstages sitzt der sieche Knabe allein in der Stube, traurig und freudlos, kein Ziel mehr im Leben kennend. Da erscheint ihm eine Fee. Sie nennt sich die Phantasie, will ihm ihr Geburtstagsgeschenk bringen und sagt ungefähr Folgendes: In Richards Schlafzimmer befindet sich eine Kammerthür. Jede Nacht wird er erwachen (das heißt nur scheinbar), er soll aufstehen, jene Thür öffnen, und er wird sich stets dort befinden, wohin versetzt zu sein er sich gewünscht hat. Er kann sich also wünschen, was er will, er kann allein sein oder mit Freunden, er kann auch den Gang seiner Abenteuer ungefähr im voraus bestimmen; hat er aber einmal die Schwelle der Thür überschritten, dann ist an dem Laufe der Erlebnisse nichts mehr zu ändern. Alles soll folgerichtig geschehen, der Traum nichts an Wirklichkeit einbüßen. – Die Erscheinung verschwindet, Richard erwacht aus dem Halbschlummer. Aber die gütige Fee hält Wort, und so findet der arme Knabe im Traume einen Ersatz für sein unglückliches Leben. Jede Erzählung schildert nun eins seiner wunderbaren Erlebnisse, wie sie ihm die Phantasie eingiebt. V. Die verzauberte Insel. Schiffbruch. Alle Rechte vorbehalten. Mit dem festen Vorsatze, gleich einzuschlafen und im Traume recht schnell zu dem scheinbaren Bewußtsein zu kommen, in dem er sich wachend wähnte, war Richard zu Bett gegangen. Aber gerade deshalb blieb ihm der Schlaf fern; sein Kopf war zu sehr mit Plänen beschäftigt. „Ich wünsche mir eine Insel,“ dachte er, „die genau der von Robinson Crusoe entspricht. Sie muß also in der südlichen Zone liegen und von Menschen unbewohnt sein; Kokosnüsse, Bananen und Kartoffeln müssen jedoch auf ihr gedeihen, und auch jagdbare Tiere, mit Ausnahme jedoch der Raubtiere und giftiger Schlangen. Kurz, es sollen genau dieselben Verhältnisse auf ihr herrschen, wie auf jener Insel, auf die Robinson sich rettete. Andere Vorschriften brauche ich der Phantasie nicht zu machen. Oeffne ich die Kammerthür, will ich am Strande dieser Insel stehen, eben aus dem Wasser kommen und meine Freunde Oskar und Paul vorfinden, mit denen zusammen ich eine Seereise gemacht und Schiffbruch erlitten habe. Im Traume ist ja alles frei, wir brauchen also nicht erst nach Gründen der Möglichkeit zu suchen. Wir haben nichts bei uns, als die Kleider, die wir auf dem Leibe tragen, nicht einmal ein Taschenmesser; wir müssen, wie Robinson, von vorn anfangen und aus nichts etwas schaffen….“ Dies that denn auch Richard sogleich in seiner Einbildung, konnte aber darüber zu seiner Verzweiflung nicht einschlafen. Oder befand er sich, ohne daß er es wußte, bereits injenem Traumzustande? Er mochte es nicht glauben.


Er lag ja wachend im Bette seines Schlafzimmers, er war ja noch nicht eingeschlafen – und doch! War es gestern nacht nicht ebenso seltsam zugegangen? – Er stand auf. Wahrhaftig, er konnte frei gehen, er schritt auf die zu dem Verschlage führende Thür zu, er öffnete sie – und ehe er noch einen Gedanken zu fassen, oder etwas zu sehen vermochte, lag er plötzlich im Wasser, das über seinem Kopfe zusammenschlug. Als er dann wieder, von einem tödlichen Schrecken gepackt, auftauchte, schwamm er mit hastigen Stößen der Richtung zu, in der er mehr instinktiv das Land ahnte, als sah. Eine mächtige Woge schleuderte ihn vorwärts, und er fühlte Boden unter den Füßen. Ehe er aber stehen konnte, wurde er wieder zurückgerissen. „Oskar! Oskar!“ schrie er da in Todesangst dem am Strande rennenden Menschen zu, in dem er seinen Freund erkannt hatte, dieser erfaßte ihn, als er nochmals den Strand hinaufgeschleudert wurde, und entriß ihn vollends den sich nachwälzenden Wellen. Sie klommen nun die Böschung hinauf, bis der weiße Seesand dem grünen Ufer wich. Hier aber sank Richard atemlos und Salzwasser erbrechend unter einem Baume nieder. Er fühlte sich unsäglich elend. Nun hätte ihm einmal jemand einreden sollen, daß dies alles nur ein Traum sei! Er konnte sich ja sogar noch ganz genau der vorangegangenen Katastrophe erinnern, wenn auch die Einzelheiten des Schiffsunterganges folgerichtig nur sehr dunkel in seiner Erinnerung waren. Da erscholl plötzlich ein jubelnder Ruf, und durch die Büsche drängte sich Paul, der dritte Reisegefährte und Freund, der, ebenso wie die beiden anderen, nur mit Hemd und Hose bekleidet war und nicht einmal Strümpfe anhatte, denn der Schreckensruf, daß der ‚Condor‘ sänke, hatte sie ja in der Morgendämmerung aus dem Schlafe gerissen. Als sie sich von ihrer ersten Bestürzung erholt hatten,gingen sie zusammen am Ufer entlang. An dem weißen Strande brandete ein wildes Meer, aber es trieb keinen Menschen mehr an, weder einen toten, noch einen lebenden, auch kein Faß, kein Wrackstück, und so weit das Auge reichte, war kein Segel und keine andere Küste zu sehen. Die drei Knaben mußten sich für die einzigen aus der Katastrophe Geretteten halten. Unterdessen hatten sie auch Gelegenheit gehabt, die sie umgebende Vegetation und die Tierwelt zu betrachten. „Wir haben uns auf unserer Fahrt noch weit ab von der Westküste Australiens befunden,“ meinte Oskar, der von den drei jugendlichen Schiffbrüchigen die besten geographischen Kenntnisse besaß. „Diese Pflanzen und Tiere gehören aber nicht dem australischen Kontinent an. Der Brotfruchtbaum kommt an der Westküste desselben kaum noch vor und ist höchstens auf den davorgelagerten Inseln vertreten. Wir müssen aus dem Vorhandensein von Affen und Paradiesvögeln schließen, daß wir uns auf einer der zahllosen Inseln im indischen Ocean befinden, die noch der indischen Region angehören.“ Als sich ihnen zwischen den Bäumen einmal eine freie Aussicht bot, erblickten sie in der Ferne einen hohen Berg. Dieser sollte ihr erstes Ziel sein. Sie brachen sich also Stöcke ab, um wenigstens eine Waffe zu haben, und schritten dann im Gänsemarsch demselben zu. Sie verloren den Berg zwar wieder aus den Augen, mußten ihn aber doch von ganz allein wiederfinden, denn sie merkten, daß der Boden vom Strande aus fortwährend stieg. Schon daraus konnten sie von vornherein schließen, daß sie sich auf einer Insel befanden. Die Insel war eben ein aus dem Meere hervorragender Berg, die hohe Erhebung eines unterseeischen Gebirges, das wahrscheinlich einst vulkanisch thätig gewesen war.

Um ihren Lebensunterhalt brauchten die drei Freunde sich nicht zu sorgen. Tropische Früchte aller Art gediehen ja in Hülle und Fülle am Boden, an Sträuchern und auf Bäumen; außerdem bildeten Kokosnußpalmen am Strandeganze Wälder, und der riesige Brotbaum nahm gegen das Innere immer mehr zu, während dazwischen Bananen, Feigen und Orangen wuchsen. Hoch oben aber in den Zweigen, wo Schlingpflanzen noch prächtige Blüten trieben, war das Reich von zahllosen Affenherden, die schnatternd die fremden Eindringlinge zu beurteilen schienen, vielleicht die ersten Menschen, die sie sahen. Jetzt sprang eine kleine Antilope vor ihnen auf, floh einige Sprünge davon, blieb dann wieder stehen und blickte verwundert nach ihnen zurück, und auch buntschillernde Vögel aller Größen ließen die Freunde dicht an sich herankommen. Aus dem sorglosen Verhalten all dieser zahmen Geschöpfe mußten sie also auf das Fehlen von Schlangen und Raubtieren schließen – freilich auch auf das Nichtvorhandensein von Menschen, aber das war vielleicht nur ihr Glück. Als das Terrain steiler wurde und der eigentliche Berg begann, machten sie endlich, kurz bevor der Wald aufhörte, an einem kleinen Wasserfalle Halt und gingen daran, an der ersten Brotfrucht ihren sich meldenden Hunger zu stillen. Es gab zweierlei Arten von diesen Bäumen. An Größe und Blätterform stimmten von süßen Kastanien erinnernd, noch nahrhafter als das Getreidebrot und hielt sich außerdem zwei ganze Jahre im heißesten Klima. Die Frucht des indischen Artocarpus dagegen dient den Eingeborenen nur als gelegentliche Leckerei und zur Bereitung eines berauschenden Getränkes. Nach dieser Erfrischung setzten die Freunde ihren Weg fort, und als sie endlich mühsam unter der brennenden Aequatorsonne den letzten Gipfel erklommen hatten, sahen sie sich ringsum von Wasser eingeschlossen. Sie befanden sich auf einer Insel, und diese konnte kaum einen Flächeninhalt von einer Quadratmeile haben. Ein anderes Eiland war nirgends zu erblicken. Die rätselhafte Höhle. Richard hatte sich natürlich als Gesellschafter solche Freunde ausgesucht, von denen er wußte, daß sie Lust an einem Robinsonleben fänden. Nun hatten sie ja, was sie oft in ihren Jugendphantasien gewünscht, und die Wirklichkeit raubte ihnen nichts von ihrer Abenteuerlust; ja, dieselbe war so groß, daß sie es ganz vergaßen, beim Verlassen des Berggipfels ein sichtbares Signal zu errichten. Zunächst mußten sie an eine Unterkunft für die Nacht denken, die sich womöglich gleich dort befand, wohin sie ihr engeres Arbeitsfeld verlegen wollten. So viel sie von hier oben übersehen konnten, schien auf der anderen Seite der Insel ein besseres Gebiet zu sein, als der schier undurchdringliche Urwald, der sie hier umgab. Baumgegenden wechselten dort mit freien Stellen ab, ein Bach schlängelte sich dem Meere zu, ein niedriger Höhenzug erstreckte sich bis an die Küste. Nach dorthin stiegen sie also wieder hinab. Vielleicht daß sie dort auch eine Höhle fanden, ohne welche ja ein Robinson nun einmal nicht denkbar war. Aber es gelang ihnen nicht, die gewünschte Höhle zuentdecken. Die Gebirgsstruktur sah auch gar nicht danach aus, als ob sie die Bildung einer solchen in der Entstehungsperiode zugelassen habe. So beschlossen sie denn zuletzt, die überhängenden Zweige eines Brotbaumes in der Nähe des Baches und der Küste vorläufig als Dach ihrer Wohnung zu betrachten. Der Rest des Tages verging mit Herstellung von Lagerbetten, wozu trockenes Laub gesammelt werden mußte, und mit Besprechung der nächsten Arbeiten. Die Sonne sank.

Ohne Dämmerung brach die Nacht herein, und schon gegen sieben Uhr lagen die drei Freunde nebeneinander in festem Schlafe. Mit dem nächsten Morgen begann erst das eigentliche Robinsonleben. Die Tage verstrichen, und jeder brachte eine Verbesserung ihrer Lage mit sich, denn sie teilten sich in die Arbeit, und jeder verwertete seine Anlagen. Der kräftige Paul war der Mann der Praxis. Er mußte aus eigenem Antrieb immer schaffen und arbeiten. So machte er die Laubhütte wohnlicher, so ging aus seiner Hand der erste Strick aus Schlingpflanzen, das erste Steinmesser, Pfeil und Bogen hervor, und jetzt beschäftigte er sich sogar damit, aus dem Felle der ersten erlegten Antilope ein Paar Schuhe herzustellen. Der erfindungsreiche Richard wiederum ersann Verbesserungen an den Gegenständen, die Paul fertigte. Er benutzte zum Beispiel den ersten Bogen nicht zur Jagd, sondern zur Handhabung eines Feuerbohrers, bis er imstande war, jeder Zeit Feuer anzumachen, an dem er dann Versuche mit Thonbrennen vornahm. Der die Natur beobachtende Oskar endlich hatte bereits am zweiten Tage herausgefunden, daß die kleine Frucht des Artocarpus, in Scheiben zerschnitten und zwischen heißen Steinen gebacken, ein vortreffliches Brot lieferte, er entdeckte auch Kartoffeln, ferner wilden Reis und hatte große Pläne mit Reisfeldern vor, die von dem Bach aus unter Wasser gesetzt und nach Belieben wieder trocken gelegt werden sollten. Robinson hatte waren unsere drei Freunde besser daran, wie er. Auf seine Erfahrungen fußend, ging ihnen alles viel schneller von der Hand, und außerdem wurden sie auch niemals von Heimweh und anderen traurigen Gedanken gequält. Aber eines fehlte ihnen. Das war eine ordentliche Wohnung. Das natürliche Laubzelt schützte sie zwar vor Tau und Regen, aber seine Bewohner wurden doch zu oft daran erinnert, daß es auch noch andere Geschöpfe als ihr Haus betrachteten. Tag und Nacht schnatterten und quiekten in den Zweigen die Affen, und einmal wäre Richard bald von einer herabfallenden Frucht erschlagen worden, vollends zu schweigen davon, daß beim letzten Regenguß der ausgetrocknete Bach die ganze Häuslichkeit unter Wasser gesetzt hatte. Da kam eines Tages der botanisierende Oskar ganz aufgeregt angestürmt. „Ich habe eine prächtige Höhle entdeckt,“ rief er schon von weitem, „Robinson hat sie nicht besser haben können – aber – ja, ich kann es nicht sagen – es ist etwas ganz Seltsames dabei – kommt nur mit, Ihr werdet es selbst sehen.“ Neugierig folgten die beiden anderen sofort Oskar, der sich gut orientiert und seine Höhle bald wiedergefunden hatte. Sie lag auf einer Art von Terrasse, zu der Felsenabsätze wie Stufen hinaufführten, und ging tief in die Felswand hinein. Bäume und Büsche fehlten hier auf dem steinigen Grunde ganz, nur einiges Gras gedieh in den Spalten; dagegen stand vor der Höhle, etwa einen Meter vor dem Eingang entfernt, ein kleines Bäumchen, das heißt, nur ein Zwerg von einem Bäumchen. Es war vielleicht zwanzig Centimeter hoch, aber doch mit großen pflaumenähnlichen Früchten behangen und konnte nur der Zweig eines Pflaumenbaumes sein, der zugestutzt und in den Boden gesteckt worden war. „Hast Du den Zweig so in den Boden gesteckt, Oskar?“ fragte Paul. Dieser schüttelte den Kopf und sah sich ängstlich um. „Nein, ich nicht, ich habe auf der Insel noch gar keinenPflaumenbaum bemerkt,“ flüsterte er, „und beseht Euch nur das Gewächs, das ist nicht etwa ein Zweig, das ist ein richtiger Baum mit Wurzel, Stamm und Krone, bloß, daß er nur eine Spanne groß ist und dennoch richtige Pflaumen in natürlicher Größe trägt. Und dann schaue einmal hierher.

Ist um das Stämmchen herum nicht die Erde etwas angehäuft? Wer hat das gethan? Ich nicht, aber ein Mensch muß es doch gethan haben. Und nun beseht Euch auch die Höhle. Merkt Ihr nichts?“

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