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Die Serapionsbrüder Band 1-4 – E.T.A. Hoffmann-4

Der trübe Spätherbst war längst eingebrochen, als Theodor in seinem Zimmer beim knisternden Kaminfeuer der würdigen Serapionsbrüder harrte, die sich dann zur gewöhnlichen Stunde nach und nach einfanden. »Welch abscheuliches Wetter,« sprach der zuletzt eintretende Cyprian, »trotz meines Mantels bin ich beinahe ganz durchnäßt, und nicht viel fehlte, so hätte ein tüchtiger Windstoß mir den Hut entführt.« »Und das,« nahm Ottmar das Wort, »und das wird lange so währen, denn unser Meteorolog, der, wie ihr wißt, in meiner Straße wohnt, hat einen hellen freundlichen Spätherbst verkündigt.« »Recht,« sprach Vinzenz, »ganz recht hast du, mein Freund Ottmar. Wenn unser vortreffliche Prophet seine Nachbaren damit tröstet, daß der Winter durchaus nicht strenge Kälte bringen, sondern ganz südlicher Natur sein würde, so läuft jeder erschrocken hin und kauft so viel Holz, als er nur beherbergen kann. So ist aber der meteorologische Seher ein weiser hochbegabter Mann, auf den man sich verlassen darf, wenn man nur jedesmal das Gegenteil von dem voraussetzt, was er verkündigt.« »Mich,« sprach Sylvester, »mich machen diese Herbststürme, diese Herbstregen immer ganz unmutig, matt und krank, und dir, Freund Theodor, glaube ich, geht es ebenso?« »Allerdings,« erwiderte Theodor. »Diese Witterung –« »Herrliches,« schrie Lothar dazwischen, »herrliches geistreiches Beginnen unseres Serapionsklubs! Vom Wetter sprechen wir wie die alten Muhmen am Kaffeetisch!« »Ich weiß nicht,« nahm Ottmar das Wort, »warum wir nicht vom Wetter sprechen sollen? Du kannst das nur tadeln, weil solcher Anfang des Gesprächs als ein verjährter Schlendrian erscheint, den das Bedürfnis zu sprechen bei sterilem Geist, beim gänzlichen Mangel an Stoff herbeigeführt hat. Ich meine aber, daß ein kurzes Gespräch über Wind und Wetter auf recht gemütliche Weise vorangeschickt werden darf, um alles nur mögliche einzuleiten, und daß eben die Allgemeinheit solcher Einleitung von ihrer Natürlichkeit zeugt.« »Überhaupt«, sprach Theodor, »möcht‘ es wohl ziemlich gleichgiltig sein, auf welche Weise sich ein Gespräch anspinnt. Gewiß ist es aber, daß die Begierde, recht geistreich zu beginnen, schon im voraus alle Freiheit tötet, die die Seele jedes Gesprächs zu nennen. – Ich kenne einen jungen Mann – ich glaube, ihr kennt ihn alle – dem es gar nicht an jenem leicht beweglichen Geist fehlt, der zum Sprechen, so recht zum Konversieren nötig. Den quält in der Gesellschaft, vorzüglich sind Frauen zugegen, jene Begierde, gleich mit dem ersten Wort funkelnd hineinzublitzen, dermaßen, daß er unruhig umherläuft, von innerer Qual gefoltert, die seltsamsten Gesichter schneidet, die Lippen bewegt und – keine Silbe herausbringt!« »Halt ein, Unglücklicher,« rief Cyprian mit komischem Pathos, »reiße nicht mit mörderischer Hand Wunden auf, die kaum verharscht sind. – Er spricht,« fuhr er dann lächelnd fort, »er spricht von mir, das müßt ihr ja bemerken, und bedenkt nicht, daß vor wenigen Wochen, als ich jener Begierde, die ich als lächerlich anerkennen will, widerstehen und ein Gespräch in recht gewöhnlicher Art anknüpfen wollte, ich dafür büßte mit gänzlicher Vernichtung! – Ich will es euch lieber nur gleich selbst erzählen, wie es sich begab, damit es nicht Ottmar tut und allerlei feine Anmerkungen beifügt. – Bei dem Tee, den wir, Ottmar und ich, besuchten, war die gewisse hübsche geistreiche Frau zugegen, von der ihr behauptet, sie interessiere mich manchmal mehr als gut und dienlich. – Es zog mich zu ihr hin, und gestehen will ich’s, ich war um das erste Wort verlegen, so wie sie boshaft genug, mir mit freundlich fragendem Blick stumm in die Augen zu schauen. ›Der Mondwechsel hat uns in der Tat recht angenehme Witterung gebracht.‹ So fuhr es mir heraus, da erwiderte die Dame sehr mild: ›Sie schreiben wohl dieses Jahr den Kalender?‹« Die Freunde lachten sehr. »Dagegen«, fuhr Ottmar fort, »kenne ich einen andern jungen Mann, und ihr kennt ihn alle, der, vorzüglich bei Frauen, niemals um das erste Wort verlegen ist. Ja, es will mich bedünken, daß, was die Unterhaltung mit Frauen betrifft, er sich ganz im stillen ein lebenskluges System gebaut hat, das ihn so leicht nicht im Stiche läßt. So pflegt er z.B. die Schönste, die es kaum wagt etwas Zuckerbrot in den Tee einzustippen, die höchstens der Nachbarin ins Ohr flüstert: ›es ist recht heiß, meine Liebe‹, worauf diese ebenso leise ins Ohr erwidert: ›recht heiß, meine Gute!‹ deren Rede nicht hinausgehen will über ein süßes ›Ja ja!‹ und ›Nein nein‹, künstlich zu erschrecken und dadurch ihr Inneres plötzlich zu revolutionieren, so daß sie nicht mehr dieselbe scheint. ›Mein Gott, Sie sehn so blaß!‹ fährt er neulich auf ein hübsches kirchhofstilles Fräulein los, die eben den Silberfaden einhäkelt zum künstlichen Gestrick eines Beutels. Das Fräulein läßt vor Schreck das Gestrick auf den Schoß fallen, gesteht, daß sie heute ein wenig gefiebert, Fieber – ja, Fieber, darauf versteht sich eben mein Freund; er weiß geistreich und anziehend davon zu sprechen, frägt sorglich nach allen Erscheinungen, ratet, warnt, und siehe, ein ganz anmutiges munteres Gespräch spinnt sich fort.


« – »Ich danke dir,« rief Theodor, »daß du mein Talent gehörig beobachtest und würdigst.« – Die Freunde lachten aufs neue. »Es hat,« nahm jetzt Sylvester das Wort, »es hat mit der gesellschaftlichen Unterhaltung wohl eine ganz eigne Bewandtnis. Die Franzosen werfen uns vor, daß eine gewisse Schwerfälligkeit des Charakters uns niemals den Takt, den Ton, der dazu nötig, treffen lasse, und sie mögen einigermaßen darin recht haben. Gestehen muß ich indessen, daß mich die gerühmte Lebendigkeit der französischen Zirkel betäubt und unmutig macht, und daß ich ihre Bonmots, ihre Calembours, die sich machen lassen auf den Kauf, auch nicht einmal für solchen gesellschaftlichen Witz halten kann, aus dem wahres frisches Leben der Unterhaltung sprüht. Überhaupt ist mir der eigentlich echt französische Witz im höchsten Grade fatal.« »Diese Meinung«, sprach Cyprian, »kommt recht tief aus deinem stillen freundlichen Gemüt, mein herzenslieber Sylvester. Du hast aber noch vergessen, daß außer den größtenteils höchst nüchternen Bonmots der Gesellschaftswitz der Franzosen auf eine gegenseitige Verhöhnung basiert ist, die wir mit dem Worte ›Aufziehen‹ bezeichnen und die, leicht die Grenzen der Zartheit überschreitend, unserer Unterhaltung sehr bald alles wahrhaft Erfreuliche rauben würde. Dafür haben die Franzosen auch nicht den mindesten Sinn für den Witz, dessen Grundlage der echte Humor ist, und es ist kaum zu begreifen, wie ihnen manchmal die Spitze irgendeines gar nicht etwa tiefen, sondern oberflächlich drolligen Geschichtleins entgeht.« »Vergiß nicht,« sprach Ottmar, »daß eben eine solche Spitze oft ganz unübersetzbar ist.« »Oder«, fuhr Vinzenz fort, »ungeschickt übersetzt wird. – Nun, mir fällt dabei ein gar lustiges Ding ein, das sich vor wenigen Tagen zutrug, und das ich euch auftischen will, wenn ihr zu hören geneigt seid.« »Erzähle, erzähle, teurer Anekdotist, ergötzlicher Fabulant!« So riefen die Freunde. »Ein junger Mensch,« erzählte Vinzenz, »den die Natur mit einer tüchtigen kräftigen Baßstimme begabt, und der zum Theater gegangen, sollte gleich das erstemal als Sarastro auftreten. Im Begriff, in den Wagen zu steigen, überfiel ihn aber eine solche fürchterliche Angst, daß er zitterte und bebte, ja daß er, als er herausgefahren werden sollte, ganz in sich zusammensank, und alle Ermahnungen des Direktors, doch sich zu ermutigen und wenigstens aufrecht im Wagen zu stehen, blieben vergebens. Da begab es sich, daß das eine Rad des Wagens den weit überhängenden Mantel Sarastros faßte und den Ehrwürdigen, je weiter es vorwärts ging, desto mehr rücklings überzog, wogegen er sich im Wagen festfußend sträubte, so daß er in der Mitte des Theaters dastand mit vorwärts gedrängtem Unterteil und rückwärts gedrängtem Oberteil des Körpers. Und alle Welt war entzückt über den königlichen Anstand des unerfahrnen Jünglings, und hoch erfreut schloß der Direktor mit ihm einen günstigen Kontrakt. Dies einfache Anekdötlein wurde neulich in einer Gesellschaft erzählt, der eine Französin beiwohnte, die keines deutschen Wortes mächtig. Als nun beim Schluß alles lachte, so verlangte die Französin zu wissen, worüber man lache; und unser ehrliche D., der, spricht er französisch, mit dem echtesten Akzent, mit der treuesten Nachbildung von Ton und Gebärde den Franzosen herrlich spielt, dem aber jeden Augenblick Worte fehlen, übernahm es, den Dolmetscher zu machen. Als er nun auf das Rad kam, das den Mantel Sarastros gefaßt und diesen zur majestätischen Stellung genötigt, sprach er: le rat statt la roue. Das Gesicht der Französin verfinsterte sich, die Augenbraunen zogen sich zusammen, und in ihren Blicken las man das Entsetzen, das ihr die Erzählung verursachte, wozu noch freilich beitrug, daß unser gute D. alle Register des tragikomischen Muskelspiels auf seinem Gesicht angezogen hatte. Als wir beim Schluß alle noch stärker über das seltsame Mißverständnis, das zu heben sich jeder wohl hütete, lachten, lispelte die Französin: ›Ah! – les barbares!‹ – Für Barbaren mußte die Gute uns wohl halten, wenn wir es so überaus belachenswert fanden, daß ein abscheuliches ratzenhaftes Untier den armen Jüngling, in dem verhängnisvollsten Augenblick des beginnenden Theaterlebens seinen Mantel erfassend, halb zu Tode geängstigt.« »Wir wollen,« sprach, als die Freunde sich satt gelacht, Vinzenz weiter, »wir wollen aber nun die französische Konversation mit all ihren Bonmots, Calembours und sonstigen Bestandteilen und Ingredienzien ruhen lassen und gestehen, daß es wohl hohe Lust zu nennen, wenn unter geistreichen, von echtem Humor beseelten Deutschen das Gespräch wie ein nie erlösendes Feuerwerk aufstrahlt in tausend knisternden Leuchtkugeln, Schwärmern und Raketen.

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