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Die indischen Eskimos (RPH10) – Robert Kraft

Phunga ist eine ansehnliche Stadt an der Westküste der Halbinsel Malaka, nicht weit vom KrahIsthmus entfernt und zum freien Königreich Siam gehörig. Da nun aber Phunga ein sehr guter, zur Kohlenstation geeigneter Hafen ist, von dem aus man die Malakastraße beherrschen kann, und die Herren Engländer eine ganz besondere Vorliebe für solche Häfen haben, so machten sie es, wie schon so oft: sie fingen eines Tages, vielleicht wegen des Tüpfelchens über dem I, mit dem Herrscher des Landes einen Streit an und ruhten nicht eher, als bis sie unter dem Namen Phunga auf der Landkarte einen roten Strich ziehen durften, was bedeutete, daß die Stadt in englischen Besitz übergegangen war. Nach Phunga hatte die Phantasie unsern Helden Richard als einem jungen, aber schon erfahrenen Forschungsreisenden versetzt, und er war sich vollkommen bewußt, dorthin gereist zu sein, um von hier aus eine Expedition ins Innere der Halbinsel anzutreten, hauptsächlich, um die noch fast ganz unbekannten wilden Stämme zu studieren, die im Gegensatze zu den Malayen, der jetzigen Bevölkerungsrasse, mit dem Gesamtnamen Malangos bezeichnet werden. Das Glück war ihm gleich im Anfange günstig, denn als ein Empfehlungsbrief ihn als Gast in das Haus eines in Phunga ansässigen deutschen Kaufmannes eingeführt hatte, sagte dieser ihm sogleich, daß kein zweiter Mensch ihm bei seinen Forschungen so mit Rat und That behilflich sein könne, als ein gewisser Soliman, der seines Zeichens Jäger wäre. Nach einigen Tagen erschien denn auch bereits der bestellte Soliman, ein Malaye, dessen Beruf darin bestand, Expeditionen und Jagdgesellschaften ins Innere der Halbinsel zu führen. Dieser Mann konnte allerdings viel von den Malangos erzählen und brachte auch gleich eine ganz neue, Richard sehr interessante Entdeckung mit. Soliman nämlich, der soeben zwei gelehrte Engländer, welche die Pflanzenwelt Malakas studierten, nach dem auf der anderen Seite der Halbinsel gelegenen Harronte gebracht hatte, war dort abgelohnt worden und hatte auf dem Wege quer über den Isthmus durch Zufall in einer gebirgigen Gegend eine große Grotte entdeckt, der ein kochend heißer Bach entsprang. Der Jäger konnte die geheimnisvolle Schönheit der Grotte nicht genug preisen. Nach seinen Mitteilungen hatte noch keines Weißen Fuß dieselbe betreten; und die dort herum wohnenden Malangos glaubten, wie er sagte, fest daran, daß die Grotte von Geistern bewohnt sei. Eben deswegen hielten sie auch dieselbe vor anderen Menschen geheim und erblickten in ihr ein Heiligtum, wenngleich sie auch Soliman von dem Betreten derselben nicht abgehalten hatten. Die Malangos seien übrigens, das betonte der Jäger ausdrücklich, ganz harmlose Wilde, und wenn Richard ihnen eine besondere Prämie verspräche, so würde er sicherlich der erste Weiße sein, der die Grotte mit der heißen Quelle zu sehen bekäme. Natürlich war Richard damit einverstanden und traf nach den Ratschlägen des intelligenten Soliman seine Vorbereitungen. Er kaufte ein gutes Boot, rüstete es mit allem aus, was man zu einem mehrwöchentlichen Aufenthalte in der indischen Wildnis braucht, und ging, nachdem er noch vier andere Malayen als Ruderer angeworben hatte – die schwächlichen Siamesen sind nämlich zu so etwas wenig brauchbar – eines Morgens an Bord eines kleinen Dampfers, der die Küste entlang nach Rangun hinaufsteuerte, um diesen schon nach einer Fahrt von drei Stunden wieder zu verlassen. Auf ein Zeichen Solimans, der die nahe, völlig mit Urwald bestandene Küste beobachtete, hatte der Dampfer gestoppt. Jetzt wurde, wie vorher mit dem Kapitän ausgemacht worden war, das Boot ausgesetzt, dann stiegen Richard und die fünf Malayen ein, und kaum hatte Soliman die Richtung angegeben, so steuerte das Fahrzeug in die Mündung eines breiten Flusses hinein. Zu beiden Seiten lagen siamesische oder malayische Dörfer; bald wurden jedoch die Hütten spärlicher, ging die Fahrt nur noch zwischen Reis- und Baumwollfeldern hindurch, und dann begann die Region des dunklen, undurchdringlichen Urwaldes, dessen geheimnisvolle Stille am Tage nur selten von Affengeschnatter und anderen Tönen aus dem Tierreiche unterbrochen wurde, um erst in der Nacht zum geräuschvollen Leben zu erwachen. So befanden sie sich, obwohl sie erst vierzig englische oder zehn deutsche Meilen nördlich von Phunga, einer blühenden Kulturstadt, entfernt waren, schon in einer völlig pfadlosen Wildnis, die ein Europäer allein gar nicht zu betreten wagen konnte, da er sonst darin so gut wie verloren gewesen wäre. Soliman aber war sich des Weges sicher, er hatte ihn ja schon zu Fuß und auch in einem Ruderboote zurückgelegt; wie er sagte, hätten sie jetzt nur noch sechs Stunden zu rudern, und wenn sie dann in einen Nebenfluß eingebogen und diesen noch eine Stunde hinaufgerudert wären, würden sie nach einem Fußmarsche von abermals einer Stunde bereits heute abend die Grotte erreicht haben. Richard hielt nun die Ruderer bei guter Laune und beobachtete zu gleicher Zeit die indische Fauna und Flora, indem er sich von dem erfahrenen Jäger darüber belehren ließ. Gegen vier Uhr bogen sie in ein Nebenflüßchen, wo die Region der Dschungeln begann, in denen es von Schlangen und Krokodilen wimmelte, und eine Stunde später, als wieder ein Bach seitwärts mündete, sagte Soliman, daß sie hier das Boot verlassen und den Fußmarsch antreten müßten. Das Boot wurde nun befestigt, die Malayen beluden sich mit Decken, Gewehren und einigem Proviant, und nachdem inzwischen Richard das Wasser des Baches geprüft hatte, das auffallend warm war, wurde der Marsch angetreten, der zum Glück gleich aus der hier aufhörenden Dschungel in eine hügelige, steppenähnliche Gegend führte. Bald zeigte es sich, welches Glück es gewesen war, daß Richard so geeilt, denn in dem Urwalde war es ihnen entgangen, welch unheilvoll drohendes Aussehen der Himmel angenommen hatte. Es wurde plötzlich finster, schon pfiff der Wind durch die Bäume und Schilfrohre, jeden Augenblick konnte das Unwetter losbrechen, und wehe ihnen, wenn ein Orkan sie im Walde überraschte. Auch hier im offenen Gelände konnte er ihnen, ebenso wie schon allein der Regen, noch verhängnisvoll genug werden. Hastig strebten sie daher vorwärts, denn bereits fielen große Tropfen.


„Dort ist die Höhle“, sagte endlich Soliman, auf eine bizarre Felsmasse deutend, die sich jäh aus dem Boden erhob, „dort sind wir geborgen.“ Sie hatten sich immer an dem Ufer des kleinen Baches gehalten, und Richard war zu sehr besorgt, um darauf zu achten, wie das Wasser immer mehr zu dampfen begann. Da brach der Regenguß los. Wenn man einen tropischen Regen noch nicht erlebt hat, kann man sich schwer eine Vorstellung davon machen. Es braucht nur gesagt zu werden, daß die eigroßen Tropfen den besten Regenschirm durchschlagen, als wäre sein Dach von Seidenpapier. Allerdings sind das Ausnahmen, so wie bei uns der Hagel, und ein derartiger Regen vertritt dort auch in der That den unbekannten Hagel. Solch ein Regenguß wurde es jetzt. Richard erhielt noch einige schmerzhafte Schläge auf den Rücken, die ihm Beulen beibrachten, dann war er, während es hinter ihm donnerte und prasselte, in dem Höhlengange geborgen. In der Höhle war es kochend heiß, und das war kein Wunder, denn am Boden floß ein siedender Bach, der alles mit einem heißen Dampfe erfüllte. Soliman mußte die Ungefährlichkeit desselben wohl schon kennen, denn furchtlos drang er durch den Brodem, ihm nach folgten die anderen, dann wurde es wieder heller, und sie befanden sich in einer geräumigen Tropfsteinhöhle. Neblig und sehr heiß war es hier allerdings auch noch, denn hier entsprang die kochende Quelle einer Felsenspalte, aber es war doch noch auszuhalten, denn oben an den Wänden und an der Decke befanden sich mehrere Oeffnungen, die für frische Luft und Licht sorgten. Zunächst entdeckte Richard, daß sie nicht die einzigen Menschen waren, die hier Zuflucht vor dem Unwetter gefunden hatten. Eine ganze Familie von Malangos, bestehend aus zwei Männern, vier Frauen und fünf Kindern, befand sich noch in der Höhle. Sie waren auf Wanderung gewesen und hatten, da ihre Furcht vor dem drohenden Orkane größer war, als die vor Geistern, hier Schutz gesucht. Richard war sehr enttäuscht; er fand, daß die Malangos einer ihm nicht unbekannten Menschenrasse angehörten, und erkannte in ihnen echte Indier, welche noch von keiner Kultur berührt worden waren. Ihre Waffen bestanden aus Axt, Messer, Pfeil und Bogen, und zwar vertrat die Stelle des Stahles ein sehr harter, grüner Stein, den sie zu bearbeiten verstanden. Soliman redete ihre Sprache; durch seine Vermittlung konnte sich Richard mit ihnen unterhalten. Ihr Leben fristeten sie ausschließlich von der Jagd; als Zukost aber dienten Beeren und Früchte, die ihnen ja in den Mund wuchsen. Unseßhaft zogen sie in der Wildnis umher und kannten nicht einmal eine Hütte, sondern höchstens ein Rindendach zum Schutze gegen den Regen. Sie hatten eine Antilope erlegt, von der sie jetzt eine Keule kochten, indem sie dieselbe einfach in das siedende Wasser legten. Es bereitete ihnen anscheinend eine große Freude, den fremden Gästen davon anbieten zu können. Nach dem Abendbrote, zu welchem Richard auch die mitgebrachten Konserven hatte wärmen lassen, verteilte er Tabak, den die Malangos als wilde Pflanze kannten und jetzt aus Steinpfeifen rauchten, und nachdem er dann noch die Höhle untersucht hatte, legte sich ein jeder auf den ihm passendsten Platz, und bald waren sie alle in tiefen Schlaf gesunken. Draußen aber wütete noch immer ein furchtbarer, von Regengüssen begleiteter Orkan.

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