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Der Medizinmann – Robert Kraft

Der alte Samuel Peters in San Franzisko war ein Sonderling durch und durch, und wer mit ihm in Verkehr trat, den zog er mit hinein in sein geheimnisvolles Treiben. Sein Vater war einer der ersten Goldgräber in Kalifornien gewesen und dabei einer der glücklichsten. Als er durch seine Hacke ein schwerreicher Mann geworden war, zog er sich aber nicht zur Ruhe zurück, sondern fing an zu spekulieren, und zwar auf eine Weise, daß man ihn für einen Narren hielt. Er kaufte sämtliche erschöpfte Goldgruben, alle Schutthaufen, natürlich für einen Spottpreis, wartete geduldig, und als sich wieder Arbeitskräfte meldeten, zeigte es sich, wie schlau er gehandelt hatte. Jetzt begann er erst die richtige Ausbeute, mittelst eines patentierten Verfahrens zog er aus jedem Kieselstein das letzte Quentchen Gold, Silber, Kupfer und Blei, er spekulierte weiter, und als er starb, gab es in ganz Amerika keine Mine, Petroleumquelle oder Eisenbahn, von der sein Sohn und einziger Erbe Samuel nicht Besitzer oder Hauptaktionär gewesen wäre. Samuel war zum Ingenieur ausgebildet worden und hatte an den berühmtesten Hochschulen des Inund Auslandes seine Studien getrieben. Als er beim Tode des Vaters nach San Franzisko zurückkehrte, glaubte man, der noch junge Mann mit dem ungeheuren Vermögen würde sich nun in den Strudel des Lebens stürzen. Statt dessen zog er sich in die tiefste Einsamkeit zurück. Er ließ sich in der Umgegend der Stadt ein großes Haus bauen, aus allen Weltteilen trafen Maschinen und Arbeiter ein, mit denen er sich schon früher verständigt haben mochte, und – seitdem bekam man Samuel Peters nie wieder zu sehen, ebensowenig einen seiner Leute, darunter auch Frauen. Das Grundstück, auf dem er wirtschaftete, war und blieb der Bevölkerung von San Franzisko ein Rätsel. Das fabrikähnliche Haus besaß vornheraus keine Fenster, sie mußten nur nach dem Hofe oder nach dem ungemein großen Garten gehen, der aber von einer sehr hohen Mauer umgeben war, sodaß niemand darüber hinwegsehen konnte. Von früh bis abends wurde in diesem Hause gepocht und gehämmert, die Schornsteine qualmten, von der Stadt führte eine eigene Eisenbahn bis vor die Thür, Eisengießereien, Stahlwerke, Glashütten und andere Fabriken bekamen große Aufträge, Fleischer und Gemüsehändler lieferten ihre besten Waren, aber hinein kam niemand. Starb jemand oder wurde ein Kind geboren, so wurde die Behörde davon mit dem eigenen Telegraph benachrichtigt, aber kein Priester geholt, denn ein solcher befand sich selbst in der kleinen Kolonie. So meldete Peters eines Tages auch nur kurz, daß ihm ein Sohn geboren worden wäre, welcher in der Taufe den Namen Frank erhalten hätte. Man wußte nicht einmal, daß er verheiratet war, das kam erst ans Tageslicht, als er einige Jahre später den Tod seiner Frau depeschierte. Die Behörde ließ den alten Sonderling, dem fast ganz San Franzisko gehörte, in Ruhe, desto mehr beschäftigte sich die öffentliche Meinung mit ihm. Die seltsamsten Gerüchte zirkulierten über ihn. Daß er als Ingenieur Erfindungen zu machen beabsichtigte, und zwar elektrotechnische, bewiesen die gelieferten Rohmaterialien. Überhaupt sollte in dem Hause alles elektrisch „zugehen“, wie die Leute sagten. Der unsichtbare Garten sollte ein wahres Paradies sein, in dem großen See sollte sich unter Wasser ein prächtiger Glaspalast befinden, durch Elektrizität getriebene Schiffe sollten darauf fahren, die nach Belieben auch in die Tiefe versanken, die seltsamsten Fuhrwerke sollten im Garten spazieren fahren u.s.w. u.s.w.


Aber es blieb eben nur Vermutung, denn es kam weder jemand hinein noch heraus, nicht einmal der Geschäftsführer in der Stadt, der das große Bureau leitete und die geschäftlichen Interessen von Samuel Peters vertrat, aber auch nur brieflich oder telegraphisch mit ihm verkehrte. Es fehlte nicht an Neugierigen, welche ein Eindringen in das Haus versuchten, immer vergeblich. Zwei Zeitungsreporter hatten einmal die Gartenmauer erstiegen, obgleich überall Plakate vor Selbstschüssen warnten, und waren oben kleben geblieben, jämmerlich um Hilfe schreiend, und wurden nicht eher aus ihrer Lage befreit, als bis die telegraphisch herbeigerufene Polizei kam. Sie waren mit einem elektrischen Kabel in Berührung gekommen, dessen Strom sie wie mit eisernen Zangen festhielt, bis er abgestellt wurde. Als die erste Pacificbahn gebaut wurde, bestand Samuel darauf, daß Stocktown eine Station würde, man sah eine Notwendigkeit gar nicht ein, aber man mußte ihm gehorchen, weil man ohne sein Vermögen nichts beginnen konnte, und von Stocktown aus ließ er eine eigne Bahn nach Süden legen, wohin, wußte vorläufig noch niemand, bestellte für sich eigne Lokomotiven und Wagen. Der kleine Frank mochte etwa 10 Jahre all sein – daß er noch lebte, wußte man nur daher, weil der Vater seinen Tod noch nicht gemeldet hatte – als sich eines Tages die Portale des geheimnisvollen Hauses weit öffneten und Arbeiter in die bereitstehenden Waggons zu verladen begannen: Möbel, Maschinen und Gegenstände, wie man sie noch nie gesehen hatte. Auch Samuel Peters bekam man endlich zu Gesicht, einen alten Herrn mit ergrautem Haar und klugen, freundlichen Augen, eine ehrfurchtgebietende Erscheinung, an der Hand einen hübschen goldlockigen Knaben führend. Diese bestiegen zuerst den Zug, fuhren davon, der Zug kam zurück, wurde wieder vollgeladen, und so ging es fort, bis das große Haus ganz ausgeräumt war und unter der Obhut einiger Wächter blieb. Seitdem bekam man von dem Sonderling noch weniger zu hören. Es hieß, nun treibe er sein geheimnisvolles Handwerk in einem versteckten Winkel des Felsengebirges fort. So war es auch. Die Tiere und die Indianer flohen vor dem Lärm, der plötzlich in einem unwirtlichen Teile der Sierra Nevada begann. Zuerst, als die Eisenbahn dorthin gelegt wurde, hatten die Arbeiter mehrfach blutige Kämpfe mit den Indianern zu bestehen, als es aber erst in den Bergen donnerte und krachte, feurige Garben zum Himmel aufstiegen, centnerschwere Steinblöcke umherflogen, zogen sie sich scheu zurück und lauschten aus weiter Ferne den Arbeiten, die dort ein großer Medizinmann betrieb, jeden Augenblick zur Flucht bereit. Doch sie blieben unbelästigt. Das laute Lärmen verstummte, keine Explosion erfolgte mehr, kein Rauch stieg mehr auf, und nichts als die manchmal hin- und herfahrende Eisenbahn, welche in einem Felsen verschwand, verriet, daß hier Menschen hausen mußten. Nach und nach wurden die Indianer daran gewöhnt, die alte Raublust erwachte, von benachbarten Stämmen hatten sie das Aufreißen der Schienenstränge gelernt, um den mit wertvollen Waren angefüllten Zug zum Entgleisen zu bringen, wollten es einmal hier probieren, kamen aber übel an. Sie waren in der besten Arbeit, die Schienen zu lockern, als plötzlich alle, die daran arbeiteten, einen so furchtbaren Schlag durch den ganzen Körper erhielten, daß sie laut aufbrüllten und in toller Flucht fortstürzten, die andern mit. Seitdem vermieden die Indianer ängstlicher denn zuvor die Umgegend des Zauberberges, in dem ein Medizinmann wohnte, der auch von weitem unsichtbare Schläge austeilen konnte. — — — — — — — — — — — Es war am späten Nachmittag eines Sommermonates, die Sonne vergoldete schon die Bergspitzen, als ein Mann, an seiner ganzen Tracht als Trapper kenntlich, durch die Schluchten des Felsengebirges irrte. In den Armen trug er einen scheinbar leblosen Indianer, dessen Schulter mit einem blutigen Tuche verbunden war. Wie die Feder in der Skalplocke fehlte, so auch jedes andere Kriegsabzeichen, auch die Malerei war verwischt. Es gehörte die ganze Kraft des weißen Jägers, eines noch jungen Mannes dazu, mit seiner Last über den unebenen Boden zu marschieren, oft mußte er über breite Spalten springen oder von Stein zu Stein balancieren, dabei behinderte ihn noch die schwere Büchse auf dem Rücken, und einen wie weiten Weg er schon zurückgelegt hatte, merkte man seiner mit Staub bedeckten ledernen Kleidung und den abgenutzten Mokassins an. Er keuchte, von der Stirn floß der Schweiß, doch ließ er den Indianer nicht sinken, und da er manchmal an einer abzweigenden Schlucht zögerte und hilfesuchend um sich blickte, mußte er sich verirrt haben. „Wasser,“ murmelte der Indianer, sich der englischen Sprache bedienend, „Schnellfuß verdurstet.“ „Armer Kerl, wenn ich nur welches entdecken könnte“, sagte der Jäger mitleidig, „oder wenn ich nur wenigstens Deine schnellen Füße hätte.

Nicht einmal ein grüner Grashalm wächst hier, mit dem ich Deinen Gaumen erfrischen kann.“ Lauschend blieb er stehen und schritt dann, einen Fluch auf gut deutsch in den Bart murmelnd, schnell weiter. Ein dumpfes Geräusch von sprudelndem Wasser war in sein scharfes Ohr gedrungen, aber das hatte er schon oft vernommen, und wenn er hinkam, fand er keins. Das Wasser mußte unterirdisch fließen, und doch trieb ihn die Hoffnung immer wieder an. Da, als er aus einer schmalen Spalte in eine breitere kam, stieß er einen lauten Jubelruf aus. Zu seinen Füßen zogen sich zwei Eisenbahnschienen hin. „Hurrah, die Eisenbahn! Jetzt, Schnellfuß, nimm Dich zusammen, daß Du noch nicht in die ewigen Jagdgefilde hinüberwanderst. Und wenn ich die ganze Pacificbahn abrennen muß, ich bringe Dich doch auf eine Station. Aber die Pacificbahn ist das nicht, die ist zweispurig. Habe früher immer geglaubt, die Eisenbahn sei nur dazu da, den Menschen das Leben zu verbittern, und jetzt – – – ja, wohin aber nun, links oder rechts?“ Da war guter Rat teuer. Links sah es trostlos aus und rechts ebenso. Befahren wurde die Strecke, die Schienen waren blank, sogar auffallend blank. Der Trapper hob ein Steinchen auf und warf es über den Kopf hinter sich. Es fiel nach links. „Nach links also? Nein, nun gehe ich gerade rechts, nur kein Aberglaube,“ und damit eilte er mit Riesenschritten nach rechts.

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