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Der arme Teufel – Alexandre Dumas

Ich weiß nicht, weshalb die literarische Reaktion macht, daß wir bis zu Ludwig XIV. Zurückgehen; gewiß aber ist es, das das abscheuliche Bild der Vision sich fast immer unbemerkt in ein glänzendes Drama des Boulevard einschleicht, in welchem die Damen Henriette von England, von Montalais, von Mouchi — d‘ Hocquincourt und andere mit ihren falschen Diamanten, Feuer auf uns geben. Wie dem aber auch sei, will ich doch den Namen der Dame Katharina Voisin auf meine Gefahr hin neu erwecken, um ihn durch eine einfache Geschichte die Pflicht zu erzeigen, die ihm gebührt; nicht, daß ich sie in alle ihre früheren Rechte wieder einsetzen gedachte. Katharina des Hayes — Manvoisin, genannt die Voisin, hat kein Grab zu St. Medardus; ihr Gedächtnis riecht brandicht — ziehen wir den Schleier darüber. Was die Herren von chambre ardente im Arsenal thaten, ist wohlgethan! Es wäre nicht gerecht gewesen, hätte die Hinrichtung der Voisin nicht statt gefunden, denn dadurch wären uns zwei Briefe der Frau von Sevigne verloren gegangen. Der Einfluß der Zauberin Voisin schien mir keine der bekanntesten Ausnahmen des großen Jahrhunderts. Das siebzehnte Jahrhundert schien für die Brinvilliers durch die Voisin entschädigen zu wollen. Die Brinvilliers war eine adelige Vergifterin, hatte ihren Platz in der großen Gesellschaft und Lakayen mit hellgrüner Livré, wie es aus den Akten hervorgeht. Katharine Voisin war eine einfache Geburtshelferin und hatte eine kleine schmutzige Wohnung, freilich wurde ihr Boden zum Hotel und die Zauberin verlegte ihre Wohnung bis in den ersten Stock; aber sie stieg doch aus dem Volke empor, und ihr Tod war sehr bürgerlich. So stolz der Richtkarren auf die Marquise von Brinvilliers war, so wenig fühlte der Grève-Platz sich durch den Scheiterhaufen der Voisin geschmeichelt. Was das Talent dieser Wahrsagerin betrifft, so muß ich nach einem ziemlich langen Gespräche, welche ich kürzlich mit Mademoiselle Lenormant hatte, gestehen, daß man bezweifeln muß, sie sei sehr geschickt in dem gewesen, was man das große Spiel nennt; Mademoiselle Lenormant behauptet, daß sie sich auf die kleinen Mittel beschränkte, das heißt, auf Successionspülverchen, Gifte, Zauberspiegel, Erscheinungen und Horoscope, Alles Dinge, welche Mademoiselle Lenormant als das A. B. C. der Zauberei betrachtete. Dennoch hat die gute Dame, ich muß es nur gestehen, bei sich ein sehr schönes Portrait der Voisin, von Coypel gestochen. Eben diese Mademoiselle Lenormant kann einem zu Feige ihrer Divinationsgabe lang über ihre Vorgängerin, die Voisin unterhalten. Ich sagte also, daß sie gegen das Andenken der Voisin ziemlich gleichgültig ist; jetzt muß man nur noch erforschen, ob das siebzehnte Jahrhundert derselben Meinung war, wie Mademoiselle Lenormant. So viel ist indessen gewiß, daß Karren, Laternen und Karossen alle Abende die rue du CoeurVolant, in der sie wohnte, anfüllten, und daß Lafontaine zerstreut genug war, diese Sybille zu besuchen. Vielleicht schrieb er um jene Zeit seine Mandregore. Nicht minder gewiß ist es, daß am 12. März 1678 um 7 Uhr Morgens bei einem abscheulichen Wetter, in welchem die Maulthiere sich wegen des Glatteises kaum auf den Beinen erhalten konnten ein Mann in einem langen Mantel gehüllt, von einem dieser Thiere herabglitt und seinem Reisegefährten dankte, der ihm die Croupe abgetreten hatte. Er erhob den Hammer an der Thür eines alten Hotels. »Ist Madame Voisin zu Haus?« Eine Art von Schweizer mit neuem Bandalier und mächtigem Dragonerschwerte ließ ihn zwei Mal den Namen wiederholen, ohne ihn nach den seinigen zu fragen, und führte ihn dann in ein Kabinett, welches mit großen halbverbleichten Sonnen von Ockergelb geschmückt war,über denen man noch die Devise: Nec pluribus Impar las.


Dies bewieß hinlänglich, daß das Gebäude von der Krone herstammte. Die Dunkelheit der Vorhalle bereitete wunderbar auf den Eintritt vor. Der, welcher ins diesem Augenblicke den Saal betrat, achtete nicht auf dessen Ausschmückung. Er warf sich auf einen Armsessel, der mit goldgeschmücktem Leder überzogen war, wie nur der Eigenthümer diesen alten Möbels gekannt hätte, gähnte, kreuzte die Beine übereinander vor dem staunenden Schweizer, bis dieser ganz erschreckt zurücktrat, als er die Aufforderung vernahm: »Laßt meine Schwester kommen!« Das Gesicht des Schweizers wurde aber gleich wieder heiter und er brach in lautes Gelächter aus. »Der Herr will der Bruder der Madame sein?« sagte er, indem er mit der Hand auf den Knopf seines Stockes schlug. »Na das wär mir ein schöner Bruder!« murmelte er« zwischen den Zähnen. — »Es ist wohl lange Zeit her, daß Madame den Herrn nicht gesehen hat? Ich will mich wohl hüten, Madame zu sagen, daß der Herr ihr ihr Bruder ist; der Heer hat gewiß das schlechte Advokatenkleid genommen, um sie zu überraschen.« Statt zu antworten, wurde der Gast in diesem Augenblicke die Beute eines fürchterlichen Hustens, er stampfte mit dem Fuße und fluchte, indem er sich von einer Kohlenpfanne entfernte, in die er sich gebückt hatte. Die Chemie war ihm in die Kehle gefahren. Er war purpurroth, als eine große, dicke Frau in das Zimmer trat. Soviel man nach dem Kupferstiche Coypel’s urtheilen kann, hatte Madame Voisin eine starke Stumpfnase, hervorspringende, Backenknochen, dicke Negerlippen und kleine Katzenaugen. Man denke sich nun noch hinzu, daß es acht Uhr Morgens war und daß sie, aus dem Schlafe aufgeschreckt, in dem allereinfachsten Anzuge von der Welt erschien. Die Sybille hatte in der Eile eine Amarantfarbene Mütze auf eine blonde Perücke à la Ninon gesetzt, welche sonderbar mit ihren schwarzen Augenbraunen abstach. Nur die Vorsicht hatte sie gebraucht, einen Handschuh von Büffelleder an die rechte Hand zu ziehen, die, mit welcher sie ihre kabalistischen Operationen vornahm. In diesem Anzuge schritt sie majestätisch auf den Frager zu, indem sie glaubte, es könne vielleicht ein verkleideter Prinz oder Marquis sein. Sie stieß eine Thür auf, um ihn bei hellerem Lichte zu, sehen, doch als sie ihn erkannte, hatte ihr Benehmen, das kann ich schwören, durchaus nichts Schwesterliches., denn kopfschüttelnd rief sie mit sichtlicher Unzufriedenheit:. »Wie, Ihr seid es, Herr Deshayes-Georgeot?« Herr Georgeot aber, denn er war es wirklich, öffnete die beiden langen magern Arme, wie die Flügel einer Fledermaus, um seine gute Schwester an die Brust zu drücken. Aber die Voisin blieb fühllos; sie hatte ganz andere Dinge zu thun, als in dem Menschen in zerlumpter, schwarzer Kleidung, der ihr wie vom Himmel fiel, einen Bruder anzuerkennen. Dennoch gestattete sie dem Bruder eine Art von Umarmung, den die Vorsehung oder der Teufel ihr zuführte. Ganz offenbar erkannte sie in dem schwarzen Manne Meister Deshayes-Georgeot ihren Bruder, Advocat bei dem Gericht der Abtei von Saint-Germain-des-Près-les-Paris. »Ich weiß schon, weshalb Du kömmst, mein.Bruder: Um mir wieder etwas Geld abzulocken. Diesmal hast Du Dich nicht begnügt mir zu schreiben, sondern bist selbst gekommen. Sehr viel Ehre für mich, Sprich denn!« »Meister Georgeot drängte es freilich sehr zureden, doch er konnte keine Werte finden. Nach den Demostheneschen Vorschriften war er jedoch überzeugt, daß die Gesten viel zum Erfolge eines Redners thun, nahen er mit stoischem Gleichmuth den Schoos seines Kleides in die Hände und zeigte der Sybille die klaffenden Wunden.

»Schämst Du Dich denn nicht?« erwiderte seine Schwester. »Wenn man Deinen Anzug sieht, Meister Georgeot, glaube man daß Du Basset, oder Landeknecht spielst, statt die Archive von SaintGermain in Ordnung zu bringen? Wahrlich mein Bruder, das wird unverzeihlich! Ich habe Dir erst kürzlich sieben Ellen Seide geschickt, wenn nicht Mademoiselle Deshayes-Georgeot, meine sehr geehrte Schwägerin sich einen Anzug daraus machen ließ, um den Brautzug der Mademoiselle von Louvois vorüberziehen zu sehen. —« »Ach, meine viel geliebte Schwester,« fiel der Advocat ein, »ich kann Dir nicht sagen, woran Mademoiselle Georgeot in diesem Augenblicke denkt, und kümmere mich auch nicht darum, aber meine Existenz ist wirklich fürchterlich. Iniqua paupertas, wie der Advocat von Rosstres sagte. Denke Dir, daß meine Schuhe überall Wasser ziehen! — Die Abtei den Saint-Garmain-des-Près belohnt mich so wenig für die Opfer, die ich ihr gebracht habe. Diesen Winter habe ich den Palast verlassen, wie Du wohl weißt, begleitet von der Achtung aller meiner Brüder und einem Jahrgehalt von hundert Thalern, wofür ich auf Alles verzichtete; es geschah auf die Bitten und Vorstellungen des Generalschatzmeisters, meines Beschützers und guten Freundes, der mich in der Sitzung sehr unterhaltend fand; — ja., das war der Ausdruck, den er brauchte. Du weißt vielleicht nicht; da ich außerdem nach einen besondern Grund zu persönlichen Vorurtheil habe. Denke Dir also, daß der einzige Prozeß, den ich je in meinem Leben gewann; mir noch jetzt Verfolgungen und Angst zuzieht. Ein gewisser Marquis, gegen den ich klagte, und den auch die erste Instanz verurtheilte, fand es angemessen, mir in dieser Angelegenheit zu schreiben, um mich gnädig darauf aufmerksam zu machen, daß er mir die Ohren abschneiden würde, wenn der Himmel mich je in seine Hände führte. Darnach soll man nun noch ein Rheroriker sein. Der verwünschte Kerl behauptet, ich hätte gewisse Pariere beseitigt, von denen er den Triumph in seiner Sache hoffte; aber das ist reine Verleumdung. Ich habe freilich noch in meiner Schreibtafel zwei oder drei Briefe des erwähnten Herrn, und ich behalte sie, ohne recht zu wissen, weshalb, eigentlich bloß wegen der Merkwürdigkeit, die Handschrift eines großen Herrn zu besitzen. Die Vornehmen haben eine so sonderbare Orthographie! — Ich mußte mich also den Verfolgungen dieses wüthenden Marquis entziehen, und habe mich den Herrn Benedictinern ergehen. So bin ich nun jetzt kahler, als der ärmste meiner Clienten; die Augen sind mir eingefallen, meine Kleidung ist zerfetzt, so daß die gelehrten Mönche, neulich ihren Abte den Vorschlag machten, mich als Vogelscheuche auf den großen Apfelbaum zu setzen.« Während dieser langen Vorrede gähnte die Voisin, indem sie ihren Affen einige Kläpse ertheilte. »Das wirst Du wohl verstanden haben,« fuhr Herr Deshayes mit großer Feinheit fort, »daß meine Frau mich zu Grunde richtet durch thörichte Ausgaben, indem sie jede Woche Gewänder von bourredesoie, Flitterkram und Schönheitsmittel kauft,das noch nicht einrnal gerechnet, was sie in Modebüchern verschwendet,.indem sie sagt, sie möchte bei dem großen Alkamenes, Cyrus, Benserat und Andern schlafen; und überdies entstehen dadurch in ihrem Geiste auch tausend unerlaubte und für mich sehr unvortheilhafte Vergleichungen. Man geht so gar in unserer rue du Columbier so weit, zu behaupten, durch allzu vieles Lesen von Prinzen und großen Herren, hätte sie vergangene Woche einen der stutzerhaftesten Edelleute aufgefunden. Man sagt ferner, sie hätten einen Umgang mit einander, und es ist wirklich, um verrückt zu werden oder Benedictiner, wäre man nicht —« »Was denn Advocat?« »Ach nein, Schwester, wäre man nicht verheirathet, das ist noch viel schlimmer.« »Aber Dein Posten, Bruder? Durch Deinen Posten in der Abtei kömmst Du mit Heiligen zusammen, die wohl versehen und ganz lebendig sind.« »Ja, weil sie mich von Zeit zu Zeit zu ihrem Fastenessen einluden, und weil ich mit ihnen lateinisch sprechen muß, sollte ich freilich wohl so rund sein, wie sie selbst; aber bedenke, daß es nicht den kleinsten Prozeß giebt, meine gute Schwester, nicht die geringste Streitsache. Sprecht mir nur von der Ruhe des Klosters. Großer Gott, die Ruhe des Klosters ist der Tod des Advocaten! Die Leute sind so ruhig, daß ich das Fieber darüber bekommen möchte! Hatten sie nicht neulich noch die beste Veranlassung zu einem Prozesse, weil ihre Früchte immer gestohlen wurden? Prächtige Pflaumen, deren Stöcke die Hand eines Königs pfropfte, denn es ist Niemand Geringeres als der König Casimir, der sie pflegt; der König Casimir, das heißt, der ehemalige Monarch von Polen, Großfürst von Lithauen, Samogitien — ach, was weiß ich! Man verwickelte sich ganz in die Titulaturen, die dieser Prinzabt bekommen muß.« »Du mußt wissen, daß er sich in das Kloster zurückgezogen hat, und mit Herz und Verstand Mönch geworden ist.

So ist er denn jetzt Abt geworden. Begreifst Du nun noch, daß man ihm die Pflaumen und Weintrauben zu stehlen wagt? Und nun sagt man, es wären die Vögel! Ich glaube vielmehr, daß es irgend ein gnädiger Nachbar ist. Ich verlange den Prozeß, damit ich mich bekannt mache, aber nichts da: Der Prozeß ist davon geflogen wie die Vögel.« Die Voisin war eingeschlafen. »Dich, meine gute Schwester« fuhr der unermüdliche Georgeot fort und wollte der Voisin zulächeln, »Dich behandelt das Schicksal weit besser. Während ich bei mir keine Vorhänge und die schlechtesten Möbel habe, finde ich bei Dir ein schönes Hotel, Pferde und Wagen, und sogar eine Art von Schweizer. Ei, wie schön ist es doch, eine Wahrsagerin zur Schwester zu haben. Wir wissen daß Du den Herren vom Hofe, den Herren von Villeroy und Luxemburg lauter schöne Dinge zeigst. Mademoiselle Georgeot lacht immer, wenn sie von Deinen Geheimnissen für die Damen spricht. Andere sagen, Du studierst die Metallurgie und die Gifte. Die Gifte, guter Gott! wozu sollte Dir das nützen? Von mir kannst Du ja nichts erben.«

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