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Das Schwert und die Schlangen – Karl Wilhelm Salice,Contessa

In einem tiefen, tiefen Thal, mitten im wilden Gebirge, da lebte einmal vor langer Zeit ein Mann mit seinem Sohn und zwei Knechten. Sie hatten sich eine geräumiges Haus in diese Einsamkeit hinein gebaut, und hatten es die Oedenburg genannt, denn öde war die Gegend ringsumher auf viele Stunden, und ihr Haus das einzige im ganzen Gebirge. Der Mann hieß Wolfgang, sein Sohn aber Raimund. So hatten sie in diesem Thale miteinander gelebt seit 16 Jahren. Kein fremder Mensch war in dieser Zeit dahin gekommen. Niemand im ganzen Lande wußte von der Oedenburg. Raimunds Mutter, die mit dahin gezogen, war vor 10 Jahren bereits gestorben und Raimund jetzo 18 Jahr. Doch hätte ihn jeder willig für älter genommen, denn er war hoch und schlank aufgeschossen wie eine Tanne, und gewaltig an Brust und Armen. Kein Felsen stand ihm zu hoch und steil, kein Strom war ihm zu mächtig, kein Wild zu schnell. Da saß Wolfgang eines Abends mit ihm und mit den Knechten am Heerde. Die Männer sprachen untereinander von der Zeit, da sie noch unter den übrigen Menschen lebten. Raimund hörte zu und hatte viel zu fragen. Draußen aber machte sich der Sturm auf, warf die Wolken, die schon den ganzen Tag zusammengeballt am höchsten Gebirgsrücken gehangen hatten, herunter in die Thäler, und fuhr schnaubend und brausend durch den Tannenwald. »Ist mirs doch,« sagte Wolfgang auf einmal und horchte, – »ist mirs doch, als klopfte es draußen an der Thür. Was könnte das wohl seyn?« »Es ist der Wind, Herr!« meinte Erich, der ältere von den Knechten. »Ja, Wind!« rief Bolko der andere Knecht. »Wenn du das Wind nennen willst, was Hände und Füße hat. Zwei Hände und Füße sag‘ ich, auch wohl nach Gelegenheit einmal drei oder vier. Ich höre das Klopfen schon lange und weiß wohl, wer sich den Spaß macht. Aber man muß thun, als hörte man’s nicht.« Indem klopfte es wieder ganz laut und vernehmlich. Wolfgang und Erich sahen einander verwundert an. »Nun, so sieh‘ doch einmal hinaus, Bolko!« rief Wolfgang endlich. »Es könnte sich doch wohl jemand verirrt haben.« Bolko schüttete den Kopf.


»Nehmts nicht für ungut, Herr; ich stecke meine Nase nicht zur Thür hinaus; denn wer steht mir denn dafür, daß ich sie nicht vielleicht noch einmal so lang wieder hereinbringe. Der liebe Gott hat mich ohnedies schon an diesem Theil meines Leibes über die Gebühr gesegnet, und den Herrn, der draußen pocht, den kenn‘ ich schon; der hat sein Gefallen an derlei Späßen.« Indessen Bolko so sprach, war Raimund bereits aufgestanden. Er zündete eine Kienfackel auf dem Heerde an und ging hinaus. Erich langte die blanke Streitaxt, die über ihm an der Wand hing, vom Nagel und folgte ihm. Es dauerte nicht lange, so traten sie beide wieder herein mit einem kleinen Männlein. Das ging auf Herrn Wolfgang zu, grüßte ihn freundlich, und bat um Herberge für diese Nacht. Er heiße Meister Ezzelino, sey für gewöhnlich wohnhaft in der Stadt Padua im Welschland, pflege aber des Sommers herumzuwandern, da und dorten in den Gebirgen, um den geheimen Kräften der Natur auf die Spur zu gehen, die sich in Kräutern, Steinen und Metallen auf das wunderbarste an den Tag legen. So sey er denn auch hierher gekommen, und da sich diese Gegend besonders reich erweise an den seltensten Dingen, habe ihn dies unvermerkt immer weiter in dieses Gebirge hinein verlockt, bis er nicht mehr gewußt wo aus noch ein, und gar herzlich froh gewesen sey, als er endlich in der Abenddämmerung von oben herab dieses Haus im Thale entdeckt habe. Wolfgang hieß ihn willkommen und befahl Bolko’n, den Gast mit Speise und Trank zu erquicken. Bolko schob einen Tisch zum Feuer, und sorgte für alles Benöthigte; doch nahm er sich wohl in Acht, daß er dem Fremden nicht zu nahe kam. Meister Ezzelino machte sichs bequem, legte seinen Mantel und ein kleines Dachsränzlein ab, das er auf dem Rücken trug, und setzte sich an den Tisch. Raimund sah ihm von der Seite zu, und hatte seine Freude an der wunderlichen Behendigkeit, mit der der Kleine aß und trank, wobei das rothe Spitzbärtlein an dessen Kinn sich possierlich auf und nieder bewegte. »Nun,« sagte der Gast endlich, »nun hab‘ ich eurer Gastfreundschaft redlich Bescheid gethan, nun bitt‘ ich um die Vergunst, daß ich euch gleichfalls bewirthen darf.« Er holte mit diesen Worten eine Flasche und 5 silberne Becher aus seinem Ränzlein und schenkte ein. »Euer Meth ist gut,« fuhr er fort, »aber ich denke, mein Wein auch. Er ist aus meinem Vaterlande.« Als Wolfgang und Erich von Wein sprechen hörten, und die edle Gottesgabe so hell und klar wie lauteres Gold in den Bechern perlte, da war ihnen freilich beinah zu Muth, als wenn sie die Sonne seit 16 Jahren zum erstenmal wieder aufgehen sähen. Bolko aber trat dem Fremden schnell einige Schritte näher, ja der Muth wuchs ihm endlich so weit, daß er sich gleichfalls an dem Tisch ihm gegenüber niederließ. Alle sprachen hierauf wacker zu. Auch Raimund schien Gefallen zu finden an dem neuen Getränk. So kamen sie der Flasche bald auf den Grund. Meister Ezzelino holte noch eine aus dem Ränzel, und noch eine. Raimund wunderte sich freilich ein wenig, wie die drei Flaschen darin Platz gehabt hatten. Die Anderen aber nahmen daraus kein Arges und wurden bald gar munter und gesprächig.

Der fremde Gast wußte viel und mancherlei zu erzählen von den besonderen Dingen, die er auf seinen Reisen gehört, gesehen oder erlebt hatte. »Ja,« sagte er endlich, »ich habe wohl mancherlei Wunderbares in der Welt erlebt, das Allersonderlichste aber doch, und was mit nichts anderm zu vergleichen steht, das ist die Geschichte von dem Könige mit den Schlangen. Vielleicht ist sie euch schon bekannt. Die ganze Welt spricht ja davon.« Wolfgang bezeugte seine Unwissenheit und bat, er möchte ihnen doch die wunderbare Geschichte nicht vorenthalten. »Nun, so wißt ihr doch wenigstens,« sagte der Fremde, »daß das ganze Land dort auf der andern Seite des Gebirges von einem heidnischen sehr mächtigen König beherrscht wird, und daß dieser König Giselherr heißt?« »Ja, ja,« rief Wolfgang, »das wissen wir nur gar zu gut!« »So? Nun,« sprach jener weiter, »dieser König Giselherr ist es, von dem ich spreche. Er war, wie ihr vielleicht wißt, der jüngste von drei Brüdern, und also nicht dazu bestimmt die Krone auf seinem Haupte zu tragen. Die beiden älteren aber starben nacheinander schnell hinweg.« »Ja, ja, sie starben schnell hinweg!« unterbrach ihn Wolfgang, und lachte grimmig dazu.

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