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Aspira – Kurd Laßwitz

Heiß hatte die Sonne des langen Sommertags über dem Hochtal gebrütet. Nun krochen die ersten Bergschatten über die grüne Rasenfläche, und die bunten Blumenköpfchen schlossen ihre Blüten. Es war schwül. Denn die Luft lag feucht über den quelldurchrieselten Matten. Dort weilte Aspira, die Wolke, ganz aufgelöst in die unsichtbaren Teilchen ihres Elements. So ruhte sie am liebsten, noch ungestaltet, regungslos, in Luft zerflossen. So schlummern die Wolken und träumen. Aspira träumte. Vom Firnfeld am Blankhorn zog eine wache Wolke herüber. Weiß leuchtend streckte sie ihr kugeliges Haupt in den Sonnenschein, dunkel und grau schwebte ihr breiter Fuß in dem Tale. »Komm herauf, Aspira« rief sie hinunter. »Schon lange genug verbirgst du dich dort auf dem Wiesengrund und am Waldhang. Komm herauf und laß uns spielen. Die feurigen Bälle werfen wir hinab und lachen dazu, daß Onkel Blankhorn dröhnend den Ton uns zurückgibt.« »Laß die Torheiten, Turgula,« antwortete es aus dem Tale. »Ich habe keine Lust zum Spiel. Soll ich mich sammeln und aufsteigen, nur um wieder herabzuregnen?« »Du bist langweilig. Was ist’s denn mit dir? Aber wenn du nicht magst –sieh, wie ich wachse, wie ich mich dehne Bald kann ich allein blitzen. Sieh dort die frechen Menschen. Sie ärgern mich schon lange mit ihrem Hämmern am Felsen. Ich will nach ihnen zielen.« »Das wirst du nicht Ich will weiter sehen, was sie tun,« rief Aspira. »Haha Was geht’s uns an? Warte nur, bald will ich sie vertreiben.« Da stieg’s von Wald und Wiese wie leichte Nebel und zog sich empor und wurde dichter. Aspira erhob sich in raschem Schweben und breitete ihren Wolkenschleier schützend über das Tal.


Schwärzer aber ballte Turgula sich darüber und warf den feurigen Ball lachend hinab. Und ihr Lachen rollte zurück von der Felswand am Langberg und hinüber bis zum Blankhorn. Doch Aspira fing den Blitz auf, der sich in ihrem feuchten Wolkenleib unschädlich verteilte. »Ich will es nicht,« rief sie. Und schneller dehnte sie sich und stieg, bis sie Turgula erreichte und umschlang. Die Wolken durchdrangen sich. Da entwich Turgula ihre Kraft. »Warum hinderst du mich?« fragte sie. Zürne mir nicht, Turgula. In deinem Spiel will ich dich nicht stören. Ziehe hinauf in die wilden Gründe oder wo es dir sonst gefällt. Aber sieh, die Menschen dort unten, gerade diese, habe ich schon im vorigen Jahre beobachtet, und nun wieder, und ich will sehen, was da wird.« »Du willst sehen was wird? Das kommt ja von selbst, das wirst du doch sehen. Ob ich hier blitze oder nicht, es kommt irgend etwas. Und was, das ist doch gleich. Das ist eben da. Und dann kommt wieder etwas.« »Du verstehst mich nicht. Es ist wohl so, wie du sagst; aber bei den Menschen ist es anders. Es kommt etwas, jedoch – wie soll ich es dir erklären? Es kommt etwas Bestimmtes.« »Bestimmtes? Erklären? Ja, ich verstehe dich wirklich nicht, Aspira. Was soll das heißen?« »Wenn ich es wüßte, so wär‘ ich froh. Dann zög‘ ich wieder umher in der weiten Welt und freute mich. Dann läg‘ ich nicht hier und wartete des Kommenden. Ich weiß nur dies.

Die Menschen sind nicht bloß die kurzlebigen, kriechenden Wesen, deren wir lachen. Es muß etwas anderes in ihnen sein. Sie tun etwas, und damit können sie bewirken, daß etwas anderes geschieht, was sie wollen.« »Aber das können wir doch auch?« »Nicht so. Sieh, wir steigen jetzt empor, und die Sonne erwärmt uns, und unsere Tröpfchen lösen sich auf. Klar ist die Luft und wir schweben darin unsichtbar weiter und wollen, was wir tun. Und was wir wollen, das tun wir. Aber können wir bewirken, daß außer in uns selbst etwas geschieht, was wir wollen? Daß der Felsen dort zerbricht? Daß er sich wieder aufbaut zur Gestalt eines Hauses? Und das kann der Mensch.« »Aber du konntest doch machen, daß ich nicht mehr blitze, wie du es wolltest. Du kannst auch den Felsen zerbrechen, wenn ihn dein Blitz trifft, und kannst die Trümmer häufen, wenn du den Gießbach anschwellst.« »Wenn ich ihn treffe Wenn es so kommt Wollen kann ich es schon und vielleicht treffen. Der Mensch jedoch kann es bestimmt, genau so, wie er will. Eben dies Bestimmen, daß es so sein muß, das kann ich nicht verstehen. Das ist eine Wunderkraft. Höre, was ich sah. Jene Menschen hatten ein Papier bei sich, darauf war die Gegend abgemalt. Sie maßen alles nach und steckten Stangen in den Boden. Und genau, wie sie es zeichneten, geht jetzt der Weg durch de n Wald, wird der Fels durchbohrt, legt sich die Brücke über den Fluß. Woher wußten sie im voraus, daß dies so kommen mußte, genau so? Das können wir nicht.« »Haben’s auch nicht nötig. Wir sind freie Wolken. Laß die Tierchen da unten. Quäle dich nicht, Aspira, mit solchem Zeug« »Ich muß dahinter kommen. Denn es muß etwas Großes sein. Denke daran –vor tausend, tausend Jahren – nichts war hier als Schnee und Eis und drunter der Wald, den das Wasser brach im Frühjahr und den der Schutt vermurte, und immer wieder sprossen aus der Wildnis Gras und Blumen.

Und jetzt sieh, wie sie uns die Berge eingeengt haben, wie sie immer näher herandrängen. Dort glänzen die hohen Häuser von Schmalbrück. Schon ist weit drüben der Mittelstein durchbohrt, und nun arbeiten sie hier am Langberg. Bald werden die schnellen Wagen bis dicht an das Blankhorn laufen. Wer sagt dir, was sie beginnen, ob sie nicht in das Blankhorn selbst hineinhacken? Und wir können nichts dagegen tun. Wir stürzen die Lawinen hinunter, aber sie errichten Mauern und Dächer, und vergebens rütteln unsre Stürme an ihren festen Bauten. Wer gibt ihnen diese Macht über die Elemente?« »Wenn sie wirklich so etwas haben, dann wird’s ihnen wohl der Hohe geben. Was geht’s mich an?« sagte Turgula. »Das denk‘ ich wohl auch,« fuhr Aspira fort, »was geht’s mich an? Aber es ist in mir wie ein Schmerz, eine Qual, die mit den Atem nimmt, daß es eine Welt gibt, die mir fremd ist, in die ich nicht schweben und dringen kann. Über das Blankhorn steig‘ ich empor und bis in die Höhen des Äthers, zur Wohnung meines königlichen Vaters, dehn‘ ich mich in kleinster Kristalle unbegrenzter Feinheit. In die tiefsten Höhlen der Erde schleich‘ ich hinein und dampfe unzerstörbar in der Glut der Gesteine. Über Länder und Meere zieh‘ ich, ich löse mich auf und bin wieder da, ich zerteile und balle mich, unverletzlich in meiner Freiheit. Und hier gibt es ein Übermächtiges, Unerreichliches, das Vergangenheit und Zukunft zusammenbindet – – Was künftig geschieht, ist schon hier im Schoße der Gegenwart, und doch unbemerkbar für mich, die Lebendige. Die Menschen müssen das sehen können, was ich nicht sehe, die geheimen Fäden des Lichts, mit denen der Hohe die Sterne zusammenzieht, daß sie morgen gehen wie heute, daß sie dem folgen, was er sich aussinnt. Und wenn es so wäre, und wenn auch ich folgen müßte einer Bestimmung – –« »Unsinn, ich folge nicht,« rief Turgula. »Sieh, wie ich glühe im Abendstrahl – – und nun verschwimme ich. Leb wohl, auf Wiedersehen am Morgen« Zarter und zarter wurde Turgula, ein schmaler, rosafarbener Schleier umschlang sie die höchsten Spitzen, und dann war sie verschwunden. * * * Von der Spitze des Blankhorns zuletzt unter all den andern Eisgipfeln des höchsten Gebirgs war der letzte Dämmerstrahl verschwunden. Über den Höhen der Erde, in den Tiefen des Weltraums schritten leuchtende Sterne den gewohnten Weg. Aspira blickte zu ihnen empor, wie sie es immer getan, in der heiligen Scheu einer unbewußten Ehrfurcht. Aber auch unter ihr glommen jetzt helle Sterne auf. Sie waren nicht so fern, nicht so alt. Aspira konnte sie erreichen, umhüllen, daß sie nur in die Nähe hineinleuchteten. Ja früher konnte sie sogar ihr Licht ausblasen, wenn sie einherstürmte in der Nebelnacht; jetzt ging das nicht mehr. Waren diese Sterne mächtiger geworden? Sie wußte, daß es die Sterne der Menschen waren, die sie in Schmalbrück anzündeten und überall, wo sie sich niederließen.

Durfte sie auf die Sterne verächtlich hinabblicken? Oder verdienten sie auch Ehrfurcht? Waren sie nicht vielleicht den hohen Himmelsleuchten näher verwandt als sie selbst, die bewegliche Tochter der Luft, des Höhenkönigs Migro frei wallendes, schwebendes Kind? Denn das war das Wunderbare, worüber sie nicht hinwegkam, seit ihr einmal Menschenwerk die holde Freiheit des Spiels gestört hatte: Es gab etwas, das sich ganz genau im voraus bestimmte, das dann gerade so kommen mußte und nicht anders. Nur noch die Sterne waren so unbegreiflich bestimmt. Der Fels und das Wasser stürzten und der Gletscher zerbarst, aber niemals wußte man genau, wann und wo und wie und in welcher Form. Jedes Frühjahr ergrünte das Tal und die bunten Blumenaugen schauten in die Sonne und badeten sich in den Tropfen des Taus. Aber nie konnte man wissen, wo und wieviele Augen sie im nächsten Jahre aufschlagen würden, und kein Blättchen und kein Tröpfchen war genau so groß und genau so gelagert wie vorher. Aber Menschenwerk das konnte bestimmt sein wie die Sterne.

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