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Alme oder Egyptische Märchen – Benedikte Naubert

Wer kennt nicht die 1 Almé der Egyptier? – Ihr Völker des Nils, und ihr, Bewohner der fernen Inseln, die ihr etwas von ihr vernahmt, höret ihren Ursprung. Ich war die Tochter des weisen Sopher, und mein Name ist Almé Rusma. Ich rede zu euch von vergangenen Zeiten. Mich drückt die Last der Jahre. Wenn du, o Volk des Nils, und ihr, ihr Jungfrauen der Isis, die ihr es nicht unwerth seyd, meinen Namen zu führen, diese Blätter lesen werdet, so wird die Tochter des weisen Sopher nicht mehr seyn, und die schöne Rusma, die Gemahlin des königlichen Menes von Oxirynchus, ist denn längst hinabgewallt auf den Fluthen des schwarzen Sees zu den Wohnungen der Todten. Sopher Ben Helion, den ich als Vater ehrte, ungeachtet er wahrscheinlich nur der Pfleger meiner verlassenen Kindheit war, lebte mit mir zu Bubastus in dürftiger Dunkelheit. Jedermann kannte ihn unter dem Namen des weisen Sopher, viele kamen seinen Rath, seinen Unterricht zu suchen, aber keiner lohnte ihm nach der Wichtigeit der Gabe, die er von ihm erhalten hatte, auch war Sopher sehr bedenklich Belohnungen anzunehmen. Als einst ein großer König kam, und die Stadt belagerte, darin Sopher lebte, da ward es ihm kund, daß in derselben ein armer weiser Mann sey, der die Stadt retten könne mit seiner Weisheit: da sagte er den Bürgern an, er wolle friedlich von ihren Mauern ziehen, so sie die Stimme des Weisen hören, und ihr gehorchen würden. Sie kamen zu dem weisen Sopher, sie hörten seine Stimme, sie gehorchten ihr; der König hob die Belagerung auf, aber, indem er befriediget von dannen zog, und die Bürger gerettet waren, schmachtete Sopher, durch den alles dieses geschah, nach wie vor, unbelohnt in seiner Dunkelheit, auch wollte er nicht aus derselben hervorgezogen, auch wollte er nicht belohnt seyn. Seine Weisheit machte, daß er die Lasten der Armuth nicht fühlte, und beklagte er sich je über dieselben, so geschah es um meinetwillen. Ich war schön, war erst achtzehn Jahr; Sopher hatte das gewöhnliche Ziel des menschlichen Lebens schon längst zurückgelegt; was sollte aus mir werden, wenn er hinüber ging in die Wohnungen der Seligen und mich zurückließ, in einer Welt, die ich nicht kannte, und vor deren Fallstricken nur meine Tugend mich schützen konnte; ein schwacher Schutz, wenn nicht schirmende Weisheit, oder Macht und Ansehn ihr zur Seite steht. Meine Tochter, sagte der weise Sopher zu mir, als er mich den Tag vor seinem Tode näher zu seinem Lager rief, an dessen Füßen ich schon mehrere Nächte verweint hatte, Almé Rusma! Erbin künftigen glänzenden Glücks, und jetzt so elend! was soll ich dir sagen, deine Thränen zu trocknen? Soll ich dir die Geschichte meines eigenen Lebens erzählen, das, ob es sich gleich jetzt in Dunkelheit endigt, doch Scenen voll Macht, Freude und Hoheit in sich schließt, auf die ich im Anfang meiner Tage nicht rechnen konnte. – Zu lang würde diese Geschichte für meine wenigen gezählten Augenblicke, zu angreifend für meine geschwächten Kräfte seyn; ich bitte dich, Almé, schenke sie mir! Begegnen wir uns einst, dort in jenen Gegenden des Lichts, wohin ich gehe, so wird es Zeit genug seyn, dich von Dingen zu unterhalten, die dir jetzt unglaublich dünken würden. Selig wird uns dort der Rückblick auf unsere vergangenen Schicksale machen, und der Schluß all unserer Betrachtungen wird seyn: Gut war, was uns hier begegnete! Wir trauerten nie ungetröstet! Der Nacht folgte allemal der Tag, und einem kummervollen Leben machte der Wink des lächelnden Engels ein Ende, der jetzt mir nur sichtbar zu den Füßen meines Lagers steht. Nimm diesen Trost, er ist ein Strahl der Ewigkeit, den ich dir aus jenen bessern Regionen herüberhole. Eine Rede, wie diese, war wenigstens nicht gemacht, mich im gegenwärtigen Kummer aufzuheitern. Der Gefangene, welcher im Begriff ist, die Fesseln abzulegen, spricht freylich aus einem Tone, den sein im Kerker zurückbleibender Gefährte, welcher noch obendrein das nahe Scheiden seines letzten Freundes betrauert, nicht zu fassen vermag. Almé, begann Sopher in der Nacht, die diesem Tage folgte, sind deine Thränen noch nicht getrocknet? Bedenke doch, daß ich lang genug gelebt habe. Bestreite doch nicht der Natur ihre Rechte, von welchen ich so lang eine wunderbare Ausnahme gewesen bin. Du weist nicht, wie viele Jahre dein Vater zählt! Als Philadelphus 2 jene Weisen aus Palästina rief, die Alexandrinische Büchersammlung mit der Uebersetzung der ältesten Documente der Menschheit zu bereichern, da war ich, als Knabe, unter ihrem Gefolge. Als 3 Amrou, der Feldherr des Kaliphen Omar, Alexandrien eroberte, und den unschätzbaren Schatz der menschlichen Weisheit zerstörte, den ich durch acht Jahrhunderte hatte erwachsen sehen, und sammeln helfen, da fühlte ich erst das allmählige Abnehmen jugendlicher Kräfte. Es ist in diesen darauf folgenden achtzehn Jahren, da du an meiner Seite lebtest, schnell mit mir bergab gegangen. Die Mittel, welche mir so lang mein Leben fristeten, wurden von mir auf die Seite gesetzt, und nun muß ich sterben! Dünkt es dir, daß dieß zu früh geschieht? Ich fand die Dinge, die mir Sopher sagte, unglaublich, oder vielmehr, ich würde sie für unglaublich gehalten haben, hätte ich damals für etwas anders Gefühl gehabt, als für meinen Schmerz. Meine schwimmenden Augen ruhten auf der Hand des Weisen, welche die meinige sanft drückte. Nur zuweilen blickte ich auf, um das ehrwürdige Gesicht noch einmal zu sehen, das nun bald durch die Schatten des Todes sollte entstellt werden.


Jetzt ruhte noch die Heiterkeit der sinkenden Sonne am Abend eines schönen Tages auf denselben. Sophers Augen strahlten Freude, seine Seele schien in seliger Erwägung der Vergangenheit verloren. Es ist sonderbar, sagte er nach einem langen Stillschweigen, wie jetzt auch die trübsten Tage meines Lebens Spuren von Herrlichkeit in meinen Augen haben! – Es war eine fürchterliche Scene, da Amrous Wuth, zuletzt auch das Haus, welches die alten Ptolemäer den Wissenschaften geweihet hatten, den Flammen opferte. Die Söhne der Weisheit, die ihre beständige Wohnung bey der unerschöpflichen Quelle des Wissens hatten, wurden von der überhand nehmenden Glut aufgescheucht; so zerstreut der Wind aus der Wüste die Vögel der Nacht, die in den Ruinen von Theben hausen. Ich war mitten unter den fliehenden Weisen. Jeder von uns rettete das Buch, das er, nach eingeführter Sitte des Orts, eben auf seiner Zelle verwahrte; auch ich rettete das meinige. Du wirst es, mit Anmerkungen und Zusätzen von meiner Hand vermehrt, in meiner Verlassenschaft finden; es ist nicht so, wie ich es gewählt haben würde, sondern wie es das Gesetz, das den Weisen auflegte, alle Bücher der großen Sammlung nach einander zu durchlesen, diesen Tag eben in meine Hände geführt hatte. Die Flammen wollten mir meinen Raub bestreiten. Dreymal entfiel er mir im Fliehen mitten in die Glut, und dreymal rettete ich ihn. Dieses war ein Tag, da ich noch ein größeres Kleinod retten sollte. – Mit unvergänglicher Herrlichkeit bekrönt das Glück, das mir damals geschenkt wurde, einen der schwärzesten Tage meines Lebens, nie kann ich den Verlust, den ich an demselben erlitt, ohne seinen Gewinn denken; er erheitert noch meine letzten Augenblicke diesseit des Grabes. – Wisse, der Tag des Alexandrinischen Brandes gab mir dich, meine Almé! – Doch hiervon bin ich dir umständlichere Nachricht schuldig! – Morgen, mein Kind, morgen! – Jetzt bin ich zu matt, und meine Augen schließen sich zu unwillkührlichen Schlummer. Der weise Sopher schloß die Augen, um sie nie wieder zu öffnen. Des andern Morgens weinte ich trostlos bey seiner Leiche. Doch nein, nicht trostlos! Was hätten mir die Lehren des Weisesten unter den Menschen genützt, hätte ich bey seinem Grabe verzweifeln wollen? Hier lag mir es ob, Proben abzulegen, daß die unglückliche Rusma der Liebe und des Zutrauens ihres Vaters nicht unwürdig war. O es war die strengste Probe meines Lebens! Ihr, die ihr in der Folge hier und da Spuren von Stärke und Standhaftigkeit in Almés Betragen zu finden meynen werdet, setzet sie tief unter jene Anstrengung, die mir damals das Leben erhielt. Mit dem Grame um meinen Verlornen verbanden sich bald Sorgen um die Mittel, mein Leben hinzubringen; doch dieses Leben war mir so gleichgültig, daß ich mich weniger um dasselbige bekümmerte, als um den Unterhalt einer Person, die bisher meine und Sophers Leidensgefährtin gewesen war, und die ohne mich ganz verlassen gewesen wäre. Diese geliebte, mir nach Sophers Tode doppelt unentbehrlich gewordene Person war nur eine Sclavin, doch dies verminderte nicht ihren Werth in meinen Augen. Iphis war meine Freundin, war die erste Pflegerin meiner Kindheit gewesen, ich hatte ihre Milch getrunken, wie hätte ich für sie nicht die Gefühle einer Tochter hegen sollen? Ich musterte mit ihr des weisen Sophers sparsamen Nachlaß, und verweilte bey jedem Theil desselben, das Spuren seines Andenkens trug, mit dankbaren Thränen. Nach Abzug einiger dringenden Schulden, besaß ich, ausser dem nothwendigen Hausgeräth und wenigen Goldstücken, nichts, als jenes Buch, dessen mein sterbender Vater in seinen letzten Augenblicken gedachte, und einen goldnen Gürtel, welcher von einigem Werth seyn mochte, und den ich, um mir und meiner Mutter, diesen Namen gab ich der treuen Iphis am liebsten, ein bequemeres Leben zu verschaffen, zu verkaufen beschloß.

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