| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Erzählungen – Theodor Körner

Ich versprach, Liebster, bald Nachricht von mir zu geben. Kaum bin ich vierundzwanzig Stunden von Dir entfernt, und schon erfülle ich meine Zusage. Du musst gestehn, das heißt pünktlich sein. Diese Tugend der Solidität kommt aber mir, als baldigem Ehemanne, von Rechtswegen zu, deswegen will ich weiter kein Lobens davon machen. Ich glaube, es gibt im ganzen menschlichen Leben keinen gewagtern und weitern Sprung, als mitten aus dem freien, fröhlichen Stundentenleben heraus in das Staatsgefängnis der Ehe. Dieser salto mortale soll manchem schon den Hals gebrochen haben; ich hoffe aber, ich werde glücklich sein. Frisch gewagt ist halb gewonnen. – Du bewunderst, wie Du mir so oft gesagt hast, meinen leichten Sinn bei diesem wichtigen Schritte. Der, wie Du Dich ausdrückst, das Glück meiner Zukunft bestimmen muss. Ich begreife nicht, wie ich anders sein sollte. Du weißt ja, wie es Familienverhältnisse durchaus verlangen, dass ich die junge Gräfin Stellnitz heiraten muss, wenn ich nicht eine bedeutende Erbschaft einbüßen will, die mir nur unter dieser Bedingung zufällt. Die Herren Väter haben die Sache abgemacht, und der meinige hat mir vor kurzem erst alle meine lustigen Burschenstreiche, mit Einschluss einiger tausend Tälerchen Schulden, vergeben, ohne eine saure Miene zu machen, ich kann ihm also diesen Gefallen wieder tun; übrigens soll ja meine Braut ein Engel sein, wie sich mein Vater ausdrückt, sittsam, fromm, gebildet, liebenswürdig und nota bene reich; kurz, wenn ich seinen Beschreibungen trauen darf, so erwartet mich ein paradiesisch Leben. Dass ich mir meine Zukunft nicht mit den zauberischen Farben einer glühenden Leidenschaft ausmale, glaubst Du mir wohl. Ich lasse es nun so über mich ergehen. Bis jetzt hab‘ ich die Liebe nie für etwas anders als für eine momentane Belustigung angesehen. Was man mir von ewiger Treue, von häuslicher Glückseligkeit etc. etc. erzählt hat, hab‘ ich nur für schöne Träume gehalten. Die Liebe, die das Herz mit ewiger Sehnsucht füllen soll, fühlt‘ ich noch nie, und ich bin überzeugt, dass mich weibliche Reize nicht so leicht aus der schönen Ruhe bringen und mir die fröhliche leichte Ansicht, die ich der Welt abgewonnen habe, rauben können. Doch still davon; lass Dir nun erzählen, wie ich hierher gekommen bin. Du weißt es, wie mein Vater die romantische Idee hat, mich meiner Braut erst in Schandau, in dieser schönen kräftigen Natur vorzustellen, um der Sache etwas erhöhtes Interesse zu geben, und wie sie in etwa drei Tagen hier ankommen wird. Ich bin nun voraus gereist, um noch einmal die ganze Freiheit meines Lebens austoben zu lassen, ehe ich mich in die Rosenfesseln des ehelichen Jochs schmiegen muss. Hier, wo ich schon so oft der der glücklichen, fröhlichen Stunden manche verlebte, will ich mich an die herrliche Zeit der vergangenen Tage erinnern und so in mir eine Stimmung zu erwecken suchen, die meiner frommen Braut gefallen soll. – Ich leugne nicht, ich bin doch erschrecklich neugierig, wie sie nur aussehen mag. Da ich ihr nie habe schreiben dürfen, weil mein Vater sich den größten Spaß von unserm hiesigen Zusammentreffen denkt, so weiß ich platterdings gar nichts von ihr.


Nicht einmal ihren Vornamen! Das ist doch ein wenig zu toll von meinem Alten. Er ist seiner Sache so gewiss, dass wir beide uns behagen müssen, dass er sich’s gar nicht anders denken kann. – Nun Gott gebe nur, dass sein künstlich angelegtes Freuden- und Liebesfest nicht ein schlimmes Ende nehme! – Du hast mich gebeten, ich soll Dir eine Schilderung meines Wegs und der hiesigen Natur geben. Herzensfreund, das erlass mir. Erstens hab‘ ich jetzt viel zu wenig Ruhe in mir, denn der Gedanke, einer Braut entgegenzureisen, hat mich doch mehr bewegt, als ich mir selber gestehen mag, und zweitens müssen solche Beschreibungen für den, der nicht selbst sah und an Ort und Stelle war, immer kalt und tot und nichtsbedeutend bleiben, und Du bist ja bis jetzt samt Deiner lieblichen Marie noch nicht aus den engen Stadtmauern herauszubringen gewesen. Was hilft es Dir also, wenn ich Dir sage, wie die beiden Riesen, der Lilien- und der Königstein, am Eingange Wache halten, wenn man zum Allerheiligsten dieser erhabenen Natur eindringen will, und wie sie sich gleich den Säulen des Herkules drohend gegenüberstehen. Hast Du dann einen Begriff von diesem herzbegeisternden Anblick? Nein, nein; komm nur bald und siehe selbst, und Du fühlst wie ich, dass so etwas bei der kräftigsten Schilderung dennoch verlieren muss. Solche Malereien erfreuen vielleicht manchen, wenn er selbst da war und an jene toten Worte seiner Freuden und an seine Entzückungen anknüpfen kann, und so kann er in der Erinnerung noch einmal alle Lust der eigenen Reise genießen; aber jedem andern muss das Bild bedeutungslos erscheinen. Ich halt es fürs Vernünftigste, wenn man an solchen Kraft und Prachtplätzen der Natur nur seine Empfindungen so individuell als möglich ausspricht. Das wird jeden erfreuen. Ich kann mir viel leichter aus der Stimmung, in die ein Mensch beim Anblick einer Naturschönheit versetzt wird, den Charakter derselben versinnlichen, als durch jene Schilderungen, die kaum an Deutlichkeit und treuer Darstellung den Schattenrissen gleichkommen. Doch ich komme ja wider Willen ins Reflektieren. Es ist schon ziemlich spät, und meine Augenlider erinnern mich, dass ich heut schon eine ziemliche Fußtour gemacht habe. Grüße Dein liebes, holdes Weib und schreibe mir bald. * Isidore an Josephinen Tetschen, den 1. Juli Schon schläft alles, liebe Josephine, nur Deine Isidore ist noch wach und eilt, Dir die versprochene Nachricht von ihrer Reise zu geben. Im Geiste bin ich bei Dir und erzähl‘ es Dir mündlich; wir sitzen in unserer lieben Zelle, Du an dem großen Bogenfenster und ich am Kamine; die Kerze ist niedergebrannt, und der Mond blickt so freundlich durch die gemalten Scheiben. Mir ist’s, als hört‘ ich die Linden vor den Fenstern rauschen; ist’s doch jetzt um mich so still wie in meinem lieben, lieben Kloster, das ich so ungern verließ, um dem Sturm der Welt entgegenzugehn. – Ach, und welchen Verhältnissen geh‘ ich entgegen! Ich weiß nicht, wo ich, in klösterlicher Einfalt und Demut erzogen, den Mut hernehmen, den Gedanken an die Zukunft zu ertragen. Sonst, wenn wir traulich beisammensaßen und ich die künftigen Zeiten erwähnte, da malten wir uns so froh, so glücklich ein häusliches Leben, und ich gewöhnte mich an den Gedanken, dass meine Hand schon früh meinem Vetter bestimmte sei. Wir schmückten meinen Unbekannten mit allem, was unsre Fantasie nur Schönes bildete, und er war der Punkt, um welchen sich alle unsre Träume bewegten. Und jetzt soll ich nun demAugenblick entgegengehn, der alle meine schönen Hoffnungen zertrümmern soll? Ach ich fühl’s, wie ich mir ihn träumte, kann er nicht sein, und wenn er anders ist, bin ich unglücklich. Mein Vater hat mir viel Gutes von ihm erzählt, aber will mich mein Vater nicht bloß beruhigen? Er glaubt vielleicht, weil ich noch nie in Männergesellschaft war, so muss jede einen tiefen Eindruck auf mich machen. Ach, er irrt. In unserer klösterlichen Stille haben wir uns unsre Ideale wohl zu kühn aufgestellt; kein Mann wird sie erreichen.

So wird vielleicht mein ganzes geträumtes Erdenglück zerstört, und mir bleibt nur der Trost, den Willen meines gütigen Vaters treu befolgt zu haben. Den ganzen Tag über hab‘ ich mir schon Zwang angetan, dass er nicht merke, wie es in meiner Brust wogt; es würde ihn betrüben, und das bräche mir das Herz. Ach wie gut, dass ich noch einige Tage in dieser schönen Natur umherstreifen darf, ehe mein Bräutigam kommt; vielleicht find‘ ich die Ruhe wieder, die mich beim Abschied von meinem geliebten Kloster verließ. – Arme Isidore! Das Bewusstsein die kindliche Pflicht erfüllt zu haben, kann mir das alle Erdenseligkeit ersetzen? – Ach, ich fühl‘ es so lebhaft, ich bin diesen Erdenstürmen nicht gewachsen, ich bin zu weich; nur das Kloster ist der Kreis, wo ich leben und wirken mag! – Heute früh verließen wir Töplitz; der Vater ließ dort alles zurück, außer einem Bedienten, um ungebundener der schönen Natur leben zu können. Wir fuhren nach Aussig, wo mich der Anblick der Elbe wunderbar überraschte. Von hier ließen wir uns überfahren und gingen dann auf den Schreckenstein zu, eine alte Ruine, die auf steilen Felswänden das ganze Tal beherrscht; Du glaubst nicht, welchen Eindruck es auf mich machte, als ich oben im verfallenen Rittersaale saß! Tief unter mir rauschte die Welle, und mein Blick flog dem Strome nach, der, von hohen Seinwänden umschlossen, so ruhig, so groß dahinfloss. Ich musste weinen. Mir war’s so wehmütig und doch so selig im Herzen. Sonst konnte mich solch ein Anblick so kindlich froh machen, und jetzt – ach Josephine! Deine Isidore hat sich sehr verändert! –

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |