| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Erzählungen – François-René de Chateaubriand

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wohnte zu St. Malo in der Bretagne Herr Leprêtre, ein finsterer, mürrischer Charakter, der weder mit dem damaligen Zeitgeist, noch mit seiner Familie auf gutem Fuße stand und sich ersterem zum Trotz in die Erinnerung an die gute alte Zeit feudalistischer Vorrechte und Anmaßungen versenkte. Es mag ihm manchmal recht weh gethan haben, daß er sich versagen mußte, weitere Kreise mit all den Chikanen zu bedenken, die er seiner Familie und seiner frommen, gemüthreichen Frau in desto vollerem Maße zu theil werden ließ. Auch nachdem er infolge Besitzübernahme eines der ausgestorbenen Familie Chateaubriand früher zugehörigen Landguts sich den Namen dieser Familie zugelegt, ward die Laune des Herrn nicht besser; Furcht und Zittern herrschte unter seiner häuslichen Umgebung, und der nachgeborne Sohn, François René, der später als Dichter, Historiker, Philosoph, Publicist, Staatsmann, Minister, Diplomat, Pair und Parteihaupt so berühmt gewordene Vicomte de Chateaubriand, erblickte das Licht dieser Welt 1768 unter sehr ungünstigen Auspiecien. Selbst finster, verschlossen und ungesellig, bemerkte der heranwachsende Knabe es kaum, wie wenig ihm von dem größten Glück der Jugend, der durch eine heitere Umgebung mit Vorbedacht genährten kindlichen Heiterkeit, zugemessen wurde. In die Träume seiner frühesten Kindheit tönte das Geräusch der Wogen des Atlantischen Oceans, mit denen tagsüber der Herr Papa um die Wette brummte, und als die Familie später auf dem Schloß Combourg Wohnung nahm, konnten die dunklen Gänge, in welchen der Schritt des Kindes ein dröhnendes Echo weckte, die geheimnißvollen Wendeltreppen der massiven Thürme, die vielen unheimlichen Winkelchen des alten Nestes den zum Düstern hinneigenden, phantastischen Charakter in seinem einseitigen Wachsthum nur fördern. Da den kleinen François künftighin nur ganz besonders glückliche Umstände, wie z.B. Sterbefälle und dergleichen, bei dem Erbrecht, welches dem Erstgebornen den Löwenantheil zusprach, vorwärts bringen konnten, so wurde er schon bei Zeiten für den geistlichen Stand bestimmt, nicht ohne besonderes Zuthun seiner frommen Mutter, die keinen höhern Wunsch kannte als den, in dem Knaben einst den gottgeweihten Priester zu sehen, und aus dieser gehofften Zukunft des geliebten Sohns den Trost schöpfte, den ihr eine freudenlose, traurige Gegenwart versagte. Den üblichen Schulunterricht empfing der kleine Chateaubriand in dem Kollegium zu Dol und dann in dem zu Rennes. Hier machten von den Schriften, die ihm in die Hände kamen, die Bekenntnisse des Augustinus und die Dichtungen des alten Horaz den bedeutendsten Eindruck auf seinen empfänglichen Geist. Des lebensfrohen, muntern Heiden Belehrung scheint den Studenten jedoch mehr angemuthet zu haben, denn trotz der Frömmigkeit des heil. Augustin gab er seiner ursprünglichen Absicht, sich dem geistlichen Stand zu widmen, den Abschied und trat mit großen Hoffnungen in die königliche Garde ein. Der trockenen Beschäftigung, sich selbst und die unbehülflichen Rekruten im Kamaschendienst zu üben, ward der junge Unterleutnant, der voll Ehrgeiz und Eigenliebe nach Paris gegangen war, bald überdrüssig. Glücklicherweise hob ihn seine verwandtschaftliche Verbindung mit Malesherbes, dem gefeierten Dichter, über die niederen Regionen, in welche ihn seine militärische Stellung bannte, empor und verschaffte ihm auch in höheren Zirkeln eine freundliche Aufnahme; er ward sogar dem König vorgestellt, freilich ohne von demselben der Anrede und nähern Kenntnisnahme gewürdigt zu werden. Bei dieser Unterstützung ließ es der gefällige Malesherbes übrigens nicht bewenden, sondern gab dem jungen Leutnant auch Gelegenheit, in das Getriebe der Staatsmaschine Einblick zu nehmen. Die politischen Finessen reizten ihn anscheinend nicht, seine Neigung wandte sich vielmehr literarischer Beschäftigung zu: als Schriftsteller wollte er Ruhm erwerben. Der bescheidene Erstling seiner Muse, eine gefühlvolle Idylle, fand wirklich den Beifall hochansehnlicher Leute – Laharpe lobte die Versifikation, und Chamfort meinte, das Ding sei für einen jungen Edelmann nicht übel. Gleichwohl machten diese ersten Lorbeerblätter den Effekt nicht, welchen Chateaubriand davon wünschte; die böse Welt gab nicht weiter darauf Acht. Einen Namen von Klang und Ruf zu gewinnen, mußten andere Versuche gemacht werden, und nach der Legende soll es der besonnene, allem extremen Wesen fremde Malesherbes gewesen sein, der dem jungen Streber ein Ziel zeigte, phantastisch genug, um ihn zu begeistern, großen Ruhm versprechend, wenn die Arbeit glückte. »Suchen Sie den Seeweg nach Asien um das arktische Amerika herum«, soll er ihm gesagt haben, und sofort beschloß der junge Mann, das Feuer seines Ehrgeizes gegen die nordischen Eisblöcke in den Kampf zu führen. Im Frühjahr 1791 schiffte er sich nach Amerika ein und suchte, in Philadelphia angekommen, Washington auf, der den Schwärmer mit Wohlwollen empfing, ihm jedoch die großen Hindernisse nicht verbarg, die sich dem Unternehmen entgegenstellen würden, da er aller Hülfsmittel und aller höhern Protektion entbehre. Schnell gefaßt, erwiderte Chateaubriand, es scheine ihm leichter, den gesuchten Durchgang zu finden, als ein neues Volk zu schaffen; der welterfahrene Washington erkannte seinen Mann und entließ ihn, ohne weitere Einwendungen zu machen, freundlich, wie man einen Don Quijote behandelt, den zu kränken nichts nutzt. Die Entdeckungsreise wurde angetreten; Fußwanderungen brachten den kühnen Forscher in die Urwälder, und voll der Wunder, mit welchen ihn die neue und doch so alte Welt überraschte, staunend vor der Riesengewalt der Natur, die in den Niagarafällen so unerschöpflich und so sichtbar tobt, verlor er sich in einer verehrenden Betrachtung der Horden, an welche die Civilisation noch keinerlei Feile angelegt. Daß der Mensch, wie er aus der Hand der Schöpfung hervorgeht, ein ziemlich unsauberes Stück Arbeit ist, ein des Zuschnitts sehr bedürftiges Wesen, an welches viel Seife, Fibeln und Schiefertafeln gewandt werden müssen, viel Aerger und gute Worte, ehe man es seinem Schöpfer vorstellen kann, ohne sich selbst dadurch zu blamiren, das übersah Chateaubriand absichtlich.


Er hauste in den Wigwams der Indianer, rauchte die Friedenspfeife mit ihnen und fühlte sich wahrscheinlich dem Weltgeist näher, wenn er sich im Kreis der dummpfiffigen Patrone in das Studium ihres Wesens vertiefen konnte. Man schwärmte damals für solche Urzustände (s. Seume’s weltbekannten Kanadier, der ja auch zu den »besseren Menschen« gehört), man wollte nicht daran glauben, daß der Egoismus nie schärfer hervortritt als im Kindesalter des Einzelnen wie der Völker, daß der roth angestrichene, mit Adlerfedern besteckte und mit Thierfellen behängte Waldteufel, der bei guter Laune den verirrten Wanderer mit Hummer, Lachs und frischem Bärenschinken füttert, bei schlechter Laune den ersten besten ohne Gewissensskrupel todt schlägt. Die neueste Zeit hat freilich diese Verehrung für Urmenschen abgethan, und was sich dem Schritte der modernen Kultur entgegenstemmt, wird einfach vernichtet. Chateaubriand, traf es gut bei den Indianern und hatte der nordwestlichen Durchfahrt gänzlich vergessen, als ihm eines Tags der Zufall eine zerrissene englische Zeitung in die Hand drückte, welche wundersame Mär enthielt von der Flucht des Königs von Frankreich und den Vorgängen in Varennes. Damit war seinem Ehrgeiz ein neues Ziel gegeben: unverzüglich schiffte er sich nach Europa ein (1792). Paris traf er im Zustand vollkommenster Gährung und sah sich selbst dort bald bedroht, floh deshalb nach Brüssel, wo ihn die »ritterlichen Getreuen« wie einen Saumseligen empfingen, der es nicht verdiene, an der glorreichen Wiederherstellung Frankreichs teilzunehmen. Aus Gnade nur in ein Regiment der Prinzen eingereiht, durfte er den unglücklichen Feldzug von 1792 mitmachen, ward bei Thionville verwundet und kam krank und sehr elend nach England. Die Mildthätigkeit freundlicher Menschen rettete ihn vom Tod, er genas; aber vereinsamt und ohne Fürsprache, mußte er, um sich die nöthigen Subsistenzmittel zu verschaffen, Unterricht im Französischen ertheilen und um kargen Lohn für Buchhändler übersetzen. Ungeachtet seiner bedrängten Lage trat er damals mit seinem »Essai historique« hervor, der die Frucht anstrengender nächtlichen Studien war; er vertrat darin die Ansicht, daß alle Revolutionen das Menschengeschlecht nicht fördern, daß die Opfer, die sie kosten, den Erfolg, den sie haben und haben können, bei weitem überwiegen. Dabei verkündete er aber politische und religiöse Meinungen, die sich für den Emigrirten nicht recht schickten, und die er später bei Gelegenheit einer neuen Ausgabe des Buches widerrief. Aber schon um diese Zeit bereitete sich seine religiöse Umwandlung vor, als ihm der Tod seiner frommen Mutter mit der Bemerkung gemeldet wurde: die Verirrungen des Sohns hätten das Herz der durch die Revolution schwer Betroffenen vollends gebrochen. Bald danach starb auch seine Schwester. »Diese Stimmen«, sagt er, »die aus dem Grab zu mir sprachen, dieser Tod, der mir die Bedeutung des Todes zeigte, erschütterten mein Innerstes, und ich ward ein Christ.« Im Jahr 1800 nach Frankreich zurückgekehrt, trat Chateaubriand mit dem Roman: »Atala«, der ersten Aeußerung seiner neuen Geistesrichtung, an die Öffentlichkeit und ließ ihr 1802 »Der Geist des Christenthums« folgen; »Atala« bildet darin das 18. Buch. Diese Schrift, eine mit allem Zauber der Beredsamkeit und Dichtung ausgeschmückte Apologie despositiven Christenthums, sollte das Chaos des bewegten Menschenlebens von dem Standpunkt einer religiösen Philosophie aus erläutern und erhellen; sie machte großes Aufsehen und gab dem Autor eine Stelle unter den genanntesten Schriftstellern seines Volks und seiner Zeit. Er hatte sie Bonaparte, dem damaligen Ersten Konsul, gewidmet und in der Zueignung gesagt: »Ich übergebe das Werk dem Schutz dessen, welchen die Vorsehung von lange her bezeichnet hatte zur Erfüllung ihrer wundervollen Absichten«. Der allmächtige Konsul, von dem Wunsch beseelt, zur Erreichung politischer Zwecke das Ansehen der Kirche wieder hergestellt zu sehen, zeigte sich dem neuen Apostel loyaler Lehre gegenüber nicht undankbar. Schon früher hatte Chateaubriand zugleich mit Fontanes und Laharpe das Privilegium zur Herausgabe des streng konservativen Journals »Mercure de France« erhalten; jetzt (1803) wurde er der Gesandtschaft in Rom als Sekretär zugetheilt, wußte sich jedoch in diese Stellung nicht zu finden und verließ infolge von Mißhelligkeiten, die zwischen ihm und dem Kardinal Fesch ausbrachen, Rom ohne höhern Auftrag, um nach Paris zurückzukehren. Dem Ersten Konsul gefiel zwar dieses ungebundene Wesen nicht, doch glaubte er, dem Mann, dessen gewichtigen Beifall er ungern entbehrte, manches nachsehen zu müssen, und ernannte ihn zum Gesandten in Wallis. Auch verschaffte sein mächtiges Wort dem Werk über das Christenthum einen der von ihm gestifteten zehnjährigen Preise des National-Instituts. Das freundliche Verhältnis zwischen dem Despoten und dem Dichter schien fest begründet, als der erstere diesem durch die Hinrichtung des Herzogs von Enghien über seinen wahren Charakter die Augen öffnete. Chateaubriand sah, daß er sich gründlich geirrt, als er Bonaparte für einen jener Menschen nahm, »welche die Gottheit, wenn sie des Strafens müde ist, zum Zeichen der Versöhnung auf die Erde sendet«. Mit einer ihm sehr wohl anstehenden Mannhaftigkeit brach der Dichter seine erst so kurz begonnene politische Laufbahn ab und trat 1806 eine Reise nach dem Orient an, von der er im Mai des folgenden Jahrs zurückkehrte.

Er brachte »ein Dutzend Kiesel von Sparta, Argos und Korinth, einen Rosenkranz, ein Fläschchen Wasser aus dem Jordan und etwas Schilfrohr von den Ufern des Nils als Zeugnisse seiner Pilgerfahrt und seines Glaubens« von dieser Reise mit, zugleich aber auch das Koncept zu demjenigen Werk, welches den Höhepunkt seiner Autorschaft bildet, zu dem religiösen Epos: »Die Märtyrer oder der Triumph der christlichen Religion«, dem sich seine religiös-poetische Reisebeschreibung: »Von Paris nach Jerusalem und von Jerusalem nach Paris« anschloß.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |