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Eine Frau zu sehen – Annemarie Schwarzenbach

Eine Frau zu sehen: nur eine Sekunde lang, nur im kurzen Raum eines Blickes, um sie dann wieder zu verlieren, irgendwo im Dunkel eines Ganges, hinter einer Türe, die ich nicht öffnen darf – aber eine Frau zu sehen, und im selben Augenblick zu fühlen, dass auch sie mich gesehen hat, dass ihre Augen fragend an mir hängen, als müssten wir uns begegnen auf der Schwelle des Fremden, dieser dunkeln und schwermütigen Grenze des Bewusstseins… Ja, in dieser Sekunde zu fühlen, wie auch sie stockt, beinahe schmerzhaft unterbrochen im Gang der Gedanken, als zögen sich ihre Nerven zusammen, von meinen berührt. Und war ich nicht müde, verwirrten sich nicht in mir Bilder des Tages, noch sah ich Schneefelder, darauf die länglichen Schatten des Abends, sah Gedränge der Bar, Mädchen gingen vorüber, wurden von ihren Tänzern wie Puppen getragen, leichtsinnig lachten sie rückwärts über ihre schmalen Schultern, neben ihrem Lachen setzte dröhnend der Jazz ein, und man flüchtete sich davor in eine kleine Ecke, da winkte Li, ihr kleines Gesicht zuckte weiß unter hohen, rasierten Brauen. Sie schob mir ihr Glas hin, eigensinnig zwang sie mich, es auszutrinken, und sie legte die schmalen Hände um den Nacken des Norwegers, tanzend schwebte sie vorüber, und er hing mit den Augen an ihren Lippen. Dann kam die kühle Winternacht uns entgegen, Lange ging neben mir und sprach in unbeholfenem Deutsch. „Es ist schade um Sie“. Sagte er, „Sie wissen nicht, wie gefährlich die mongolischen Mädchen sind“, das war Li, und ich nickte, obwohl Li nicht gefährlich ist, ein zuckendes Porzellangesichtchen unter schmal rasierten Brauen, weiße Hände, auch sie unaufhörlich zuckend auf den Schultern der Männer, die sie durch das Gewühl der Tanzenden trugen – Li lächelt ja, ein ängstliches Kinderlächeln kann um ihren Mund sein, und ich weiß, dass die Männer seine Süßigkeit lieben, aber was ist das: neben dem Lächeln der Kleinen, der Blonden und Unschuldigen, die ohne Absicht sind und uns draußen in der Sonne begegnen, die uns ansehen und die man liebt hat, auch wenn man müde ist und schlecht geworden vom leise beginnenden Ekel aus Lachen und Fröhlichkeit, aus dem Zuviel von Rauch und Lärm. Wie wohltuend streift die kühle Nachtluft mein Gesicht, Schnee klebt noch an meinen Schuhen. Schon ist neues Licht da, jemand nimmt mir die Skistöcke ab, ich gebe Lange die Hand, der eilig die Treppen hinaufgeht. Nun läute ich, der Liftboy schließt die Türe hinter mir, ich stehe mit gesenktem Kopf, während der Lift in der Halle hält: Einen Augenblick dringt Wärme und Geräusch hinein, ich hebe die Augen, eine Frau steht mir gegenüber, sie trägt einen weißen Mantel, ihr Gesicht ist braun unter dunkelm, männlich herb aus dem Gesicht gekämmtem Haar, ich erstaune vor der schönen und leuchtenden Kraft ihres Blickes, und nun begegnen wir uns, eine Sekunde lang, und ich fühle unwiderstehlich den Drang, mich ihr zu nähern, herber, schmerzlicher noch, dem ungeheuren Unbekannten zu folgen, das sich wie Sehnsucht und Aufforderung in mir regt – Ich senke die Augen und trete einen Schritt zurück. Der Lift hält. Der Boy öffnet die Türe, mit einer kaum wahrnehmbaren Neigung des Kopfes geht die fremde Frau an mir vorüber – 24. Dez 1929 Es ist spät geworden, und ich bin müde. Zuerst waren noch Andere mit mir, wir tranken Kaffee, spät erst aßen wir zu Abend, die meisten Tische im Restaurant waren leer. Neben uns saß der alte Herr, der mich gestern zu einer Schlittenfahrt eingeladen hatte und der mich abends an Frau Bernsteins Tisch führte, damit ich sie kennen lerne. Er lächelte mir zu, hob sein Glas und neigte sich grüßend gegen mich. Ich fühlte, dass nur die Anwesenheit Anderer ihn davon abhielt, zu sagen „Zum Wohl Ena Bernsteins“, und ich nickte ihm lächelnd zu, in mir aber brach eine Welle von Blut heftig auf und drang beklemmend an mein Herz. Schweigend aß ich weiter und warf nur hie und da einen Blick auf die große Türe des Restaurants, obwohl ich wusste, dass sie nicht mehr kommen würde, hatte sie mir doch selbst gesagt, dass sie abends in ihrem Zimmer esse oder bei ihrer Freundin. Endlich standen wir auf, der Kellner begleitete uns bis an die Türe, welche die beiden braungekleideten Boys eilig und mit devoter Verbeugung aufrissen. Ich blickte umher, mit heimlichem Unbehagen bemerkte ich, dass der Tisch von Direktor Boheim leer war, endlich gewahrte ich den alten Herrn, der mir von seinem einsamen Platz aus winkte, und folgte mit Erleichterung seiner Aufforderung, neben ihm Platz zu nehmen. Ein paar Mal kam Lange vorüber, er fragte, ob ich tanze, und als ich das zweite Mal zustimmte und mit ihm in die anstoßende Bar ging, benutzte er die Gelegenheit, um mich eindringlich zu bitten, mit ihm ins Dorf zu fahren, um einige Stunden mit seinen Freunden im Palace zu tanzen, und es gelang mir erst nach längeren Überredungsversuchen, ihn von diesem Plan abzubringen. Ich versprach ihm, meine Vettern – die kraft ihres Hüteramtes doch eine gewisse Gewalt über mich besäßen – von der Harmlosigkeit eines solchen Unternehmens zu überzeugen und demgemäß einen der nächsten Abende für ihn zu reservieren. Im Übrigen machte ich Lange den Vorschlag, mindestens meinen jüngsten Vetter Erwin mit einzuladen, während der Ältere, Wolfgang, weniger wegen eigener Abneigung als durch die energische Haltung seiner Frau hierzu weniger geeignet erschien. Als wir in die Halle zurückkamen, trafen wir gerade auf Wolfgang und Lucy, die den Lift erwarteten. Ich frug nach Erwin, versprach, ihn zu unterhalten, und wünschte ihnen eine gute Nacht. Schon im Aufzug, rief mir Lucy noch nach, sie schicke Rudi morgen um 9 Uhr in die Halle, ob ich ihn zum Skilaufen mitnehmen wolle.


Nachdem es mir gelungen war, Erwin mit Lange hinter einem Glas Whisky unterzubringen, konnte ich endlich zu meinem alten Herrn zurückkehren, der sich inzwischen in eine englische Wochenzeitung vertieft hatte. Er bot mir einen Stuhl an und bestellte neuen Kaffee, zog dann ein silbernes Zigarettenetui aus der Tasche und reichte es mir herüber. Dabei fiel mir eine Photographie auf, die in den Deckel geschoben war und auf welcher ich augenblicklich den schmalen Kopf, die herben und männlich klaren Züge Ena Bernsteins erkannte. Vielleicht zuckte ich einen Moment zurück, jedenfalls nahm er mit einem kleinen Lächeln die Photographie heraus, legte sie in meine Hand und bat mich, sie zu behalten. Verwirrt sah ich auf, unsicher über die Meinung seines Angebots, er aber nickte freundlich. „Die Photographie steht Ihnen eher zu als mir“, sagte er, „es ist die gerechte Strafe für meine Anmaßung (sie bei mir zu tragen), dass ich sie jetzt freiwillig in die Hand eines jungen Menschen lege, dessen Ansprüche besser zu seinen Wünschen passen als die meinen. “Es schien mir, als sei er bei diesen Worten gealtert, seine Haltung verlor einen Augenblick an Spannung, und sein ruhiges und wahrhaft edles Gesicht neigte sich müde den gefalteten Händen zu. Nachher erzählte er mir, als müsse er mir liebevoll die Richtigkeit seiner Worte beweisen und mich in meinen Ansprüchen – die ich nicht geäußert hatte – bestätigen und ermutigen.

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