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Die Weinlese – Johann Gottfried Seume

Wenn der Mensch nicht immer etwas hat, das ihm lieber ist als das Leben, wird das Leben selbst bald sehr alltäglich und schal. Jeder soll etwas mit dem ganzen Feuer seiner Natur ergreifen und daran hangen wie an dem Heiligsten des Denkbaren. Der Dichter glüht für sein Ideal, der Künstler mit ihm für das Höchste der Kunst, der Enthusiast für das Heilig-Mystische, der Philosoph für sein Gedankensystem, der Krieger für fleckenlose Soldatenehre, der Patriot für das Vaterland, der Weltbürger für allgemeines Wohl, der wahrhaft gute Mann für die Tugend. Die weise Ordnung der Dinge ist, daß alles Schöne und Gute endlich in einem Zwecke zusammentrifft. Jeder trägt seine Forderungen in die Wirklichkeit um sich her und mißt diese gebieterisch mit jenen; und mit Recht, wenn diese Forderungen aus der Tiefe der reinen, bessern Natur geschöpft sind. Wenn die Jämmerlichkeit rund umher ihnen durchaus in gar nichts entspricht, zieht er sich einsam in das innere Heiligthum seines Wesens zurück und lebt für andere Zeiten und bessere Menschen; wenigstens schmeichelt ihm damit sein Stolz. Dieses Streben nach dem Bessern und diese Einsiedlerneigung, wo es ihm nicht gelang, hat, so lange die Geschichte erzählt, viele bessere Seelen von dem großen Trosse geschieden, und ihnen verdanken wir meistens die Erhaltung und Aufhellung der Lichtpunkte in unserer Menschennatur. Praktisch thätig sein, ist besser, als todte Buchstaben schreiben, und die Männer von Marathon sind mehr werth als viele volle philosophische Schulen. Marathon schuf Salamis und Platäa; aber alle Secten der Philosophen haben kein Marathon wieder geschaffen. Wo man aufgehört hat zu handeln, fängt man gewöhnlich an zu schreiben; und je verworfener die Zeit ist, desto wortreicher ist sie, ausgenommen, wo gänzliche Mundsperre herrscht. Hierüber belegen die Griechen und Römer, und die Neueren widersprechen nicht. Wer möchte nicht lieber den Oelbaum der Athene Polias gepflanzt, als Professor und Vorfechter einer Philosophensecte gewesen sein? Doch es giebt Zeiten, wo zwar viel geschieht, aber nichts gethan wird, die begebenheitsreich, aber thatenarm sind: und in diesen ersetzt vielleicht das Wort die Handlung, damit der Funke, der Same besserer Frucht, nicht gänzlich in der Sumpfluft der Alltäglichkeit ersticke. Sokrates wäre gewiß mit mehr Feuer bei Salamis gewesen, was er bei Delia war, wäre sein Leben zwischen Marathon und Platäa gefallen. Da dieses nicht war, stritt er muthig und standhaft gegen den einreißenden Schwindelgeist und die Sittenverderbniß seiner Zeit. Die Griechen geben große Lehren Jedem, der hören und verstehen kann und will; ihre Kunst und ihre Dichtungen sind dem Menschen viel werth, aber weit mehr werth ist ihm ihre Geschichte. So wenig zuweilen fest bestimmte, geläuterte Rechtsbegriffe darin sind, so viel ist doch darin liebenswürdiger, mächtiger Enthusiasmus für alles Hohe und Göttliche in unserer Natur, so viele herrliche, feuervolle Winke, die alle des strengsten Vernunftbeweises fähig sind. Da ich keinen Wirkungskreis in den Weltverhältnissen haben kann, will ich spielen; damit man wenigstens sehe, nach welcher Norm ich vielleicht gewirkt haben würde, wenn mir das Schicksal einen Posten angewiesen hätte. Ich gebe meine Tropfen dem Ocean, mit der Hoffnung, daß sie da nicht ganz verloren gehen werden. Dies zur Entschuldigung, warum ich schreibe, und warum ich eben dieses Büchelchen schreibe. Herr Arndt war ein angesehener Kaufmann in einer der ersten deutschen Handelsstädte, nicht weit von dem Strome, der ehemals die Zierde des Vaterlandes und seine Vormauer war. Man nannte ihn einen guten Mann, nicht blos im gewöhnlichen Sinne der Geschäftssprache, wo Jeder gut heißt, dem keine Schuldforderung unbefriedigt einläuft, und dem kein Wechsel protestirt wird, seine Grundsätze mögen übrigens unter dem verdammlichsten Protest liegen. Das Geld war bei ihm nicht Zweck und Seele geworden, wie sonst nicht selten in seinem Fache der Fall ist, sondern blieb als Mittel immer untergeordnet den höhern Absichten seiner moralischen Natur. Wenn man die Biedermänner der Stadt nannte, hörte man seinen Namen unter den ersten ohne Clausel. Schon sein Vater war ein Mann in guten Umständen und von gutem Sinne gewesen; durch ihn hatte er also eine vernünftige, freundlichliberale Erziehung genossen, die seiner Moral mehr Festigkeit und seinen Talenten mehr Ausbildung gab. Er hatte die Welt gesehen von Cadix bis Petersburg und von London bis Neapel, hatte mit Ernst und Einsicht überall gedacht und gewählt und also von allen Orten das Gute und nicht, wie gewöhnlich, die Geckereien mit nach Hause gebracht.


Er war nicht eben gelehrt, aber auch nicht unwissend. Aus der Schule war ihm etwas von dem Cornelius Nepos und das griechische Alphabet übrig geblieben; in den neueren Sprachen aber, die ihm nöthiger waren, brauchte er keinen Dolmetscher, sondern kannte außer dem Facturstil auch das Beste ihrer verschiedenen Literatur. Wenn man von Raphael sprach, hielt er ihn nicht für den Erzengel, auch nicht deswegen für einen stiftsfähigen Edelmann, weil er »von Urbino« hieß. Ohne Pütter und Moser eben sehr genau zu kennen, verstand er Geschichte und Staatsrecht genug, um zu begreifen, daß ein Deutscher kein sehr heißer Patriot sein könne — dazu gehört ein Ganzes und eine Nation –; doch war er Patriot genug, die alte und neue Geschichte seines Vaterlandes mit herzlicher Theilnahme zu betrachten. Sein Comtoir war seine engere Welt, und Alles, was auf dasselbe Bezug hatte, war ihm wichtig; und auf dasselbe hatte sehr Vieles Bezug, denn seine Verbindungen gingen beträchtlich weiter als von Hamburg bis Lübeck. Er wußte den Werth des Geldes zu schätzen, aber er überschätzte ihn nie. Es hatte ihn Fleiß und Mühe und Einsicht und Anstrengung und Geduld und Beharrlichkeit gekostet, um mit Ordnung und Ehre dahin zu kommen, wo er stand; deswegen hielt er auf Talent viel, aber mehr noch auf praktische Brauchbarkeit. Der Geist erfreute ihn, aber den Verstand ehrte er; und wo Beides mit sittlicher Strenge ins Leben trat, da nahm er Antheil mit freundlicher Wärme und war Freund ohne lange Erklärung.

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