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Die Völkerwanderung – Hermann Lingg

Wach auf aus deinem süßen Friedensschlafe, Entsteige deinem Melodienborn, Du Königin der Strophen, auf, Oktave! Gürt um dein Schwert, stoß in dein gold’nes Horn! Auf daß ich deine Feinde Lügen strafe, Leg’ in dein schönes Angesicht den Zorn, Wirf deine seid’ne Lockenfluth, enthülle Im stolzen Gang des Südens Formenfülle! Zerstörte Tempel, umgestürzte Säulen, Schlachtfelder von Erschlagenen bedeckt; Verheerte Länder, nur von Schakalheulen Aus wüster Einsamkeit emporgeschreckt, Palläste, nun durchrauscht vom Flug der Eulen, Seestädte, die kein Schifferruf mehr weckt, Entnervte Völker, zuckend in Verblutung, Erdbeben, Hunger, Pest und Ueberfluthung; Jahrhundert langes Frevelthun gezüchtigt, Kein Blüthethal, kein Leben unverschont; Glorreiche Thaten, Namen schwer berüchtigt, Verbrechen mit Verbrechen abgelohnt; Wie Meteore Reich um Reich verflüchtigt, Unsterbliche wie Sterbliche entthront; Zwei Welten sich im Kampf entgegenbrausend, Ein sterbend’ und ein werdendes Jahrtausend, Entroll’ die Fluth der Völkerwanderungen! Sie riß den Erdkreis von der Kette frei, Mit welcher Rom die Völker hielt umschlungen; Doch mit der Kette riß zugleich entzwei, Was in Jahrhunderten der Geist errungen. In Trugverkünd’gung, Nacht und Barbarei Erschien bis auf den letzten bleichen Funken, Die alte Freiheit und Cultur versunken. Nie, seit in unversehrter Frühlingsgrüne Auf jedes Menschenweh mit Jubelschall Die Erde Antwort gibt, trug ihre Bühne Ein Trauerspiel, wie jenen Donnerfall Des alten Roms — nie floß mehr Blut der Sühne, Und nie, so lang die Menschheit stürmt’ im All, Den Himmel fleh’nd mit Hilfruf und Verfluchung, Bestand ihr Genius größere Versuchung. Von jenen Stürmen, die sich längst gelegt, Wir hören’s noch wie ferne Brandung rollen; Und der auch uns den Völkerkrieg erregt, Wir hören rings den dumpfen Donner grollen. Mit Kampflust ringt die Furcht, und tief bewegt, Erschließt die Gegenwart in ahnungsvollen Gefühlen sich dem kommenden Verhängniß, Wie sich der Blüthenkelch dem Lichtempfängniß. Denn wir auch fragen, ob es uns erreiche, Daß jenem ausgestorb’nen Lebensstrom, Daß jener alten Welt einst unsre gleiche? Schon einmal drohten Hunnen unserm Dom! Weissagung wohnt im Schutt der alten Reiche, Wie sibyllinisch blickt Athen und Rom! Herolde der Nothwendigkeit entsteigen Aus ihrem Grab mit ernsten Fingerzeigen. — In Indien wächst ein Baum aus Lavaklüften, Vor welchem scheu die Schlange selbst entweicht. Der Vogel fällt getödtet aus den Lüften, Wenn ihn der Zweige Blüthenhauch erreicht; Zu Boden sinkt, vergiftet von den Düften, Der Tiger, wenn er hier nach Beute schleicht, Und beide deckt, den Räuber sammt dem Raube, Der Todesbaum mit seinem dunklen Laube. Ein stolzrer Baum ist Rom dereinst gewesen! Kein Geist der Freiheit schwang sich hoch genug; Es kam aus allen Völkern auserlesen Jahrhundert lang ein langer Sklavenzug, Um unter seinem Gifthauch zu verwesen; Selbst als des Nordens Schwert den Stamm zerschlug, Sank noch wie oft die Kraft der Heldenglieder, Vergiftet von den schon gestürzten nieder. Die Menschheit sah erschreckt zum Rande jäher Und tiefer Abgrund-Nacht sich hin entrückt, Und fühlte sich im Geiste nah und näher Dem Grab, und wie vom Grabeshauch erdrückt. Uralte Weisheit, Träume der Chaldäer. Vom Baum der Mystik gierig abgepflückt, Verhüllten mit geheimnißvollen Ranken Der müden Welt die letzten Qualgedanken. Der Norden aber warf die hellen Garben In diese Nacht voll düst’rem Dämmerlicht, Und brachte seine Kraft und seine Narben Zum Opfer dar dem großen Weltgericht, In dem als Helden ganze Völker starben; Ein jüngster Tag, wo vor dem Angesicht Des Ew’gen sie, damit sie Sühne nahmen, Von überall herangezogen kamen. Schon blühte längst der Weinstock, wo gestritten Der Cimber und Teuton die Todesschlach’t, Wo Ariovist den Rhonestrom durchritten, Bis fern zur Donau hielten Römer Wacht. Rom selbst nur sank, erkrankt in seinen Sitten; Denn seiner Freiheit Helden, von der Macht Des allgemeinen Abfalls überfluthet, Die großen Seelen hatten ausgeblutet. Und nun begann, gesättigt von Exilen, Augustus mit vollkomm’ner Meisterschaft Den Tag der Götter im Olymp zu spielen, Und nach dem Ruhm von Kunst und Wissenschaft, Jedoch mit stumpfen Pfeilen nur, zu zielen; Denn jede Kraft im Innern war erschlafft; Es ließen ohne Widerstand die Schemen Der einst’gen Freiheit sich gefangen nehmen. Und wirklich war bald Aller Sinn und Hoffen Auf Ihn, als auf den Einzigen gewandt; Man sah, was man geahnt, war eingetroffen, Und hielt selbst die Erinnerung verbannt, Zerrüttet zwar, ergab man sich doch offen Dem neuen Zustand, den man anerkannt, Dem unbestritt’nen Herrn des Erdenrundes, Und jedem Wort und Zucken seines Mundes. Wo gluthdurchhaucht mit Palmen Mauretanien Des alten Atlas mythisch Haupt umkränzt, Vom rauhen Britenstrand bis wo Campanien, Der Meeresländer Aphrodite glänzt, Vom Fuß des Libanon bis Lusitanien, Von Wüsten hier und dort von Schnee begrenzt, Erstreckte sich, bewacht und stark befestigt, Sein Herrschgebiet, von Feinden kaum belästigt.

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