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Die verlorene Welt – Arthur Conan Doyle

Mister Hungerton, ihr Vater, war der taktloseste Mensch auf der Welt – ein flaumiger, fedriger, schmuddeliger Kakadu von einem Menschen, durchaus gutmütig, aber restlos eingestellt auf sein eigenes lächerliches Selbst. Wenn irgend etwas mich von Gladys hätte wegtreiben können, so wäre es der Gedanke an solch einen Schwiegervater gewesen. Ich bin überzeugt, dass er in der Tiefe seines Herzens glaubte, ich käme dreimal in der Woche zu den alten Kastanienbäumen herum, um das Vergnügen seiner Gesellschaft zu genießen, insbesondere aber um seine Ansichten über Bimetallismus – eine Materie, in der er eine Art von Autorität war – zu hören. Länger als eine Stunde schon ließ ich an diesem Abend sein eintöniges Geschwätz über Verschlechterung des Geldes, über den angenommenen Wert des Silbers, die Entwertung der Rupie und die wahren Normen der Wechselkurse über mich ergehen. »Stellen Sie sich vor,« rief er in einem Anfall von Heftigkeit aus, »dass alle Schulden in der Welt zu gleicher Zeit und sofort bezahlt werden müssten! Was würde unter den gegenwärtigen Verhältnissen geschehen?« Ich gab die selbstverständliche Antwort, dass ich dann ein ruinierter Mann sein würde, worauf er von seinem Stuhl auffuhr, mir meinen gewohnten Leichtsinn, der es ihm unmöglich mache, irgendeinen ernsthaften Gegenstand in meiner Gegenwart zu diskutieren, vorwarf, wütend aus dem Zimmer stampfte und die Tür heftig ins Schloss warf, um sich für die Loge umzuziehen. Ich war also endlich allein mit Gladys, und der Augenblick, der mein Schicksal entscheiden sollte, war gekommen! Den ganzen Abend hatte ich das Gefühl eines Soldaten, der das Signal erwartet, das ihn auf einen verlorenen Posten schickt, ein Gefühl, in dem die Hoffnung auf den Sieg mit der Furcht vor der Niederlage abwechselt. Sie saß vor mir, ihr stolzes und zartes Profil hob sich klar gegen den roten Vorhang ab. Wie schön sie war! Und doch wie fern! Wir waren bisher gute Freunde gewesen, recht gute Freunde, niemals aber war es mir gelungen, über jenen Grad von Kameradschaftlichkeit hinauszukommen, wie er etwa zwischen mir und einem Kollegen von der Zeitung hätte bestehen können, – ganz aufrichtig, sehr liebenswürdig und völlig platonisch. Meine innersten Gefühle sind immer gegen ein weibliches Wesen eingenommen, das mir gegenüber frei und unbefangen ist. Diese Haltung ist kein Kompliment für einen Mann. Sobald der Gegensatz der Geschlechter erwacht, regen sich Furcht und Misstrauen, diese Erbschaft aus roheren Zeiten, als Liebe und Gewalt noch Hand in Hand gingen. Das gesenkte Haupt, die abgewendeten Augen, die stockende Stimme, die bebende Gestalt – all dies und nicht der freie Blick und die ungezwungene Antwort sind der wahre Ausdruck der Leidenschaft. Soviel hatte ich sogar schon während meines kurzen Lebens erfahren – oder lebte doch als Instinkt, wie wir das Rassengedächtnis nennen, in mir. Gladys besaß alle echt weiblichen Eigenschaften. Einige hielten sie für kalt und gefühllos, aber dies Urteil war nicht zutreffend. Der zarte Bronzeton ihrer Haut, fast orientalisch in der Färbung, das rabenschwarze Haar, die großen sanften Augen, die vollen, aber entzückend geformten Lippen, – alle diese Zeichen der Leidenschaft waren vorhanden. Aber ich war mir schmerzlich bewusst, dass ich bis jetzt das Geheimnis, diese Leidenschaft zu entflammen, nicht entdeckt hatte. Indessen, mochte kommen was da wollte, ich musste der Ungewissheit ein Ende machen und meine Sache heute abend noch zur Entscheidung bringen. Mochte sie mich abweisen; besser ein zurückgestoßener Liebhaber als ein geduldeter Bruder. Soweit war ich in meinen Gedanken gekommen und im Begriff, das lange und peinliche Schweigen zu brechen, als zwei kritische, dunkle Augen sich auf mich richteten und Gladys, vorwurfsvoll lächelnd, das stolze Haupt schüttelte. »Ich habe das Gefühl, dass Sie im Begriff sind, mir einen Heiratsantrag zu machen, Ned. Ich möchte nicht, dass Sie es tun, es ist viel hübscher so, wie es jetzt ist.« Ich zog meinen Stuhl etwas näher heran. »So, woher wissen Sie denn, dass ich die Absicht habe, Ihnen einen Heiratsantrag zu machen?« fragte ich ehrlich erstaunt. »Wissen Frauen nicht immer alles? Glauben Sie, dass es irgend ein Weib auf der Welt gibt, das es nicht merkt, wenn sich jemand für sie interessiert? Nein, Ned, unsere Freundschaft war so schön und so reizvoll! Wie schade wäre es, sie zu zerstören! Fühlen Sie nicht, wie herrlich es ist, wenn ein junger Mann und ein junges Mädchen so freimütig miteinander sprechen, wie wir es getan haben?« »Ich weiß nicht, Gladys.


Freimütig sprechen kann ich auch mit – dem Stationsvorsteher.« Ich habe keine Ahnung, wie dieser Beamte in unsere Unterhaltung hineingeriet, aber er geriet hinein, und wir mussten beide lachen. »Das genügt mir auf die Dauer nicht. Ich möchte meinen Arm um Sie legen und Ihren Kopf an meine Brust drücken, und, ach Gladys, ich möchte – – –« Sie sprang vom Stuhle auf, da ihr klar wurde, dass ich die Absicht hatte, meine weiteren Wünsche in die Tat umzusetzen. »Sie haben alles zerstört, Ned,« sagte sie, »es ist alles so schön und natürlich, bis eine gewisse Grenze überschritten wird. Es ist so schade. Warum können Sie sich nicht besser beherrschen?« »Das ist keine Erfindung von mir,« verteidigte ich mich, »das ist Natur, das ist Liebe.« »Es mag wohl anders sein, wenn beide lieben. Ich habe noch niemals geliebt.« »Aber Sie müssen – – – Sie mit Ihrer Schönheit, mit Ihrer Seele! O Gladys, Sie sind ja geschaffen für die Liebe. Sie müssen lieben!« »Man muss warten, bis die Liebe kommt.« »Aber warum können Sie mich nicht lieben, Gladys? Ist es mein Äußeres oder was sonst?« Ihr Gesicht hellte sich auf. Sie streckte eine Hand aus – ihre ganze Haltung war so gütig und so herablassend – und bog meinen Kopf zurück. Dann sah sie mir mit einem gedankenvollen Lächeln in das aufwärts gerichtete Gesicht. »Nein, das ist es nicht,« sagte sie schließlich, »Sie sind nicht gerade ein hässlicher Mann, und darum kann ich wohl sagen, dass es das nicht ist. Es liegt tiefer.« »Mein Charakter?« Sie nickte ernst. »Was kann ich tun, um ihn zu verbessern? Setzen Sie sich doch und sagen Sie mir etwas darüber. Nein, bitte, ich möchte, dass Sie sich setzen.« Sie sah mich mit einem erstaunten Misstrauen an, das mir viel besser gefiel als ihr Vertrauen bei unbewegtem Herzen. Wie primitiv und dumm das alles aussieht, wenn man es schwarz auf weiß niederschreibt! Aber schließlich ist es vielleicht eine Empfindung, die nur mir selbst verständlich ist. Genug, sie setzte sich. »Nun sagen Sie mir, woran es mir fehlt.« »Ich liebe jemand anders«, sagte sie. Jetzt war die Reihe an mir, vom Stuhle aufzuspringen.

»Es ist niemand im besonderen,« fuhr sie, über meinen Gesichtsausdruck lachend, fort, »es ist nur ein Ideal. Ich bin einem solchen Mann, wie er mir vorschwebt, niemals begegnet.« »Erzählen Sie mir etwas über ihn. Wie sieht er aus?« »Oh, er könnte Ihnen sehr ähnlich sein.« »Wie entzückend von Ihnen, das zu sagen! Gut, und was tut er, was ich nicht täte? Sagen Sie es mir gerade heraus! Abstinenzler, Vegetarier, Luftschiffer, Theosoph, Übermensch – ich werde alles versuchen, Gladys, wenn Sie mir nur eine Vorstellung davon geben wollen, was Ihnen gefallen könnte.« Sie lachte über die Elastizität meines Wesens. »Gut, zunächst einmal glaube ich, mein Ideal würde nicht so reden«, sagte sie. »Er würde ein kühner, energischer Mann sein, der nicht so leicht bereit wäre, der Laune eines törichten Mädchens zu entsprechen. Auf jeden Fall aber müsste er ein Mann der Tat sein, der dem Tode ohne Furcht ins Auge blickt – ein Mann von großen Taten und außerordentlichen Erlebnissen. Es ist niemals der Mann, den ich lieben würde, sondern immer der Ruhm, mit dem er sich bedeckt. Denn davon würde ein Abglanz auf mich fallen. Denken Sie an Richard Burton! Als ich die Biographie seiner Frau über ihn las, konnte ich ihre Liebe verstehen. Und Lady Stanley! Haben Sie das wundervolle letzte Kapitel über ihren Mann jemals gelesen? Das ist die Art von Männern, die eine Frau von ganzer Seele anbetet, die dabei doch und nicht zum wenigsten durch ihre Liebe die größere sein kann, die von aller Welt geehrt wird als die Urheberin edler Taten.« Sie sah so schön aus in ihrem Enthusiasmus, dass ich fast das Ziel unserer Unterhaltung aus dem Auge verlor. Ich riss mich zusammen, um in meiner Beweisführung fortzufahren. »Wir können nicht alle Stanleys und Burtons sein«, sagte ich. »Übrigens trifft der Glücksfall nicht jeden – mir jedenfalls hat immer die richtige Gelegenheit gefehlt. Sollte der Zufall mir günstig sein, so würde ich ihn nutzen.« »Aber Gelegenheit zu Heldentaten gibt es doch überall. Es ist das Zeichen dieser Art von Männern, die ich meine, dass sie ihres eigenen Glückes Schmied sind. Solch ein Mann lässt sich nicht.

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