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Die Truhe – Henri Beyle Stendhal

Eines schönen Maienmorgens im Jahre 1827 ritt Don Blas Bustos y Mosquera, der Polizeimeister von Granada, mit einem Gefolge von dreizehn Reitern ins Dorf Alcolote. Es liegt eine Wegstunde von der Stadt. Bei seinem Anblick rannten die Bauern in ihre Häuser und verriegelten die Türen. Voll Schaudern lugten die Weiber aus den Fensterecken nach dem schrecklichen Manne. Die Vorsehung hatte seine Grausamkeit gestraft und seiner Gestalt den Ausdruck seiner Seele aufgedrückt. Er war sechs Fuß lang, schwarz und gräßlich mager, vom Scheitel bis zur Sohle Polizeimeister; der Bischof und der Gouverneur zitterten vor ihm. Während des Volkskrieges gegen Napoleon, in jenen Guerillakämpfen, die den Spanier des neunzehnten Jahrhunderts vor der Nachwelt dem Franzosen gleichwertig machen, war Don Blas ein berühmter Bandenführer. An Tagen, da seine Schar nicht wenigstens einen Franzosen zur Strecke brachte, schlief er in keinem Bett; das hatte er geschworen. Nach Ferdinands Rückkehr (1814) kam er auf die Galeeren von Ceuta. Acht Jahre ertrug er entsetzliches Elend. Man hatte ihn beschuldigt, er wäre in seiner Jugend Kapuziner gewesen und dem Kloster entsprungen. Schließlich ward er begnadigt; niemand erfuhr, warum. Nie spricht er ein Wort. Seine Schweigsamkeit ist allbekannt. Ehedem rühmte man seinen scharfen Witz. Keinen Gefangenen ließ er henken, ehe er ihm ein drastisches Wort zugerufen hatte. Seine gräßlichen Scherze erzählten sich beide Heere. Don Blas ritt im Schritt durch die Dorfstraße, mit seinen Luchsaugen links und rechts die Häuser musternd. Als er vor die Kirche kam, läutete es zur Messe. Er flog aus dem Sattel; absitzen konnte man das nicht nennen. Vor demAltar sank er in die Knie. Vier seiner Gendarmen taten dasselbe; dann blickten sie ihm in die Augen. Von Andacht sahen sie nichts darin. Sein finsterer Blick starrte auf einen jungen Herrn von fast vornehmem Aussehen, der unweit von ihm im Gebet versunken war. ›Ein Mann der Gesellschaft – und ich kenne ihn nicht?‹ dachte Don Blas.


›Den habe ich in Granada niemals gesehen. Also verbirgt er sich.‹ Er wandte sich einem seiner Leute zu und gab den Befehl, den jungen Menschen beimAustritt aus der Kirche zu verhaften. Nach dem Ite, missa verließ er selber rasch das Gotteshaus und begab sich in den Saal des Wirtshauses von Alcolote. Alsbald brachte man den jungen Mann, der offenbar nicht wußte, was ihm geschah. »Euer Name?« »Don Fernando della Cueva.« Des Polizeimeisters üble Laune nahm zu, als er, jetzt aus der Nähe, sah, daß Don Fernando ein hübsches Gesicht hatte. Er war blond, und trotz der schlimmen Lage wahrte er seine sanfte Miene. Nachdenklich betrachtete Don Blas den jungen Mann. »Was habt Ihr unter den Cortes getrieben?« fragte er nach einer Weile. »Im Jahre achtzehnhundertdreiundzwanzig war ich auf der Schule zu Sevilla. Damals war ich fünfzehn, heute bin ich neunzehn Jahre alt.« »Wovon lebt Ihr?« »Mein Vater, Brigadekommandeur im Heere des Don Carlos Cuarto – Gott segne das Andenken des guten Königs! – hat mir ein kleines Gut hier in der Nähe hinterlassen. Es bringt mir tausend Taler im Jahre. Ich bewirtschafte es eigenhändig mit drei Knechten …« »Die Euch zweifellos sehr treu sind!« unterbrach ihn Don Blas, bitter lächelnd. »Ein guter Fang!« »Ins Gefängnis!« befahl er. »Doch ohne Aufsehen!« Den Verhafteten seinen Leuten überlassend, ging er und setzte sich an den Frühstückstisch. ›Ein halbes Jahr Gefängnis‹, dachte er bei sich, ›das ist die richtige Quittung auf so gesunde Farbe, so frisches Wesen, so unverschämte Zufriedenheit!‹ Im Augenblick, wo der Küchenjunge das Mahl brachte, hob der Reiter, der an der Tür des Gastzimmers Wache stand, seinen Karabiner, einen alten Mann zu bedrohen, der mit herein wollte. Der Polizeimeister sprang auf. Hinter dem Greise sah er ein junges Mädchen, bei deren Anblick Don Fernando vergessen war. »Nicht gerade nett, mich beim Essen zu stören«, sagte er zu demAlten. »Doch tretet ein; sagt, was Ihr wollt!« Während er dies sagte, starrte er die Begleiterin an. Es dünkte ihn, auf ihrer Stirn und aus ihren Augen leuchte die himmlische Unschuld der Madonna auf den Bildern der alten Italiener. Was der Alte vortrug, hörte er nicht. Daß er essen wollte, hatte er vergessen.

Immerfort schaute er auf das Mädchen. Endlich erwachte er aus seinem Traumzustande. Zum dritten oder vierten Male wiederholte der Alte, warum Don Fernando della Cueva, seit langem der Bräutigam seiner Tochter, freigelassen werden müsse. Bei dem Worte Bräutigam schoß ein derart grimmiger Blitz aus dem Auge des Schreckensmannes, daß das Mädchen und sogar der Vater zusammenfuhren. »Wir haben immer in der Furcht Gottes gelebt«, begann der Alte von neuem. »Wir sind gute Christen. Meine Familie ist alt, aber ich bin arm, und Don Fernando ist eine gute Partie für meine Tochter. Ines heißt sie. Ich habe nie ein Amt gehabt, weder zur Franzosenzeit noch vorher oder nachher.« Don Blas verharrte in düsterem Schweigen. Der alte Mann fuhr fort: »Ich gehöre zum Uradel des Königreichs Granada – und vor der Revolution hätte ich einem unverschämten Mönche, der mir nicht Rede und Antwort zollt, die Ohren abgehauen.« Dem Greise standen Tränen in den Augen. Vor Furcht zog Ines einen Rosenkranz aus ihrem Busen, der am Gewand der Madonna del Pilar geweiht war, und ihre niedlichen Hände umkrampften das Kreuz. Auf diese Hände starrte Don Blas; und dann umschlangen seine Augen die ganze Gestalt der schönen, schon etwas üppigen Jungfrau. ›Ihr Gesicht könnte regelmäßiger sein‹, dachte er; ›aber ihre Anmut ist überirdisch.‹ »Ihr seid Don Jaimo Arregui?« fragte er endlich. »So heiße ich.« »Siebzig alt?« »Neunundsechzig.« »Ich bin also beim Richtigen«, sagte Don Blas, und sein faltenreiches Gesicht hellte sich sichtlich auf. »Euch suchte ich schon lange. Unser Herr und König hat allergnädigst geruht, Euch ein Jahresgeld von dreihundert Talern auszusetzen. Zwei Jahresraten dieses Ehrensolds sind fällig. Ich habe sie in meinem Hause zu Granada. Morgen mittag werde ich sie Euch bei mir einhändigen. Zugleich werde ich Euch die Beweise zeigen, daß ich Altkastilianer und reicher Grundbesitzer bin, guter Christ wie Ihr, und daß ich niemals die Kutte getragen habe.

Damitist Eure Beleidigung von vorhin hinfällig.« Der alte Edelmann getraute sich nicht, der Zusammenkunft auszuweichen. Er war Witwer und Ines sein einziges Kind. Ehe er nach Granada aufbrach, vertraute er seine Tochter dem Pfarrer an, und er traf Anordnungen, als ob er nimmer wiederkehre. Der Polizeimeister empfing ihn in Gala, ein Großordensband unter dem Rock. Er benahm sich wie ein urbaner alter Offizier, der Gutes stiften will. Er lächelte, bei jedem Anlaß und auch ohne Anlaß. Wenn er es hätte wagen können, so hätte Don Jaimo die sechshundert Taler, die ihm Don Blas zahlte, ausgeschlagen. Er mußte mit ihm essen; auch das war nicht auszuschlagen. Und nach dem Mahle gab ihm der furchtbare Mann alle seine Papiere zu lesen, vom Taufzeugnis an bis zu einer Urkunde, die seine Freilassung von der Galeere erklärte und es bestätigte, daß Don Blas niemals Mönch gewesen war. Don Jaimo war nach wie vor auf irgendwelchen schlimmen Scherz gefaßt. Da hob Don Blas an: »Ihr seht, ich bin zweiundvierzig Jahre alt, habe eine ehrenhafte Stelle mit einem Gehalt von dreitausend Talern. Auf der Bank von Neapel habe ich eine Rente von tausend Dukaten … Ich bitte um die Hand Eurer Tochter.« Don jaimo ward leichenblaß. Eine Weile herrschte Stille. Don Blas begann zuerst wieder zu sprechen: »Eines darf ich Euch nicht verhehlen. Don Fernando della Cueva ist in eine schlimme Sache verwickelt. Er steht längst auf der Fahndungsliste. Es droht ihm die Garrötte, mindestens die Galeere. Ich war acht Jahre auf den Galeeren. Ihr könnt mir glauben: ein übler Aufenthalt!« Er rückte dem Alten näher und flüsterte ihm ins Ohr: »In spätestens drei Wochen bekomme ich vom Justizministerium den Befehl, Don Fernando aus dem Gefängnis von Alcolote nach dem hiesigen zu bringen. Ich werde dafür sorgen, daß der Befehl am Spätabend dort eintrifft. Will Don Fernando die Nacht benutzen, zu entkommen, so will ich in Rücksicht auf Eure echte Freundschaft zu ihm ein Auge zudrücken. Er kann auf ein, zwei Jahre verschwinden; sagen wir, nach Majorca in Australien. Inzwischen wird man ihn vergessen.

« Der greise Edelmann gab keine Antwort. Er war zusammengebrochen; mit Mühe und Not kam er in sein Dorf zurück. »Das ist also das Blutgeld für Don Fernando, meinen Freund, den Bräutigam meiner Ines!« Im Hause des Pfarrers nahm er sein Kind in die Arme. »Der Mönch begehrt dich zum Weibe!« Ines trocknete sehr bald ihre Tränen und bat, den Rat des Pfarrers, der in der Kirche war, im Beichtstuhle einholen zu dürfen.

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