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Die Geschwister – Alexander Cochrane

Es war ein kalter Märzabend; die Lampen in Sackville Street waren angezündet und warfen ihr bleiches, flackerndes Licht durch die Regentropfen, welche von den Dächern herab auf das Pflaster plätscherten: die gellenden Töne der Posthörner übertäubten das Pferdegetrappel und das Rollen der Postkutschen, welche Piccadilly entlang fuhren. Die meisten Häuser waren geschlossen, nur ein Fenster in der ersten Etage eines an der Ecke von Sackville Street und Vere Street gelegenen Hotels war hell erleuchtet; zuweilen wurden die Vorhänge ein wenig aufgezogen und ein kleiner Lockenkopf zeigte sich am Fenster, der ängstlich die Straße hinauf- und hinab, schaute, als erwartete er Jemanden; aber alle Vorübergehenden, die ihren Geschäften oder Vergnügungen nachgingen, eilten vorbei, und wenn Einer oder der Andere zufällig einen flüchtigen Blick nach dem Fenster hinauf warf, so zog sich das Köpfchen rasch zurück. Endlich schien die Geduld des holden Kindes gänzlich erschöpft zu sein, denn sie schellte fast unwillig, wartete an der Thür, bis Jemand auf den Ruf antwortete, und fragte dann den erscheinenden Kellner, ob Herr Leslie das Abendessen auf eine spätere Stunde befohlen habe. Der Kellner antwortete der verneinend. »Hat er nicht gesagt, um welche Zeit er zurückkehren werde?« fragte die junge Dame weiter. »Er hat mir gesagt, daß ich seine Kleider zur gewöhnlichen Zeit reinigen lassen soll,» war die Antwort. Die junge Dame nahm ein Buch zur Hand und begann zu lesen; aber kaum war sie die erste Seite herunter, so ließ sich ein gewichtiger Schritt auf der Treppe vernehmen sie sprang von ihrem Stuhle auf, ließ ihr Buch und ihre Arbeit zu Boden fallen und eilte mit dem Ausrufe: »Mein lieber Vater!« an die Thür. Der Eintretende war der Typus einer Classe, mit welcher die meisten Menschen in ihrem Leben in nähere Berührung kommen. Er war stark und schwerfällig gebaut, aber sein ungewöhnlich großer Kopf schien demohngeachtet nicht in richtigem Verhältniß zu seinem Körper zu stehen, denn er war ein wenig zur Seite geneigt, als würde er von seiner eignen Last niedergedrückt. Sein Haar war kurz und mit Grau gemischt und in seinem Blicke lag eine gewisse Trägheit, welche auf den ersten Anblick den Gedanken an einen beschränkten Geist erweckte, aber ein aufmerksamer Beobachter konnte bald ein munteres Feuer in dem kleinen, grauen Auge entdecken, das unter dem Schleier der überhängenden Brauen hervorblitzte. Die Gesichtszüge waren scharf ausgeprägt und verriethen den ruhigen und gründlichen Denker, und aus der ein wenig zusammengezogenen Oberlippe konnte man schließen, daß er gewöhnt war, sich selbst zu beherrschen. In der That bedarf seine Classe der Selbstbeherrschung und der Gewalt über den Gesichtsausdruck so nöthig, als die, welche dieser Mann repräsentirte, nämlich die Geldaristokratie, denn hier ist das äußere Kennzeichen einer Gemüthsebewegung zuweilen nicht minder zu fürchten, als der Verlust eines Schiffes oder das Fehlschlagen einer großartigen Speculation. Wenn aber Mr. Leslie in Hinsicht aller seiner physischen Eigenschaften den vollendeten Mann des Comptoirs, der klugen Berechnungen und der praktischen Geschäftskenntniß verrieth, so mußte man zu gleicher Zeit in seiner ganzen äußeren Erscheinung auf den ersten Blick erkennen, daß er in den Gesellschaftskreisen, die er frequentirte, in hoher Achtung stand. Auf seinen Anzug verwendete er eine Sorgfalt, wie man sie bei Geschäftsmännern nur selten findet; Seine Kleidung war stets von tadelloser Eleganz, man könnte fast sagen, ein wenig stutzerhaft, und die ängstliche Accuratesse derselben stand mit dem strengen und gesetzten Aussehen, das wir eben beschrieben haben, nicht recht im Einklange. Talleyrand hat gesagt, daß man, um einen Menschen kennen zu lernen, nicht sein Gesicht, sondern seine Stimme studiren mußt aber es liegt häufig ebenso viel Charakteristisches in dem Gange eines Menschen, als in seinem Gesicht und in seiner Stimme, und sein in dieser Beziehung geübtes Ohr würde in dem schweren und abgemessenen Schritt, mit dem Herr Leslie die knarrende Treppe hinaufstieg, so wie in dem zweiten methodischen Abstreichen seiner Füße auf der Strohmatte, obgleich er diese Operation bereits an der Hausthür vorgenommen hatte, seinen ganzen Charakter erkannt haben. Als er in’s Zimmer trat, war der ernste Ausdruck in seinen Zügen nur noch einen Augenblick sichtbar, denn sobald der Ausruf: »Mein lieber Vaters!« sein Ohr traf, glätteten sich die düstren Falten auf seiner Stirn, um einem freundlichen Lächeln Raum zu geben, und sein ganzes Gesicht strahlte in der vollkommenen Schönheit der väterlichen Liebe. »Ich komme spät, meine gute Ida, und habe Dich warten lassen,« sagte er, indem er mit dem einen Arm ihre schlanke Taille umfing, mit der andern Hand die vollen Locken ihres seidenen Haars zurückstrich und sie zärtlich auf die Stirn küßte. Es war nicht anders mögliche der strenge Mann mußt das schöne Kind lieben, die Eiche mußte die zarte Pflanze schützen, denn obgleich sie keine auffallende, hervorragende Schönheit war, bei deren Erscheinen die Männer ihre Beschäftigungen und Vergnügungen unterbrachen, um sie zu bewundern, so gehörte ihr Gesicht doch zu denen, welche den Beschauer fesseln, wenn er sie länger betrachtet. Es giebt eine körperliche Schönheit, welche beim ersten Anblick auffällt, die man anstaunt, sich aber bald wieder von ihr abwenden nur sie zu vergessen, denn nur zu oft fehlt ihr der seelenvolle Ausdruck. Dagegen giebt es andere Gesichter, und zu diesen gehörte das der lieblichen Ida, die sogleich einen angenehmen Eindruck ans das Gemüth und das Herz machen, und erst, nachdem man überlegt hat, worin eigentlich ihr Liebreiz besteht, erinnert man sich des zarten Rosenhauches der Wangen, des frischen Rathes der Lippen und des milden Glanzes der blauen Augen. Es war nichts Hervorstechendes in Idas Gestalt und Gesicht, aber es war noch Etwas in ihrer äußeren Erscheinung, was Jedermann sogleich für sie einnahm und sie vor anderen Mädchen auszeichnete, weil es leider nur zu selten ist: ein so unschuldiger, kindlicher Blick, daß auch der verdorbenste Charakter geläutert werden mußte, wenn er in ihr Antlitz schaute, und eine Reinheit der Gedanken, die man auf ihrer weißen Stirn und auf ihren zartgerötheten Wangen lesen konnte. »Bringen Sie das Abendessen,« sagte Mr. Leslie zu dem Kellner, der ihn nach dem Zimmer begleitet hatte, aber der gewöhnlich harte und strenge Ton seiner Stimme war jetzt durch die Liebe gemildert, und während das Essen aufgetragen wurde, nahm er die Tochter auf seinen Schooß und ihre schönen Locken vermischten sich mit seinem grauen Haar. Es konnte selbst Ida’s unerfahrenem Blicke nicht entgehen, daß ihr Vater ein Geheimniß auf dem Herzen hatte, das ihn drückte; aber eben so augenscheinlich war es, daß er sich vorgenommen hatte, für den Augenblick noch nicht davon zu sprechen.


Er räusperte sich einige mal, als wollte er etwas sagen, aber sobald Ida zu ihm aufblickte, sprach er über irgend einen gleichgültigen Gegenstand; und doch zeigte sich eine sichtbare Zufriedenheit in seinen Zügen, wenn er den Mund für die beabsichtigte Mittheilung halb öffnete, als ob es ihm Vergnügen machte, sich die Erfüllung seines Herzenswunsches noch zu versagen.

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