| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Die Abenteuer eines Lieutenants – E. Sickenberger

S I. icherlich missen die wenigsten meiner verehrten Leser aus eigener trauriger Erfahrung, was es heißen will, auf einem königlich schwedischen Bauernkarren, auch Rebhuhn benannt, zumal bei Frühlingsanfang beim entsetzlichen Thauwetter zu fahren. Es ist dieses eine Arbeit, von der, nach meiner innigsten Überzeugung, sogar der unermüdliche Halbgott Herkules stutzig geworden wäre, d. h wenn es diese gefährliche Fahr — oder besser Marterwerkzeug zu seiner Zeit gegeben hätte; und meine liebenswürdigen Leserinnen, die in so vielen andern Fallen die Opfer einer stupiden Convenienz sind, dürfen in diesem Falle doch die Regeln derselben preisen, die ihnen gebieten, ihre so empfindsamen Reize diesen rüttelnden und schüttelnden Transportmaschinen nicht anzuvertrauen. Aber wir arme Junggesellen insbesondere wir Lieutenants, wir schnurrbärtigen Zugvögel »im Staat« ohne bleibende Stätte, die es nicht soweit gebracht haben, sich genug Ansehen oder Rang zum Vorwurf machen zu können, um auf »Pump« in anderen Wagen zu fahren: wir sind zu den Bauernkarren verdammt, wie Galeerensclaven zum Ruder. Es ist auch, meiner Seele! kein anderer als ein junger Lieutenant, der dort den Hügel herabgerollt kommt, während der Schmutz himmelhoch an ihm hinaufspritzt und seine blaue Uniformmütze mit kleinen Flecken besäet, unzählig, wie die Schwerth-Ordens-Sterne in der schwedischen Armee. Ohne darauf zu achten, läßt der junge Lieutenant, der Held unserer Erzählung, seine Peitsche lustig knallen, und ist von Herzen vergnügt, wenigstens einmal aus dem gewöhnlichen Schildkrötentrott herausgekommen zu sein. Aber der Braune ist nicht — beinahe hätte ich gesagt . der Mann, — der sich länger anstrengt, als es bergab geht. Unten auf der Landstraße angekommen, bleibt er a tempo und schüttelt eigensinnig seine zottige Mähne, indem er die Nüstern stark aufbläst, als wolle er dadurch andeuten, daß er sich durch die ihm soeben widerfahrene Beleidigung tief gekränkt fühle. Der Teufel fahre so einer Mähre in die Knochen! Fahre der Leibhaftige mit solch einem Karren und reparire dieses Fuhrwerk!« rief der Lieutenant halb verdrießlich, halb lachend, und warf die Peitsche auf den Karren, während er seine langen Beine ausstreckte, die er, wegen der räumlichen Beschränktheit des Karrens, während des schnelleren Fahrens fast bis an das Kinn hatte heraufziehen müssen. »Nun so gebt nur eurem unglücklichen Renner etwas Brod, Landmann! das wird ihn wieder zur Vernunft bringen. Heutzutage ist es auch keine so leichte Sache, ein Gaul zu sein!« »Ja, ja, das merkt unser einer am besten« antwortete der Skjutsbauer seufzend, indem er das Pferd ausschirrte. Während nun der Bauer damit beschäftigt ist, Bissen für Bissen in wahrhaft brüderlicher Theilung mit seinem Pferde zu essen, haben wir gute Gelegenheit, den Reisenden, der aus dem Fuhrwerk gesprungen ist, um die lahmen Glieder etwas zu dehnen und auszurichten, näher zu betrachten. Es war eine hohe stattliche Figur, wie man sie nicht oft trifft, und es lag in allen seinen Bewegungen eine Leichtigkeit und Anmuth, wie man sie noch seltener findet. Die aristokratische steife Haltung ließ beim ersten Blick auf einen gewissen Stolz schließen; aber dieser minder vortheilhafte Eindruck schwand sogleich, wenn man in sein großes blaues Auge sah, in dem gleichwie in dem freundlichen Zug um seinem Mund, nur die aufrichtigste Herzensgüte, vereint mit einer gewissen schalkhaften Munterkeit zu erkennen war. Man konnte nichts frischeres sehen, als sein wohlgebildetes rosiges Gesicht, das nach keine menschliche Leidenschaft berührt zu haben schien, um ihren entstellenden Stempel zurückzulassen. So stand er dort, um es kurz zu sagen, als ein schönes, tröstliches Bild von Gesundheit, Fröhlichkeit und Jugend; denn, daß er jung war, sehr jung, sah man leicht an dem blonden, flaumigen Schnurrbart, den er sichtlich erst im letzten Halbjahre gelungen war sich an das Tageslicht hervorzuarbeiten. Nachdem er einigemal, unter äußerst unbehaglichen Betrachtungen über die bodenlosen Wege am Rande des Wassergrabens auf und ab gegangen war, wandte er sich mit der prosaischen, aber gewöhnlichen Frage an den Bauer: »Wie weit sind mir nun gefahren?« »Ja liebes Herrchen, es ist nicht der Mühe werth davon zu sprechen. Nur eine halbe Meile, « antwortete dieser, indem er sich bedenklich hinter dem Ohre kratzte. »Nur eine halbe Meile? Bist du wahnsinnig! Also hätten wir nach sechs Viertelmeilen?« »Ja, das hat Alles seine Richtigkeit, « war die lakonische Antwort. »Angenehme Aussichten, « dachte unser Reisender und setzte sich wieder auf seine Folterbank, aber »im Ganzen kann mich All das wenig kümmern, ob ich in freier Luft oder in einer windigen Gaststube sitze. Ich stehe ja ganz allein in der Welt, « und dabei seufzte er fast so schwer, wie der Braune.


der nun auf die handgreiflichen Aufmunterungen des Skjutsbauern hin sich wieder in Gang zu setzen begann. Hier scheint es uns der rechte Ort zu sein, den Leser in Kurzem zu unterrichten, wen sie denn eigentlich in unserem Reifenden vor sich haben. Daß er einer der Vaterlandsvertheidiger ist, haben wir bereits an seiner Mütze gesehen, und zwar ist er einer der allerjüngsten, denn er hat erst neulich die Kriegsakademie verlassen und ist nun im jüngsten Armeebefehl zum Lieutenant befördert, im Begriffe zu seinem Regimente zu reisen. Niemand konnte wohl mit mehr Grund als er sagen, daß er ganz allein in der Welt stehe, denn er hatte weder Vater, Mutter und Geschwister, noch, soviel ihm wenigstens bekannt war, Verwandte. Seine Mutter eine schöne Frau von niedriger Geburt, war schon an in seiner frühesten Kindheit gestorben, und sein Vater, ein beabschiedeter, invalider Militär, war ihr, kurz nachdem es ihm gelungen war, seinem Sohne einen Freo-Cadetenplatz in Carlsberg zu verschaffen, gefolgt. Mit Hilfe eines adeligen Stipendiums hatte er seine Uniform angeschafft, die, nebst seinem Anstellungsdekret und 100 Thalern Reisegeld, sein einziges Eigenthum in der ihm wildfremden Welt ausmachte. Angenehme Aussichten in der That! — Möge es also der Leser nicht übel aufnehmen, wenn unseres Helden sonst glattes Gesicht für den Augenblick einen melancholischen Ausdruck angenommen hat. Aber bald wurde er aus seinen besorgten Betrachtungen von dem Skjutsbauern geweckt, der nachdem er mit seinem einfältigen, bleifarbigen Auge lange den rothen Mantelkragen des Lieutenants betrachtet hatte, endlich fragte: »Ist der Herr vielleicht einer vom Militär!« Der Lieutenant bejahte und lachte herzlich über diese Frage, zu der sein Manteltragen Anlaß gegeben hatte. »Vielleicht einer von den Paragrapher, wenn ich so neugierig fragen darf, « fuhr der Bauer fort. »Paragraphen! Was in Gottes Namen meinst Du damit!« fragte der Lieutenant und lachte noch herzlicher als vorher. »Nun wahrlich! Weiß der Herr denn nicht, was Paragrapher sagen will? Das sind solche Sterngucker, die herumgehen und das Feld abmalen. Sie waren im vorigen Jahre bei uns im Darf und führten ein ganz absonderliches Leben, und unsere Mädels hatten sich ganz in sie vergafft; es war ihre größte Freude, wenn sie auf die Weideplätze hinaus mußten, um die Kühe zu melken! Aber es waren feine Herren, das muß man sagen, denn sie hatten so einen vernehmen Charakter, daß sie gar nicht aufs Geld sahen. Ader erstaunlich neugierig waren sie, und wollten immer ganz genau wissen, wie viele Pferde, Kühe, und Schweine wir im Stalle hätten, gerade als ob jetzt auch ihre Kameraden nachkommen sollten, und wir waren auch richtig lange Zelt in großer Angst, weil wir dachten, sie wollten jetzt unsere Steuern vermehren, die wir ohnehin so schwer bezahlen können, so schwer sind sie. Aber es waren auch ganz närrische Kerle unter ihnen, denn wir haben oft gesehen, wie sie ausgingen, um einen Stern vom rothesten Gold, der dort im Walde herabgefallen war, zu suchen, und da konnten wir und nicht halten, über so gelehrte Herren zu lachen, die, mit Respeckt zu sagen, so dumm sein konnten, in einem großen Wald nach einem so klimperkleinen Ding zu suchen, wie ein Stern, der vom Himmel herabgefallen ist. Jetzt sind sie mit langen Nasen abgezogen, in Gottesnamen, und wir sind recht recht froh darum, schon um unserer Mädeln willen, denn denen war der Kopf ganz verrückt, so lange diese verdammten Paragrapher hier waren, und diese Obsalvation ist ja, Gott straf mich, schuld, daß sie dem zweierlei Tuch nachlaufen, wie der Teufel einer armen Seele.« Unsern jungen Lieutenant belustigte die pikante Erzählung des Bauern über die »Paragrapher«, womit er natürlich die Offiziere vom topographischen Corps meinte, die sich in jenem Dorfe auf Vermessungen befanden. Sie waren jetzt in den Wald gekommen, wo die kostbaren Sterne herabgefallen sein sollten, und der Lieutenant war schon im Begriff, weitere Fragen aber dieses interessante Thema anzustellen, als er plötzlich einen wehklagenden Ton hörte, der ganz neben Ihm aus dem dichten Gebüsche herauszukommen schien. Er ließ den Bauern sogleich halten, sprang aus dem Karren, und eilte nach der Gegend, woher der Laut kam. Als er sich dreißig bis vierzig Schritte in dem Gesträuche vorwärts gearbeitet hatte, sah er ein schluchzendes Weib, mit einem jungen, ohnmächtigen Mädchen in ihren Armen, auf einem moosbewachsenen Steine sitzen. In einem Augenblicke stand er an der Seite der Unglücklichen, aber erst, als er im Tone gefühlvoller Theilnahme ausrief: »Großer Gott, was ist geschehen?« bemerkte die ältere Frau, daß sie an diesem traurigen Orte einen Beobachter habe. Sie streckte ihre magere Hand aus und schluchzte: »Mein Kind, mein armes Kind! Ich fürchte, sie stirbt. Sieh sie rührt sich nicht mehr. Von Mattigkeit überwältigt, hat sie . «

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |