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Diana de Lys – Alexandre Dumas

G ewiß ist dein Leser schon einmal im Leben eine jener von dem Bewußtsein ihrer Schönheit erfüllten Frauen begegnet, die in ihrem stolzen Selbstgefühle dem Bilde gleichen, das man sich von einer Königin zu machen gewohnt ist. Denn unsere Phantasie vervollständigt gern die Majestät des Ranges durch die Majestät der Schönheit. Wenn Frauen dieser Art in einen Salon treten, so ruft man unwillkürlich seinem Nachbar zu: »Sehen Sie, welch’ schönes Weib!« — Der Nachbar, sehr oft nur ein gewöhnlicher Mensch, entwertet auch gewöhnlich: »In der That, ein Kopf, des Studiums würdig.« Ein Kopf, des Studiums werth! Das heißt: eine griechische Nase, große lebendige Augen, ein regelmäßiges Profil, ein halbgeöffneter Mund mit gebogenen Lippen, weiße Zähne, ein Hals, schlank wie eine Marmorstatue; alles Dies ruhig, kalt, unempfindlich, ohne Seele, ohne Leidenschaft,. ohne Feuer, und wohl geeignet in Wahrheit zum Modell für eine Malerstudie in Collegien und Pensionsanstalten für junge Damen. Der Leser hat außer einem solchen wunderschönen Antlitz gewiß einen eben so vollkommenen Körper zu bewundern Gelegenheit gehabt, und sich gesagt: Diese Frau ist schön, so schön, als nur ein Weib sein kann; woher kommt es, daß diese Schönheit mich kalt läßt, obschon sie offenbar allen Anforderungen an weibliche Schönheit entspricht? Woran es ihr fehlt? ich will es Dir sagen: sie hat noch nie geliebt, noch nie geschmachtet. Warum hat das schöne Weib noch nicht geliebt? Weil die Schönheit Egoistin ist, sich selbst genügt, und empfängt und nicht zurückgibt; weil die vollkommen schöne Frau kein anderes Verlangen kennt, als das der Anerkennung ihrer Reize, und keinem Einzigen diese Schönheit zu eigen geben will, auf welche dieser eifersüchtig sein und sie den Blicken Anderer auszusetzen verhindern würde. Weil sie den Weihrauch der Bewunderung allemAndern vorsieht, welcher ihren Eintritt in ein Theater oder in einen Ballsaal begleitet; weil ihre stolze Haltung einem nähern vertraulichen Umgange entgegenstrebt, der sie zwänge, von ihrer Höhe herabzusteigen, endlich, weil sie überhaupt nicht zu lieben versteht. Die Marquise Diana de Lys, die Heldin dieser Erzählung, war eine dieser Frauen. In der Stunde, wo wir ihre Bekanntschaft machen, saß sie am Fenster eines schönen Zimmers des Hotels, welches sie auf dem Quai Voltaire inne hatte, ein Buch lag auf ihrem Schooße. Ihre Gedanken zu errathen, dürfte eine schwere Ausgabe sein, ihr selbst waren sie vielleicht nicht klar. Es war in der Mitte Septembers, Abends 8 Uhr. Die Marquise hatte sich eben in Betrachtungen versenkt, deren Gegenstand wir nicht kennen, als ein Bedienter die Thür des Zimmers öffnete und Madame Delaunay anmeldete. Ihm folgte auf dem Fuße eine liebenswürdige Dame von dreißig Jahren, blond, mit braunen Augen, einer unendlichen Anmuth, mit einer einfachen Eleganz gekleidet, zu welcher eine Rente von zwölftausend Livres berechtigt, während ihre ganze Erscheinung den sanften Abglanz eines gleichmäßigen und behaglichen ehelichen Verhältnisses widerspiegelt. »Ach! Du bist es, Marcelline,« sagte die Marquise zu der jungen Frau. »Wie schön ist es, daß Du zu mir kommst. Ich langweile mich entsetzlich!« »Wo ist denn der Marquis?« frug Madame Delaunay. »Weiß ich es?« »Du weißt es nicht, Diana? — Liebst Du Deinen Mann nicht?« »Ich? Ja, ich liebe meinen Mann,« sagte die Marquise mit einem Tone, welcher ihre Worte Lügen strafte. »Ich bringe Dir hier etwas,« sprach Marcelline, indem sie der Marquise einen Brief überreichte. Die Marquise hielt einige Augenblicke das Papier, ohne es zu öffnen, in den Händen. »Weißt Du, daß dieser Maximilian aus einer sehr alten Familie stammt,« sagte sie, indem sie das Siegel mit eben solcher Gleichgültigkeit erbrach, als wenn sie eine Note der Modehändlerin hätte schnell überblicken wollen. »Kennst Du ihn ihn?« »Nein.« »Es ist ein lieber Mensch und macht mir schon seit Einem Jahre den Hof. Wir wollen sehen was er schreibt.« Die Marquise durchflog den Brief.


Während dieser Zeit hatte Marcelline das Buch von Dianens Schooße genommen, und blätterte darin. »Er ist traurig, er ist unglücklich,« sagte die Marquise, indem sie das Billet wieder zusammenfaltete. »Warum?« »Weil ich ihm auf seinen ersten Brief nicht geantwortet habe.« »Und Du willst auf diesen antworten?« »Es ist wohl nöthig. Er wünscht eine Unterredung mit mir.« »Und Du willst sie ihm gestatten?« »Ich langweile mich so sehr.« »Aber denke, daß Du damit ein klares Unrecht begehst.« »Ah! liebe Freundin, was die Welt verdammt, ist darum nicht immer ein Verbrechen. Wenn ich von einem Manne geliebt würde, wie Du von dem Deinigen, würde ich. ein Unrecht begehen, indem ich das thue, was ich beabsichtige, aber mein Mann liebt mich nicht. Er hat sein Vermögen aufgezehrt und sein Herz abgestumpft. Er hat mich geheirathet, weil ich zwei Millionen Mitgift hatte, und mein Vater hat mich ihm gegeben, weil er einen berühmten Namen trügt. Meine Tage folgen sich auseinander mit der Regelmäßigkeit einer Wanduhr. Ich besitze Alles, was Andere leidenschaftlich begehren, aber ich langweile mich bis zum Tode. Ich bin schön; was nützt mir aber diese Schönheit, wenn sie Niemand bewundert, wenn ich Niemand liebe!« »Und zum ersten Versuch hast Du diesen jungen Menschen auserkoren, welcher Dir hier schreibt?« frug Marcelline mit tugendhaftem Erstaunen. Die Marquise nickte mit dem Kopfe. »Und glaubst Du, daß er Dich liebt?« . »Wie sollte er nicht!« »Bedenke, was Du thun willst,« entgegnete Madame Delaunay. »Wenn ich viel bedächte, würde ich es sicherlich nicht thun.« Und Diana stand plötzlich auf, öffnete ein Schreibpult von Rosenholz und begann zu schreiben. »Wenn es irgend eine schwierige Aufgabe gibt, so ist es die Abfassung eines solchen Briefes.« »Warum?« frug Marcelline mit der Naivität, welche sie bei Besprechung eines solchen ihrem reinen Wesen unbegreiflichen Thema entwickelte. »Weil, wenn man zu viel sagt, man sich bloßstellt, und wenn man nicht genug sagt, man Gefahr läuft, nicht verstanden zu werden.« »In der That, es ist schwierig,« sagte Marcelline; »ich bin sehr glücklich, daß ich diese Schwierigkeiten nicht zu bekämpfen habe.« »Das wird vielleicht noch kommen.

« »Gewiß nicht,« entgegnete Madame Delaunay, und man fühlte, daß diese Verneinung aus dem Herzen kam. Die Marquise nahm die Feder, und ihre Hand bewegte sich ziemlich rasch auf dem Papiere. Während dieser Zeit betrachtete Marcelline, ans Fenster sich lehnend, die auf der Straße Vorübergehenden. »Ich bin fertig,« sagte endlich Diana, vom Schreibtisch sich erhebend. »Darf man lesen?« »Ja, Du magst mir sagen, ob es so recht ist.« »Sie beklagen sich über mein Schweigen,« las die Marquise; »Sie sollten aber wohl einsehen, daß eine Frau auf einen ersten Brief nicht leicht antwortet, besonders wenn dieser Brief Dinge enthält, wie der Ihrige. Ich will glauben, daß Sie mich lieben, aber ungeachtet all des Vergnügens, welches Ihr Besuch mir verursachen würde, scheint es mir unmöglich, daß wir uns anderswo treffen könnten, als in meinem Hause, wo ich Ihnen jedoch eben so wenig die erbetene Audienz gestatten kann, indem meine Thür allen denen offen sieht, welche anklopfen. Sollten Sie aber einen Ausweg finden, so werde ich Ihrem Verlangen gern nachkommen.« »Wie findest Du dies?« frug die Marquise. »Ganz gut für das, was es sein soll.« »Nun, dann habe ich es nur zuzusiegeln.« Diana siegelte den Brief und schrieb die Adresse, während Marcelline sich zum Fortgehen anschickte.

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