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Der unentwegte Platoniker – Carl Einstein

L ieber. Ich eröffne mich Ihnen, um zwischen mir und der Welt etwas festzulegen, ein Bild zu zeichnen, das meine Gedanken und die künftigen Tage nicht verändern können und von mir unabhängig zu sein, damit, wenn ich zu sehr im Gestrüpp mich verirre, ein Bildnis meiner stets finden kann; weiß ich doch nicht, ob, was in mir entsteht, fördert, oder, wenn es durchlebt wurde, vergessen werden muß, wie manch anderes, das mir begegnete. Ich reise unserm Fluß entgegen, den die schwebende Röte des Morgens blenden wird, überschreite den schwierigen Kamm, ziehe ungeleitet von fließendem Gewässer durch die schattigen Hügel, um ausatmend in die sich dehnende Ebene hinunterzuschauen und den eiligen Abstieg zu gewinnen. Ich fühle mich durch meine Gedanken, die in den jüngsten Monaten immer schneidender mich durchdrangen, erstarrt und, was sonderlich ist — zugleich recht beunruhigt, so daß es mir gut scheint, im Wechsel der Wanderung eine peinliche Öde auszufüllen oder wegzutragen. Ein schmerzlicher Zwiespalt öffnete sich mir in folgendem Erlebnis. Die schwebende Tragik des Abends überzieht die Blätter, worin ich mich von mir ablöse, um einer gleichen Gesinnung mich hinzugeben und die Schreie einer flatternden Kindheit zu ersticken. Der Fluß mischt den gewölbten Abendhimmel in schleichende Dunkelheit, ebnet hohes Laub und tiefes Flußbett in gemeinsame Schatten, die die Erde streifen. Seine Stimme klingt grundlos, von niemanden verströmt. Dies die Tragik eines jeden Abends. Jedoch besitzen wir Menschen eine solche Kraft der Wiederholung nicht, vielmehr scheint mir unser Treiben jedes Gesetz und die Stetigkeit zu überquellen, und trotz der Eintönigkeit, äfft ein unberechenbarer (vielleicht neuer) Rest verborgen den Willen, den wir an uns selbst leicht spüren, da wir uns genaue Nachbarn sind. Dieser Abend stirbt mir wieder furchtbar ab und ich muß inmitten, wo alles den Tod umkreist, ein Festes finden, um zu bestehen, zu überschauen und mich und diesen Himmel endlich und beständig in Gewalt zu bringen; denn bisher entgleiten mir Menschen und Dinge, wie Blasen verrinnen sie mir in den Händen und ich vermag keinen Bezug dauernd zu erhalten und bin unfähig, etwas zu tun, da ich in jedem Beginn das Ende sehe und den Wechsel, der jeden Morgen ein zweites Gesicht aufsetzt, und so einen toten Anfang halte. Ich finde keinen Halt und stürze in tausend Dinge und einen Tod. Fast scheint es, als seien die Bäume Kristalle und Kinder falsch und betrögen uns; als sei da keine Marke zu finden, und diese Dinge wiesen stets auf anderes hin und flössen in einen anderen Zustand; und trotzdem glichen sie sich in einem bestimmten Sinn und lebten gespannt zwischen dem Gleichen und dem Verschiedenen, bestünden aber nur, wenn man ihnen gibt, was ihnen nicht ziemt. Ich erzähle wieder von den Bäumen und Gewächsen meines Gartens. All diese blühen nur auf den Tod und darauf zielt ihr ganzes Wachsen. Wenn er sie abgeblättert hat, der Stempel unter seiner gewissen leichten, dauernden Last dorrte, gedeihen sie wieder. Die Tugend des Baums ist es vielleicht, in jedem Augenblick vollkommen zu sein, aber gerade hierin dünkt er mir zu anmaßend. Diesem Wechsel lernte ich mit einem inneren Bild entgegen und ich sehe immer darauf hin, als schütze es mich, den Tod auch im Kleinsten anzutreffen. Solche inneren Bilder sind nicht abstrakte Begriffe, vielmehr wenn ich im Stillen den Baum recht empfinde, schaue ich diese. Ich verfahre so wohl etwas grob, doch vermochte ich nicht mehr anders die mannigfaltigen Ereignisse zu überschauen, ich mußte, um nicht ins Kleinste zu geraten, das immer weiter führe, mir eine Grenze errichten. O Wechsel des Lichts, welches Auge sieht dich in deinen Übergängen, wer sieht alle Augenblicke des Wachsens! Um diese zu verstehen, meinte ich, fügen wir zwischen Zustände, die wir sehen, Zwischenglieder ein, und wir haben den Wechsel oft nur im Vergleich zweier oder dreier Zustände, den Zusammenhang fügen wir also hinzu. Ich kehrte nach solchen Gedanken eines Morgens zu meinem Garten zurück. Das Licht flammte in den Kelchen und die Dächer der Bäume wankten geblendet, aber ich war traurig. Garten und Tag waren mir im Innern falsch, oder sie gingen mich nichts an. Da sah ich fast wie durch einen Schleier meinen Garten voll Ruhe und in einem Ton um mich, doch wo er und mein Besitztum endeten, war der Tag, wie es ihn hell freute.


So fand ich nun meinen Garten, der mir ziemte, aber dafür war ich nun allein und abgesperrt. So erging es mir mit vielen Dingen und entweder sie schickten sich in meinen Zustand, oder sie führten ein Doppelleben; eines für sich, wie es ihnen bequemte, das andere nach meinem Sinn. So lebe ich nun gespannt, bald sehe ich ruhig die inneren Bilder, entfernt vom Tödlichen, bald belausche ich angstvoll den ungehemmten eiligen Absturz der Dinge. Sie sehen, mir öffnete sich etwas wie ein Riß, oder ich geriet in Gegensätze, die gefährliche Gespräche führen; bald verdichtet sich die Umgebung und verharrt in Weile, dann wieder treibt sie um so erregter. Vor zwei Tagen erst kam ich ungeschickt in einen Wirrwarr lästiger Dinge und mußte einen Bekannten darum in dem heftigen Gewitter aufsuchen. In all diesem Stürmen und Blitzen, das in die ganze Verwirrung hereinblies, kam es mir vor, da die Blitze mich im Wald überfielen und ich nicht wußte, wie die andere Sache zu schlichten sei, daß irgend einer im Gewitter ginge und vielleicht denselben Mann, vielleicht auch einen anderen die unbillige Geschichte laste, ich aber unbehelligt in meiner weiten, windstillen Ebene liege und zum Himmel schaue, über den weiße Sommerwolken zogen. So mag ich eine halbe Stunde mich fern von Unwetter und Menschen befunden haben, aber mir war ich nah. Dann schlug in diesen Zustand ein Blitz, der mich zum Gehen zwang, obwohl er nicht in mein Spiel paßte. Ich traf den Freund, aber die ernste Angelegenheit war mir entschwunden; erst auf die dringliche Ermunterung des Mannes fand ich den Anschluß, ich sprach zu seinem Erstaunen gleichgültig, wie man wohl eines ganz Unbekannten Recht erledigt, in einer Sache, die ich vorher leidenschaftlich begonnen hatte. Alles war mir gleichgültig, außer dem Lager auf der sonnigen Ebene und darüber schien mir, stehe eine Sache, die zu suchen vor allen Dingen wert sei. Und dies Herausreißen fühlte ich fast wie die Isolierung eines erlösenden Krampfs. In diesem jähen und öfteren Wechsel gewöhnte ich mich im Erstaunen über die Zusammenhanglosigkeit zu leben, welche mich teilweise sehr anstrengte, da ich oft ganz fremde Zustände zu gleicher Zeit verfolgen mußte, oder der eine wegen des anderen mir unverständlich wurde, daß ich keinen fortführen konnte. Ich sehe, ich habe mich von meinen Menschen, wie es mir Umgebung, Gewohnheit und die Nötigung des Augenblicks vorschreiben, geradezu getrennt und ein mir noch Unbekannter will gelten und schalten. Das Selbstverständliche ermüdet mich, ich tue es ohne inneres Ziel, glaube ich doch nicht mehr, daß es das Eigentliche enthalte und ich glaube diesem Mann, denn er sieht es gar nicht. Ich treibe mich durch, nicht weil die Dinge unmittelbar zu mir reden, ich höre sie aus der Ferne, und wenn ich ihnen nachgebe, dann geschieht es aus Erinnerung, als handelte ich in der Vergangenheit und sei das Gewärtige etwas anderes oder an einem noch fernen Platz. Ich tappe jedoch nicht in einem Doppelleben, vielmehr meine ich, daß ich mich zu diesem Neuen wie zum durchaus Besseren wende, und es gilt nur, sich zu üben und zu bemühen. Diese wachsenden Dinge, die ihre Fruchtbarkeit immer durch die Unruhe zerstören, erreichen doch wohl nie eine gebotene Vollkommenheit; denn gerade das Gute scheint mir, bleibt an der Stelle und ruht. All jene Bewegten stehen trotz ihrer Ruhelosigkeit im Gleichen, weil sie nie den Sprung über den eigenen Kopf hinaus wagen und aller Wechsel ist ihnen vergeblich. Vor mir schwebt, ich spüre es seit zwei Tagen deutlich, eine zweite Gestalt von mir, und sie fordert stürmisch Einlaß, daß sie Ich sei und der mir so vertraute Laurenz gehe. Ich vermag nicht viel davon zu berichten und es ziemt sich auch nicht. Mit dem dichteren Abend spüre ich, wie dieser Körper ins Dunkel verschwindet und an seine Stelle irgend ein anderes dringen solle. Diese Nächte erheben mich, ist doch die äußere Welt verschwunden, damit ich ungestört über dies Neue nachdenken kann. Dann kann man viel eher sich auf sich selbst beziehen und man sieht, daß es darauf ankommt, mit der eigenen Reinheit die Nacht zu durchleuchten, in deren Glut neue wahre Dinge erstrahlen.

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