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Der schmale Weg zum Glück – Paul Ernst

Es war in den ersten Wintertagen, wo um sieben Uhr schon Dunkelheit in den Stuben ist. Die Großmutter saß still in ihrem Lehnstuhl am Ofen und träumte im Halbschlummer von ganz alten Zeiten, als sie ein junges Mädchen war und einen ungeschickten Freier auslachte. Pollux lag auf der Seite vor dem warmen Ofen und schnarchte plötzlich, wachte davon auf, klopfte mit dem Schwanz auf die Dielen und legte sich wieder um. Ganz laut tickte die Wanduhr, wie sie es am Tage nicht wagt. Der kleine Hans saß mäuschenstill unter dem Tisch und stellte sich vor, dieser Tisch sei eine Stube, die von allen Seiten verschlossen wäre, und da säße er in der Mitte, und dann müßte nichts weiter auf der Welt sein wie diese Stube. Dorrel ging in den Stall, und die Laterne warf schnell einen Schein über die Decke und dann die Wand entlang über die Spitzen der Rehgeweihe und über die Gewehrläufe. Dann hörte man, wie der Melkeimer klirrte und wie sie mit der Kuh zankte, die Elsbeth hieß, und zuletzt hörte man das Melken. Die Tür ging auf, und die Mutter trat mit der Lampe herein. Die Großmutter nahm schnell ihr Strickzeug in die Höhe und sagte, daß sie gar nichts mehr habe sehen können, denn sie wollte es nicht Wort haben, daß sie geschlafen. Dann deckte die Mutter mit dem leinenen Tischtuch, das aus selbstgesponnenem Flachs gewebt war und in der Mitte eine Naht hatte, und der kleine Hans unter dem Tisch saß jetzt viel heimlicher, sah auf die raschen Füße der Mutter und betrachtete, wie der Rock sich bewegte. Und so klapperten die Teller, braune, irdene Teller, und die Schüssel mit dem Haferbrei wurde auf den Tisch gesetzt; sie war auch ein irdenes Geschirr und war inwendig das Vaterunser mit Grün und Rot hineingeschrieben, dann kamen die blanken zinnernen Löffel und die Messer und Gabeln mit Hirschhorngriff, und ein Stück Schinken und ein Schinkenbrett für jeden, nur nicht für den kleinen Hans, denn dem wurde sein Teil zugeschnitten, und er kriegte es in ganz kleinen Würfeln, aber die Großen aßen ihren Teil in Streifen. Die Uhr hob aus zum Schlagen, und der kleine Hans kroch unterm Tisch hervor, um die Zeiger zu betrachten, wie sie zitterten während des Schlagens. Da waren mit einem Male laute und schnelle Schritte des Vaters vor dem Haus; Pollux sprang auf und stellte sich winselnd vor die Tür, der Vater kam eilig herein und langte nach der Schrotflinte; Pollux sprang an ihm hoch; die Mutter warf sich ihm entgegen und rief: »Bleib, bleib, ich habe eine Ahnung, sie bringen dich tot nach Hause!« Er aber schob sie von sich, pfiff dem Hund und ging wieder eilig hinaus; seine Wange blutete stark von einem langen Riß. Die Mutter warf sich laut weinend auf einen Stuhl, der kleine Hans trat vor sie, legte ihr die Händchen in den Schoß und blickte zu ihr auf. Die Großmutter aber in der Ecke mit ihrer alten Stimme sprach tadelnde Worte und erzählte, wie ihr selbst vor vierzig Jahren die Arbeiter ihren Mann auf zwei jungen Tannen tot nach Hause gebracht, mitten durch die Brust geschossen, aber sie habe nicht geweint, obwohl sie ein junges Weib gewesen damals und erst ein halbes Jahr verheiratet, und Hansens Vater sei nach ihres Mannes Tode geboren; denn wer in seiner Pflicht stirbt, der hat einen guten Tod, und Gott verläßt nicht seine Hinterbliebenen; und wenn ein Förster sein richtiges Geld kriege, so müsse er auch sein Leben einsetzen gegen die Wilddiebe. Da weinte die Mutter noch stärker, der kleine Hans aber faßte ihren Arm und versuchte ihr ins Gesicht zu sehen, denn er wollte sie trösten. Zuletzt wischte sie sich die Tränen von den Backen, damit die Magd nichts merken sollte von ihren Sorgen, und ging in die Milchkammer, die Milch in Satten zu tun, indessen Dorrel der Kuh Futter aufsteckte. Und wie beide ihre Arbeit beendet, kamen sie zurück in die Stube, und alle setzten sich an den Tisch zum Abendbrot; nur des Vaters Platz blieb leer, und die Mutter sah nicht hin nach der Stelle, denn sie hatte Furcht, die Tränen möchten ihr wieder in die Augen steigen. Jedem tat sie auf seinen Teller von dem Haferbrei und auf sein Brettchen ein Stück Schinken; dann betete sie mit lauter Stimme das Tischgebet. Der Mond war draußen aufgegangen über den Spitzen der schwarzen Tannen, und es schien heller durch die dick beschlagenen Fensterscheiben. Dorrel sprach davon, daß in der Nacht ein scharfer Frost kommen werde; die andern schwiegen; plötzlich sagte Hans mit seiner hellen Stimme: »Die Großmutter hat doch recht, wenn ich das Geld nehme, so muß ich auch alles dafür tun, sonst darf ich das Geld nicht nehmen.« Aber niemand antwortete auf seine Rede, bloß die Magd verwies ihm, er solle nicht sprechen, wenn die Erwachsenen unter sich Dinge zu ordnen hätten. Dann beredete sie mit der Mutter, was am andern Tag getan werden mußte. Nach dem Essen räumte die Mutter das gebrauchte Geschirr ab; nur das Gedeck für den Vater ließ sie liegen, hob ihm auch in der Ofenröhre seinen Haferbrei auf. Dann war Hans wieder allein mit der Großmutter in der Stube.


Da hatte sich die Katze hereingeschlichen, ging leise vor den Ofen, putzte sich mit Sorgfalt, und dann setzte sie sich mit rechter Behaglichkeit, schloß die Augen halb und spann; Hans lag vor ihr auf der Erde und sah ihr ins Gesicht, so daß sie verlegen wurde; er hätte gern gewußt, wie sie das Spinnen machte. Dann betrachtete er die beiden großen Bilder über dem Sofa; das waren der Beerdigungszug des Jägers und der Beerdigungszug des Fischers. Dem Sarg des Jägers folgten alle Tiere auf der Erde, der Hirsch, das Reh, die Sau, der Fuchs und alle Vögel und ein kleines Eichhörnchen; und bei dem Fischer folgten die Fische, denn es floß da ein Wasser. Er dachte sich immer, wie das sein müßte, wenn er auch ein Tier wäre und folgte da mit in dem Bilde; man sah recht tief in einen schönen und saubern Wald hinein, in dem mußte es sich ganz gut lustwandeln lassen, und die Bäume waren ganz andrer Art, wie man sie sonst sah. Allgemach kam der Sandmann, und er rieb sich die Augen. Da ging er zur Großmutter, die sich die Lampe ganz nahe gerückt hatte und ihr Strickzeug ganz dicht vors Gesicht hielt, und bettelte, daß sie ihm die Geschichte von der weißen Schlange erzählen sollte. Da erzählte die Großmutter, wie ein Vorfahr der Grafen, denen die Wilder hier gehörten, ein Prasser und Schlemmer gewesen sei und ein böser Mann; der habe einen guten und frommen Diener gehabt, der ihn oftmals zum Bessern ermahnt, aber niemals zur Umkehr habe bewegen können. Eines Tages habe der Diener dem Grafen eine verdeckte Schüssel müssen auf sein verschlossenes Zimmer bringen, und wie er, von besonderer Neugierde bewegt (das zwar nicht ehrbar von ihm gewesen), die Schüssel aufgedeckt habe, sei eine gekochte weiße Schlange darin gelegen, in viele Stücke zerschnitten. Da habe er sich nicht mehr bezwingen können und sei ihm gewesen, als werde ihm befohlen, daß er eins der Stückchen heimlich habe nehmen müssen. Der Graf aber habe alles andere gegessen und nichts gemerkt. Wie nun der Diener am Fenster steht und in den Schloßgraben hinuntersieht, schwimmen da zwei weiße Enten, und er merkt, daß er ihre Sprache versteht, und sie erzählen sich, daß das Schloß noch diese Nacht untergehen soll; der Herr aber stand auch am Fenster und lachte. Daraus merkte der treue Diener, daß der Graf etwas Falsches verstanden hatte für seine Sünden, verfiel rasch auf eine List und sprach, er habe sich eine lustige Jagd ausgedacht für diesen Abend; nämlich alles Schloßgesinde solle mit Fackeln kommen, und der Herr mit seinem einzigen Töchterchen, denn seine Gemahlin war schon seit langem verstorben, solle auch kommen, und dann wollen sie Krebse fangen in einem Waldbach, den er wisse, weil es jetzt Zeit sei zum Krebsen. Dies gefiel dem Grafen und wurde so gemacht. Und wie alle aus dem Schloß gezogen waren und sich erlustigten und fröhlich waren, kamen Blitze und Donnerschläge und ein Erdbeben, und das Schloß versank, und an der Stelle ist jetzt die Elsgrube. Da wurde der Graf ganz blaß und ging in sich und ging in ein Kloster; vorher aber verheiratete er seine Tochter mit dem frommen Diener und gab dem sein ganzes Gut, und von dem stammen in männlicher Reihenfolge die jetzigen Grafen ab, wiewohl der Name nicht gewechselt und noch der alte ist.

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