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Das Wahrzeichen von Ingolstadt – Erich Frommel

Daß Ingolstadt einst eine Festung war und noch seine alten Wälle am Ufer der Donau hin hat, wenn sie seither nicht abgebrochen worden sind, das weiß der Quartaner, wenn er was gelernt hat. Die Franzosen hatten sie ruiniert, die längs dem Rhein herunter noch mehr Beweise gegeben haben, daß sie an der Spitze der Zivilisation einherschreiten und Meister im Ruinieren sind. Aber die Maurer haben selbigesmal, da die Mauern gebaut wurden, noch guten Mörtel gehabt und hat bei ihnen der Tropfen Schweiß noch keinen Gulden gekostet, wie heutzutage, so daß die gesprengten Stücke noch zusammenliegen und zueinander sagen: »Wir wollen doch beieinander bleiben«, und die Donau über sie wegbraust und ihnen das Vergnügen gönnt. Da ist denn auch an der Stadtmauer noch ein großes Bild eines Mannes sichtbar, der mit einem roten und einem blauen Strumpf abgemalt ist, und zwar so stich- und farbhaltig, daß es noch kein Wetter, wiewohl es über 200 Jahre alt ist, abgewaschen hat. Das Bild stellt einen Mann dar, der, die Hände auf den Rücken gebunden, mit einem Strick um den Hals an einem Balken hängt. Am besten sind der rote und der blaue Strumpf behandelt, mit fast absonderlicher Liebe. Aus der Ingolstädter Chronik aber wird ersichtlich, woher das Bild mit so besonderem Fleiß gemalt ist. Am Ende des sechzehnten Jahrhunderts starb zu Ingolstadt der Webermeister Zacharias Sondermann. Wie’s gekommen, weiß man nicht, aber als er starb, fanden sich außer seinen zwei Söhnen noch viele Schulden. Wie heute noch geschieht, so geschah es auch dazumal, daß zugriff, wer Hände hatte, und wer die längsten hatte, bekam auch am meisten. Nachdem die Webstühle und das Hausgerät unter den Hammer gekommen waren, griff der Hauptgläubiger nach dem Hause und allem, was drin war, nur nicht nach den beiden Söhnen, die wollte er nicht unterhalten. Die zwei weinten noch zusammen in Vaters Haus und auf Vaters Grab, gaben sich die Hände, und der eine zog zum Eichstädter und der andere zum Münchener Tor hinaus. Nach den armen Burschen krähte kein Hahn, als sie fortzogen, denn sie hatten kein Geld, und darnach fragen doch die Leute am meisten. Und ebensowenig läutete das Glöcklein, noch zog der Magistrat aus, noch bewegte sich ein Windfähnlein in der Stadt, als der jüngere von den Brüdern nach langen Jahren wieder heimkam. Drüben über der Donau war er mit einem beladenen Eselein angekommen, das, so mager es war, zwei Kisten schleppte, hüben eine und drüben eine. Er ließ sich auf der Fähre übersetzen, verkaufte das magere Tier in der Herberge und schaffte die Kisten am Abend in aller Stille auf ein Stüblein, das er sich in einem dunklen Gäßchen, weit ab von der Hauptstraße gemietet hatte. Wenn der geneigte Leser meint, es seien in den Kisten lauter Goldfüchse gewesen, so täuscht er sich – und doch war der Inhalt Goldes wert. Es waren nämlich drin die hundert und aberhundert kleinen Räder, Schrauben und Spulen zu einem Strumpfwirkerstuhl. Die hatte er sich in der Stadt Venedig mit seinem sauer ersparten Gelde gekauft und unter viel Mühsal und Fährlichkeit lebendig und gesund über den St. Gotthard auf seinem Eselein gebracht. Nun ließ das kleine schmächtige Männlein, das ebenso mager wie sein vierbeiniger Geselle war, und dazu noch mit bleichen Wangen und eingesunkener Brust behaftet, vom Schreiner sich das Gestelle machen, schloß die Tür hinter sich zu und setzte sich in stiller Nacht den Stuhl zusammen. Denn solch einen Stuhl kannte man in deutschen Landen noch nicht, und war ein Geheimnis italienischer Kunst. Er hatte sich die stillste Gasse gewählt in Ingolstadt, denn das Haus war auf der Stadtmauer gebaut. Er hatte kein Gegenüber als das weite stille Donautal, und die Morgensonne rief ihn zur Arbeit und schien Fröhlich auf den kunstvollen Stuhl; und der alte Kachelofen mit den seltsamen Wappen und Figuren wärmte ihn des Winters, und es war so warm da, als habe der Insasse kein Tröpflein Blut in sich, und sei vielmehr ein Zitronenbaum aus Land Italia. Alle Morgen kam zu dem stillen Männlein eine ebenso stille alte Frau, die mit anderen Waren auch seine Strümpfe und Mützen und Wämschen und Handstaucher mit auf den Münsterplatz zum Verkauf nahm und dafür abends den Erlös, oder Licht und Brot und Butter, und was der kleine Mann noch brauchte, brachte.


Sein Wasser holte er sich zur festgesetzten Stunde morgens und abends selbst aus dem tiefen Ziehbrunnen, der unten in dem dunklen Hausflur war. Aber das Männlein kannte sich so gut aus in dem Hause, als ob es schon von Jugend auf darin gewesen. Und das war es auch. Denn es war seines Vaters Haus, das jetzt einem anderen Besitzer gehörte, dem Hauptgläubiger des Vaters. Als es einzog, hatte das kleine Männlein erklärt, es wolle die Restschuld des seligen Vaters nachbezahlen, damit kein Flecken auf dem Vater im Grabe hafte. Denn wenn das Gesetz ihn auch nicht zwang, da der Vater vergantet war, so wußte er, daß es noch ein anderes Gesetz gibt, das im Landrecht nicht steht aber vor Gottes Augen gilt, vor dem es keine Verjährung gibt. In seinem Herzen aber hatte er die Hoffnung, durch seiner Hände Arbeit noch einmal dazuzukommen, dem Mann das väterliche Haus abzukaufen, wenn die Schuld getilgt wäre. Das waren die Gedanken des Strumpfwirkermännleins, die noch manchem Kinde wohl anstehen würden in heutiger Zeit, wo so manche an ihren Gläubigern, die viel an ihnen verloren, so flott vorüberfahren, als hätten sie oder ihre Eltern kein Wässerlein getrübt. Darum schränkte sich das Männlein aufs äußerste ein im Essen und Trinken. Seine Strümpfe gingen reißend ab, zumal er noch schöne Zotteln anbrachte, die den alten Leuten den Fuß warm hielten. Dazu waren seine Farben untadelig schön, und längs der Donau trugen die Leute seine Ware. So glaubte er denn stille, wie der Prophet im Witwenstüblein zu Zarpath und sein Nachfolger zu Sunem, unangefochten von der Welt zu leben, denn er ging nicht unter die Leute als nur des Morgens und Abends zur Messe in die Kirche und wen er sah, den grüßte er bescheidentlich. Aber er wußte nicht, was im kleinen Katechismus Lutheri steht, daß zum täglichen Brot nicht bloß ein Strumpfwirkerstuhl und ein warmer Ofen, sonder auch gute Nachbarn gehören. Das sollte er am Gegenteil erfahren. In dem Hause, ein Stockwerk unter ihm, wohnte nämlich mit seiner Schwester der Baccalaureus Fabian Duft, der mit großer Mühe in alten Jahren zu diesem untersten Grad der akademischen Würde gekommen war. Denn nebenher war auch in Ingolstadt eine Universität. Zum Magister war er nicht vorgedrungen und darum, wie alle Halbwisser, eitel und hoffärtig. Denn wer was Rechtes weiß, der senkt den Kopf, wie die vollen Ähren, und nur der leere Strohhalm hebt ihn lustig auf. In alles steckte er seine Nase, auf der eine große Brille wie Eulenaugen saß, und durchschnüffelte die Räume, in die er kam, wie ein Hühnerhund das Schilfrohr. Mit niemand konnte er sich vertragen, weil er alles besser wissen wollte als andere Leute, und wo er arbeitete in den Offizinen der Drucker, gaben sie ihm bald den Abschied, weil er nicht bloß die Druckfehler korrigierte, sondern auch seine eigene Weisheit und Randglossen hineinfuschte. Das ist denn gar ein trübselig Leben, wenn so einer alles wissen will und doch nichts weiß, und sich das goldene Sprüchlein Sirachs nicht merken will, daß ein Narr, so er schwiege, auch würde für weise gehalten werden.

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