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Das Raubschloß – H Clauren

Eine sehr angenehme Dienstreise führte mich in die Gegend des Riesengebirges, wo ich in meiner früheren Jugend, ein Jahr im Hause meiner Tante Walther, äußerst glücklich verlebt hatte. Ich hatte mir vorgenommen, sie bei dieser Gelegenheit zu besuchen und ihre beiden Töchter, die damals Kinder von zwei, drei Jahren gewesen waren, jetzt, in der Blüthe ihrer schönen Tage, wieder kennen zu lernen. Der Onkel war seit jener Zeit gestorben, und die Tante lebte von ihrem sehr ansehnlichen Vermögen, auf ihrem Gute, in der reizendsten Gegend des innern Gebirges. Im letzten Städtchen, wo ich im Wirthshause mich nach den nähern Umständen der Familie erkundigte, erfuhr ich zu meiner großen Betrübniß, daß die arme Tante vor einigen Wochen, ihre jüngste Tochter, Cäcilie, durch das Scharlachfieber verloren habe, und von diesem harten Schlage des Schicksals, ungemein niedergedrückt sey. Man nannte den Schmerz der armen Mutter sehr gerecht; denn die sechszehnjährige Cäcilie sei ein so kluges und gutes Mädchen gewesen, daß sie von der ganzen umliegenden Gegend geliebt worden sey. Diese Nachricht dämpfte in mir die Freude des Wiedersehens nach langen vierzehn Jahren, um ein Merkliches: auf der andern Seite war es mir aber lieb, jetzt gerade die unglückliche Mutter besuchen zu können, um ihren Schmerz zu theilen, und ihren Kummer, wo möglich, zu zerstreuen. Um ihr, gleich bei der ersten Begrüßung, ein Merkzeichen meines herzlichen Antheils zu geben, kaufte ich mir einen Streifen schwarzen Kreppflor, und umwand damit den linken Ermel meiner Uniform. Es war Mittag, als ich aus dem Städtchen abfuhr. Die Sonne stach brennend mir über dem Scheitel; ein heißer Südwind wehte über die Kornfelder, und dunkle Gewitter-Wolken lagerten sich um die nakten Wände des riesenhaften Gebirges. In wenigen Stunden erreichte ich die Gränzen von dem Gute meiner Tante; die alte verfallene Ruine, die auf dem stattlichen Berge über dem Wohnhause thronte, und unter dem Namen des Raubschlosses in der ganzen Gegend bekannt ist, hatte ich schon früher entdeckt. Ich begrüßte im Vorbeifahren alle die stillen Plätzchen der Runde, die ich als Knabe so oft besucht hatte, mit freundlicher Wehmuth. In die süße Erinnerung jener glücklichen Jahre versunken, durch die Nachricht von dem Tode des geliebten Kindes weich gestimmt, und überwältigt von unnennbaren Gefühlen, sank ich mit stummen Thränen, der überraschten Tante in die Arme. Sie empfing mich in tiefer Trauer. Der Flor an meinem Arme sagte ihr schweigend, daß ich ihren Schmerz schon kannte; sie drückte mich an das zerrissene Mutterherz, und schluchzte laut. »O warum kamst Du nicht,« sagte sie leise, und legte ihr verweintes Gesicht auf meine Achsel, »warum kamst Du nicht einen Monat früher? Da war ich noch glücklich und reich; da stand ich noch in der Mitte meiner beiden Kinder. Ach, mein Freund!« fuhr sie fort, und richtete sich auf, »jetzt hat mir Gott die ganze Hälfte meines irdischen Glücks genommen. Ich habe gemurrt! ich habe laut gehadert mit ihm! Cäcilie war ein Engel! warum ließ er mir das Kind nicht? was hatte ich verbrochen? Wenn die Mutter am Grabe ihres Kindes, allmächtiges Wesen, an Deiner Liebe, an Deiner Güte verzweifelt, o so zürne ihr nicht! eine Mutter hat nichts, als ihre Kinder.« In demAugenblicke trat Julie, ihre ältere Tochter, herein. Sie hatte schon im Hause meine Ankunft und meinen Namen erfahren, sie hörte die letzten Worte ihrer Mutter. Mit der traulichen Herzlichkeit, die das alte Recht der Blutsfreundschaft heiligt, schloß sie mich in ihre Arme, und küßte tröstend die blasse Wange der leidenden Mutter. In ihr schönes, großes Auge schoß eine stille Thräne. Ich suchte keine Worte, denn an einem so wunden Herzen haftet nicht der Trost studirter Rede; ich ließ mir von beiden recht viel von der Verstorbenen erzählen, und machte dadurch und durch meine herzliche Theilnahme, ihren Kummer leichter. Beiden that es wohl, von der Verstorbenen reden zu können; Cäciliens letzte Stunde war der Gegenstand ihrer Unterhaltung. Cäcilie war mit dem vollen Bewußtseyn ihres nahen Todes, hinübergeschlummert; sie hatte sich vor dem Einscharren in die Erde gefürchtet, und die Mutter gebeten, sie nicht auf den Kirchhof begraben zu lassen, weil es möglich sei, lebendig begraben zu werden, und dann keine Rettung denkbar sei. Unter dem Raubschlosse war ein tiefer, halb verfallener Keller; diesen, bat sie die Mutter, zur Gruft einrichten zu lassen; dort habe der Tod ihr keine Schrecken, denn sie sei da immer unter den Lebendigen.


Die unglückliche Mutter hatte die letzte Bitte ihres sterbenden Kindes erfüllt. Sie und Julie gingen jetzt mit mir zur stillen Ruhestätte der Verklärten. Die Ruine lag einige tausend Schritte vom Hause entfernt, auf einem kurz abgestumpften Felsen. Der Weg dahin führte durch einen kleinen Hain von hundertjährigen Eichen, der mit in den Garten des Wohnhauses gezogen war. Die nächsten Umgebungen der Ruine, waren schon zu Zeiten des vorigen Besitzers, in einen Park verwandelt, der den Charakter seines Mittelpunktes, der Ruine trug; ernstes Dunkel himmelhoher Tannen, und sanftes Grün der herabhängenden Thränenweiden. Näher dem schwarzen, gelb bemoosten Felsen, wiegten sich junge Birken in den leisen Lüften. Flieder, wilde Rosen, Jasmin, Epheu, und tausend andere kleine Gebüsche umkränzten die Burg, zu welcher der mir bekannte schmale Fußpfad den Hügel hinan führte. Aber ein neu gebahnter enger Weg schlängelte sich, links um den Felsen zur neuen Gruft hin, deren Eingang, wie ich ihn von weitem erblickte, mit einem geschmackvoll bronzirten eisernen Gitterthor versehen war. Um den Schmerz meiner Begleiterinnen, der während unsers Hergehens sich ein wenig gelegt hatte, nicht von neuem rege zu machen, bog ich rechts ein, um den Berg hinauf in die Ruine zu gehen, von der ich sonst immer mit Entzücken die weite reizende Aussicht genossen hatte. Eine neue, während meiner Abwesenheit gemachte Anlage, überraschte mich; die Tante hatte das noch vorhandene Gemäuer des alten verfallenen Ritterschlosses benutzt, um einige kleine bewohnbare Zimmer darin einzurichten; Eine kühne, mit einem eisernen Geländer versehene Treppe führte an der innern Wand des halb eingestürzten Wart-thurms hinauf, von der man in eine Flur, und dann in zwei gothisch meublirte Gemächer trat. Ich öffnete das Fenster, und überschaute mit einem Blicke, die Schneekuppe, die Gegend der Elbquellen, und die beiden Schneegruben; den ganzen Kamm des alten, ehrwürdigen Riesengebirges, und einen Theil des fruchtbaren Schlesiens; vor mir ein stilles, von der Welt geschiedenes Thal; unter mir den Eingang zur eisernen Gitterpforte, von Cäciliens kühler Felsengruft. Im Zimmer selbst hing das Portrait des Onkels, neben ihm das, der unter unsern Füßen schlummernden Cäcilie. Eine schöne Blondine, blühend, wie die Göttin der Gesundheit, in der lächelnden Wange das Grübchen jugendlicher Unschuld; das seidene Haar in weichen Ringellocken um den kleinen Engelskopf, und eine weiße Rose am jungfräulichen Busen. »Das ist sie?« fragte ich, im stillen Bewundern der früh verwelkten Schönheit versunken. »Das war sie,« – sagte die Mutter mit sanfter Wehmuth, und Julie wandte ihr Gesicht weg, um im Stillen die Thränen zu bergen, die dem wunden Herzen entquollen. Beide Schwestern ähnelten einander, wie ich jetzt bemerkte; nur war Julie brünett. Ich suchte das Gespräch wieder abzulenken, um Mutter und Tochter, die von neuem die Verlorne hier wieder gefunden hatten, vom Gegenstande ihrer Trauer abzuziehen, und richtete meine Aufmerksamkeit auf die innere Einrichtung der äußerst geschmackvollen Zimmer. In der anstoßenden Stube standen drei Betten; hier hatte die Mutter mit ihren Töchtern den vorigen Sommer hindurch geschlafen; sie erzählten, wie glücklich sie hier gelebt hätten; wie jeder Morgen, jeder Abend in diesem einzig schönen Aufenthalte, ihnen neue Freuden geboten habe, und machten eine so reizende Schilderung davon, daß ich um die Erlaubniß bat, die wenigen Tage meines Hierseins auch hier wohnen und schlafen zu dürfen. Die Mutter willigte gern ein; nur Julie fragte, ob es mir nicht grauen würde, in den wüsten Ruinen, der stillen Gruft des Todes nahe, ganz allein zu seyn; so gern sie die Ruhestätte ihrer Schwester besuche, so unmöglich würde es ihr doch seyn, eine Nacht hier oben allein zuzubringen. Ich entgegnete ihr lächelnd, daß ich keine Furcht habe, die Nähe ihrer entschlafenen Schwester habe für mich, in dieser Hinsicht, nichts schreckhaftes, und gegen den Angriff der Lebenden schütze mich mein Degen.

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