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Das Paradies – Otto Roquette

E s war eine Wohnung mitten in der Stadt, an staubiger geräuschvoller Straße, die Mittagssonne hatte glühend bis um die vierte Stunde auf die verhängten Fenster gebrannt. Die Hausfrau zog jetzt die Vorhänge zurück und öffnete ein Fenster, während ihre Tochter die Kaffeetassen auf dem Tische ordnete. Aber es drang keine Kühlung ins Zimmer, denn schwüler nur lag draußen die Julihitze über den Steinmassen der großen Stadt. »Es will kein Gewitter kommen!« sagte die Mutter. »Der Himmel steht unbewölkt, nur von Dunst und Staub des Sommertages getrübt über den Dächern. Ein paar Regentage wären recht willkommen!« — Auch Eugenie, die Tochter, trat zum Fenster, und wandte ihr anmutiges Gesicht nach der Straße. Da sie aber nichts erblickte, was Interesse für sie hatte, nahm sie ihre Näharbeit zur Hand und setzte sich mit einem leisen Seufzer an ihren Fensterplatz. Aus diesem Seufzer klang es, als ob ihr eigentlich noch andere Erscheinungen, als ein paar Regentage willkommen wären. Das Alltagsleben des Sommers war so eintönig, ein Spaziergang ins Freie nur mit langen Wegen durch Straßentumult und Dunst zu erkaufen, und das Haus mit seinen Geschäften ließ nicht täglich eine solche Erholung zu. Alles reiste in die Bäder, ging in schönere Gegenden, suchte in der Ferne Erquickung und neue Eindrücke. Eugeniens junges Herz hätte auch gern einmal erfahren, wie es in der Sommerzeit draußen in der schönen Weite aussieht, wo es Berge und Täler gibt. Die heißen Monate in der Stadtwohnung — obgleich Eugenie keine andere Welt kannte, als diese — waren hoch recht unerquicklich! Und dennoch fühlten die Frauen sich gerade heut recht frei und feiertäglich. Denn gestern waren die sechs Pensionäre des Hauses abgereist, und es war heut der erste Tag der Schulferien, den auch die Frauen in dem vereinfachten Hausstande auf ihre Weise genossen, denn das große »Reinmachen« der Schülerstuben war vollendet. Freilich blieben immer noch drei junge Herren, Eugeniens jüngere Brüder, zurück, aber die hoffnungsvolle Mannschaft war doch nun von neun auf drei reduziert, und der Tisch umfasste mit dem Vater — denn der älteste Sohn lebte selbständig für sich — anstatt zwölf, nur sechs Personen. Die Frauen wünschten recht sehr, dass auch der Vater eine Erholungsreise antreten möchte. Nicht um auch ihn los zu sein, sondern um ihn frischer und gekräftigter wieder tu bekommen. Er war auch fest dazu entschlossen, da aber teilte die Mutter ihrer Tochter mit einiger Bekümmernis mit, der Vater habe plötzlich die Idee zu einer gelehrten Ferienarbeit gefasst, und sie werde nun mit ihrem Dringen auf eine Reise von vorn anfangen müssen, wobei sie sich nicht einmal großen Erfolg von ihren Vorstellungen versprechen konnte. Denn wenn ihr vortrefflicher Gatte, der Rektor Willmers, etwas Neues erfasste, mochte es sein was es wollte, so war er mit Leib und Seele dabei, und warf sich mit der ganzen heiteren Genugtuung des Sanguinikers darauf. Er war dann eigentlich stets sehr liebenswürdig, mittheilsam und angenehm für Frau und Tochter, leider aber wußte die Frau Rektorin voraus, dass die gelehrte Arbeit ihren Gatten, wie gewöhnlich doch nicht zu Stande kommen würde — denn während der neuen kam dann sicherlich eine noch neuere Idee in die Quere, und wenn dann die dritte, allerneuste, die früheren über Bord geworfen hatte, dann waren sicherlich auch die Ferien und die Erholungstage zu Ende. Es stand daher in Aussicht, dass Papa in diesen vier Wochen zwar sehr glücklich gestimmt, vergnügt und nett sein werde, um dann freilich nur angegriffener und verstimmter das Schulpräsidium wieder zu übernehmen. Während Mutter und Tochter dies besprachen, und auf Mittel sannen, dem Hausherren mit List oder Gewalt seinen Pensionären hinterdrein und in’s Weite zu schicken, trat der Rektor ins Zimmer. Er sah sehr heiter aus, schmunzelte sogar so eigen, dass Frau und Tochter eine Überraschung witterten und ihm erwartungsvoll ins Gesicht sahen. — »Nun,« fragte die Hausfrau, und lächelte. »Nun, Papa?« fragte Eugenie indem sie sich an seinen Arm hängte, und zu ihm hinauf sah. Beide hofften, er werde sagen: Morgen reise ich! Der Retter aber setzte sich auf das Sofa, zündete seine Zigarre an und nahm einen Schluck aus der ihm von der Gattin gereichten Tasse.


Dann begann er: »dass der verstorbene Fabrikherr Kilian Morbach ein verrückter Mensch war, wissen wir!« Mutter und Tochter wussten es in der Tat, nicht aber wussten sie wo hinaus der Rektor mit diesem Anfang steuerte. Er fuhr fort: »Morbach hat neben seinem Testamente, welchen seine Kinder, den Sohn und die Tochter, zu Erben einsetzte, noch ein besonderes Testament beim Gericht deponiert für Diejenigen, die sich auf ein Legat spitzten, oder die er durch ein solchen zu überraschen dachte. Erst nach Jahr und Tag sollte es eröffnet werden. Dies ist nun geschehen. Ein Dutzend erwartungsvoller Erbschaftskandidaten ist durch die Bosheit des Verewigten in höchst komischer Weise enttäuscht, andere, die kaum etwas erwartet hatten, sind sehr sonderbar überrascht worden. Auch ich gehöre zu den Erben, und zwar zu den überraschten.« Die Augen der Frau Rektorin funkelten einen Moment bei dem Gedanken an Erbschaft, den frühere Verhältnisse zu einem nicht undenkbaren machten, und doch sah sie ihren Mann ungläubig lächelnd an. »Ist Dein Erbteil so boshaft oder so komisch,« fragte sie, »dass Du darauf verzichten müsstest?« »Wer weiß?« meinte der Retter. »Der Kaufmann P., welcher ein halbes Leben lang dem Erblasser um den Bart gegangen ist, empfängt von ihm eine Anwartschaft »auf seine fernere Freundschaft im Himmel.« Dem jungen Herrn St., seinem liederlichen Vetter, der sich in den letzten Jahren mit augenscheinlicher Erbschleicherei an ihn drängte, vermacht er »eine Anstellung in der Hölle, da es damit auf Erden doch wohl nichts werden werde.« Die Frau Landrätin K. und ihre beiden Töchter, jene Trias mit dem männermordenden Mundwerk, unter dem der Alte viel gelitten, sieht sich bedacht durch eine Anweisung »auf den Ort des ewigen Schweigens.« Einige Andere erben von ihm die Hoffnung auf Besserung im Fegefeuer. Mein Erbteil ist greifbarer. Es liegt im Paradiese.« Eugenie lachte, die Mutter aber klopfte ihren Mann auf die Schulter und sagte: »Du bist in lustiger Ferienstimmung! Sprich deutlicher. Hat er Dir etwas vermacht? Er deutete öfter darauf hin. Wir legten niemals Gewicht darauf, bei seinem entsetzlichen Geiz und unzuverlässigen Charakter. Aber dennoch —« »Ich sage Dir ja, liebe Lotte, unser Erbteil liegt im Paradiese!« fuhr der Rektor vergnügt fort. »Es ist ein wirkliches Grundstück, ein Bauplatz, wo man sich, wenn man Geld hat, ein hübsches Haus errichten kann. Vielleicht auch einen Garten — denke Dir, Gemüsebeete, Spargel, Obstbäume! — d. h. ich für meine Person ziehe mir hochstämmige Rosen! Und dann ein geräumiger Hof mit Ställen, vielleicht für eine Kuh und Schweinchen, Gänse, Enten, Hühner — übrigens, Lottchen, Deine Hühner dürfen mir nicht in den Garten!« »Ach, und eine Laube, Papa!“ lachte Eugenie in die Hände klatschend.

»Weißt Du, eine Laube von Geißblatt und davor ein grüner Rasenfleck mit allerlei bunten Blumen!« »Das versteht sich!« fuhr der Vater fort. »Können wir einige alte Linden und Nussbäume auftreiben, so nehmen wir sie auch, und dazu einen See mit Schwänen, und Springbrunnen und ein paar Statuen im Taxusschatten —« Jetzt lachte auch die Mutter. »Wenn es nur daran geht Luftschlösser zu bauen, dann überbieten sich Vater und Tochter! Euer Paradies scheint mir wenig Grund und Boden zu haben!« »Aber ganz realen, wirklichen Grund und Boden, und liegt gar nicht weit von hier! Zum Dank, dass ich seinen Sohn Lebrecht sechs Jahre in meinem Hause gehabt habe, vermacht mir Morbach ein Grundstück im Paradiese. Hier —« der Rektor zog eine Schrift aus der Tasche, ohne sie noch der Gattin zur Einsicht zu geben —- »hier ist die Ausfertigung vom Gericht, welches mir meine Erbschaft ankündigt, nebst ganz genauer Angabe des Ortes und der Grenzen, wie der Verstorbene es angeordnet hat.« »Aber, wo in aller Welt liegt denn dieses Paradies?« »Das lasst euch von Dem da sagen!« rief der Rektor, indem er auf eine Gestalt wies, welche eben eintrat. »Nein, aber Torkelchen, wie siehst Du aus!« rief Eugenie dem Eintretenden entgegen, während die Mutter bei seinem Anblick die Hände zusammen schlug und eifernd fortfuhr: »Junge! Das ist ja wieder ein Skandal! Wie kannst Du Dich so zurichten?«

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