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Das Fräulein von Lichtenegg – Maximilian Schmidt genannt Waldschmidt

In einer der anmuthigsten Gegenden des bayerischen Waldes, wo die in lieblichen Thälern daherfließenden Gewässer des Chamb‘s und Freibaches sich vereinigen, liegt auf einem kegelförmigen Vorsprunge des von beiden Bächen eingeschlossenen Bergrückens, gleichsam als Mittelpunkt dieser Landschaft, der Marktflecken Eschlkam, welcher mit seinem stattlichen Kirchthurme und den über den Bergrücken sich ausbreitenden Häusern gewaltig in die Ferne imponirt. Nach diesem Orte kamen an einem schönen Sommernachmittage, Sonntags während der Vesperzeit, zwei schmucke Jäger. Die schön gestickten Jagdtaschen und feinen Doppelflinten, welche sie umhängen hatten, dann die reichlich mit Federn geschmückten grünen Hütchen, welche zu der sonst einfachen, aber geschmackvollen Kleidung recht gut paßten, ließen auf den ersten Blick erkennen, daß es keine gewöhnlichen Jäger seien. Der Eine war ein hoher, schlanker Mann. Sein schönes Gesicht war von auffallender Blässe, welche durch ein langes, schwarzgelocktes Haar, ein kleines Schnurrbärtchen und zwei große, dunkle Augen noch besonders hervorgehoben wurde. Er war ein angehender Arzt und nannte sich Adalbert Woogen. Der Andere, etwas kleiner und von untersetztem Körperbau, hieß Ortolf Binnfeld und war Offizier. Er hatte blonde, krause Haare und ein dichter Backenbart umgab sein von der Sonne verbranntes, heiteres Gesicht. Auf diesem Gesichte drückten sich die freudigen Empfindungen aus, von welchen das Herz des jungen Mannes erfüllt war bei dem Anblicke seiner geliebten, langentbehrten Heimat. Er brach oft in Ausrufe der Freude aus; süße Erinnerungen häuften sich zahllos auf einander und in glücklichster Stimmung seinen Freund umarmend, versicherte er ihm, daß diese Stunde eine der schönsten seines Lebens sei. Adalbert ging schweigend, fast in sich gekehrt, neben ihm her und nur hie und da erheiterte ein leichtes Lächeln seine schönen Züge, auf welchen sonst der Ausdruck einer tiefen Melancholie lag. So betraten die Männer den kleinen Flecken, den Zielpunkt ihrer Vergnügungsreise. Der sonst so regsame Ort schien ganz leblos; denn wie es auf dem Lande fast überall der Fall, schließt die Kirche während des Gottesdienstes die ganze fromme Gemeinde in sich ein, und die inzwischen im Orte herrschende feierliche, oft unheimliche Stille wird nur hie und da durch das Gebelle eines wachsamen Kettenhundes oder durch die langweiligen Schritte des Ortshüters unterbrochen. „Du wirst hier keinen einzigen Bekannten mehr finden, guter Ortolf,“ sagte Adalbert, „denn in diesem Orte scheint ja Alles wie ausgestorben!“ „Nur Geduld, Adalbert!“ entgegnete der andere. „Alles wird in der Kirche sein, und wir wollen unseren Weg dahin nehmen. Für mich ist übrigens da nichts todt; von jedem Plätzchen wird mir ein Willkomm‘ zugerufen. Alles, was ich um mich sehe, hat für mich eine schöne Erinnerung aus der Knabenzeit. Könntest du doch mitfühlen, wie freudig mir beim Eintritt in die so lang entbehrte Heimat das Herz schlägt!“ Die beiden Freunde, denen ein großer, gefleckter Hühnerhund auf dem Fuße folgte, stiegen jetzt eine lange Stiege hinan, welche zu der mitten im Orte und hochgelegenen Kirche führt. Diese umgibt ringsherum der von einer hohen Mauer umschlossene Friedhof. Kaum waren sie in diesen eingetreten, so fing der Hund, durch die aus dem Gotteshause hallenden Töne aufgeregt, laut zu bellen an. „Willst du ruhig sein, Brutus!“ drohte Adalbert, der Eigenthümer desselben. Brutus konnte aber nicht umhin, leise fortzumurren. „Dort ist unser einstiger Garten,“ rief Ortolf jetzt aus. „Rechts an der Mauer ragen die Bäume herüber, auf denen ich so oft herumgeklettert bin. Ich kenne sie alle noch, so groß sie auch geworden sind!“ Und nachdem er sie in Gedanken der Reihe nach gegrüßt, wandte er seinen Blick nach dem Leichengarten, der vor ihm lag.


Auch hier begegnete er meistens bekannten Grabmälern. „Dort liegt der Verwalter Mangold, daneben der Badergirgl, der liebe, gute Badergirgl! – Dort ist die Gruft der Rittermargels, der alten Katzenmutter, welche sich schon bei Lebzeiten dieselbe baute und nun wahrscheinlich längst schon darin wohnen wird, und an der Kirche dort ruht mein kleines Schwesterlein.“ Er deutete eben mit der Hand dahin, als der Hund wieder laut zu bellen anfing; dieses Mal aber nicht der Orgel halber, denn in der Kirche schien die Predigt begonnen zu haben, sondern einer weiblichen Gestalt wegen, welche auf erwähntem Grabe saß und nicht nur die Aufmerksamkeit des Hundes, sondern auch die der beiden Männer in hohem Grade erregte. Lange, schwarze Haare hingen über Schulter und Rücken des in gekauerter Stellung sitzenden Weibes; den Kopf auf die rechte Hand gestützt, hielt sie in der gerade herabhängenden Linken eine aus Weidengerten zusammengebundene Ruthe und schien mehr Statue, denn lebendiges Geschöpf zu sein. „Ein leibhaftiger Trauerengel!“ sagte Adalbert. „Ein Zeichner könnte hier gleich sein Skizzenbuch bereichern. Laß uns näher gehen.“ Sie waren gerade im Begriffe, vom Wege abzulenken, um sich dem einige Schritte seitwärts gelegenen Grabe zu nähern, als der Hund wiederholt bellte, wodurch das bis jetzt leblos scheinende Weib plötzlich aufgeschreckt wurde. – Und vor ihnen stand ein junges Mädchen mit blassem, todtenähnlichen Gesichte, aus dem ihnen zwei große, feurige, schwarze Augen mit wilden Blicken entgegenstrahlten. Ein gelbes, ausgewaschenes, aber reinliches Kleid umhüllte den schlanken üppigen Körperbau, – und wie sie so dastand, die Weidengerte gegen die Ankommenden erhoben, mit ihren reichen, aufgelösten Haaren und dem wirklich interessanten Gesichte, – hätte man sie für eine überirdische Gestalt halten können. „Fort! Fort!“ rief sie hastig aus. Adalbert prallte beimAnblicke dieses sonderbaren Weibes erschrocken zurück, ohne jedoch seinen Blick von ihr wenden zu können. „Herr Gott im Himmel!“ rief er leise. – „Ist Marie aus dem Grabe gestiegen?“ „Guten Abend, Mädchen,“ sagte jetzt Ortolf, Adalberts Aufregung nicht bemerkend, aber gleichfalls nicht wenig überrascht. „Wir haben nichts Böses vor und wollen nur zu dem Grabe, vor dem Du stehst.“ „Nicht! Nicht! – keinen Schritt weiter! Ich kenne Euch schon! den goldenen Stein wollt Ihr mitnehmen und das Kreuz, damit ich gar nichts mehr habe! Aber kommt mir nicht zu nahe; ich lasse mich nicht fortjagen, bis die Nacht kommt und die Sonne über die Mauer hinab ist!“ Mit der den Wahnwitzigen eigenen, unheimlichen Stimme und unter verrückten Bewegungen hatte das Mädchen dieses den Fremden zugerufen, welche ihrerseits erkannten, daß sie es mit einer Irren zu thun hatten. „Sei ruhig, Mädchen,“ entgegnete demselben Ortolf. „Unter diesem Grabe liegt eine Schwester von mir und ich will da mein Gebet verrichten. Setze Dich nur auf den Stein und verhalte Dich ruhig, sonst fängt der Hund zu bellen an, und wir stören den Gottesdienst.“ – „Beten wollt Ihr? Beten!“ rief das Mädchen. „Ich bete auch und singe dazu; wartet nur – doch haltet den Hund, ich will fort, bis Ihr gebetet habt, und mich unter das Kreuz dort setzen; aber kommt mir nicht zu nahe, sonst fällt der Herrgott herab und erschlägt Euch!“ Mit diesen Worten eilte sie davon, setzte sich unter das in der Mitte des Friedhofes stehende Kreuz und fing, als wäre gar nichts vorgefallen, mit leiser Stimme zu singen an. Adalbert, seine Hand fest an der Herz drückend, starrte sprachlos nach dem Mädchen; endlich wandte er sich an Ortolf mit der Frage: „Wer mag sie sein?“ „Ich kenne sie nicht,“ entgegnete dieser; „nur das wissen wir Beide, daß es eine Irre ist, welche uns zum ersten Willkomm in meiner Heimat mit der Ruthe gedroht hat. Doch sieh, da steht mein Familiennamen!“ Damit war Ortolfs Aufmerksamkeit auf das Grab gerichtet, welchem er sich mit feierlichen Gefühlen näherte; aber Adalberts Gedanken waren um die Irre, von der er kein Auge verwandte, bis er am vordern Friedhof den Todtengräber, gerade in seinem Amte beschäftigt, bemerkte und sich ihm näherte, theils um Ortolf mit seinen Gefühlen allein zu lassen, theils der sonderbaren Irren nachzufragen, deren leiser Gesang dort unter dem Kreuze ertönte.

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