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Das Altdeutsche Dekameron – Anonym

Nn Die unsichtbaren Gemälde achdem der Priester Amis unversehens zu Wohlstand gekommen war, wurde er übermütig und wälzte kühne Pläne, wie er noch größeren Reichtum häufen könne. Er ritt nach Frankreich, in die Hauptstadt Paris, und drang bis zum König des Landes vor. Unterwürfig sprach er zu ihm: »Wenn Ihr Euch meiner vielen Künste bedienen wolltet, wäre ich der glücklichste Mensch auf Erden.« Der König fragte: »Welche Künste beherrscht Ihr denn, Meister?« »Ich kann zum Beispiel so herrliche Gemälde schaffen, daß alle Welt des Lobes voll ist über meine Pinselführung. Dabei ist es mir möglich, einen Kunstgriff anzuwenden, den niemand außer mir kennt; ich habe ihn nämlich selbst ersonnen: So könnte ich Euch einen Palast oder einen Saal mit den Bildnissen aller zahmen und wilden Tiere ausschmücken. Wenn alles fertig ist, lasse ich Ritter und Edeldamen ein, damit sie meine Bilder betrachten können. Aber kein Mensch – er sei noch so tüchtig, klug und rechtschaffen – kann meine Gemälde sehen, wenn er nicht ehelich geboren ist. Wer unehelich geboren ist, sieht von meiner Kunst keinen Strich und keinen Schimmer. Wenn Ihr mein Können erproben wollt, zeige ich Euch mit Freuden, daß ich ein Meister meines Faches bin.« »Aber natürlich, gern!« stimmte der König zu, und er führte den großen Künstler auf der Stelle in einen prächtigen, weiträumigen Palast, wo er ihn Umschau halten ließ. Danach fragte er ihn, welches Honorar er für das Ausmalen des Palastsaales fordern würde. Der Priester Amis erwiderte listig: »Alle Welt ist voll von Euerm Ruhm, so daß es Euch gewiß nicht schwerfallen wird, mir für mein Werk dreihundert Goldstücke zu geben. Bei meinen hohen Aufwendungen wird ohnehin alles für das Beschaffen von Material draufgehen, so daß mir kaum etwas übrigbleibt.« Der König versicherte eifrig: »Braucht Ihr mehr, bekommt Ihr’s ohne weiteres! Lieber wollte ich selbst die höchsten Forderungen erfüllen als auf eine Probe Eurer Kunst verzichten. Ich möchte Euch nur herzlich bitten, Euer Werk möglichst bald zu vollenden! Für solche Künste ist mir nichts zu teuer!« Der Priester sprach bedächtig: »Gut, ich male Euch diesen Saal aus, aber nur unter einer Bedingung: Solange ich arbeite, darf niemand den Saal betreten. Ich denke, daß ich dann mein Werk nach höchstens sechs Wochen vollendet habe. Befehlt also allen Euern Höflingen, daß in dieser Zeit kein Mensch die Schwelle dieses Saales überschreiten darf.« Der König sagte sofort zu: »Ich bin mit dieser und mit allen anderen Forderungen einverstanden. Macht nur die Tür fest zu. Ich stelle Euch außerdem zwei Posten davor, die niemanden einlassen. Auch ich werde mich während der sechs Wochen nicht sehen lassen. Dann aber will ich der erste sein, der Euer Werk bewundert, und ich bringe alle meine Ritter mit. Für diesen Tag erteile ich Euch die Erlaubnis, von einem jeden Ritter, der den Saal betritt, eine Eintrittsgebühr zu erheben. Bin ich an diesem Tag noch gesund und munter, so müssen alle meine Ritter hinein! Jeder von ihnen soll offenbaren, ob er ehelich geboren ist oder nicht! Wer aber illegitimer Abkunft ist, dem entziehe ich – bei Gott! – alle seine Lehen!« Mit diesen Worten ritt der König an der Spitze seines Gefolges davon und erzählte jedem, der’s nur hören wollte, von seinem Handel. Der Priester aber ging mit seinen Helfern in den Saal und begann mit seiner Malerei.


Hört zu, wie er’s anfing: Alle Saalfenster wurden verdunkelt, und niemand außer seinen Helfern durfte in den Saal. Fleisch, Fisch, Met, Wein und alles, was sein Herz begehrte, wurde in Hülle und Fülle hereingeschleppt. Laßt euch sagen, was er nun begann: Er wälzte sich träge aufs Lager und tat keinen einzigen Pinselstrich! So hauste er in dem Saal, bis die festgesetzte Frist verstrichen war und der König mit vielen Rittern erschien. Kein einziger Edelmann, der ihm in den vergangenen sechs Wochen begegnet war, hatte wegbleiben können; alle mußten mit in den Saal! Als der König mit Pomp und Gepränge erschien, trat der Meister aus der Tür des Saales und hieß ihn herzlich willkommen: »Tretet erst Ihr herein und laßt die Ritter draußen warten. Ich möchte Euch in Ruhe die Details der Gemälde erklären und dann Euer Urteil hören.« Der König war begeistert. Er trat in den Saal und schloß hinter sich sofort die Tür. Doch als er voller Spannung und Erwartungsfreude die Blicke über die Wände schweifen ließ, sah er überall nur leere Flächen. Was Wunder: Kein Pinsel hatte die Wände berührt! Der König erschrak so heftig, daß er fast in Ohnmacht gefallen wäre. Während er hilflos und verzweifelt im Saal umherschaute, wurde sein Herz immer schwerer, denn er hätte darauf schwören mögen, daß der Künstler den Palast tatsächlich ausgemalt hatte. So dachte er kummervoll: Die Ehre meiner Mutter und die meine sind dahin! Erkläre ich, ich könnte keinen Pinselstrich entdecken, werden alle, deren Augen die Gemälde des Künstlers sehen können, sofort sagen, ich sei illegitim geboren. Da ich wie blind bin und nichts entdecken kann, ist erwiesen, daß ich einer Mesalliance entstamme. Ich muß also behaupten, alles sehen zu können, dann ist meine Ehre gerettet. Es drückt mir das Herz ab, daß Ritter, Edelmann und Knappen die Gemälde sehen können, während sie meinen Blicken entzogen sind. Das ist ja schlimmer als der Tod! Schließlich wandte er sich an den Künstler: »Meister, erklärt mir bitte, welche Themen Ihr hier so vortrefflich gestaltet habt!« Amis begann salbungsvoll: »Ich behandle hier den Stoff von Salomon, von seinem Vater David und dem schweren Zerwürfnis zwischen ihm und Absalom. Ihr wißt von der Geschichte, als er ihn verfolgte und dabei mit dem langen Haar an einem Ast hängenblieb, so daß er sich selbst henkte. – Hier geht’s um den König Alexander, wie er Darius und Porus von Indien besiegte und was er sonst noch für Taten vollbrachte. – Hier sind Leben und Taten der römischen Könige festgehalten. – Hier wiederum ist das Leben und Treiben zu Babylon gestaltet bis zu dem Zeitpunkt, da Gottes Strafgericht über die Stadt hereinbrach und die Bewohner auf einmal vielerlei Sprachen zu sprechen begannen. – Oben seid Ihr mit Euren Rittern dargestellt, Ihr seht, wie Ihr mit ihnen in den Saal tretet und die Gemälde bewundert. Einige, die nichts sehen, schlagen sich vor Verzweiflung die Fäuste an die Brust; die aber alles sehen können, strahlen vor Glück und Begeisterung.« »Nun habe ich alles in Ruhe betrachten können«, sprach der König, obwohl er damit eine dicke Lüge auftischte. »Wer’s nicht sehen kann, soll’s mit sich selber abmachen. Jedenfalls habe ich noch nie einen Saal gesehen, der herrlicher ausgemalt wäre.« Der Meister meinte nun: »Geht hinaus und laßt die Ritter eintreten.

Vergeßt auch nicht, ihnen zu sagen, welche Vergünstigung Ihr mir zugestanden habt.« Der König schloß die Tür auf und sprach zu seinen Rittern: »Jeder Ritter, der heute den Saal betritt, hat bei dem Künstler eine Eintrittsgebühr zu entrichten. Sonst bleibt er draußen! Ich selbst habe dem Meister die Erlaubnis dazu erteilt.« Nun drängten die Ritter heran. Die einen gaben ihr Gewand hin, die anderen Geld. Einige überließen ihm gar ihre Pferde oder ihre Schwerter, so daß am Ende ein ungeheurer Reichtum zusammenkam. Lärmend schoben sich die neugierigen Ritter in den Saal, und es war keiner unter ihnen, der nicht beim Anblick der kahlen Wände fürchterlich erschrak – ohne diesen Eindruck natürlich einzugestehn. Jeder dachte an seine Ehre und behauptete überzeugend, alle Gemälde zu sehen und sie vortrefflich zu finden. Alle aber waren sehr bedrückt und leichenblaß vor Angst, denn sie fürchteten, durch ein offenes Eingeständnis ihrer Blindheit um ihre Lehen zu kommen und elendiglich verderben zu müssen. Daß sie die Gemälde nicht sehen konnten, erfüllte sie mit solchem Gram, daß sie sich dem Tode nahe wähnten. Nun hörten sie, wie der König (ganz nach der Beschreibung des Meisters) erläuterte, dies wäre hier, das wäre dort zu sehen, und alle murmelten im Chor: »Jawohl, ausgezeichnet getroffen!« Dabei empfand jeder Schmerz und Scham, auf diese Weise von der Schmach einer unehelichen Abkunft zu erfahren. Zugleich versicherte natürlich jeder dem anderen, alles ganz genau zu erkennen, ja, er hätte ohne Zögern einen Eid darauf geleistet So mancher fühlte aber auch steigenden Grimm gegen seine Mutter, die es offenbar mit der ehelichen Treue nicht so genau genommen hatte. Nachdem sich alle satt gesehen und lauthals verkündet hatten, es sei eine ganz vorzügliche Arbeit, bat der Meister den König um den ausbedungenen Lohn. Nachdem er alles erhalten hatte, verabschiedete er sich und ritt davon. Ihm hatte diesmal wirklich das Glück gelächelt, denn die erhobene Eintrittsgebühr hatte ihm nochmals zweihundert Goldstücke eingebracht. Er schickte alles mit eilenden Boten nach Hause und ließ ausrichten, man solle es während seiner Abwesenheit den Gästen daheim an nichts fehlen lassen.

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