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Christa Ruland – Hedwig Dohm

Frau Justizrätin Harriet Ruland hatte ihren Jour. Ihre Erscheinung, vom Kopf bis zu den Füßen, war von vollendeter Eleganz, ebenso wie das zierliche Theetischchen – japanisch, mit Elfenbein eingelegt – und der Salon selbst, dem nichts zu fehlen schien. Da waren die bildhübschen Bibelots, die Gobelins, die persischen Teppiche, die alten Stickereien, die übergroßen Chrysanthemen und originellen Orchideen in allerhand phantastischen Vasen mit symbolisch-figürlichen Verzierungen, und als Perlen – echte Kunstwerke. Jeder, der diesen Salon betrat, hatte den Eindruck: hier empfängt eine Weltdame par excellence Gleich darauf aber drängte sich die Frage auf: wo aber wohnt die Frau? Es fehlte diesem glanzvollen Salon doch etwas: das Intime, die individuelle Physiognomie. Er war oder schien die Sonntagsschöpfung eines stilgeschickten Dekorateurs, der über große Mittel verfügt. Etwas zu Absichtliches war in der vollkommenen Harmonie der Farben und Formen. Frau Harriet Ruland warf einen prüfenden Blick über den Theetisch, ordnete die Früchte in dem Korb von Silbergeflecht und verbreiterte auf den Majolikatellern die Küchelchen und Sandwichs, damit sie quantitativer wirken sollten. Sie war eine zugleich ehrgeizige und sparsame Hausfrau. An einem Nebentischchen, in der Nähe des Fensters, war der Theekessel an die elektrische Leitung angeschlossen. Das blasse, überschlanke junge Mädchen, das am Fenster stand, wartete auf das Sieden des Wassers. Frau Harriet wandte sich zu ihrer Tochter: »Du sollst sehen, Christa, heute, gerade wo ich Migräne habe, werden wir einen ausverkauften Salon haben. Geselligkeit ist wirklich ein Stück Arbeit.« »Warum hast Du denn diesen Jour eingerichtet, Mama?« »Man erkauft damit die Freiheit der sechs übrigen Tage.« »Du brauchst ja die Leute, die Du nicht magst, garnicht einzuladen.« »Ach,« seufzte Frau Harriet, »man mag ja die meisten Leute nicht. Womit soll man den Salon füllen?« »Muß man ihn denn füllen?« Frau Harriet zuckte die Achseln. Ein Mangel an Harmonie zwischen Mutter und Tochter sprang sofort in die Augen. Die Mutter war lebhaft in jeder Bewegung, mit immer wechselndem Mienenspiel. Junges, Kampfbereites, Lebenheischendes war in ihrer Art. Die Tochter trug ein kühles, stilles Wesen zur Schau; zuweilen klang es wie verhaltene Ironie aus ihrem Ton. Sie widersprachen sich meist, wenn Christa überhaupt auf die Bemerkungen ihrer Mutter reagierte. Meist redete die Mutter, und die Tochter schwieg. Nach einer Pause sagte das junge Mädchen: »Es sind doch Deine Jours, Mama, warum muß ich immer dabei sein?« »Warum? weil es chik ist, daß ein junges Mädchen den Thee bereitet. Wozu hat man denn seine Töchter?« »Ah – dazu!« Christa sah ihre Mutter etwas mokant an. Der Blick reizte Frau Harriet: Herr Gott, es wäre doch jetzt mit der Elektrischen keine Arbeit, Thee zu machen.


Gott sei Dank wäre die Zeit des Samowar vorüber. Durch die offene Thür, die zum Speisezimmer führte, fiel Christas Blick auf den Samowar von dunklem Kupfer, der, auf dem Büffet aufs Altenteil gesetzt, nur noch ein beschauliches Dasein führte. »Poetischer und anheimelnder war er doch als der nüchterne elektrische Kessel.« »Wenn Du Dich verheiratest, schenke ich ihn Dir.« Christa fuhr zusammen. Da war ja Mama bei ihrem Steckenpferd. Sie bestieg es resolut. Unfaßlich, was Christa an dem jungen Mann – er warb seit einem halben Jahr um sie – auszusetzen habe? worauf sie denn warte? bei ihrem Charakter sei es durchaus wünschenswert, daß sie heirate. »Wie ist denn mein Charakter, Mama?« »Schwierig.« »Und da hoffst Du, daß Dein junger Mann der rechte Petrucchio sein wird, um die böse Käte zu zähmen?« Jedenfalls habe der Betreffende alle Eigenschaften, die sich eine Mutter für das Glück ihrer Tochter wünschen könne, sie würde keinen Zweiten finden, der so für sie passen würde. »Aber Mama, woher weißt Du denn, wer für mich paßt, da Du doch ein ganz anderer Mensch bist als ich, mit ganz anderen Ansichten und anderem Geschmack. Du wirst doch nicht zu den altmodischen Müttern gehören wollen, die böse auf ihre Töchter sind, wenn sie sich nicht verheiraten.« Eine solche Bemerkung würde sich Anne Marie nie erlaubt haben, die habe auf ihren Rat hin geheiratet und sei glücklich geworden. Das Glück Anne Marie’s – der älteren Ruland’schen Tochter – war ein immer wiederholtes Argument der Mutter, um Christa für die Ehe zu begeistern. Man hatte damals über die Heirat allerhand Glossen gemacht. Da aber niemand etwas Bestimmtes wußte, verstummte allmählich das Gerede. Die Heirat Anne Marie’s mit dem fünfzigjährigen Theodor Stern war in der That das Werk Frau Harriets. Stern, sehr reich, sehr angesehen, war Inhaber eines der ersten Eisenwerke Deutschlands. So sehr Frau Harriet ihre älteste Tochter liebte, war sie doch scharfsichtig genug, um ihre Charakterfehler richtig zu taxieren und zu – fürchten. Von diesem Schmetterling konnte man allerhand Tollheiten gewärtigen. Und eine Tochter im Hause, die ihren Ruf verloren, paßte ihr nicht. Also – fort mit ihr in die Ehe. Bei Christa waren leichtsinnige Streiche unwahrscheinlich. Dieses Mädchen aber mit ihren kritischen Mienen, ihrer ablehnenden Haltung genierte sie. Also – fort mit ihr in die Ehe.

Der Justizrat Gotthold Ruland hatte die Einnahme eines Millionärs. Er ersparte aber kein nennenswertes Vermögen. Der Bedarf im Haushalt war enorm. Er dachte nicht daran, sich irgend einen Genuß – und nur die ausgewähltesten Dinge bereiteten ihm Genuß – zu versagen. Aber auch Frau Harriet legte keinen Wert auf ein großes Erbe für die Kinder. Sie glaubte das Schicksal dieser Kinder in der Hand zu haben. Ihre Herrschaft über sie hielt sie für unfehlbar, ihre berechnende Klugheit auch. Ihr Schicksal sollte eine glänzende Heirat sein, eine Partie um jeden Preis. Die für Christa so unliebsame Unterhaltung wurde durch den Diener unterbrochen, der Frau Felix Thalheim meldete. Die Dame, die Gattin eines steinreichen Bankinhabers, wurde von der Hausfrau mit ausbündiger Liebenswürdigkeit empfangen. Litt Frau Harriet darunter, daß sie noch nicht Geheimrätin war, so wartete Frau Adelheid Thalheim noch viel ungeduldiger auf die einfache Rätin. Geradezu unwahrscheinlich, daß Felix, ihr Gatte, der doch einen förmlichen Wohlthätigkeitssport trieb, es noch nicht einmal zum Kommerzienrat gebracht. Die arme Betrogene ahnte nicht, daß dieser Felix hinter ihrem Rücken den Titel ein für allemal abgelehnt hatte. Frau Thalheim war in ihrer äußeren Erscheinung so ultramodern wie die Hausfrau, nur ihre Haltung war steifer. Sie vertrat einen Typus, der zwar noch existiert, aber schon im Aussterben begriffen ist: Die Naturtoilettendame. Sie ging ohne Rest in ihren Kleidern auf. Wie man von einem Reisenden erzählt, der die ganze Erde nur auf Schlachtfelder absuchte, so spürte sie in allem, was sie sah, Toilettenmotiven nach. Im Zoologischen Garten lernte sie an den Papageien Farbeneffekte. Theater, Gemäldegallerien waren für sie nur Ausstellungen von Kleiderfaçons. Der Anblick einer Schneelandschaft im Abendsonnenschein reifte in ihr den Plan zu einem schneeweißen Kostüm mit rötlich goldenem Besatz. Sie gehörte zu den Leuten, die sich an Menschen und Dinge nur leicht anleben, die leben und sterben, ohne sich je auf sich selbst besonnen zu haben. Sie fühlte sich aber dabei schön zufrieden, und amüsierte sich, soweit es ihre Toilette nicht derangierte. Ihr Ruf war makellos. Man sagte ihr mit Recht eine Idiosynkrasie gegen Hüte der vorigen Saison nach, und da ihr Gatte durchaus verlangte – so sagte sie – daß sie zu jedem Kostüm einen passenden Hut trage, mußte sie enorm viel Hüte anschaffen, was ja insofern ein Segen war, als sie mit ihren abgelegten Hüten verschiedenen armen Verwandten unter die Arme greifen konnte. Christa bereitete den Thee mit einer Langsamkeit, die ihre Mutter ungeduldig machte.

In derselben langsamen Weise reichte sie dann den Thee. Es lag etwas Mechanisches in ihren Bewegungen, doch waren sie von einer ernsten Anmut, wie wenn eine Prinzessin Dienste leistet, für die sie nicht geschaffen ist.

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