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Caritas – Karl Schönherr

D Gottes Schwiegermutter. ie Mutter hatte Kinder und fühlte sich einsam. Der »jüngere« war jahraus, jahrein auf der Universität, genannt die »hohe Studi«; und wenn er in den heißen Tagen des Hochsommers auf Ferien kam, fragten die guten Bekannten immer: »Alsdann, Herr Schriftgelehrter, wie viel Papier ist denn heiter wieder draufgegangen?« Im Laufe der Jahre aber lernten sie vernünftiger fragen, indem sie am Papier die erste Silbe verschluckten. Dann der »ältere«, der war gar schon Gesellpriester zu hinterst im Passeiertal und kriegte jeden Samstag einen Gulden und drei Zwanziger bar auf die Hand, Woche für Woche. Ja, der saß in der Wolle und stak im Winter im Schnee. Zum Glück dauert so ein Winter in Passeier nicht ewig, höchstens dreiviertel Jahr. Und dann wurde eines Tages der große, braune Holzkoffer mit den drei Fächern und dem kunstvollen Vexierschloss vom Dachboden heruntergeholt und sorgsam vollgepackt für eine weite Reise. Nesthockerl, das liebe, lustige, rosige Mädl, ging fort, um niemals wieder zu kehren. Gott wollte sie sich weihen. Das hatte ihr ein Ordensmann so herrlich schön ausgemalt. Und nun wollte sie sich vor der bösen Welt verschließen in ein streng versperrtes Frauenkloster, und gar außer Land, weil wir in Tirol daheim keine Klösterlein haben. Die Mutter weinte bitterlich, da sie wieder ein Kind verlor; aber der Ordensmann patschte vor Freude in die Hände: »Mutterl, denkt Euch die Ehre … die Gnade … Eure Tochter eine Braut Christi! Und Ihr weint! Danken sollt Ihr dem Herrgott! Wieder eines aufgehoben mit Leib und Seele, für Zeit und Ewigkeit … und braucht sich nicht auf gut Glück herumzuschlagen in dieser lumpigen grundverderbten Welt! Auf den Knien danken sollt Ihr, Mutterl, für die Gnad’ … Eure Tochter eine Braut Christi … könnt Ihr das fassen!« »Da … da wär’ ich ja … wenn meine Tochter eine Braut Christi ist«, lächelte die Mutter unter Tränen, »dann wär’ ja ich einfaches, armes Weibl eigentlich gar … Gottes Schwiegermutter!« Nun konnte die Mutter ihre Kinder nimmer segnen, wie sie es daheim jeden Abend getan. So machte sie allabendlich drei Kreuze in die Luft und sandte sie vom Stubenfenster aus in die Weite; das eine größte mit einem leisen Seufzer der Universität zu, eines gegen das felsige, windige Passeiertal und das dritte über die Grenze in die Fremde. So oft nun Mutterl etwas glückte und aus ging, schob sie den Erfolg auf das Kind im fernen Kloster. »Das hat’s mir wieder erbetet, das Kindl« meinte sie schmunzelnd. Der gottgeweihte Gesellpriester im Passeiertal hätte Grund zur Eifersucht gehabt. Aber zu verwundern braucht es einen nicht, wenn die Mutter dem Gebete eines jungen, fröhlichen Kindes, das sich dem Herrgott frei willig zwischen vier Mauern gefangen gibt, besondere Kraft zuschreibt. Und als einmal die schier unglaubliche Kunde ins Haus drang, der Student auf der Universität habe Bücher auf seiner Bude liegen und hätte sogar schon ein leibhaftiges Examen bestanden, da wurde Mutter ganz wirr vor freudigem Staunen. »Gott! Was hab’ ich die Jahre her für ihn gebetet und alles war umsonst! Und jetzt macht er auf einmal gar eine Prüfung!« rief sie aus und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Er wird doch nicht übergeschnappt sein. Bin halt gestiegen im Ansehen bei unserem Herrgott«, erklärte sie sich dieses Wunder. »Bin ja Gottes Schwiegermutter worden! Drum — — drum — — drum — ——«, nickte sie begreifend und kicherte selbstgefällig in sich hinein. »So eine vornehme Verwandtschaft … ja, die spürt man!« Freilich, wenn sie abends, nachdem sie den Kindern die Kreuze nachgesandt, anstatt zu schlafen in der leeren Kammer herumsaß und längste Weile auf das viereckige Himmelsfleckchen starrte, welches das kleine Stubenfenster in das nächtige Firmament schnitt, musste sie oft mitten in aller Glückseligkeit weinen; nur so zum Zeitvertreib. Wenn man halt Kinder hat und fühlt sich so mutterseelenallein! Und als wieder einmal der Winter kam und der Holzhauer mit seinen kotigen Stiefeln ins Haus tappte, ob Langes oder Kurzgeschnittenes in den Schuppen komme, da herrschte sie ihn an: »Nichts! Kein Langes und kein Kurzes! Gar nichts!« »Soll sie mein’twegen mit der Bettstatt heizn’n!« murrte im Gehen der Bauer. Das tat die Mutter auch.


Allgemach wurde das Gerümpel im Hause kurz und klein gehackt. Mit dem Bügelladen kochte sie Kaffee und wärmte mit den alten »derlatterten« Stühlen den Ofen. Die guten Schränke und Kästen verkaufte sie den Nachbarsleuten. Als auch die ewig »raunzende« Bettstatt zerlegt und verheizt war, da schlich sich Gottes Schwiegermutter bei Nacht und Nebel aus dein Heimatland fort, über die Grenze … Kling … kling! — Und noch einmal kling … kling! Wieder nichts! — Ja! Auf den Steinfliesen hinter der Klosterpforte wird ein müdes Geschlürfe vernehmbar. »Grüß Gott! Jetzt bin ich da«, lacht unser Mütterlein die Pförtnerin mit hellen Augen an. »Und jetzt bringt Ihr mich von da mit sechs Rössern nimmer weg. Eine weite Reis’, bis man da ist. Mein Gott! Bin nit gern weg von daheim … gar nit gern … aber einsam ist’s mir mit der Zeit worden … einsam! Na, bringt’s mich nimmer weg.« … Das Weiblein wischte sich über die Augen, wie in Erinnerung an viel überstandenes Leid. »Einsam ja! Jetzt lassen Sie mir sie aber nur gleich rufen!« Die Pförtnerin machte große Augen, als wollte sie sagen: ›Gott, ist das ein närrisches Weiblein!‹ »Was denn! Wen denn rufen?« fragte sie. »Die Schwester Dominika!« »Nicht zu sprechen, liebe Frau … nicht zu sprechen!« »Nicht? Da komm’ ich halt ein bissl später! Wenn sie etwan im Chor ist, will ich nit stören! Na! Na! Sie soll nur fleißig beten! Der Jüngere hat eh bald wieder eine Prüfung!« »Ja, wer sind Sie denn eigentlich … liebe Frau?« »Ich? Wer ich bin? Die Mutter bin ich von der Schwester Dominika!« Diese Worte zaubern plötzlich Leben in das welke Mienenspiel der Torwärtin. »Ach, du lieber Gott«, seufzte sie auf. »Die Mutter! Gedulden Sie sich nur einen Augenblick! Gleich werd’ ich die ehrwürdige Mutter Oberin rufen!« Hastig schob sie das Mutterl in das Sprechzimmer und trippelte eilig davon. Sie schien froh, so schnell aus der beklemmenden Nähe zu kommen. Bald war in dem abgegitterten Raum des Sprechzimmers ein Rauschen vernehmbar und gleich darauf schob sich die behäbige, ehrwürdige Gestalt der Oberin mit dem weitausladenden, blühweißen Kopfschleier ans Sprechgitter vor. »Gelobt sei Jesus Christus!« »In Ewigkeit. Amen!« »So? Die Mutter sind Sie, liebe Frau? Nehmen Sie Platz, ja?« Sie räusperte ein Weilchen. Dann fing sie gedrückt an, während ihre Finger verlegen mit dem an der Lende hängenden Rosenkranz spielten: »Denken Sie Ihnen … so ein braves Kind … die Schwester Dominika … blühend wie eine Rose … und vor drei Tagen fallt sie Ihnen plötzlich beim Frühchor zusammen wie ein Kartenblatt … und jetzt liegt sie in der Zelle … schwere Lungenentzündung … Fieber über Fieber! Nicht so weinen, liebes Mutterl … es wird schon wieder gut werden … wir stehen alle in Gottes Hand, ich hab’ selber schon zwei Lungenentzündungen durchgemacht … und da schauen Sie mich an …« Und sie reckte ihre kräftige Gestalt nach allen Richtungen, um das laut aufschluchzende Mütterlein von der Machtlosigkeit zweier Lungenentzündungen zu überzeugen. »Mutterl! Der Doktor hat auch gute Hoffnung …. er ist gerade bei ihr droben.« Draußen wurden grobe Tritte hörbar. Die Priorin lauschte gegen den Gang hinaus. »Mir scheint, er kommt eben zurück!« Sie verschwand auf einen Augenblick durch die kleine Seitentüre, um gleich darauf wieder mit dem Doktor einzutreten.

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