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Aus einer kleinen Stadt – Frau von W.

Nach Liebe dürstet manches Menschenherz, es schwebt ihm deutlich vor wie der Mensch geartet sein müsse, mit dem er durch den Tausch des Denkens und Empfindens zur gegenseitigen Bildung und zum erhöhten Bewußtsein sich verbinden, wie die Geliebte der er sich ganz ergeben und volles Leben bei ihr finden könnte! Doch wenn er nicht durch Zufall glücklich, in gleichem Kreise des äußeren Lebens, auf gleicher Höhe der Gesellschaft sie entdeckt, so seufzen Beide wol vergeblich in gleichem Wunsche das kurze Leben hin. Denn noch immer fesselt den Menschen ja sein äußerer Stand, die Stelle die er in jener dürftigen Gemeinschaft nicht sich erringen kann, nein die ihm angewiesen wird, und fester hält der Mensch an diesen Banden, als an der mütterlichen Erde die Pflanze hängt. Noch darf keine heitere Gemeinschaft gedeihen, kein freies of enes Leben. Darum wohnen sie wunderlich, fast klostermäßig gesondert in kleinen, dumpfen Zellen nebeneinander mehr, als miteinander. Schleiermacher (Monolog). Die warme Sonne eines schönen Junitages beschien hell die regelmäßigen Straßen der kleinen Residenzstadt D…, deren Bewohner soeben unter feierlichem Glockenklang geputzt zur Kirche wandelten, denn Pfingsten, das liebliche Fest, war erschienen. Zwei fürstliche Karossen mit Viergespann rollten durch die Zahl der Fußgänger hin, die zugleich neugierig und ehrerbietig grüßend bei Seite trat, und hielten am Eingang der Kirche, wo reich betreßte Diener herabsprangen, den Kutschenschlag öffneten und ihren mit Sternen und Orden geschmückten Herren behülflich waren, den Weg in das Heiligthum zu finden. Am Fenster eines nahgelegenen Hauses ab lauschten diesem Auftritte zwei schöne, braune Augen, die einem weiblichen, wohl geformten Kopf angehörten, welcher wiederum eine Gestalt zierte, deren schlankes, ja elegantes Ebenmaß fast zu vornehm für ihre Umgebung erschien, denn ihr Aufenthalt war — nach dem Dafürhalten Vieler, freilich der wahre Bestimmungsort des Weibes — kein anderer als die Küche, die jedoch heute im hellpolirtesten Festtagsglanz und reichlich mit grünen Maien ausgeputzt prangte. Sie war so vertieft in die Scene, die sich vor ihr begab, daß die Obliegenheit, der sie den Rücken gewandt, fast ganz darüber vergessen wurde, bis endlich, durch eine laute Explosion aufgeschreckt, sie rasch an den verwaisten Herd zurückflog, wo soeben die sich selbst überlassene Suppe über ihre angewiesenen Grenzen hinaus einen Weg zur Freiheit suchte. „O, Apoll und all ihr neun Musen, steht mir bei im Kampf mit den erzürnten Hausgöttern!“ rief die Erschrockene mit komischen Pathos, zuerst nach einem beschriebenen Heft greifend, das die Ueberschwemmung ansehnlich besprüht hatte, und dann den Gesammtschaden so viel als thunlich verbessernd — „das kommt davon, wenn man nicht nur zweien, sondern sogar drei Herren dienen will. Kochen, Verse machen und der Neugierde fröhnen, das ist zu viel auf einmal, würde Schwester Therese sagen, und wahrhaftig! lebten wir noch zu den Zeiten der Vesta, käm ich gar in Gefahr, lebendig vermauert zu werden; denn siehe, das heilige Feuer ist erloschen!“ — Sie lachte und setzte den kleinen Mund in Bewegung, um Boreas gleich, wenn er mit vollen Backen zum Sturme bläst, ihre Flamme wiederanzufachen, als rasch die Thür eines angrenzenden Zimmers geöffnet und von Theresens Stimme daraus hervorgerufen wurde: „Geschwind, Julie! komm herein, der lange Vetter ist da und will Dich zum Spazierengehen abholen!“ „Heute? nun das fehlte noch, und warum ist er denn nicht zur Kirche, und warum sagtest Du ihm nicht gleich, welch hehres Amt ich zu verwalten habe, während Du der Krankheit pflegst und Mütterlein und Dienerschaft der Andacht!?“ „Kann Alles nichts helfen, weil er morgen predigt, will er heute seinen Lohn schon im voraus bei Dir holen; ist auch ganz pfingstmäßig angezogen, hat den besten Rock und sogar Handschuh an und keine Pfeife in der Tasche; also geschwind mach Dich fertig!“ „Aber ich bitte Dich, so geh Du doch mit ihm; meine Suppe ist übergekocht; mein Feuer aus und meine Augen voll Asche! solcher Dinge war ich nicht gewärtig!“ „Wer so schön reimen kann ist zu groß für die Küche; die paßt nur für kleine Naturen meiner Art. — Also rasch hebe Dich von hinnen!“ „Schwester, bist Du bei Sinnen?“ „Leider wittert mein Geruchsinn Brand!“ „Auch opferte ich, wie Scävola, meine Hand!“ Therese lachte laut auf, als sie das kleine Brandbläschen an Juliens Daumen gewahrte, welchen diese ihr vorhielt, und schob sie unter fortgesetzter Neckerei dem Ausgange zu, wo, trotz alles Sträubens endlich angelangt, die Vertriebene sich vollends zum Rückzug bequemen mußte, doch nicht ohne vorher noch ein komisches Anathema auf das Haupt der Usurpatorin geschleudert zu haben! „Bitte um Vergebung, wenn ich störe,“ sagte Vetter Franz drinnen, mit seinem gewöhnlichen Anstrich von Verlegenheit in der ersten Begrüßung, „ich wollte nur eine Anfrage machen, weil ich Dich nicht zur Kirche gehen sah; aber durchaus nicht geniren.“ „Es ist wahr,“ entgegnete Julie, ihm die Hand reichend, „daß mich eigentlich die Pflicht an das Haus fesselte, da Therese unwohl ist, doch mag sie die Folgen auf sich laden, wenn sie nun einmal nicht anders will; denn sie hat mich förmlich aus der Küche vertrieben; — willst Du daher einige Augenblicke warten, sollst Du meiner Begleitung nicht verlustig gehen. “ „Und rasch im Nebengemach die Schürze mit Shawl und Hut vertauschend, war sie bald wieder zur Stelle, um, wie es häufig geschah, die Morgenpromenade mit dem Vetter zu beginnen. Beide junge Leute unterhielten auf diese Weise einen wissenschaftlichen und literarischen Verkehr miteinander, der ihnen in seiner Wechselwirkung sowol interessant als belehrend war, aber auch durchaus keine andere Richtung. Sowie man das Haus verlassen, kam sogleich irgend ein Buch oder eine kritisch gelehrte Frage zur Sprache, über deren Erörterung so lange debattirt wurde, bis man wieder heimkehrte, ohne dem gewöhnlichen Leben oder auch der schönen Natur einen Seitenblick zu gönnen, denn Vetter Franz war überall zu Hause, nur nicht in der Wirklichkeit, und trotz seiner jungen Jahre, bereits ein gutes Stück von einem pedantischen Schulmann. Gewissenhaft im höchsten Grade, und bei den umfassendsten Kenntnissen dennoch Zweifel in seine Fähigkeiten setzend, war ihm die gehörige Benutzung der Zeit für sich und seinen Beruf — er bekleidete die Stelle eines Rektors am städtischen Gymnasium — eine heilige Pflicht, die er selten dem Vergnügen opferte, und, während seine Abende fast immer dem Studium gewidmet waren, hatte er, inmitten der vielen Unterrichtstunden, die er ertheilen mußte, um die Mittagszeit nur eine kurze Frist zu körperlicher Bewegung frei gelassen, die nun aber auch keinem andern Zweck anheimfallen durfte. Julie verstand es, wie Wenige, das verschlossene und etwas ängstliche Wesen ihres an Charakter vortrefflichen Vetters zu heiterer Mittheilung geneigt zu machen; er war so zu sagen, ihr lebendiges Lexikon, denn alles Zweifelhafte, so ihr im Gebiet des Wissens aufstieß, wurde, seiner Lösung und Berichtigung gewiß, auf die Unterhaltung mit ihm verspart, dem es einerlei war, sei es draußen, sei es mitten im Stadtrevier, den Finger an die Nase, mit dem Stock gestikulirend und stehnbleibend irgend einen streitigen Punkt zu erklären; so einerlei, als wanderten sie selbander durch eine Wüste, in der kein neugieriges Publikum hinter den Fenstern zu lauschen im Stande ist. Therese lag dann wol oft verdrießlich und mit den Füßchen stampfend in dem ihren, wenn die Speise zu verbrodeln drohte, und das gelehrt Paar, jeder irdischen Nöthigung vergessend, nur zögernden Schrittes — oder, war ihr Satz etwa noch nicht ausgefochten, gar noch einmal umkehrend — herannahte, und begriff es nicht bei der Schweigsamkeit, die zwischen ihr und Vetter Franz waltete, wie Julie nur im Stande sei, so viele Redensarten aus ihm herauszulocken.

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