| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Wir Seezigeuner V – Robert Kraft

ir versetzen uns nach Bantang, der Hauptstadt der unter englischem Schutze stehenden Provinz Sarawak, am Ausfluß des Palo gelegen. Mr. Ephraim Jonas, der Direktor der Angloindischen Antimonbergwerkgesellschaft, saß in seinem Privatkontor und zog in dem großen Hauptbuch die Jahresbilanz, und als er die Feder weglegte, konnte sich der alte Herr mit der Habichtsnase mit Recht schmunzelnd die hageren Hände reiben, denn der Reingewinn der Gesellschaft betrug in diesem Jahre mehr als 70 000 Pfund Sterling, und da der Herr Direktor außer seinem Gehalt von 8000 Pfund Sterling auch den vierten Teil der Aktien besaß, so fiel ihm natürlich auch der vierte Teil dieses Reingewinnes zu. Nachdem Mr. Ephraim Jonas seiner Freude durch schmunzelndes Händereiben genügenden Ausdruck gegeben hatte, blickte er eine Zeitlang sinnend durch das Fenster, vor dem sein Schreibtisch stand. Er konnte von hier aus ein gut Teil des Stromes überblicken, belebt von größeren und kleineren Fahrzeugen, Kähnen, welche stromabwärts das Antimonerz aus den höherliegenden Bergwerken nach den Schmelzhütten brachten, deren rauchende Schornsteine man noch sehen konnte, während eine Reihe leerer Kähne durch einen Dampfer wieder stromauf geschleppt wurden, und so zeigte sich überall ein geschäftiges Leben im Hauptlager dieser englischen Bergwerkgesellschaft, welche, durch großes Kapital und alle Hilfsmittel der modernsten Ingenieurwissenschaft unterstützt, die Ausbeute der Antimongruben noch auf einen ganz anderen Stand hatten bringen können, als dem einzelnen Privatmanne, James Brooke, mit seinen geringen Mitteln und Kenntnissen in diesem Geschäft früher möglich gewesen war. Doch dieses geschäftige Bild konnte den Direktor nicht fesseln, das hatte er ja täglich vor seinen Augen, und nach dem englischen Kanonenboot, welches seit einigen Tagen im Hafen lag, um den Eingeborenen wieder einmal die englische Kriegsflagge und einige zehnzöllige Kanonenmündungen zu zeigen, blickte er gleich gar nicht. Seine Augen waren nur sinnend gradeaus gerichtet, aber ideale Gedanken konnten ihn wohl schwerlich beschäftigen, denn der Blick dieser grauen Augen harmonierte ganz mit der geierähnlichen Nase wie überhaupt mit dem ganzen Raubvogelgesichte. Die Folge dieses angestrengten Nachsinnens war, daß sich der Direktor erhob, und nachdem er das Hauptbuch im Panzerschrank verschlossen, ging er durch eine Seitentür in das benachbarte Zimmer. Auch dieses enthielt viele Panzerschränke, wir wollen aber gleich verraten, daß ihr Inhalt nichts mit dem geschäftlichen Betriebe der Gesellschaft zu tun hatte. Nachdem Jonas die schwere Tür hinter sich geschlossen und abgeriegelt hatte, öffnete er durch umständlichen Mechanismus einen der Panzerschränke, zog eine breite Schublade heraus, in der in verschiedenen Fächern eine Anzahl Dolche lagen, und auch manche Dame wäre beim Anblick dieser Waffen außer sich vor Entzücken geraten, oder ihre Augen hätten ebenso habgierig gefunkelt, wie jetzt die des Mr. Ephraim Jonas. Denn es waren keine gewöhnlichen Dolche, mit denen man sich verteidigt oder vorsätzlich einen Menschen vom Leben zum Tode befördert – zum größten Teil waren Scheide und Griff mit Diamanten und anderen Edelsteinen besetzt, danach war auch das Metall, aus dem die ganze Waffe bestand, und war es doch einmal nur einfache Bronze oder etwas ähnliches, so zeigte es dafür eine wunderbare Arbeit, eine kunstvolle Ziselierung – Kunstwerke der indischen Handarbeit, wie wir sie in Europa mit all unseren Hilfsmitteln niemals nachahmen können. Mr. Ephraim Jonas war nämlich ein Sammler von indischen Raritäten, speziell von Dolchen. Es gibt ja noch andere indische Raritäten und Kostbarkeiten, die von europäischen Handwerkern gar nicht nachzuahmen sind, abgesehen von ihrem historischen Werte, als da sind: Urnen, Vasen, seidene Tücher, viele Quadratmeter groß, die sich dennoch durch einen Fingerring ziehen lassen, und dergleichen mehr – Mr. Jonas aber hatte es einzig und allein auf indische Dolche abgesehen, die man auch wirklich noch als Dolche bezeichnen konnte. Eine Waffe, die von der Spitze der Scheide bis zum äußersten Ende des Griffes länger als neun ein viertel Zoll war, wurde von ihm schon zu den Halbschwertern gerechnet und konnte daher sein Verlangen nicht mehr reizen, und wenn der um einen viertel Zoll längere Dolch auch ein Wunderwerk der indischen Goldschmiede-und Juwelierkunst gewesen und von dem König Ikshvaku, Buddhas Vater, nachgewiesenermaßen selbst im Gürtel getragen worden wäre. In dieser Hinsicht war Mr. Ephraim Jonas ein echter Engländer, dessen Gründlichkeit keine Grenzen kennt. Der Deutsche ist in der ganzen Welt wegen seiner Gründlichkeit bekannt, aber mit dem Engländer kann er sich da doch bei weitem nicht messen. Für die englische Gründlichkeit gibt der Professor Maximus Powl, der berühmte englische Zoologe, ein hübsches Beispiel, der in den achtziger Jahren nach Hinterindien ging, um dort die Sippschaft der Wanzen zu studieren, Bettwanzen, Tierwanzen, Baumwanzen und was für Wanzen es sonst noch gibt. Zwei Jahre hat er dazu gebraucht, dann kehrte er mit seinen an Insektennadeln gespießten Wanzen nach England zurück, um in seinem Heim seine Jagdbeute zu ordnen, zu untersuchen, zu klassifizieren und dann darüber ein tatsächlich epochemachendes, dickes Wanzenbuch zu schreiben, und nachdem dies geschehen war, ging er wieder für einige Jahre nach Hinterindien, um diesmal dieselbe Untersuchung auf … die dort vorkommenden Flöhe zu erstrecken, Menschenflöhe, Hundeflöhe, andere Tierflöhe, Vogelflöhe. Nun fragt man einen Menschen: konnte dieser englische Gelehrte das Sammeln der Wanzen nicht gleich mit der Jagd auf Flöhe verbinden? Nein, das konnte er eben nicht, da hätte er zerstreut werden können, nur immer hübsch eins nach dem anderen, nur immer so gründlich wie möglich. Doch wir wollen das lieber nicht Gründlichkeit, sondern Pedanterie nennen, und die Ehre der größten Gründlichkeit bleibt auf allen Gebieten dennoch der deutschen Nation gelassen.


Mr. Ephraim Jonas also hatte seinen ganzen Sammeleifer auf indische Dolche konzentriert, die nicht länger sein durften als neun ein viertel Zoll; wurde ihm einer angeboten, der dieses Maß nur um eine Viertellinie überschritt, so wies er ihn zurück, wollte ihn nicht geschenkt haben, und wenn er auch ein großes Vermögen repräsentiert hätte – d. h. nicht für seine Sammlung, sonst hätte dieser Mann mit der Geiernase ihn schon angenommen, um ihn zu verkaufen, um die für seine Sammlung zu große Waffe bei Gelegenheit gegen eine kleinere einzutauschen, und deshalb natürlich nahm Jonas auch alles, was er sonst bekommen konnte, und dann natürlich am liebsten geschenkt. Es ist gar nicht leicht, derartige orientalische Sachen zu bekommen. Ob nun Dolche oder Vasen oder Teppiche oder Schmuckgegenstände – da handelt es sich doch gewöhnlich, besonders wenn sie kostbar sind, um Heiligtümer oder doch um heilig gehaltene Familienerbstücke. Im britischen Museum kann man zahllose solche indischen Kostbarkeiten anstaunen, da erkennt man, was für ein ungeheuerer Reichtum in diesem Indien doch gesteckt haben muß, wie er noch heute drin steckt; das berühmteste Schaustück ist der ›Tiger von Lahore‹, in Lebensgröße ganz aus bunten Edelsteinen zusammengesetzt, einfach unschätzbar, ebenso wie der Thronsessel des Maharadschas von Nagpure, diese Pracht spottet aller Beschreibung; und was sich dann sonst noch an indischen Wertobjekten in englischem Privatbesitz befindet, das entzieht sich ja der Kenntnis. Denn ein echter Sammler zeigt doch seine Schätze niemandem, spricht gar nicht davon; sie betrachten zu können, das Bewußtsein, sie ganz allein zu besitzen, sich ganz allein an ihrem Anblick weiden zu können, das ist ja eben das undefinierbare Glücksempfinden des echten Sammlers, worin er ganz dem Geizhals gleicht, der er auch gewöhnlich ist. Diese Schätze sind zusammengeräubert worden, als England von Indien Besitz nahm, zunächst durch die ostindische Kompanie, ein Privatunternehmen, nur von der Regierung sanktioniert, und wenn auch dann noch später Gewalt immer vor Recht ging, alles Kostbare den schwachen Eingeborenen einfach weggenommen wurde, so geht das heute doch nicht mehr so ohne weiteres. Indische Tempelheiligtümer sind heutzutage überhaupt nicht mehr zu haben. Und reizt einen der Besitz einer kostbaren Waffe, einer seltenen Vase, eines Teppichs oder einer sonstigen Rarität, so muß man den betreffenden Gegenstand dem Eigentümer eben abkaufen. Nun sind aber solche Sachen, doch meist Familienerbstücke, im allgemeinen meist nicht käuflich zu haben. Und wird eine indische Familie durch Not dazu getrieben, solch ein altes Erbstück zu verkaufen, dann wendet sich die Familie doch lieber an einen reichen Indier, der vielleicht noch einen ganz anderen Preis zahlen kann, als dem reichsten Europäer möglich wäre, und wobei der in Not Geratene vielleicht noch die Möglichkeit hat, das alte Heiligtum später wieder einmal zurückzukaufen, was es bei einem Sammler nicht gibt. Infolge dieser Schwierigkeiten ist in Indien wie im ganzen Orient ein förmliches Gewerbe entstanden, nämlich von professionellen Dieben, die es einzig und allein auf solche alte Raritäten abgesehen haben. Es ist natürlich das charakterloseste Gesindel, religions-und vaterlandslos, Verräter an den eigenen Stammesgenossen; sie visitieren auch die ärmlichsten Hütten, ob sie nicht ein altes Familienstück enthalten, in den Palästen der Reichen schmuggeln sie sich als Diener ein, um dann bei Gelegenheit mit einem sorgsam gehüteten Familienstück zu verschwinden, welches sie an Sammler oder deren Agenten verkaufen, weit unter dem eigentlichen Werte, wenn auch nicht gerade zu Schleuderpreisen, da diese Leute doch schon immer etwas von Antiquitäten verstehen. Also fast nur noch auf diese Weise kann heute der Sammler in den Besitz solcher indischer Raritäten und Kleinodien kommen. Aber auch das hat noch einen bösen Haken.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |