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Wir Seezigeuner IV – Robert Kraft

ieder war es ein Zirkus, in dem wir saßen, aber nicht auf hölzernen Bänken, sondern auf Felsentreppen. Es war der Krater, den ich einst mit Tischkoff untersucht hatte. Die natürlichen Galerien, nur von Stufenhöhe, so daß man sich bequem darauf setzen konnte, waren vom Meißel geebnet worden, auch sonst hatte sich manches geändert. Man konnte nicht mehr bis auf den Grund hinabblicken, bis in den letzten Kanal. Schon weit vorher war der trichterartige Kessel zugedeckt worden. Die runde Fläche, die somit entstanden war, hatte einen Durchmesser von mindestens 100 Metern, und da konnte man sich noch sehr irren, denn es waren ganz gewaltige Dimensionen, welche das Auge allüberall erblickte. Die wenigen Menschlein verschwanden in dem Amphitheater, welches sich in der Größe mit jedem der alten klassischen Zeit, des alten Roms, messen konnte. Daß hier 20 000 Menschen bequem Platz gefunden hatten, war sicher. Die Bahn, wie ich hier die Manege nennen will, war mit weißem Sand bestreut, nahm sich überhaupt ganz aus wie fester, eben nur sandiger Boden. Das konnte natürlich nicht sein. Man konnte auch den unteren Teil des Trichters nicht mit Erde ausgefüllt haben, denn das wäre ja eine kolossale Arbeit gewesen, bei solchen Dimensionen. Es mußte eben eine künstliche Decke sein oder Diele, von unten durch Balken gestützt, da war ja die Anzahl unbeschränkt, und darüber hatte man Sand gefahren. Dies wurde dann später auch durch den hohlen Klang bestätigt. Die Sitze liefen nicht direkt bis zur Bahn hinab, wie man es bei dem modernen Zirkus hat. Unten waren die Galerien in einer Höhe von etwa fünf Metern weggeschlagen worden, so hoch war also die glatte Mauer, über welcher die Sitze begannen. Auch die zu unterst Sitzenden blickten so noch in eine beträchtliche Tiefe. »Hier könnte man ein Stiergefecht aufführen,« meinte einer der Seezigeuner, »das ist doch etwas anderes als in Spanien, wo einem eine Bretterwand immer die Aussicht versperrt, und wenn der Stier will, wirft er doch alles über den Haufen.« »Ja, ob uns hier nicht ein Stierkampf geboten werden soll?« »Weiß nicht. Das wäre aber nichts Neues, und sie will uns doch nur zeigen, was noch keiner von uns gesehen hat.« Nun, um die Bahn lebendig zu machen, dazu war alles vorhanden. Hin und wieder wurde die glatte Mauer durch große Türen unterbrochen, wohl von Eisen, jetzt verschlossen. Wie gesagt, die Menschen verschwanden in dem ungeheueren Amphitheater. Noch nicht einmal die beiden untersten Stufen waren voll besetzt. Trotzdem sollten es fast achthundert Menschen sein, wir Gäste, auch meine sämtlichen Jungen, noch gar nicht gerechnet. Alle anderen waren ständige Inselbewohner, standen in Blodwens Diensten.


Wozu Blodwen diese vielen Menschen brauchte, womit sie dieselben beschäftigte, wußte ich nicht, hatte mich auch noch gar nicht darum gekümmert. Nun, gearbeitet war ja hier schon genug worden. Zunächst will ich erwähnen, daß ich meine ganze Mannschaft mitgenommen, die ›Sturmbraut‹ ganz allein zurückgelassen hatte – bis auf Goliath, Tischkoff und den Klabautermann, welch letztere beiden ja nicht mitzuzählen waren. Ich hatte die schriftliche Einladung amAbend zuvor mit dem ausdrücklichen Vermerk erhalten, daß solch eine Vorstellung, wie sie heute im Amphitheater aufgeführt würde, sich nicht so bald wiederholen könnte, es sei nicht möglich; deshalb möchte ich meine ganze Mannschaft doch gleich auf einmal mitbringen. Nun, ich sah keinen Grund ein, weshalb ich dies nicht tun sollte. Goliath bot sich sofort freiwillig als zurückbleibende Wache an, und das genügte ja. Vor allen Dingen nun muß ich erwähnen, daß die Vorstellung schon früh um sechs Uhr begann, kurz nach Sonnenaufgang. Anders ließ sich das auch kaum machen. Schon um neun Uhr mußte die Sonne in diesen Kessel, der mit keinem Schutzdach zu überziehen war, hineinscheinen, und am Nachmittag wäre es vor Hitze darin gar nicht auszuhalten gewesen, auch nicht am Abend, wenn der Stein die aufgesaugte Hitze wieder ausstrahlte, was vollständig nur des Nachts geschah. Uebrigens hat die Zeit gar nichts zu sagen, am allerwenigsten für Seeleute, und schließlich auch für die anderen nicht. Sobald man einmal drin saß, konnte man sich ja vorstellen, es sei Nachmittag, und als die Sonne über den Kraterrand stieg, gewann alles erst recht ein freundliches Aussehen. Nur nicht zu hoch durfte sie steigen. So waren wir mit dem ersten Sonnenstrahle abgerückt, hatten auf guter Chaussee in kurzem Marsche das Gebirge und den Krater erreicht, brauchten ihn aber nicht zu ersteigen, um von oben ins Innere zu gelangen. Lebendig war es überall, von allen Seiten strömten die Inselbewohner herbei, mehr braune und gelbe, als weiße. Wir wurden in Empfang genommen und in einen Tunnel geleitet, und als wir auf der anderen Seite herauskamen, befanden wir uns im Innern des Amphitheaters. Nun saßen wir da und harrten des Kommenden. Die Herren von Fanafute geizten nicht mit ihren Ansichten. »Sie will die Zeiten des alten Roms wieder zurückrufen, sie schwärmt dafür, wie sie ja auch schon bei London eine römische Villa gehabt hat.« Das war aber auch das einzige, worüber sich die Herren einig waren. Sonst wußten sie gerade so viel wie ich – gar nichts. Noch nicht einmal von der Existenz dieses Amphitheaters hatte einer eine Ahnung gehabt. Mit vielem Geschick waren sie bisher immer von weiteren Spaziergängen abgehalten worden. So lange befanden sie sich ja auch noch nicht auf der Insel. Und nicht einmal mit der Wahrung des altrömischen Charakters sollten sie recht behalten. Aus den Oeffnungen, welche sich noch im Bereiche der Stufen oder Sitze befanden, kamen Mädchen hervor, in spanischer Nationaltracht, und boten den Gästen, wenigstens uns, den fremden, die wir beisammen saßen, aber auch meinen Leuten, Früchte und andere Erfrischungen an.

Die Früchte waren köstlich, der Wein eisgekühlt, und die Mädchen, echte Spanierinnen, reizend. Nun war es aber auch klar. »Dann bekommen wir ein Stiergefecht zu sehen,« hieß es. »Denn würden etwa olympische Spiele veranstaltet, so würden die Mädchen doch auch mit der römischen Tunika bekleidet sein. Ein anderer Geschmack ist der Lady Blodwen doch nicht zuzutrauen. In ihrer Villa zu Leytenstone soll ja auch alles römisch gegangen sein. Nicht wahr, Herr Kapitän?« Ich bejahte kurz und widmete meine ganze Aufmerksamkeit dem Krimstecher, den ich mitgenommen. Wie gesagt, saßen wir ›Herren Seezigeuner‹ alle beisammen auf der untersten Stufe, hinter uns meine Leute und dann einige Diener, welche die Jachtsportsmen mitgenommen hatten, wie zum Beispiel Mr. Rug seinen ›Jonny mit Brandy und Zucker‹. Dann kamen, in großem Abstande von uns, wie es sich geziemte, die Inselbewohner, meist braune Indier und gelbe Chinesen, dazwischen wieder isolierte Gruppen von Europäern. Uns direkt gegenüber war wieder solch eine Insel im Völkermeere, und die Entfernung von uns war eine so große, daß man auch wirklich einen guten Krimstecher brauchte. Da erkannte ich dort drüben Blodwen, die beiden Puppenspieler, Monsieur Papapopulos und einige andere mehr oder minder weißhäutige Herren, welche wohl zu der Inselkönigin Generalstabe gehörten. Und ferner Atlanta! Und sie saß neben dem Armenier. Und der Poppelmann hatte, wie ich deutlich erkennen konnte, ihre Hand auf seinem Knie, hielt sie darauf mit seiner eigenen Pfote fest. Ja, warum sollte sie oder er nicht? Was ging mich diese Sache überhaupt noch an? Da öffnete sich dort unten eine der Türen, ein Mann trat in die Arena, ein Spanier, ein Stierkämpfer in goldgesticktem Kostüm, und verkündete mit schallender Stimme, daß das hochgeehrte Publikum das Vergnügen haben würde, den weltberühmten Toreador Senor Soundso auftreten zu sehen, im Kampfe gegen einen wilden Stier, der direkt aus den spanischen Pyrenäen bezogen worden wäre, usw. usw. Na, ich kann nur sagen, daß wir alle zusammen äußerst ent täuscht waren. Also wirklich ein Stiergefecht! Unter diesen Weltbummlern war doch kein einziger, der nicht schon in Spanien wenigstens einem Stiergefecht beigewohnt hatte, und dasselbe galt von nur. Nur hatte ich es nicht in Spanien, sondern im portugiesischen Lissabon gesehen, aber auch in prachtvollster Ausführung, mit den blutigsten Zwischenfällen, von einem berühmten spanischen Toreador in elegantester Weise beendet. Was ich früher über nervenaufregende Schaustellungen gesagt habe, über Turmseiltänzer und dergleichen, wobei das Publikum darauf wartet, daß der Auftretende den Hals bricht oder sonstwie verunglückt, gilt nicht für Schauspiele, wobei gegeneinander Kräfte gemessen werden, mag dabei auch noch so viel Blut fließen – gilt wenigstens nicht für mich. Da bin ich ganz und gar nicht einseitig. Jeden Wettkampf verfolge ich mit atemloser Spannung, jeder Sieg versetzt mich in Enthusiasmus, da kann ich klatschen und johlen, und mag er auch noch so fürchterlich enden. Dafür mag mich der Leser auch für einen Barbaren halten. Gut, ich nehme es hin. Trotzdem weiß ich genau, was ich will, bin darin durchaus nicht inkonsequent.

Wolle man doch bedenken: Gerade als sich das alte Griechenland in der Kunst zur herrlichsten Blüte entfaltet hatte, standen dort auch die olympischen Spiele im größten Ansehen, nicht beschickt von gekauften und dressierten Sklaven, sondern von freien Söhnen freier Bürger. Und diese alten Hellenen waren gewiß keine Barbaren. Wir überkultivierten Europäer können uns mit jenen Griechen vor zweitausend Jahren nicht etwa mehr messen, was Kunst, Ethik und dergleichen anbetrifft! O, wir sind mit unserer ganzen Wissenschaft und mit all unseren Erfindungen im Schönheitsgeschmack ganz erschrecklich zurückgegangen! Nun, diese selben ethisch so hochentwickelten Hellenen haben denjenigen Athleten, welche die meisten Kinnladen zerschmetterten, Denkmäler gesetzt! Genug! Wem das nicht genügt, dem ist nicht zu helfen. Der mag sich in einer faulen Operette an Klimbim und Trikots und Ehebruch ergötzen, oder er mag darauf lauern, bis der Radfahrer einmal aus der Schleife geschleudert wird und mit zerschmetterten Gliedern liegen bleibt. Ich aber liebe das Kampfspiel, das Messen von Kraft und Gewandtheit, wenn auch dabei Blut fließt und Knochen brechen, und in diesem Falle weiß ich auch nichts von Tierquälerei. Wer sogar das Pferderennen so nennt und es polizeilich verboten haben will, weiß nichts vom Charakter des Tieres. Kurz, das spanische Stiergefecht damals hatte mir ganz mächtig imponiert. Ich konnte jederzeit eine Wiederholung sehen … aber hier? Auch ich hatte anderes erwartet, auch ich war enttäuscht. Und jener Stierkampf in Lissabon konnte an tollkühnen Szenen und sonstiger Großartigkeit wohl nicht überboten werden. Der spanische Herold hatte sich zurückgezogen. Da ging, uns gegenüber, ein anderes Tor auf, riesenbreit, und donnernd kam es hereingestürmt – kein Stier, wie wir alle erwartet – sondern eine Reihe Pferde, zweirädrige Wagen hinter sich, olympische Rennwagen, darauf der Rosselenker in kurzer, römischer Tunika … O, diese Enttäuschung! Nämlich angenehme, überrumpelnde, aller Beschreibung spottende! Wir hatten einen Stier erwartet, phantastisch gekleidete Stierkämpfer zu Fuß und zu Pferd … und da donnern plötzlich durch die Arena fünf olympische Rennwagen, alles daran echt, einer mit fünf, drei mit vier, einer mit drei Rossen bespannt – und was für Rosse! – und auch an ihnen der klassische Charakter gewahrt – mit kurzem Schweif und ebenso ganz kurzer, künstlich gesträubter Mähne – und so sausten sie unter ohrenbetäubendem Donnergepolter, durch den hölzernen, unterhöhlten Boden erzeugt, und unter gellenden Anfeuerungsrufen und pistolenähnlichem Knallen der langen Peitschen am kurzen Stiel im Kreise durch die Arena. O, diese Ueberraschung!! Erst die Vorbereitung auf ein Stiergefecht, das wir alle schon kannten, und nun plötzlich ein altklassisches Wagenrennen! Das war großartig arrangiert oder inszeniert gewesen! Wer hat schon jemals solch ein olympisches Wagenrennen in aller Echtheit gesehen? Es wäre doch möglich

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