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Verwehte Spuren – Franz Treller

Die Nacht war finster, dunkle Wolken zogen eilig hoch oben vorüber und hüllten die Sterne ein. Ein scharfer Nordost rauschte in den Zweigen der Bäume und sauste um die Blockhütte, die einsam inmitten der Waldlichtung lag. Auch für ein scharfes Auge wäre die Behausung von dem dunklen Waldhintergrunde nicht zu lösen gewesen, wenn nicht schwacher Lichtschein, welcher aus den kleinen Fenstern drang, sie als menschliche Wohnung kenntlich gemacht hätte. Ein Gewirr von rauhen Stimmen drang aus dem erleuchteten Raume in die schweigende Nacht hinaus, oftmals unterbrochen von dröhnendem Gelächter. An der Fenz, welche die Blockhütte und einige im Dunkel schwach wahrnehmbare kleinere Wirtschaftsgebäude umgab, scharrten ungeduldig wohl ein Dutzend und mehr gesattelte Pferde den Boden. Wilde Gestalten waren es, welche sich im Innern des mehr durch das lodernde Feuer als eine düster brennende Oellampe erleuchteten, ziemlich großen Raumes um den Kamin versammelt hatten. Auf roh gefertigten Stühlen, auf Fässern, Holzblöcken, am Boden saßen und lagen wohl ein Dutzend Männer, deren Aeußeres, der rauhe Friesrock oder Frack, die ledernen Gamaschen und vor allem die lange Büchse in der Nähe eines jeden sie alsbald dem kundigen Auge als eine kleine Schar im Hinterwalde hausender Landleute kenntlich machte. Es war ein groteskes Bild, welches diese Gruppe bot inmitten eines Raumes, welcher sich halb als Kramladen und Warenmagazin, halb als Wirtszimmer darstellte. Alle möglichen Dinge, welche für den Landmann, der hier an der Grenze der Zivilisation sein Heim aufgeschlagen hatte, Wert haben konnten, waren hier aufgestapelt. Eisenwaren, Wirtschafts und Küchengeräte, Zeuge, Pulver, Blei, Werkzeuge zeigten sich dem Blicke, ja selbst Hausfrauen konnten hier ihren Bedarf an Garn, Zwirn und Nadeln entnehmen. Eine stattliche Zahl von Fässern und großen Steinkrügen deutete auf einen nicht unerheblichen Vorrat geistiger Getränke. Hinter der Bar, auf der einen Seite des länglich viereckigen Zimmers, welches mit seinen Flaschen, Krügen, Bechern den Charakter eines Schenkraumes nicht verleugnete, stand der Wirt, eine breitschulterige, muskulöse Gestalt, und schaute ruhig in das lebendige wilde Treiben vor sich hinein, dann und wann einen Toddy mischend oder mit einer kurzen Bemerkung an der lebhaft geführten Unterhaltung teilnehmend. »War ’ne wilde Jagd, Boys, dürft’s glauben,« fuhr Bill Jones in seiner Rede fort, »und er hat’s uns schwer genug gemacht, denn der Bursche war schlau wie nur irgend eine diebische Rothaut.« »Habt Ihr denn den Battle wirklich in den Sumpf geworfen und ihn vor Euren Augen langsam versinken lassen?« richtete ein jüngerer Farmer die Frage an den Redenden. »So wurde bei uns erzählt.« »Unsinn, Mann, sind keine Menschenfresser am glorreichen Muskegon. Der Kerl war aufgebäumt und hatte uns mit einer Schlauheit von seiner Spur abgebracht, die ihresgleichen sucht in den Wäldern. Stundenlang liefen wir im Kreise umher, die Nase am Boden, bis wir die Fährte wiederfanden. Endlich entdeckte ihn Tom Raggle auf einer Sykomore, wo der Bursche sich ein Nest aus Baumzweigen gemacht hatte. Da er auf unsre dreimal im Namen des Gesetzes wiederholte Aufforderung nicht herunterkam, schoß ihm Tom die Kugel durch den Kopf, da kam er schnell genug herunter.« »Das glaube ich,« sagte ruhig der Wirt und schallendes Gelächter antwortete der im trockenen Tone gemachten Aeußerung. Als es verhallt war, äußerte der alte Steward: »Wunderbar, Jones, daß der Battle solche geübte Waldleute zu täuschen vermochte.« »Ist so. Weiß noch keiner, wie der Bursche seinen Hacken geschlagen hat,« entgegnete jener. »Selbst der rote Spitzbube dort,« und er machte eine leichte Kopfbewegung nach einer in der Ecke kauernden, nur schattenhaft wahrnehmbaren Gestalt hin, »der in nüchternem Zustande schlau genug ist, war irre geführt worden.


« Der Mann, auf welchen der Sprecher hinwies, saß auf dem Boden mit dem Rücken an die Wand gelehnt und schaute stieren Blickes vor sich hin. Eine halbgeleerte Rumflasche im Bereiche seiner Hand deutete an, was den stumpfsinnigen Blick verursachte. »Du, Rotfell,« rief ihm einer der Männer zu, »wie war’s denn mit dem Battle, erzähle einmal.« Ein dumpfer unverständlicher Laut des augenscheinlich schwer trunkenen Mannes war die Antwort. »Das Vieh ist wieder fertig,« sagte Raggle. »Ja, hattet ihr denn,« nahm der junge Farmer wieder das Wort, »das Recht, ihn herunter zu schießen wie einen Truthahn?« »Kalkuliere, Mann, hatten’s. War rechtskräftig von der Jury zum Strange verurteilt, saß im Countyhause, sollte am Morgen baumeln. Der Sheriff, ein ledernes Yankeegesicht, ließ ihn in der Nacht entwischen, sagt man, bestochen von Battles Spießgesellen, sagt man, nun, da nahmen wir, freie Bürger vom Muskegon, die Sache in die Hand. Noch ehe vier Stunden seit seinem Entweichen vergangen, waren wir auf seiner Spur.« »Aber wie fandet ihr die?« »Ja, da spielte das Glück oder der Zufall oder die Vorsehung mit, wie Ihr wollt. Weller, der Constabel, eine ehrliche Haut, war um drei Uhr morgens bei mir und meldete mir, Battle sei entwischt. Well. Ich blies das Horn, binnen einer halben Stunde hatte ich vier Bursche aus der Nachbarschaft um mich. Um fünf Uhr hielten wir schon vor dem Gefängnis. War von Spurfinden vorläufig kein Gedanke. Wie wir noch ratlos dort halten und überlegen, was zu tun sei, kam das indianische Vieh dort, noch nicht ganz betrunken, herangeschlichen und sagte: >Mister Jones, Ihr sucht Battle, was gebt Ihr, wenn ich Euch auf die Fährte bringe?< »>Eine Gallone Whisky sollst du haben, Rothaut, wenn du uns auf die Spur hilfst,< sage ich. »Das wirkte und er brachte uns auf die Spur. Er hatte zufällig gesehen, wie der Battle in der Nacht von Helfershelfern über den Fluß gesetzt wurde, und sich mit indianischer Schlauheit den Punkt gemerkt, wo er drüben gelandet wurde. Das war genug, um bald nach Tagesanbruch mit des Indianers Hilfe, welcher sich uns anschloß, den Anfang der Fährte zu haben. Daß wir wie hungrige Wölfe ihr folgten, brauche ich nicht zu versichern, aber erst am zweiten Tage, wir hatten während der Zeit nur nachts geruht und nichts zu essen gehabt als das wenige, was wir in der Eile mitgeführt, erreichten wir den blutigen Schurken.« »Was hatte er verbrochen?« fragte ein älterer Farmer; »ich bin der Sache fremd, und hörte nicht den Anfang eures Gesprächs.« »Nicht viel,« entgegnete Jones, »er hatte nur Bill Warrier, einen ehrenwerten Bürger und unsern Freund, ermordet und beraubt, nichts weiter.« »So geschah ihm recht.« »Denke so, geschah ihm recht.« »Geschah ihm recht,« fügte der alte Steward hinzu, »war verurteilt vom Gesetz.

Als die Vollstreckung des Urteils versagte, nahmen wir die Sache in die Hand, freie Bürger, und schafften mit unsern Büchsen dem Gesetz Achtung. Werden mit dem Sheriff auch noch ein Wörtchen reden. Ist ein eigenes Ding ums Gesetz, kalkuliere, hat, richtig gehandhabt, eine große Macht. Sind alle fürs Gesetz, Männer, denk‘ ich? He?« »Sind dafür,« klang es im Chor. »War eine böse Sache mit dem Battle, hatte gemordet, wußte es jedermann, hätte ihn jeder totschießen können, wo er ihn fand, aber Recht muß sein. Stellten ihn vor die Jury, als wir ihn gefangen hatten, wurde nach Gesetz verurteilt, von zwölf ehrlichen Männern, auf ihren Eid zum Tode verurteilt. War Recht gesprochen, haben nur mit der Büchse nachgeholt, was der Strick versäumt hat. War der Bursch die Kugel nicht wert, aber haben’s kurz gemacht hatten nicht viel Zeit.« Hätte, während sie sprachen, einer von ihnen bemerkt, daß draußen eine dunkle Gestalt ums Haus schlich, welche eifrig durch die Spalten der Balken oder verstohlen durch eines der mit trüben Scheiben versehenen Fenster lugte, würde sie wohl bald die ganze Aufmerksamkeit der Farmer in Anspruch genommen haben. Der lauschende Geselle entfernte sich erst, als von Süden her die kaum gebahnte Straße entlang Hufschlag und menschliche Stimmen vernehmbar wurden. Da verschwand er geräuschlos im Dunkel. Den Waldweg her naheten zwei Männer, welche ihre Pferde am Zügel führten; einer von ihnen trug eine Laterne, mit welcher er den an Hindernissen reichen Weg beleuchtete. Vor dem Blockhause angelangt die drinnen hörten bei dem laut und lebhaft geführten Gespräch und dem Wind, welcher die Hütte umsauste, das Nahen der Fremden nicht riefen die Ankommenden laut nach dem Wirt. Einen Augenblick verstummte das Gespräch drinnen und nach einiger Zeit erschien des Wirtes breitschultrige Gestalt in der Türe, in der Hand ein brennendes Holzscheit tragend. Der eine der beiden Ankömmlinge fragte: »Könnt Ihr zwei hungrige Reisende und zwei Pferde aufnehmen, Herr Wirt?« Ohne zu antworten, betrachtete der Besitzer des Blockhauses ganz gelassen die Fremden, indem er sie mit dem hoch erhobenen Holzbrand beleuchtete. Die Musterung mußte zu ihren Gunsten ausgefallen sein, denn er entgegnete: »Kann sein, wenn ihr euch zu behelfen wißt. Ist nicht viel Platz da, Leute.« »Wissen uns zu behelfen, Mann,« sagte die frühere Stimme wieder, deren Aussprache der englischen Laute man es anhörte, daß sie von einem Nichtengländer gesprochen wurden, »schafft Tier und Mensch eine Ruhestätte, und wir sind zufrieden.« »Sollt’s haben, Leute. Jim!« rief er ins Dunkel hinein, und alsbald erschien im Lichtschein, der durch die geöffnete Tür aus dem Innern der Hütte fiel, ein ruppig aussehender Bursche. »Nimm den Gentlemen die Pferde ab und bringe sie in den Stall. Stroh und Mais sind genug vorhanden,« setzte er hinzu. Die Reisenden nahmen jetzt rasch den Pferden Sattel und Mantelsack ab und folgten, während die Tiere nach dem Stall geführt wurden, der Einladung des Wirtes in das Innere des Raumes, in welchem sich die Farmer befanden. Als die Fremden den einigermaßen erleuchteten Raum betraten, wurden sie von allen Seiten mit prüfenden Blicken angestarrt. Auch der Wirt schenkte ihnen erneute Aufmerksamkeit.

Der Vorangehende war ein Mann von hoher, jugendlich schlanker Gestalt, aus dessen edel geformtem Gesicht, welches den Ausdruck männlicher Offenheit als Stempel trug, zwei blaue Augen freundlich hervorleuchteten. Ein blonder Schnurrbart zierte die Oberlippe und verlieh dem Antlitz etwas KriegerischKräftiges. Die Mitte der Zwanziger konnte er kaum überschritten haben. Eine Joppe, hirschlederne Beinkleider und bespornte Reitstiefel bildeten seine nur einfache Tracht, doch gab die Haltung unleugbar den Mann von Stande zu erkennen. Bewaffnet war er mit einer Büchse und einem Hirschfänger, welchen er am Gurt um die Hüften trug. Ueber die Schulter fiel ein echt schottischer Plaid. Der andre, ein wettergebräunter, markiger Bursche, war ähnlich ausgerüstet in Kleidung und Waffen, durfte aber seinem männlicheren Aeußern nach wohl zehn oder mehr Jahre älter sein als sein Gefährte. Die Dienstbeflissenheit, mit der er jenem Sattel und Mantelsack abnahm, als sie das Zimmer betreten hatten, ließ darauf schließen, daß er sich zu ihm in untergeordneter Stellung befand. Das Gespräch der Farmer war mit dem Eintritt der Fremden verstummt. »Guten Abend, Gentlemen,« grüßte der junge Mann die schweigend ihn anstarrenden Waldmänner. Der Gruß wurde kaum erwidert, doch der Fremde, dem wahrscheinlich solche Verkehrsformen nicht neu waren, schien dadurch wenig berührt und sah sich gleichmütig nach einem Platze um, auf dem er sich niederlassen könne, während sein Blick flüchtig die Gruppe, welche um den Kamin lagerte, überflog. Der Wirt wies ihm und seinem Begleiter zwei Holzklötze am Ende des Raumes als Sitze an und begab sich dann ruhig wieder hinter seine Bar. Nachdem die rauhen Bursche, welche die Mehrzahl der Gäste bildeten, ihre Neugierde befriedigt hatten, fuhren sie in ihrem Gespräche fort, als ob die Ankömmlinge nicht vorhanden seien. »War ein mörderischer Schurke, der Battle, hatte mehr als ein Leben auf seinem Gewissen, Habe auch keinen Zweifel, daß er uns vor drei Jahren oben am Manistee die roten Hunde auf den Hals gehetzt hat, hatte mit den blutigen Indianern immer heimlich zu tun.« »Kann sein. Mußte weg, der Mann, war Zeit.« Sie schwiegen eine Weile und unterdes überflog des Fremden Auge den Raum und die herkulischen Gestalten der Männer, die sich in so großer Zwanglosigkeit dort niedergelassen hatten, bis sein Blick an dem Indianer haften blieb, der immer noch ruhig in der gegenüberliegenden Ecke kauerte. Der rote Mann erregte des Fremden besonderes Interesse. Die Farmer schenkten fortan den beiden Fremden scheinbar nicht die geringste Aufmerksamkeit, obgleich hie und da ein scharfer Blick sie streifte. Diese hatten etwas Mundvorrat aus ihren Mantelsäcken gelangt, sich vom Wirt einen Becher Toddy mischen lassen und verzehrten ruhig ihr Abendbrot. Bill Jones erhob sich und sagte: »Denke, Männer, ist Zeit, an die Heimreise zu denken, mein Weg ist der weiteste.« »Will euch raten, Gentlemen,« nahm der Wirt das Wort, »bleibt hier bis zum Tageslicht. Ist eine dunkle Nacht, und der Whisky kein guter Reisebegleiter.« »Ei, Grover, möchtest uns hier behalten, alter Ohiomann. Steh‘ noch fest in den Schuhen,« lachte jener, wankte aber dabei, trotzdem er sich Mühe gab, gerade zu stehen, merklich hin und her.

»Hatte schon mehr geladen als heute und meine Beß hat mich glücklich heimgebracht zu meiner alten Lady.« »Wie ihr wollt, Männer, meinte es gut,« »Wissen das, Grover, bist eine ehrliche Haut,« sagte der alte Steward und erhob sich, »schläft sich aber am besten unter eigenem Dach.« Auch die andern standen auf doch wie sich zeigte, waren alle mehr oder weniger angetrunken, einige sogar recht sehr. Der Whisky und das lebhafte Gespräch hatten gemeinsam diesen Zustand bewirkt. Indem sie sich rüsteten, um heimzureiten, erhob sich draußen wüstes Geschrei aus rauhen Kehlen: »He! Hip! Raus, Wirt! Schläft das alte Opossum? Raus Gäste kommen!« Alle horchten den Rufen. Dann nahm der Wirt wie vorher einen Feuerbrand aus dem Kamin und trat in die Türe. Vor sich sah er drei Reiter, gekleidet und bewaffnet wie die Gäste im Innern. »Schläfst du, Wirt? Altes Rakoon « schallte es ihm rauh entgegen. »Flink, nimm die Pferde wollen bei dir übernachten.«

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