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Um die indische Kaiserkrone 4 – Robert Kraft

Die Hafenstadt Bombay war von dem Aufstand nur wenig in Mitleidenschaft gezogen worden. Jetzt, da der wirkliche Krieg erst begann, herrschte in dieser Stadt im Gegensatz zu allen anderen Städten Indiens frohes, lärmendes Leben; denn es waren unterdes die Verstärkungen in Massen eingetroffen, und General Sir Hugh Rose traf Vorbereitungen zu einem Kriegszug nach Mittelindien. Daß dieser ein Siegeszug werden und mit der völligen Vernichtung der Rebellen enden würde, daran zweifelte niemand. Selbst den hoffnungsvollsten Radschas wurde es nach und nach immer klarer, daß die Rebellen solch einer organisierten Armee, die imstande war, gegen ganz Asien siegreich vorzugehen, nicht lange standhalten könnten, und ein Radscha nach dem anderen unterwarf sich auf Gnade und Ungnade wieder dem englischen Gouvernement. Führer der Rebellen waren nur noch Bahadur, Nana Sahib, die Begum von Dschansi, die mit Bahadur verwandten Prinzen und Tantia-Topi, ein ganz gewaltiger Feldherr, den wir noch kennen lernen werden. In Bombay ging es also in Aussicht der kommenden Siege sehr heiter und lebhaft zu. Die Stadt wimmelte von Soldaten, denen es an nichts gebrach, die Einwohner fühlten sich vollkommen sicher, und eine gedrückte Stimmung lag nur auf denen, welche während des Aufstandes schon schwere Verluste an Familienangehörigen zu beklagen hatten. Die Stadt und ihre Umgegend boten das Bild eines lustigen Lagerlebens, und es gab spekulative Köpfe genug, welche, während die Führer an dem Feldzugsplan arbeiteten, die mit Gold gefüllten Taschen der Soldaten auszubeuten verstanden. Die Theater wurden wieder mit Personal besetzt, neben den schon bestehenden Restaurants und Erfrischungshallen wuchsen neue wie Pilze aus der Erde, eine Artistengesellschaft war auch plötzlich vorhanden, und so wurde für Offiziere wie für die Mannschaft gesorgt, daß sie im Quartier nicht Langeweile empfanden und beim Marsch durch die Dschungeln das schwere Geld sie nicht in den tückischen Sumpf zog. Bei dieser tumultartigen Bewegung einer mit Menschen überfüllten Stadt konnte es daher auch leicht geschehen, daß eines Nachts ein Trupp bewaffneter Reiter die Straßen passierte, ohne im geringsten Aufsehen zu erregen. Es waren zwölf Indier auf schönen Pferden, und in ihrer Mitte befand sich ein Maultier, welches eine verschleierte Dame trug. Der Anführer, ein martialisch aussehender Krieger, dessen bronzefarbenes Antlitz eine furchtbare Narbe durchzog, schien in Bombay nicht gerade bekannt zu sein, denn er schaute sich, aber ohne sein Pferd einmal anzuhalten, fortwährend links und rechts um, musterte die Häuser, gab gut acht auf die Kirchen und Minarette, und wußte so, vorher wahrscheinlich gut instruiert, seinen Weg durch das Straßenlabyrinth schnell und sicher zu finden. Der Zug bog in eine schmale, dunkle Gasse ein, in welcher man einige betrunkene Soldaten und Dirnen johlen hörte, hielt am Eingang, der Anführer sprang ab und näherte sich der verschleierten Dame. „Wir sind am Ziel, Missis,“ sagte er unterwürfig. „Will meine Herrin absteigen und ihrem Diener einige Schritte zu Fuß folgen? Er führt dich zu den Deinen, die dich erwarten.“ Hinter dem Schleier fragte eine sanfte Mädchenstimme, wohin sie gebracht werden sollte, aber darauf konnte oder wollte der Mann keine direkte Antwort geben. Der liebe Leser hat schon erkannt, daß die verschleierte Dame niemand anders als Franziska war. Sie ließ sich aus dem Sattel heben und ging .mit dem Anführer die dunkle Gasse hinunter, während die übrigen zurückblieben. Franziska wußte, daß Bombay von englischen Soldaten überfüllt war, und so glaubte sie wirklich, hier vollkommen sicher zu sein. Sie hielt es gar nicht für möglich, daß ihr, einer Engländerin, hier mitten im Hauptquartier der englischen Kriegsmacht irgend etwas Gefährliches zustoßen könnte. Außerdem hatte sie während der langen Reise doch Zutrauen zu dem finsteren Anführer gefaßt. Er war immer höflich und respektvoll gegen sie gewesen und hatte sie wie seinen Augapfel vor Gefahren und Reiseunbilden gehütet. So glaubte sie denn wirklich, zu einer mit Canning befreundeten Familie gebracht zu werden. Der Indier ging an zwei Nebengassen vorbei und bog in die dritte ein, welche noch enger, schmutziger und verlassener war als die, welche sie verließen.


In tiefer, finsterer Ruhe lagen hier die kleinen Häuser da, alle in orientalischem Stile erbaut, also nach vornheraus fensterlos, höchstens mit kleinen, vergitterten Öffnungen versehen. Vor einem solchen Hause blieb der Indier stehen und klopfte mit dem Dolchgriff leise an die Tür. Nach einiger Zeit erscholl drinnen ein schlürfender Schritt, und das Tor ward geöffnet. Ein altes Weib zeigte sich im Rahmen, zwar indisch gekleidet, doch dem Gesicht nach eine Europäerin, hob die Blendlaterne hoch und beleuchtete die draußen stehenden Gestalten. „Endlich kommt ihr,“ murmelte sie, und ihr lederfarbenes, mürrisches Gesicht verzog sich zu einem grinsenden Lächeln. „Tritt ein, mein Töchterchen, ich habe schon lange auf dich gewartet.“ Franziska folgte der Einladung, die Tür wurde hinter ihr geschlossen, und sie sah sich mit der Alten allein — der Indier hatte das Haus gar nicht betreten. „Du wirst müde sein von der weiten Reise, armes Kind,“ sagte die Alte mit ihrer unangenehm krächzenden Stimme, ,,folge mir hinauf und fürchte dich nicht. Du bist bei mir sicher aufgehoben und wirst den bald kennen lernen, welcher dich aus den Händen der Räuber hat retten lassen.“ Damit leuchtete sie Franziska die Treppe voran. Sie war wirklich von den vielen Reisetagen, von denen sie an manchen zehn Stunden und länger im Sattel verbracht hatte, so unsagbar ermüdet, daß es ihr augenblicklich vollständig gleichgültig war, wohin sie gebracht wurde. Sie sehnte sich nur nach Ruhe, nach sicherem Schlaf in einem Bett unter Dach und Fach, und außerdem konnte sie, wie schon erwähnt, hier in Bombay unmöglich an eine Gefahr glauben. Schon auf der Treppe und auf dem kleinen Korridor merkte sie, daß die Alte nicht die einzige Bewohnerin dieses Hauses war. Türen gingen auf, und Franziska sah in den Spalten einige neugierige Mädchengesichter. Ein zorniges Wort der Alten jagte sie zurück. „Meine Dienerinnen!“ erklärte sie Franziska. Dann sah diese sich in einem recht behaglich nach orientalischem Geschmack ausgestatteten Gemach. Freundlich übergoß das Licht der Lampe die Polsterdiwans, die vielen, dicken Teppiche mit darauf verstreuten Kissen, welche im Orient die Stühle vertreten, nichts fehlte, worauf die Bequemlichkeit einer Dame Anspruch machte, und das breite, hochaufgetürmte Himmelbett trug dem Bedürfnis der Europäerin Rechnung. „Dies ist vorläufig dein Heim,“ fuhr die Alte fort, und half Franziska, sich aus den vielen, indischen Oberkleidern zu schälen, die mit Staub bedeckt waren. „Tue nur, als wärest du hier zu Hause. Unter dem Polster jenes Diwans findest du Leibwäsche und Kleider, auch europäische, hast du einen Wunsch, so klingele, und es wird Bedienung kommen, sollte ich nicht zu Hause sein, und im übrigen vertraue dich mir nur ruhig an. Ich habe den Auftrag, für dich wie eine Mutter zu sorgen, und werde dafür bezahlt. Aber ich würde es auch gern umsonst tun, denn mit einem so armen Kinde, das solches Unglück durchgemacht hat, muß man ja Mitleid empfinden. Nun will ich erst ein warmes Bad für dich herrichten lassen, das wird deinem müden Körper wohltun und dir einen tiefen Schlaf geben.“ Franziska freundlich zunickend, verließ sie das Zimmer durch die mit einer Portiere verhangene Seitentür.

Das Mädchen fühlte immer mehr ein wohliges Behagen über sich kommen, wie der Schiffer, der nach langer Sturmesfahrt den sicheren Hafen erreichte. In wessen Auftrag sie hier aufgenommen wurde, das wollte sie schon noch von der geschwätzig scheinenden Alten erfahren. Obgleich aber das Weib sehr freundlich sprach und ein mütterlich liebevolles Wesen zur Schau trug, machte sie auf Franziska doch einen unangenehmen Eindruck. Es schien, als ob dieses Wesen nur erkünstelt sei. Sie besaß falsche, listige Augen, aus denen Habgier sprach, die Züge waren hart wie die Stimme, und das ewige Lächeln, das freundlich aussehen sollte, war nichts weiter als ein widerwärtiges Grinsen.

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