| Books | Libros | Livres | Bücher | Kitaplar | Livros |

Um die indische Kaiserkrone 3 – Robert Kraft

Unter dem Stamme einer Tamarinde lag in dem hohen Grase ein Mann. Die schwarze Hose und der rote Rock mit blanken Knöpfen ohne Abzeichen ließen in ihm einen gewöhnlichen, englischen Soldaten erkennen, und zwar war er ein Engländer, kein Sepoy. Das Gesicht war von der Sonne schwarzbraun gefärbt, aber entsetzlich mager wie der ganze Körper. In völliger Ermattung lag er da und wünschte nichts sehnlicher als den Tod herbei. Dieser Mann gehörte zu denen, welche der Meuterei entgangen waren. Es gelang ihm, aus seiner Garnison zu fliehen, als die Rebellen über die Engländer herfielen, und nun irrte er schon seit Wochen an den südlichen Abhängen des Himalaja in der Wildnis umher, waffenlos und des Weges unkundig. Wagte er sich in ein Dorf, um etwas Brot zu betteln, so konnte er sicher sein, daß ihm bald die Verfolger wieder auf den Fersen saßen, und alle seine Kraft mußte er aufbieten, diesen zu entkommen. Beeren und Früchte bildeten seine Nahrung, er trank aus Wasserlachen, und vergebens hoffte er, auf eine englische Truppenmacht zu stoßen, denn diese sammelten sich unten im Süden. So wie dieser Soldat streiften noch hundert andere umher, und einer nach dem anderen fiel doch den die Wildnis durchsuchenden Sepoys in die Hände. Jetzt konnte der Flüchtling nicht mehr weiter, die Glieder versagten ihm den Dienst. Fast wünschte er, daß ihn die Verfolger hier fänden und ihn mit ihren Säbeln in Stücke hieben. Aber dies hatte er schon oft gewünscht, und doch war er immer wieder geflohen. Da war es ihm, als erschiene eine dunkle Linie vor seinen Augen, doch nur einen Augenblick behielt er überhaupt seine Besinnung, dann legte sich ihm eine Schlinge um den Hals, ein heftiger Ruck — und der Unglückliche hatte ausgelitten. Die Schlinge von Seidenschnur, von unsichtbarer Hand geschleudert, hatte ihn seitwärts von dem Tamarindenstamm, an den er den Rücken lehnte, zu Boden gerissen und ihm das Genick gebrochen. „Dank sei der heiligen Kali!“ sagten zwei Stimmen gleichzeitig, und aus dem Kamelkraut, das den Baumstamm umgab, erhoben sich die wilden Gestalten zweier Indier. In den Augen ihrer gelbbraunen Gesichter glühte ein fanatisches Feuer; triumphierend betrachteten sie ihr Opfer. Sie waren nackt bis auf die kurze baumwollene Hose, trugen im Gürtel ein langes Messer und um das schwarze Haar ein schmutzigblaues Tuch. Bei dem, der noch das Ende der Schnur in der Hand hielt, hatte sich dasselbe etwas verschoben und ein anderes von schwarzer Seide, der Devy, kam darunter zum Vorschein, mir welchem die Thags ihr Opfer ersticken. „Dank sei der heiligen Kali,“ wiederholte der Schlingenwerfer feierlich, „sie ist unersättlich, und sie sorgt auch dafür, daß ihre Diener immer für sie arbeiten können. Es ist heute der dritte den ich ihr opfere, der dritte, mein Bruder, den du begräbst, und die Göttin wird gnädig sein und uns auch noch den vierten senden. Ist das Bheel 1, fertig, Lugha?“ „Es ist gegraben, während du dich anschlichst, so wie es die Göttin liebt,“ entgegnete der Lugha, der Totengräber, „der Boden war weich, es machte mir wenig Mühe.“ Sie untersuchten den Ermordeten, fanden aber gar nichts des Mitnehmens wert. Selbst die Uniform war zerrissen. „Wann wird die Göttin unserer gedenken, daß auch wir Nutzen von den Toten haben?“ sagte der Bhutote, der Erdrosseler, niedergeschlagen. „Wohl kann sich die Göttin freuen, der Faringis streifen noch viele umher, welche in die Hände der Phansigars fallen werden, aber ihre Taschen sind stets leer, wie ihre Magen.


“ „Murre nicht, mein Bruder!“ erwiderte der Lugha. „Sie wird uns auch noch Opfer zuführen, an denen wir uns bereichern können. Ich sah vorhin, wie eine rote Schlange eine Maus verschlang, und nach diesem Zeichen habe ich stets Glück.“ Beide faßten den Toten an und trugen ihn seitwärts, nur wenige Schritte, wo eine lange Grube gegraben worden war, eben lang und breit genug, den Toten aufzunehmen, nur ganz flach. So war also, während der Soldat mit offenen Augen dagelegen hatte, das Gehör geschärft, um etwa ankommende Verfolger noch rechtzeitig zu vernehmen, hier ganz in seiner Nähe schon sein Grab bereitet worden, und auf diese Weise arbeiten die Thags immer. Das Opfer, welches erwürgt wird, bevor sein Grab gemacht worden ist, zählt nicht mit zu den Verdiensten, welche die Kali einst belohnen wird. Sie legten den Soldaten in das Grab. Schon wollte der Lugha gleich einem Maulwurf mit den Händen Erde darüber schaufeln, als er sich noch einmal an den ihm übergeordneten Bhutote wendete: „Will mein Bruder, daß ich noch ein Grab daneben bereite, so wie es der Kali gefällt? Du hast Glück gehabt, ich habe gute Zeichen gesehen, vielleicht führt die Göttin dir ein neues Opfer zu.“ Am liebsten legen die Thags ihre Opfer in ein Doppelgrab, so, daß die Füße sich berühren. Deshalb suchen sie auch möglichst zwei Menschen gleichzeitig zu töten. Der Gefragte schüttelte den Kopf. „Schütte das Bheel zu. Lange ist es schon her, daß ich das Glück nicht mehr gehabt habe, ein Doppelgrab zu füllen. Ich werde es auch hier nicht finden; diese Gegend ist einsam.“ Da ertönte in der Ferne das Wiehern eines Pferdes. Der Lugha sprang auf, sein Begleiter spähte schon durch die Büsche. „Grabe, Lugha, grabe, bis dir das Blut aus den Fingern spritzt!“ rief letzterer hastig. „Wahrhaftig, ein Faringi kommt. Ich locke ihn heran.“ „Den Devy,“ warnte der Lugha und begann schon mit Messer und Händen das Grab zu verlängern. Schneller konnte eine Schaufel nicht arbeiten. Der Würger verbarg das schwarze Seidentuch unter dem blauen, wickelte die Seidenschnur fest in der rechten Hand zusammen und warf sich an den Boden, wo er sich unter Zuckungen hin und her wälzte. Dabei erschütterte sein Jammergeschrei die Luft. Beide brauchten nicht erst eine Verständigung, jeder kannte die Rolle, die er zu spielen hatte, denn sie war nur eine Wiederholung von früher her. Schon oft hatten sie ihre Opfer an entlegene Ort gelockt, wo sie unbehindert erdrosselt und begraben werden konnten.

Das Zetergeschrei war gehört worden. Nicht lange dauerte es, so setzte ein brauner Hengst über das den Platz umgebende Buschwerk, und auf dem Rücken des Tieres saß Dick. Von der einen Seite des Sattels hing sein Gewehr herab, von der anderen ein Holzbauer mit einer Taube. Daß er nicht auf rechtliche Weise in den Besitz des stattlichen Rosses gekommen war, ist leicht begreiflich. „Hallo, was gibt’s hier? Wen schlachtet man hier ab?“ rief er, parierte das Pferd und überflog mit den Blicken den Platz. Es sah freilich sonderbar genug darauf aus. Ein Indier schaufelte mit den Händen an dem Loche, in welchem ein englischer Soldat als Leiche lag, und daneben wälzte sich ein anderer Indier, anscheinend in furchtbaren Schmerzen, am Boden. Sein Geheul war entsetzlich; vor den blauen Lippen stand Schaum. Dick glitt aus dem Sattel, ergriff dabei seine Büchse, die er immer zur Hand hatte, und hing die Zügel des Pferdes über einen Baumzweig. „Nun, was ist hier los? Du machst wohl ein Massenbegräbnis, Bursche?“ Der Lugha hatte sich erhoben, erzählte etwas, gestikulierte und deutete dabei bald auf den Toten, bald auf den sich krank Stellenden. „Nix Indisch,“ sagte Dick kopfschüttelnd. „O, Sahib,“ begann jetzt der Indier in mangelhaftem Englisch, „alles tot, alles tot. Englisch Soldat tot, wir ihn begraben, nun mein Bruder auch bald tot.“ „Nanu, war denn dein Bruder vorhin noch gesund?“ „Ganz, ganz gesund. Soldat liegt hier, schreit wie jetzt mein Bruder, wir ihn finden, Soldat stirbt, wir wollen ihn begraben, bums, fällt mein Bruder auch hin und will sterben.“ Dick trat erschrocken einen Schritt zurück und ergriff die Zügel des Pferdes. „Alle Teufel, dann ist der Soldat an der Cholera gestorben, und dein Bruder ist angesteckt worden.“ „Kein Cholera, ich das kennen,“ versicherte der Indier. „Oder an der Pest!“ „Nix Pest.“ „Dann an der Ruhr!“ „Auch nix Ruhr, böser Geist in ihn gefahren. Ich kann nicht helfen, aber du, du ein Faringi, du alles wissen und heilen.“ „Hm, sehr schmeichelhaft für mich, aber da werde ich wohl auch nicht helfen können. Sag mal, mein Junge, du machst wohl schon ein Grab für deinen Bruder?“ „Ja, Sahib.“ „Das ist liebenswürdig von dir, wo er noch nicht einmal tot ist.“ „Du ihn besehen, dann wird er gesund.

“ Dick hatte keine Ahnung, daß er zusah, wie sein eigenes Grab gegraben wurde. Er fühlte Mitleid mit dem Unglücklichen, er wollte sich wenigstens überzeugen, was ihm fehlte, vielleicht konnte er ihm doch helfen, vielleicht schon mit einem Aderlaß, denn er hatte in seinem vielbewegten Leben schon so manche Erfahrung betreffs Krankheiten gesammelt und verwertet. Dann hatte er manchen schon dicht neben sich an einer ansteckenden Krankheit verscheiden sehen, ihm Liebesdienste erwiesen und war selbst verschont geblieben. Kurz entschlossen ging er auf den Schreienden zu, legte das Gewehr hin und beugte sich über ihn. Dick hatte nicht den geringsten Argwohn, was die beiden mit ihm vorhatten, und so wußte er auch nicht, daß der Thag blitzschnell das Seidentuch hervorzog und sich ihm von hinten näherte. Wäre damit Dicks Tod auch noch nicht beschlossen gewesen, obgleich ihm von hinten der Devy, von vorn die in der Hand verborgene Phansi, die Schlinge, drohte, so konnte er doch in eine kritische Lage kommen. Der Lugha warf ihm dann das Seidentuch über und suchte ihn zu ersticken. Drehte sich Dick um, so fiel die Schlinge um den Hals des Knieenden, ein Ruck und er war entweder tot oder doch völlig bewußtlos. Aber das mörderische Bubenstück sollte nicht gelingen; über dem Ahnungslosen schwebte ein Schutzengel, der diesen Mann noch zu anderen Rettungswerken gebrauchte. Man vernahm in der Ferne ein durchdringendes Schreien, es mußte entweder von den Lippen eines Weibes oder eines Kindes kommen, gleich darauf erscholl ein schauerliches Grunzen, wie Dick es noch nie gehört hatte. Schnell kam es näher. Seltsam, was für ein gutes Heilmittel dieses Grunzen war. Schnell wie der Blitz sprang der Kranke plötzlich auf und stürzte davon, dem Lugha nach, der beim ersten grunzenden Ton schon in panischem Schrecken die Flucht ergriffen hatte. „Sambro, Sambro Mahadeo,“ hörte Dick noch einmal schreien, dann war er allein und sah sich verdutzt um. Doch schnell besann er sich, sprang auf und machte die Büchse schußfertig. Er hatte schon gehört, daß in Indien ein Bär existierte, welcher von den Eingeborenen Sambro genannt wird, auf deutsch führt er den Namen Lippenbär. Nach dem Königstiger ist er das gewaltigste Raubtier Indiens und von den Eingeborenen noch gefürchteter als dieser, weil er seine Beute fast nur unter Menschen sucht und diese dann auf eine entsetzliche Weise quält. Er umschlingt sein Opfer, tötet es aber nicht, sondern saugt mit seinen beweglichen Lippen ein Glied nach dem anderen ab, zuerst die kleineren, also Nase und Ohren, selbst die Augen saugt er so aus. Hätten die Engländer nicht unter diesen Unholden tüchtig aufgeräumt, so würde Indien von ihnen wimmeln, weil die Indier den Lippenbären aus religiösem Aberglauben nicht töten, ebensowenig wie Affen und Schlangen. Sie meinen, in jedem Lippenbär wohne ein böser Geist, und wer einen töte, der würde dazu verdammt, einst selbst als Bär zu leben und Menschen zu fressen. Wer aber einen tötet, der wird hoch verehrt, weil er das Land von einer Plage befreit hat. Mahadeo bedeutet so viel wie Todesbote, so wird der Lippenbär auch manchmal genannt. Zugleich ist Mahadeo der anfeuernde Ruf für die Kriegselefanten, durch welchen sie in Wut versetzt werden. Das schreckliche Grunzen rührte also von einem Lippenbär her, und das Hilfegeschrei von einem Menschen, den er verfolgte. Schnell kam es näher, direkt auf Dick zu, der mit schußbereiter Büchse dastand, und da brach auch schon der Verfolgte durch die Büsche.

Dick hatte nur Zeit, zu erkennen, daß es ein ungefähr achtjähriger Knabe war, in überaus reiche, indische Gewänder gekleidet, das schöne, von schwarzen Locken umrahmte Gesicht erhitzt und mit einem verzweifelten Ausdruck, als auch schon ein mächtiger Lippenbär nachgestürzt kam. Dicks einläufiges Gewehr zielte nach dem Auge des Ungeheuers, er schoß und fehlte, denn in demselben Augenblick hatte sich der Knabe mit einem Freudenschrei auf den Jäger geworfen und sich an ihm hilfesuchend festgeklammert. Der Bär, nur am Kopf verwundet, stieß ein furchtbares Geheul aus, im Nu stand er vor Dick, erhob sich auf die Hinterbeine und umschlang ihn in tödlicher Umarmung. Es war nicht das erstemal, daß Dick einem Bären Brust an Brust gegenüberstand. Als die Bestie ihn erreichte, hatte er das Gewehr fortgeschleudert, sich von dem Knaben freigemacht, das Bowiemesser aus der Scheide gerissen, und der Bär hatte einen Gegner gefunden, der ihm gewachsen war. Dick bückte sich, sein Kopf lag an der Brust des Raubtieres, und ehe dieses Zeit fand, die Rippen des Jägers zu zermalmen, wurde ihm blitzschnell dreimal hintereinander das Messer ins Herz gestoßen. Wie ein Sack, nur mit einem kurzen Röcheln, stürzte der Bär tot zu Boden und riß den Trapper mit sich, doch im nächsten Moment hatte dieser sich befreit und erhoben. Er wischte das blutige Messer an dem Fell ab und betrachtete jetzt den Knaben genauer. Dieser stand mit halbgeöffnetem Munde da; mit einem Ausdruck namenloser Bewunderung hing sein großes, glänzendes Auge an dem Faringi, der den Sambro mit dem Messer so leicht abgeschlachtet hatte, als wäre es ein Kaninchen gewesen. Selbst den eben überstandenen Schrecken vergaß er darüber. Dick mußte sich gestehen, noch nie einen so schönen Knaben gesehen zu haben, noch nie solche regelmäßige Gesichtszüge an einem Kinde. Er war jedenfalls der Sohn eines sehr reichen Indiers; alles an ihm war kostbar, der Gürtel mit Diamanten besetzt wie der kleine Dolch, der am Gürtel hing. Ferner bemerkte Dick, daß an den feinen Schnabelschuhen aus gelbem Leder lange, silberne Sporen befestigt waren, er mußte also beritten gewesen sein. Furchtlos ließ er Dick an sich herantreten. Dieser Mann hatte ihn ja gerettet.

.

PDF Herunterladen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

PDF • Kostenlose eBooks © 2020 | Free Books PDF | PDF Kitap İndir | Baixar Livros Grátis em PDF | Descargar Libros Gratis PDF | Telecharger Livre Gratuit PDF |