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Um die indische Kaiserkrone 1 – Robert Kraft

l. Die Entführung eines Kindes. In einem der ersten Vergnügungslokale Londons produzierte sich seit einiger Zeit ein indischer Zauberkünstler, der sich Timur, der König der Gaukler, nannte. Seine Leistungen waren großartige; das Theater war infolge dessen jeden Abend gedrängt voll, und selbst die teuersten Plätze waren nur mit vieler Mühe zu bekommen. Reiche Leute zogen es deshalb vor, sich gelegentlich eine Vorstellung in ihrer Wohnung geben zu lassen — eine zwar kostspielige, aber bequeme Art, den fingergewandten Indier ganz in der Nähe bewundern zu können. Für heute abend war Timur zu Sir Frank Carter, einem englischen Baronet, eingeladen. Er hatte für eine Stunde zugesagt und für diese kurze Vorstellung fünfzig Pfund Sterling (Tausend Mark) verlangt, welche Summe ihm sofort übermittelt wurde. Außerdem machte Sir Carter noch zur Bedingung, daß der Gaukler die Giftschlangen, mit denen er auf der Bühne viele Kunststücke machte, nicht mitbrächte, und Timur hatte ihm dies versprochen. Im Hause Sir Carters war eine kleine Gesellschaft versammelt, meist aus älteren und jüngeren Offizieren und deren Familienangehörigen bestehend. Sir Frank Carter selbst war Kapitän (Hauptmann) der englischen Armee, ein sehr hoher Rang für den erst fünfundzwanzig Jahre alten Mann. Doch er hatte ihn nicht seinem Adelstitel zu verdanken, sondern allein seinen Leistungen in Indien. Er war zum Offizier geschaffen; seine Taten hatten dauernden Erfolg gehabt. Das schöne, von einer südlichen Sonne gebräunte Gesicht zeigte tiefe Narben, ebenso die von schwarzen Locken überschattete hohe Stirn, doch sie entstellten ihn nicht. Trefflich paßte dazu das feurig strahlende Auge, die schlanke, hohe und doch so kraftvolle Figur mit der gewölbten Brust und den schmalen Hüften, und ein kurzer Vollbart bedeckte die entstellende Narbe, wo das indische Flammenschwert eine schreckliche Wunde geschlagen hatte. Lady Emily Carter war äußerlich das Gegenteil ihres Gemahls; klein, zierlich, mit aschblondem Haar und sanften, blauen Augen, die aber auch heiß aufblitzen konnten. Obgleich Mutter eines zwei Monate alten Töchterchens, lag doch noch ein jungfräulicher Reiz über ihr ausgebreitet. Emily gehörte zu den Frauen, welche mit jedem Kinde jünger zu werden scheinen. Das Gespräch drehte sich natürlich nur um den erwarteten Gaukler. Den Offizieren waren derartige Vorstellungen nichts Neues; sie hatten in Indien oft Gelegenheit gehabt, solche zu sehen, die Damen dagegen zitterten förmlich vor Neugierde. Indien ist das Land der Wunder und der Zauberei, und seine eingeborenen Gaukler scheinen mit übernatürlichen Kräften ausgestattet zu sein. Es war das erstemal, daß ein wirklicher indischer Gaukler Europa bereiste; er spielte vor Königen und Fürsten. Bei seinen Kunststücken sollte der Verstand des Aufgeklärtesten irre werden. Ein Diener trat ein, ein alter Bursche mit verwittertem, durchfurchtem Gesicht. Man sah ihm sofort an, daß er sich in der Uniform wohler fühlte als in der Dienerlivree. Es war Jeremy, die beständige Ordonnanz des Kapitäns, seinem Herrn getreu bis in den Tod.


„Der Gaukler ist da,“ meldete er mit einem linkischen Versuch, eine Verbeugung zu machen. „Timur? Ich habe ja seinen Wagen gar nicht vorfahren hören!“ entgegnete der Hausherr. „Er kam zu Fuß.“ „Das ist merkwürdig. Ich habe gehört, Timur soll sehr verschwenderisch leben. Nun, führe ihn und seinen Gehilfen herein!“ „Er ist allein.“ „Dann bleibe bei ihm und sei ihm behilflich, wenn er deine Dienste braucht!“ Die Stühle wurden erwartungsvoll gerückt. Jetzt sollte der Mann kommen, der für eine Stunde Arbeit nicht weniger als fünfzig Pfund forderte und außerdem noch Geschenke erwartete. Der Indier trat mit einer tiefen Verbeugung ein. Es war ein kleiner, schmächtiger Mann, das bartlose Gesicht voller Runzeln und Falten, die tiefliegenden, geschlitzten Augen listig blickend. Ein weites Gewand aus feinster gelber Seide hüllte ihn vollständig vom Hals bis zum Fuß ein; selbst die Hände verschwanden in den weiten Ärmeln. Der Hausherr erhob sich, seinen Gast zu begrüßen. „Es freut mich, Mister Timur, daß Sie meiner Einladung gefolgt sind!“ „Mein Name ist Timur Dhar, nicht Timur!“ entgegnete der Indier. mit hoher, unangenehmer Fistelstimme, dem Blicke des Hausherrn ausweichend, aber dabei die Anwesenden mit scharfen Blicken überfliegend. Carter beachtete diesen Einwurf nicht. „Warum haben Sie keinen Wagen benutzt?“ fuhr er fort. „Timur Dhar benutzt keinen Mietswagen!“ war die Antwort. Der Hausherr empfand diesen Vorwurf; seine Stirn rötete sich etwas. „Ich wußte allerdings nicht, daß Sie gewohnt sind, nur in privaten Equipagen zu fahren. Verzeihen Sie meine Vergeßlichkeit, ich werde meinen Fehler nachher wieder gutmachen!“ „Sie irren; ich brauche überhaupt keinen Wagen, wollte ich sagen. Darf ich die Vorstellung beginnen?“ Der Gaukler ließ deutlich durchblicken, daß er auf keine Unterredung eingehen wollte; er durfte also nicht weiter belästigt werden. „Es ist Ihnen ein Zimmer zur Verfügung gestellt, in dem Sie Ihre Vorbereitungen treffen können!“ sagte Carter. „Jeremy, führe den Herrn in das Zimmer!“ „Warum? Ich bedarf keiner Vorbereitungen!“ „Aber Ihre Apparate?“ „Ich habe keine.“ „Gar nichts?“ „Nichts als meine Hände!“ Das Erstaunen wuchs. Selbst die Herren wunderten sich nicht wenig.

Ganz ohne Apparate hatten sie noch keinen Gaukler experimentieren sehen. „Sie wollen kein besonderes Zimmer?“ Der Gaukler blickte sich um. Der Raum, in dem er sich befand, war nicht groß, der Boden mit einem dicken Teppich bedeckt; an den Wänden waren indische Matten, Fächer, Jagdtrophäen und fremde Waffen angebracht, und dazwischen befanden sich Konsolen, auf denen indische und chinesische Vasen, Kästchen und Nippsachen aufgestellt waren. Am Tage wurde das Gemach durch Oberlicht erhellt; jetzt verbreitete eine Ampel mit roten Scheiben ein angenehmes Dämmerlicht. „Darf ich meine Vorstellung hier geben,“ fragte der Gaukler nach kurzer Musterung, „und Gebrauch von den an der Wand hängenden und ringsum aufgestellten Sachen machen?“ „Gewiß! Alles steht Ihnen zur Verfügung, auch mein Diener!“ „Danke, ich nehme seine Hilfe an. Nun bitte ich die Herrschaften, sich in einem weiten Halbkreis um mich zu setzen.“ Er selbst rückte die Stühle und verfuhr dabei sehr behutsam. Als er endlich zufrieden war, trat er so in den Halbkreis, daß er von jedem Zuschauer gleich weit entfernt war, etwa drei Meter, die beiden äußeren also links und rechts von sich hatte. „Ich bitte, die roten Scheiben von der Ampel zu entfernen und mehr Licht im Zimmer zu machen.“ Jeremy erfüllte diesen Wunsch. Jetzt warf die Ampel ein grelles Licht; auf Schränke und Konsolen aufgestellte Lichter verstärkten es noch. „Das Licht ist hell genug,“ begann der Indier wieder, „um jede meiner Bewegungen genau zu erkennen. Die Herrschaften sehen mich von vorn und von der Seite, der Diener kann meinen Rücken beobachten, so daß es mir unmöglich ist, heimliche Bewegungen zu machen. Wollen die Herrschaften auch noch den Boden untersuchen?“ Der Hausherr verneinte lächelnd, er befand sich ja in seiner eignen Wohnung. Der Teppich konnte nichts verbergen, aber niemand zweifelte daran, daß der Gaukler unter dem weiten Gewand mancherlei Gegenstände trug, wie ja auch die großen Ärmel die Taschenspielerei begünstigten. Doch es sollte anders kommen. „Meine Herrschaften, die Vorstellung beginnt. Ich gebrauche keinen einzigen Apparat, sondern nur die im Zimmer befindlichen Sachen, die ich mir von Ihrem Diener reichen lassen werde. Ich bitte Sie niemals zu erschrecken; meine Experimente sind ungefährlich, so gefährlich sie auch manchmal aussehen mögen. Während ich arbeite, kann man mit mir sprechen, ich bemerke aber, ohne unhöflich sein zu wollen, daß ich keine Frage: wie ich das mache, woher ich das bekomme, wie das kam, mit denen man mich oft quält, beantworten werde.“ Der Indier räusperte sich und blickte sich im Kreise um; überall begegnete er den erwartungsvollsten Gesichtern, die Damen waren sogar ängstlich. Dann schlug er die Ärmel bis weit über die Ellbogen zurück, und ein paar Arme kamen zum Vorschein, so sehnig und muskulös, daß sie besser für einen Riesen, als für die so schmächtige Gestalt gepaßt hätten. Jede Muskel trat an ihnen wie aus Marmor gemeißelt hervor. Die Hände waren klein und zierlich, aber wunderbar ausgebildet. Am kleinen Finger der linken Hand trug er einen breiten Goldreifen mit einem Diamanten, der allein ein ansehnliches Vermögen repräsentierte.

Einen Stein von solch wunderbarem Feuer und Farbenspiel hatte noch keiner der Anwesenden gesehen. Der Indier änderte jetzt seine Stimme, sie nahm einen eigentümlich singenden Ton an. „Ich bin Timur Dhar, der König der Gaukler, nur ich. Viele nennen sich König der Gaukler, es sind Lügner, denn mir allein gehorchen die Geister des Feuers, des Wassers, der Erde und der Luft; darum bin ich der König der Gaukler. Die Geister zittern vor mir, wenn ich ihnen zürne; sie folgen mir auf den kleinsten Befehl, um meinen Zorn nicht zu erregen.“ „Bescheiden ist der Bursche eben nicht,“ flüsterte ein junger Leutnant namens Atkins einem hübschen Mädchen von etwa achtzehn Jahren zu. Es war Clarence, die Tochter des grauhaarigen Obersten Havelock.

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