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Tui – Fanua – Karl May

Gibt es in irgend einer Sprache der Welt ein abscheulicheres Wort als das Wort Menschenfresser? Ich glaube es nicht. Wie schauderte ich als Kind, wenn mir meine alte Gouvernante das Märchen von jenem Riesen mit zwei Mäulern erzählte, der mit dem einen Maule sagte: »Es riecht nach frischem Menschenfleisch!« und mit dem andern dann die Unglücklichen mit Haut und Haar, mit Rock, Hose und Stiefel verspeiste! Mit welchem Gefühle las ich dann als Knabe jene Reisebeschreibungen, welche den Leser in Länder führen, deren Bewohner nichts lieber genießen als ein Stück saftigen Menschenbraten! Und als dann das rücksichtslose Schicksal den Jüngling hinaustrieb in das wilde sturmbewegte Leben, lernte ich die Gluth der Sahara und den Schneesturm der wilden Gobi, die Kaffernhorden Südafrikas und die Indianerstämme des »wilden Westens«, die heiligen Pyramiden des Nils und die versunkenen Atobesstädte in den Klüften der Kordilleren kennen. Ich sah die Ueberreste von Völkern, welche von christlichen Kugeln, christlichem Branntwein und christlichen Krankheiten hingemordet wurden, ich sah die Korruption wüthen unter Nationen, welche noch vor kurzer Zeit stark und kräftig waren; ich sah Menschen tödten, Menschen unterdrücken, Menschen knechten, Menschen um ihre heiligsten Rechte betrügen; aber Menschen geradezu – fressen zu sehen, das war mir denn doch noch nicht vorgekommen, so daß ich schließlich beinahe nicht mehr an das Dasein von Kabalen glauben wollte. Ein heiterer wolkenloser Himmel breitete sich über uns aus, aber das strahlende Licht der Sonne vermochte die finsteren Schatten nicht zu verscheuchen, welche auf den Zügen der wackern Seeleute lagen, die mit mir um das lodernde Feuer saßen, an welchem wir unser Mittagsmahl bereiteten. Vor uns dehnte sich der niedere Strand, umgeben von drei scharfen gefährlichen Korallenringen, außerhalb deren die See ihre weiten glitzernden Wogen wälzte, während zwischen ihnen und dem Küstensaume das Wasser so still, so ruhig und unbewegt lag, als habe nie ein Sturm diese sonnendurchglühten Breiten durchtobt. Hinter uns stieg das Land zur Höhe, hier und da von grünen Eucalyptussträuchern, dichten Melaleuceen 1 und Gruppen von Callitriskoniferen bestanden, unter und zwischen denen zahlreiche Akazien und andere Leguminosenarten eine dichte Bodenbekleidung bildeten. Auf dem höchsten Punkte der Insel stand Will, der Schiffsseiler, denn an ihm war die Reihe, mit dem Fernrohre unausgesetzt den Horizont nach irgend einer Art von Segel abzusuchen, welches uns Befreiung aus unserer nichts weniger als angenehmen Lage bringen konnte. Wir hatten vor ungefähr sechs Wochen mit unserem guten Dreimaster »Jonathan« Valparaiso verlassen, um nach Hongkong zu segeln, in kurzer Zeit die sehr frequentirte Linie nach Callao, Quayaquil, Panama und Akapulko durchschnitten und waren dann vor einem steifen Südostpassat in schneller glücklicher Fahrt immer scharf nach West gegangen, bis auf der ungefähren Höhe von Tubuai der Passat in einen Orkan umschlug, wie ich ihn von solcher Stärke und Unwiderstehlichkeit während meiner vielen Fahrten noch niemals erlebt hatte. Wir waren gezwungen gewesen, außer dem Sturmsegel alle Leinwand einzuziehen, und dennoch hatte der »Jonathan« mehrere Tage lang einen Spielball der empörten Wogen gebildet, der durch keine menschliche Einsicht, Kraft und Geschicklichkeit zu regieren gewesen war. Das Steuer ging verloren, zwei Maste mußten gekapt werden, und jetzt lag das Schiff gestrandet draußen zwischen den verrätherischen Korallenklippen. Der Kutter war während des Sturmes über Bord gerissen worden; die Schaluppe hatte bei unserer Strandung ein unheilbares Leck bekommen, und das Langboot stak auf einem spitzen haarscharfen Riffe, welches sich wie ein malayischer Dolch in seinen Bug gebohrt hatte. Draußen riß die Brandung Planke um Planke von dem Wrak, welches unrettbar verloren war, und wir hatten zwei Tage lang unter Anstrengung aller Kräfte arbeiten müssen, um von der Fracht und dem Proviante so viel zu bergen, als wir der gefräßigen See zu entreißen vermochten. Nun war es mit der schweren Arbeit zu Ende, und wir saßen, wie bereits gesagt, zwischen großen Fässern, Kisten und Waarenballen um das Feuer und bemühten uns, Einer den Andern an Düsterheit der Mienen zu übertreffen. Seitwärts stand Kapitän Hammer und bemühte sich, mit Hilfe der geretteten Instrumente die Länge und Breite, in welcher wir uns befanden, abzunehmen. Wir hatten seit heute früh wieder freien Himmel, und es konnte ihm also nun nicht schwer werden, seine Aufgabe genau zu lösen. »Nun, seid Ihr fertig, Kapt’n?« frug der Steuermann. Er nahm dabei ein mächtiges Stück Salzfleisch vom Feuer und durchstach es mit dem Messer, um die Bratschärfe zu prüfen, welche es erlangt hatte. »Aye, aye, Maat, bin fertig,« lautete die Antwort. »Nun, wo sind wir?« »Wir sitzen elf Grad nördlich vom Steinbock und hundertfünfzig westlich von Ferro, und zwar wie es scheint auf einem kleinen Eilande, welches noch keinen Namen hat.« »Es ist nicht auf der Karte verzeichnet?« »Nein.« »Der Teufel hole dieses Eiland mit sammt den Karten!« »Meinetwegen! Aber jetzt noch nicht, so lange wir uns hier befinden.« »Wollte, ich säße daheim in Boston bei meiner Alten und hätte einen festen Schemel oder Stuhl unter mir statt dieser unglückseligen Insel, die uns unser wackeres Schiff gekostet hat!« »Wäre mir auch lieber. Werde aber das Eiland aufzeichnen und ihm einen Namen geben.« »Wißt Ihr ungefähr, welches die nächste Insel sein wird?« »Hm, das ist schwer zu sagen, denn hier gibt es mehr Inseln als Pockennarben in Eurem Gesichte, und das ist ziemlich viel gesagt, wie Ihr wohl wissen werdet, Maate. Habt Ihr für jede Narbe gleich den richtigen Namen bei der Hand?« Der Steuermann war eifrig bemüht, das Kompliment, welches dieser Vergleich für ihn enthielt, mit einem allerdings sehr sauren Lächeln zu erwidern; doch klärte sich sein Gesicht sehr schnell wieder auf.


»Habe noch nicht daran gedacht, meine ehrliche Physiognomie zu benamsen, Kapt’n,« antwortete er. »Aber wenn dieses unglückselige Stück Koralle hier noch keinen Namen hat, so sind wir wahrhaftig gezwungen, ihm einen zu geben. Ich schlage also vor, wir heißen das Eiland Maatepockennarbeninsel.« Er schien seinen Witz für außerordentlich geistreich zu halten, denn seine Gesichtssäure war vollständig verschwunden, und neben dem riesigen Stücke Kautabaks, welches er im Munde hatte, drängte sich ein Lachen hervor, welches nicht herzlicher und kräftiger gedacht werden konnte. Die Schiffsdisziplin ist eine außerordentlich strenge und exakte und selbst der »unbefahrenste« Seejunge weiß, daß Alle einstimmen müssen, wenn der Kapitän oder der Maate so gnädig ist zu lachen, nur muß der Eine sich leiser und der Andere lauter betheiligen, je nach dem Range, den er in der Schiffsliste einnimmt. Daher öffneten jetzt alle Mannen vom Hochbootsmann an bis zum Kajütenhelp herab die Lippen, um ihre Lachmuskeln pflichtschuldigst in Bewegung zu setzen. Sogar der Kapitän verzog den Mund, zum Zeichen, daß er sich entschlossen habe ein beistimmendes Lächeln zu versuchen und meinte dann: »Ich glaube, daß wir uns so ziemlich in der Mitte der Samoa- und der Tongagruppe befinden und gleich weit nach Tutuila und Vavao haben. Was meint Ihr dazu, Sir?« Diese Frage wurde an mich gerichtet. Ich war auf dem Schiffe der einzige Passagier gewesen, und der sonst sehr schweigsame Kapitän hatte sich sehr viel mit mir unterhalten. Es war mir dabei vorgekommen, als ob ich mich seiner Zuneigung rühmen dürfe, und er hatte wirklich die Gewohnheit angenommen, mich mehr zu Rathe zu ziehen, als es sonst von einem Seemanne einem Laien gegenüber zu geschehen pflegt. Daher kam es, daß die Mannschaft einen gewissen Respekt vor mir hegte, der mir in manchen Fällen sehr zu statten kam und sehr oft eine kleine Bevorzugung oder Erleichterung zur Folge hatte. »Meine Berechnung stimmt ganz mit der Eurigen, Sir,« antwortete ich ihm. »Zwar bin ich in dieser Breite noch nie gewesen, aber ich habe mich genau über sie unterrichtet, so daß ich mit Bestimmtheit sagen darf, daß Ihr Euch nicht irrt.« »Ich war auch noch nicht hier,« gestand der Kapitän. »Wollt Ihr mir wohl sagen, wie die Samoaund die Tongainseln gebaut sind?« »Die Samoainseln sollen nach allen Berichten, die man von ihnen liest, noch reizender und lieblicher sein als die tahiti’sche Inselwelt. Sie liegen zwischen dem dreizehnten und fünfzehnten Grad südlicher Breite und dem hunderteinundfünfzigsten bis fünfundfünfzigsten Grad westlicher Länge von Ferro. Sie bestehen aus vier größeren Inseln, welche Savai, Opolou, Tutuila und Manua heißen, und mehreren Eilanden, unter denen Manono und Apolima die bemerkenswerthesten sind, und sind alle vulkanischen Ursprunges, entgegengesetzt mehreren anderen Gruppen, welche, wie diese hier, auf der wir uns befinden, von Korallen erbaut wurden.« »Und die Tongainseln?«

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