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Thiodolf – Friedrich Fouque

Die Wellen gingen noch immer sehr hoch, die Trümmer des gescheiterten Schiffes trieben irr auf dem Meere umher; selbst den Mast, an welchen geklammert Ritter Pietro seine schöne Geliebte zum Strande hinauf gerettet hatte, riß jetzt eine wild emporbäumende Woge mit sich in das tobende Gränzenlose zurück. Pietro gab darauf nicht Acht, obgleich er ein Seidentuch voll Gold und Juwelen mit an das Holz geknüpft und noch nicht losgebunden hatte; er hätte wohl in diesem Augenblick auf nichts in der Welt gemerkt, als auf die holde, bleiche Gestalt in seinen Armen, die noch immer ihre himmlischen Augen nicht wieder erschließen wollte. Der Sturm wühlte in ihrem seidenschwarzen Haar, und trieb es in wilder Schönheit bald über das bleiche Antlitz herab, bald wieder flatternd von der klaren Stirne zurück; Regentropfen schlugen an ihre zarten Wangen, losgerissene Zweiglein rauschten von den Bäumen über sie hin. Aber nicht das, und nicht Pietro’s ängstliches, fast verzweifeltes Rufen nach der Geliebten konnte sie aus dem tiefen, todtähnlichen Schlummer erwecken. Die Sonne senkte sich schon weit gegen Westen, und fort und fort lag das holde Bild unbeweglich, starr, und stumm. Da begann endlich die Milde des hereindunkelnden Abends über das Unwetter zu siegen. Linder hauchten die Winde, und mit gemäßigterem Zuge segelten die gebrochenen Wolken über das Firmament. Ja, es drang endlich ein Strahl der Spätsonne hellglühend zwischen den grauen Nebeln durch, und legte sich mit anmuthigem Funkeln über der Jungfrau zarte Gestalt, in Pietro’s Herzen schwieg der ängstlich stürmende Jammer; eine sanfte Wehmuth klang wie mit Lautentönen durch ihn hin; er neigte sich über die Ohnmächtige, und seufzte, den Thau der Liebe in den Augen: »o Malgherita, meine einzige Freude, Malgherita!« Und als sey es nur den mildesten Klängen und Lichtern in der Natur vergönnt, eine so zarte Schönheit zu wecken, schlug Malgherita vor diesen schmeichelnden Grüßen ihre Augen auf, und lächelte Abendschein und Geliebten freundlich an. Mit all’ der zarten Sorgfalt und seligen Entzückung, womit der Mensch das verloren geglaubte, ihm unvermuthet wiederbescherte Kleinod seines Lebens zu hegen und zu pflegen weiß, bestrebte sich Pietro, der schönen Erwachten seine Freude kund zu geben, und ihr zugleich Erlabung und Stärkung auf die Schrecken des rauhen Sturmes zu verschaffen. Aber da starrte rings umher nichts, als Waldung und schroffes Gestein. Die beyden Liebenden saßen auf einer kleinen Ebene, deren Länge und Breite wenige hundert Schritte ausmaßen, die Meereswellen vor sich, hinter sich eine steile Höhe, im halben Rund von beyden Seiten an den Strang stoßend, mit hohen, uralten Bäumen bewachsen, denen man es ansah, daß noch nimmer Axt oder Säge daran gelegt worden war, und im ungestümen Lauf drängte sich ein Bergquell hart neben sie hin in das Meer, die wilde Brandung noch verstärkend. »Wo sind wir, Pietro?« fragte Malgherita, und rieb sich lächelnd die schönen Augen, gleich als meine sie nur zu träumen, und seye überzeugt, sich beym vollen Erwachen in einer bekannten, lieben Gegend wiederzufinden. Der Ritter verstand ihre Bewegung, und ward darüber sehr betrübt. — »Malgherita,« sagte er nach einigem Schweigen, »es ist leider kein Traum, der dich an diese unwirthbare Küste versetzt. Wie sie aber heißt, vermag ich dir nicht zu sagen, irr hat uns seit vielen Tagen der Sturm auf der wilden See umher geschaukelt, daß auch der Steuermann nicht mehr anzugeben wußte, wohin es mit uns treibe, denn die Sterne hüllte die Nacht mit undurchdringlicher Schwärze, der Tag sogar die Sonne mit feuchten Nebelschleyern ein.« »Ich besinne mich mehr und mehr darauf,« sagte Malgherita nachdenklich. Wir sind sehr, sehr lange so hin und her geängstet worden — und zuletzt — da litten wir Schiffbruch — nicht wahr?« »Ja wohl,« sagte Pietro. »Für deine zarte, fromm duldende Schönheit hatte das taube, blinde Wogengeroll die Ehrfurcht nicht, die der ganzen Natur im Angesicht solch einer holden Erscheinung gebührte. Ungöttlich ist Alles geworden und roh, wie der Strand, an dem wir uns mühsam bargen, und den wir vielleicht zum erstenmal von allen Menschen betreten, mit unserm Unglück ihm seinen Nahmen gebend.« »Dann heißt er der Strand der Minne,« sagte Malgherita mit himmlischem Lächeln; »und sprich deßhalb, o Liebling, von keinem Unglück, welches uns betroffen. Baue mir ein Halmenhüttchen hier am Meer; das soll meine väterliche Burg bey Marseille seyn; und wenn du mit Beute von dem Waidwerk heimkehrst, schmück’ ich den Sieger mit Schilf und Uferblumen, wie ehemals mit Goldspangen und Edelgestein nach einem prächtigen Turnier. Es ist auch ein Ritterdank, Pietro, und so führen wir unser ganzes Leben im stillen, unschuldigen Spiele fort. Wir dürfen nur denken, daß wir wieder Kinder geworden sind; und hat uns die Liede nicht längst schon dazu gemacht?« Trotz der anmuthigen Bilder, die ihrem Geiste vorüberzogen, fuhr hier doch Malgharita plötzlich zusammen, und sah sich scheu nach einem Gebüsche hinter ihnen um. Pietro richtete seine Augen ebenfalls scharf dahin, zugleich nach der Hüfte fassend, und mit tröstender Sicherheit gewahrend, daß ihm der Schiffbruch wenigstens den köstlichen, scharfgeschliffenen Dolch an seinem Gürtel gelassen habe. »Hörtest du auch etwas, Pietro?« fragte die verschüchterte Jungfrau nach einer Weile.


»Mir kam es vor, als lachte jemand dort hinter den Zweigen.« »Es gibt hier vielleicht einen neckenden Wiederhall;« entgegnete der Ritter beruhigend, ohne doch ein Auge von der unheimlichen Stelle zu verwenden. »Aber auf alle Fälle, Malgherita, gieb dich zufrieden. Du bist in Pietro’s Schutz.« Die Jungfrau lächelte auch alsbald wieder hell und ruhig nach dem Meere hinaus, dem Geliebten unbedingt vertrauend, und froh darüber, daß in seiner Tapferkeit ihr Heil und Leben liege. — »Sieh doch, Pietro,« sagte sie, »wie hell die Sonne in ihrem Niedergange über die Wellen heranstrahlt zu uns! Welche goldhell funkelnde, breite Bahn! Der Sturm ist vorüber; eine friedliche, störungslose Nacht steigt aus den Wassern herauf.« Da lachte es ganz vernehmlich dicht an ihrer Seite, und während Pietro mit zornigem Schreck in die Höh fuhr, trat ein riesighoher, schlanker Jüngling aus dem Gezweig hervor, eine ungeheure Streitaxt auf der Schulter, der sagte in gebrochner, halb italischer, halb provenzalischer Mundart, noch immer lachend: »O was da Fräulein schlecht vom Wetter weiß! — Wird wehen und donnern und regnen die ganze Nacht. Siehst nicht, wie die Seevögel niedrig streichen, Fräulein? — Bist noch ein Bischen dumm, lieb Fräulein.« »Frecher Mensch, verstumme!« rief Pietro, und zückte den Dolch. »Laß stecken klein Messerlein, laß stecken!« lachte der Fremde. Thu dir ja nichts. Fällst du mich aber an, Herr — schau mal, hab’ eine Streitaxt; da kann man ein Dutzend deiner Messerlein verschmieden, und wird doch so ein Ding noch nicht.« »Daß meine Waffen die See verschlang,« entgegnete Pietro stolz, »soll mich nicht hindern, mit ihrem letzten Rest die Schönheit zu vertheidigen, die du schmähest.« »O schmähen die Schönheit! Nicht schmähen! Nein!« sagte, plötzlich ernst werdend, der Fremde, »Hab’ ich mahl grob gesprochen, war’s, weil ich Eure Sprache nur so herstümpre. Bin selbst noch nicht dort gewesen, wo du wohl herkommen magst, Ritter und Fräulein. Aber Vater und Oheim oft. Aus Welschland kommt Ihr? Nicht?« »Aus Marseille, lieber, fremder Mann;« sagte Malgherita, und weil jener freundlich und zutraulich nickte, als wisse er gut darum Bescheid, setzte sie mit plötzlich aufwallender Sehnsucht hinzu: »ach sind wir denn sehr, sehr weit von der holden provenzalischen Küste?« »Wir sind hier nur auf Island,« sagte der Fremde beruhigend. »Ist eben nicht so ganz erschrecklich weit. — Wart’ ein Bischen, Fräulein, ein halb Jährchen etwa, dann kommt die beste Jahrszeit, der lustige Lenz, und da kannst wieder hinschiffen.« »Island!« sagte Malgherita erbleichend, und sah vor sich nieder. »Ach, Pietro, werden wir je deinen holden Rittersitz in Toskana schauen?« »I warum nicht?« lachte der Fremde. »Liegt Island in der Welt, liegt Toskana in der Welt, und kann ein Kerl, von rechter Art wohl abreichen Eins und das Andre.« Dann erhub er seine Stimme, und sang in seiner eignen Landessprache folgende Worte: »Süd- und nordwärts segelt Nordmann, Sieht viel Land und wird bekannt mit; Grüßt das eine süß mit Gaben, Greift das andr’ im Streifzug grimm an.« »Mache meinen ersten Ausflug nächsten Lenz,« fuhr er wieder in gebrochner Südersprache fort; will dich dann heimbringen, hübsch Fräulein, und Ritter, dich auch, wenn du artig bist, und Messerlein ruhen läßt an Ort und Stelle.« Pietro und Malgherita aber erinnerten sich vor dem rauh tönenden Liede, daß sie diese Laute wohl auch schon in ihrer fernen, blühenden Heimath vernommen hatten, aus dem Munde einzelner edler Normannen, die von Sicilien herüber gesegelt waren, und weil man damals den tapfern Fremden zu Ehren bisweilen ihre Sprache nachgeredet hatte, gelang es den Liebenden auch jetzt, dem Isländer in seiner eignen Mundart zu sprechen, wodurch die Verständigung um Vieles besser ging.

»Wenn ich Euch erst heimbringe in Euer Land voll Goldfrucht und Sonne,« sagte der Isländer, »will ich auch schon gut italisch lernen. Bis jetzt bin ich noch nicht vom Eilande fort gewesen. — Wollt Ihr mit zum Oehm? Ich sag’ Euch, der Regen wird bald wieder los dreschen, und Ihr könnt Euch dorten gleich die Gelegenheit ansehen, denn es wird Euer Winterlager. Die Herbstesstürme sind schon wild. Vor Frühling können wir nicht fort.« »Ein Winter auf Island!« seufzte Malgherita. »Seltsam!« »Ey was ist da zu verwundern!« rief der Isländer. »Ein rechter Kerl macht sich nichts draus, wo er überwintert — nun freylich, Ihr seyd kein rechter Kerl, Fräulein, ihr seyd gar keiner. — Wollt Ihr Beyde mit zum Oehm? Ich wohne auch dort, und es ist gut bey ihm. Meth und Bier die Fülle, ach, und Lieder und Sagen, wie man sie sich nur wünschen kann.« Die Liebenden nahmen in ihrer Noth die gastliche Einladung ohne Bedenken an, und vielleicht hätte die freundliche Treuherzigkeit, welche aus des Jünglings großen, blauen Augen leuchtete, sie auch unter günstigern Umständen bewegt, ihm keine abschlägige Antwort zu geben. So schritten sie denn alle drey neben dem Waldbach fort, durch wilde Schluften den Berg hinauf.

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