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Tagebuch eines armen Fräuleins – Marie von Nathusius

Plettenhaus, den 2. April. Liebes Kind, sagte heute meine Tante zu mir, bilde dir nie etwas darauf ein, daß du ein Fräulein von Plettenhaus bist; vergiß es aber auch nie! Trinchen in ihrer Nähecke räusperte sich, die Tante warf ihr einen strengen Blick zu und fuhr fort: Dein seliger Großvater war erster Minister und wenn dein seliger Vater – nicht den Engel geheiratet hätte, – platzte Trinchen dazwischen. Jungfer Katharine, Sie schweigen! sagte die Tante. Trinchen weiß, was die »Jungfer Katharine« zu bedeuten hat, und begnügte sich mit einigen Seufzern. Die Gute! Je höher die Tante thut und in die Luft wächst, je mehr beugt und fügt sie sich, bis sich plötzlich ihre Zunge teilt und sie mit Flammenworten redet. Wie dann der Tante Größe verschwindet, ihre Worte verwehen, wie Nebel vor den reinen Sonnenstrahlen. Ich dachte darüber nach und hörte nicht was die Tante sprach, sie ward böse und sehr feierlich: – Rang und Stand sind Gottes Ordnung. Die Rose muß ihm als Rose blühen, das Gänseblümchen als Gänseblümchen. Es würde der Rose schlecht anstehen, sich hinabzubeugen zum Schmutz des Angers, und das Gänseblümchen wird sich vergebens bemühen, als eine Rose zu strahlen. So sprach die Tante und noch mehr; als sie schwieg, sang Trinchen leise: Du bist ein guter Hirt, Und wirst es ewig bleiben, O Jesu gieb, daß ich Dies mög‘ von Herzen glauben; Laß hören deine Stimm, Daß ich davon erwach Und als ein Schäflein dir Gehorsam folge nach. Ich kenne deine Stimm Und hör der Fremden keinen, Nie meine Seele nicht, Sich aber selber meinen! Der Mietling hält ohn dies In Not bei mir nicht Stand, Drum folg ich deiner Stimm Und deiner Hirtenhand. O! daß ich möcht auf dich, O Jesu, mein Anliegen Stets werfen, und in dir Allein mein Herz vergnügen. Hingegen stille sein, Und sorgen ferner nicht. Weil du als Hirte weißt, Was deinem Schaf gebricht. Bei diesen letzten Worten rannen der Tante die Thränen über die Wangen. Sie griff nach dem Taschentuch, ihre Finger waren so steif, sie konnte kaum zu den Thränen kommen. Ich kniete vor sie hin und mußte weinen, und Trinchen verließ schnell das Zimmer. Die arme Tante! Schmerzen quälen sie Tag und Nacht. Dazu die Sorge um meine Zukunft. Ich weiß nicht, was sie aus mir machen will. O du lieber Herr, sei auch ihr ein treuer Hirt, nimm die vielen Schmerzen von ihr und die Sorgen, gieb ihrem Herzen Glauben, laß es stille sein und sorgen ferner nicht, weil du als Hirte weißt, was allen uns gebricht. Den 6. April. Ich war schon früh auf, stand am offnen Fenster, die Luft so lau, und Duft und Tau und Frühling unter mir.


Alles war noch still, nur Jakob stand unten im Garten am frischen braunen Grabeland. Ich lief ihm zu helfen, sein Rücken scheint mir seit einiger Zeit sehr steif und der Spaten schwer in der Hand; wenn es ihm nur nicht wie der Tante geht. Jakob wollte meine Hilfe nicht annehmen, er sah oben nach dem Fenster. Sie schlief noch, und Sünde ist es nicht, wenn ich ihm helfe; habe ich als Kind meinen Garten graben dürfen, darf ich jetzt ein größeres Stück. Er litt es aber nicht eher, als bis ich Handschuh angezogen und den großen Hut aufgesetzt hatte. Das war eine Luft! ich habe zweimal so flink gegraben als Jakob, dazu sangen die Amseln und Finken im Fliederbusch und die Lerchen hoch in der Luft, und am Himmel zogen lichte Wölkchen. Die Veilchen sahen dunkel aus dem frischen Grün, und die Vergißmeinnicht lichtblau und rosenrot im schimmernden Tau. Den Kastanienbaum aber über uns haben wir wachsen sehen; erst leuchteten die dicken braunen Knospen gegen den tiefblauen Himmel, es war uns als hörten wir die Käpslein springen und fünf goldene Blüthen dehnten sich der warmen Sonne entgegen. Wenn ich nur wüßte, warum Trinchen jetzt trauriger ist als im Winter, sagte ich zu Jakob; ich kann mich vor Lust nicht lassen; kann es irgendwo schöner sein als bei uns? Jakob schüttelte traurig den Kopf. Unser Haus ist nicht zu groß und nicht zu klein, fuhr ich fort, es liegt auf einem Hügel und ist doch nicht viel daran zu klettern. Dort oben ist Schatten und Buchenwald und hier vorn Wiesen und Sonnenschein. Es ist einsam hier, man hört nur Mücken und Bienen summen, und doch sieht man vom Dorf dort die Schornsteine rauchen und hört in der Nacht den Wächter singen. Das ist’s gerade, unterbrach mich Jakob, wir hängen nun gar zu sehr an diesem Stücklein Land! Aber unser Kapitälchen schmilzt, liebes gnädiges Fräulein, der Garten aber wird nicht größer, und, Kindchen, du gebrauchst immer mehr. – Nahrungssorgen? stotterte ich erschrocken. – Haben wir! ja, fuhr Jakob fort, das alte Fräulein darf es nicht wissen. Meine Meinung ist nun die: – Jakob! rief Trinchen am Küchenfenster. Er wischte sich über den Mund und schwieg. Ich werde es aber noch erfahren. Den 8. April. Ich saß mit der Tante am offnen Fenster, es war dämmerig, der Abendstern stand am lichten Himmel, der Mond stieg voll und golden über dem feinen Buchengezweig hinauf, der Kinder Lärmen tönte vom Dorf herüber, mir war zu Mut, ich weiß nicht wie. Ich hatte nicht Ruhe in der Stube, ich hätte mögen in den Frühlingsabend hinaus, mit den Kindern lärmen, oder allein unter der Buche sitzen und nach demAbendstern schauen. Die Tante war erst schweigsam. Du wirst wahrlich dem Trinchen ähnlich, sagte sie dann. Das freut mich! entgegnete ich.

Die Tante aber sah wehmütig aus, mir fiel ein, wie sie vor einiger Zeit erzählte: Trinchen hätte es nie weiter als zu einer Zofenschönheit gebracht. Die Tante träumt wachend und schlafend von ihrer Vergangenheit, vom Leben am Hof. Sie ward bewundert und gefeiert, alles ist vorbei. Sie mochte in mir eine zweite Louise von Plettenhaus sehen, sie erzieht daran so lange. Bewege dich nicht so schnell, sagt sie oder: Sage nicht immer, was du denkst, oder: Wünsche nicht immer, etwas vorzunehmen. Nachdem sie mich jetzt eine Zeit lang sinnend betrachtet hatte, sagte sie ganz leise: Das wäre die einzige Rettung! Ich merkte, daß es nur laut gedacht war, sie thut das seit einiger Zeit, besonders wenn sie den Tag viel Schmerzen hatte, und müde und abgespannt ist. Liebe Lulu, sagte sie dann laut, faltete die Hände und schaute nach dem Himmel: ich wünsche und bete jetzt nur, daß du Hofdame wirst. Ich küßte ihr die Hand. Wenn die Liebe zu mir ihr nur nicht so viel Sorge machte. Und warum sorgt sie sich? Ich bin so zufrieden, ich möchte nichts, nichts weiter, als leben wie ich jetzt lebe. Nur eines möchte ich, dem alten Jakob eine neue Livree schenken. Ich verschwieg ihr, daß mir Trinchen erst gestern sagte, ihr einziges Gebet sei, daß ich nicht Hofdame würde, und auch dem Onkel Hofmarschall nicht in die Hände fiele. So beten sie beide für mich, was wird der liebe Gott wohl ihm? Den 9. April. So schöne Frühlingstage lassen einen nicht ruhen im Haus. Trinchen klagt über mein Zeitverthun. Doch stehe ich früh auf; Trinchen hatte heut zu plätten, Jakob war bei dem Kartoffellegen, ich half ihm die Stücken in die Löcher werfen. Wir säen jetzt, wer weiß, wie es aussieht zur Ernte, sagte er seufzend. Der Himmel wird wie jetzt über uns sein, und der liebe Herr auch, entgegnete ich. Der Alte wird mich bald mit seinen Seufzern ärgerlich machen. Er wischte sich mit der Hand über den Mund, ein Zeichen, daß er schweigen will. Es that mir fast leid, es wäre jetzt gute Gelegenheit gewesen, seine Geheimnisthuerei zu erforschen. Doch war der Morgen zu schön und ich zu fröhlich. Ich ging, für die Ziege Futter zu holen. Oben an der Weißdornhecke standen die blauen Veronika fußhoch, ich machte mir eine hohe blaue Krone und die Liese hat sich mit meinem Kopfputz ein Gütchen gethan, sie geriet so in Eifer, daß mir fast um meine Locken bange wurde.

Den 10. April. Ich war gestern sehr traurig, auch heut morgen. Trinchen fragte mich, ob mir so ein Lungerleben gefallen könne? Was soll ich aber thun? Die Tante versichert, ich habe so viel gelernt, um den höchsten Ansprüchen zu genügen. Ich machte gern zuweilen eine englische oder französische Ausarbeitung oder eine Tapisseriearbeit, es fehlt mir an Papier und an Wolle und Kannevas. Die Tante findet beides unnütz, Trinchen auch. Was verlangt sie nur? Ich übe täglich zwei Stunden auf dem Klavier, und zeichne auch, außerdem weiß ich nichts vorzunehmen, die Tante versichert, in unserem Stande sei das nicht anders. Trinchen schüttelte den Kopf. Sollt‘ ich mit an Trinchens Chemisettes nähen? Für wen sind die? Für irgend einen Vetter? – das würde sich nicht schicken. Den 11. April. Ich ging mit dem Strickzeug am Bach entlang. Unten auf dem Anger war Gänseriekchen mit ihrer ganzen Gesellschaft. Wie die weißen stattlichen Mamas so eifrig mit einander parlierten, und wie die weichen goldenen Gisselchen so geschäftig an den weißen Blümchen und grünen Gräslein herumputzten. Gänseriekchens Rufen und Schreien klang recht häßlich dazwischen. Sie beklagte sich, wie die Tiere so unartig seien, seitdem ihr Hund gestohlen ist, sie lief von einem Ende zum andern, bald sollten sie dort nicht fressen, bald nicht in den Kot gehen, und während sie für ihre Gänsekinder so große Sorge hatte, kümmerte sie sich nicht um die eigenen, die gar schmutzig am Bache lagen. Warum hast du deine Zöpfe nicht glatt gekämmt und warum hast du dich nicht gewaschen? fragte ich das älteste Mädchen. Sie sah mich sehr dumm an, und ich glaube, in ihrem Gesichte war zu lesen: warum soll ich mich waschen, und kämmen? Ich ärgerte mich über das Mädchen, denn das kleine Schwesterchen, das neben ihr auf dem Rücken lag, sich nicht allein aufrichten konnte, ließ sie ruhig weinen, und plätscherte gleichgiltig mit den Füßen im Bach. Ich richtete das Kleine auf, es sah entsetzlich schmutzig aus, ich wusch ihm die Hände und Gesicht und strich ihm das Haar glatt, da wurde es allerliebst. Das große mußte sich in den Bach sehen, wie es zottelig aussah, es mußte sich auch waschen und die Zöpfe glatt streichen, und dann wieder sehen, wie es nun hübsch aussah. Es lachte mich jetzt freundlich an. Weißt du nun, warum man sich waschen und kämmen muß? fragte ich wieder. Wenn es nicht blöde war, hätt es gewiß gesagt: Weil es gut aussieht. Ich freute mich, aber ich muß gestehen, daß es mich ekelte bei der Arbeit, auch könnt ich mich nicht entschließen, mein Taschenkämmchen dazu zu nehmen. Das Mädchen hat mir versprochen, sich und das Schwesterlein morgen früh zu waschen und zu kämmen.

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