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Nodoby (X) – Robert Kraft

a Sie alter Schwede, was machen Sie denn?« Das waren die ersten Worte, die an Nobodys Ohr drangen. Seinem wirklichen Erwachen war, wie es wohl immer ist, ein dämmerndes Halbbewußtsein vorangegangen, in diesem Zustande war ein seliges Behagen über ihn gekommen, er fühlte sich weich gebettet, er fühlte sich in Sicherheit, er fühlte — eine Tatsache, die wohl schon jeder einmal an sich erfahren hat, für die der Mensch aber wohl nie eine Erklärung finden wird — er fühlte es wie einen Hauch der Freundschaft auf sich übergehen, und das wirkliche Erwachen brachte darin auch keine Enttäuschung für ihn, das hatten ihm schon jene Worte gesagt, und als er nun die Augen aufschlug, blickte er in ein Gesicht mit Bartkoteletten, Stulpnase und wässerigen Froschaugen, auch der Mund war der eines Frosches; er wurde jetzt weit aufgesperrt, als wolle der menschliche Frosch eine große Fliege schnappen — und beim Anblick dieses Gesichtes, das sich über ihn beugte, wurde Nobody erst recht von einer seligen Empfindung erfüllt, er schlang gleich die Arme um den dicken Hals, auf dem dieses Froschgesicht saß. »Cerberus Mojan — mein lieber, lieber Mojan!« flüsterte er mit seinem glücklichsten Lächeln. Plötzlich veränderten sich die auf ihn blickenden Augen, sie füllten sich mit Wasser, zwei schwere Tropfen fielen auf Nobodys Gesicht, Mojan machte sich sanft frei und verschwand aus dem Gesichtskreis des im Bett Liegenden. Und da kam Nobody die Erinnerung, er schlug die mit weißen Bandagen umwickelten Hände vor sein Gesicht. »Jetzt weiß ich alles,« stöhnte er, »der Gendarm schoß auf mich — ich konnte mich nur noch bis in den Wald schleppen — dann verlor ich das Bewußtsein — wie ein wildes Tier hat man mich angeschossen — und es war ein Schrotschuß — und Gabriele — ach, meine armen Kinder!« Minuten vergingen. Dann richtete sich Nobody im Bett zum Sitzen auf, ohne daß ihn etwas daran hinderte, auch kein Schmerz, und es waren ganz klare, prüfende Augen, welche sich umschauten. Ein überaus kostbar ausgestattetes Gemach. Dabei alles ganz märchenhaft. Solch eine Einrichtung wenigstens hatte Nobody noch nie gesehen. Es war ein origineller, selbsterfundener Stil, der in diesem Zimmer vorherrschte. Seestil, Wasserstil, Nixenstil — oder welchen Namen man nun diesem Geschmack des Besitzers oder Dekorateurs geben mag. Von vornherein gekennzeichnet wurde dieser Stil durch vier menschliche Figuren in Lebensgröße, aus Porzellan oder farbiger Bronze, welche in den vier Ecken des Zimmers standen — oder auch keine menschlichen; denn die Figuren stellten Wassernixen mit Fischschwänzen dar, und zu diesen Nixen paßte alles andere, was sich in diesem Zimmer befand. Wir können weiter keine Beschreibung geben, als daß die Füße und Lehnen der Polstermöbel der Struktur von Wasserpflanzen nachgeahmt worden waren, und dies galt für alles und jedes, worauf das Auge auch fiel. So rankten sich an Nobodys Bett zu seinen Füßen herrliche Wasserblumen empor, in den buntesten Farben schillernd, und wenn es keine natürlichen waren, so mußten sie aus dem dünnsten Blech getrieben sein, so fein, daß sie bei der leisesten Bewegung erzitterten — die Polster selbst, ebenfalls in allen Farben schillernd, waren mit echten Gold- und Silberstickereien bedeckt, gleichfalls Wasserblumen darstellend, dasselbe galt von der schwerseidenen Decke, die noch halb über Nobodys Bett lag, und es kann nur wiederholt werden, daß dies so bei allem und jedem war. Als Nobody den Kopf wendete, sah er neben seinem Bett ein Nachttischchen stehen, darauf einen Leuchter, der die Form einer schlanken Wasserlilie hatte, als Streichholzbehälter diente eine große Wasserschnecke, welche die Fühlhörner ausstreckte, und so hätten die musternden Augen noch stundenlang studieren können. Eben eine Einrichtung für Wassernixen oder sonstige Wassermenschen. Das Wunderbarste, Märchenhafteste aber war vielleicht die Beleuchtung, ein grünes Dämmerlicht, welches über das Ganze gebreitet lag. Türen waren nicht zu sehen, von Fenstern konnte man nicht sprechen. Oder jede Wand war ein einziges großes Fenster, desgleichen die Decke, und diese mächtigen Fenster waren mit einem grünen Stoffe verhangen, stark genug, um draußen nichts erkennen zu lassen, aber doch Licht durchlassend. Jedenfalls war alles danach beschaffen, um im Augenblick Nobody alles andere vergessen zu machen, und er hatte nur den Kopf gewendet, um seinen Freund Mojan zu suchen, und dort sah er ihn denn auch noch stehen, in seinem grau und weiß karierten Kostüm mit Kniehosen, gar nicht zu dieser Nixeneinrichtung passend. »Wo bin ich?« Mojan hatte eine letzte Bewegung gemacht, um mit einem roten Taschentuche seine Augen zu trocknen. »Ja, wenn ich das wüßte!« lautete jetzt seine Antwort. »Sie müssen doch wissen, wo ich mich befinde.« »Keine Ahnung.


« »Sie wissen nicht, wo Sie sich selbst befinden?« durfte Nobody mit Recht immer mehr staunen. »Keine Spur von einer Ahnung.« »Na na! Nur immer sachgemäß. In England sind wir doch jedenfalls.« »Das ist nicht durchaus gesagt, daß wir uns gerade in Europa befinden müssen. Es kann auch Amerika oder Afrika oder Asien oder Australien oder vielleicht auch ein sechster uns noch unbekannter Erdteil sein, wo dieses Haus steht, in das ich Ihretwegen hineinversetzt worden bin, ohne vorläufig wieder heraus zu können.« Es läßt sich denken, daß Nobody nicht recht an seines Freundes Zurechnungsfähigkeit glauben konnte. Oder aber — es war eben Mr. Cerberus Mojan. »Na, Mojan, jetzt lassen Sie einmal Ihre Witze.« »Witze? Ich mache niemals Witze.« In der Tat — das damals mit dem Käsefaß, dessentwegen er das ganze Schiff und das ganze Hotel und die ganze Droschke und noch manches andere gekauft hatte, das war im Grunde genommen doch kein Witz gewesen. »Sie wissen selbst nicht, wo Sie sich befinden?« »Nein.« »Wie sind Sie denn hier hereingekommen?« »Weiß ich auch nicht. Soll ich Ihnen erzählen, was ich von alledem weiß?« »Aber natürlich!« Mojan rollte einen Lehnsessel heran und setzte sich neben das Bett. »Ich fasse mich so kurz wie möglich. Seit vier Monaten habe ich in London eine Wohnung, in Piccadilly. Wozu, an was ich bisher gearbeitet habe, davon später. Jetzt bleibe ich bei der Hauptsache. Heute mittag um zwölf sitze ich in dieser Wohnung bei meinem vierten Frühstück, lese gerade in der Zeitung den ausführlichen Bericht, wie Sie aus Newgate entschlüpft sind, wie Sie es jedenfalls gewesen sind, der den Sir Walter Bekham aus dem Bluthof des Towers entführt hat, da mit einem Male — schrum! — steht vor mir wie aus dem Boden gewachsen ein Mann, im schwarzen Gesellschaftsanzug, grinst so recht höhnisch, macht noch einen Schritt auf mich zu, wobei er den rechten Fuß nachschleift — na, was haben Sie denn, Nobody?« Allerdings, und Nobody hatte auch allen Grund, den Erzähler mit weitaufgerissenen Augen anzustarren. »Monsieur Sinclaire!« hauchte er dann. Mojan nickte phlegmatisch. »Well, er war es. Ich kannte ihn ja schon …« »Woher?« »Von Ihnen nicht, Sie haben mir ja gar nichts von ihm erzählt, desto mehr damals auf der Argonauteninsel der lange Pieter.« Richtig, auch Mojan konnte sehr gut eingeweiht worden sein, und er fuhr in bündiger Weise fort zu erzählen: »Was ich zu der plötzlichen Erscheinung in meinem Zimmer dachte, darüber will ich schweigen.

›Sie sind Mister Nobodys Freund?‹ fragte er mich. Ich bejahte, und er offenbarte mir, was sich vor kurzem in Maidstone abgespielt habe, wie er Sie angeschossen und bewußtlos im nahen Walde gefunden hätte, und wie er Sie in einen seiner Schlupfwinkel gebracht habe. Ob ich gewillt sei, Ihnen Gesellschaft zu leisten. Na und ob! Wir bestiegen einen unten wartenden Wagen, ich sollte mir die Augen verbinden lassen — warum denn nicht? — Mit der schwarzen Binde mußte es aber doch eine besondere Bewandtnis haben; denn kaum kam mit ihr meine Nase in Berührung, so verließ mich das Bewußtsein — als ich erwachte, befand ich mich schon hier, nur dort im benachbarten Zimmer. Sinclaire war noch bei mir, führte mich hierherein, wo Sie lagen, sagte, Sie hätten einen ganz gesunden Schlaf, er hätte Ihnen ein paar Schrotkörner aus dem Leibe amputiert, hätte gar nichts zu sagen — wir sollten warten, bis er wieder zurückkäme, unterdessen stände das ganze Haus zu unserer Verfügung, nur sollten wir uns nicht bemühen, den Ausgang zu finden, das sei unmöglich — fort war er. Nun habe ich zwei Stunden hier neben ihrem Bette gesessen, bis Sie jetzt erwacht sind. Mehr weiß ich nicht zu erzählen.« Hiermit konnte Nobody natürlich nicht zufrieden sein. »Nein, mein lieber Mojan, da möchte ich, daß Sie doch etwas ausführlicher erzählen.« »Das kann ich aber beim besten Willen nicht,« lautete die Antwort. »Als der hinkende Franzose mir sagte, daß Sie angeschossen seien und sich bei ihm befänden, als er mich fragte, ob ich Ihr Wärter sein wolle, da schluckte ich den Bissen, den ich gerade im Munde hatte, mit einem Ruck hinunter und hatte auch schon die Stiefel in der Hand.« Das sah allerdings diesemYankee ähnlich, und dann freilich würde Nobody auch nicht viel mehr aus ihm herausbekommen können. »Und dann saßen Sie schon in der Droschke und bekamen gleich die bewußtlosmachende Binde vor die Augen?« »So ist’s gewesen.« »Wie lange sind Sie bewußtlos gewesen?« »Drei Stunden. Denn gleich nach zwölf fuhren wir von meiner Wohnung fort, jetzt ist es fünf Uhr, und zwei Stunden sitze ich schon hier neben Ihrem Bett und warte, bis Sie aufwachen.« »Der Franzose sagt, aus diesem Hause gäbe es keinen Ausgang?« »Das sagte er.« »Haben Sie sich denn nicht nach einer Haustür und dergleichen umgesehen?« »Ich habe mich nur überzeugt, daß, wie mir Monsieur Sinclaire mitteilte, hier nebenan eine wohleingerichtete Speisekammer ist, nichts weiter.« »Hat sich kein Diener gezeigt?« »Kein Mensch.« »Und Sie wissen wirklich nicht, wo Sie sich befinden?« »Nicht die geringste Ahnung.« »Na, innerhalb drei Stunden kann man wohl nicht nach einem anderen Erdteil kommen.« »Hören Sie,« meinte Mojan mit entsprechender Handbewegung, »diesem hinkenden Teufel ist alles zuzutrauen.« »Ja, aber …. gibt es denn hier gar keine Fenster?« »Fenster genug.« »Haben Sie denn noch gar nicht hinausgeschaut?« »Gewiß habe ich das getan, nach allen Richtungen.« »Na, können Sie denn da gar nicht erkennen, wo ungefähr dieses Haus steht, ob in einer Straße oder im Freien ….

« »Blicken Sie doch einmal selbst zum Fenster hinaus, Sie brauchen dazu gar nicht erst aufzustehen.« Mojan sprach’s, erhob sich, zog an einer Schnur und ….

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