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Mit dem Panzerautomobil um die Erde – Robert Kraft

ie Stadt New-York liegt auf einer Insel, welche vom Festland durch den Hudsonriver getrennt ist, und an diesem erheben sich die Gartenvillen und Sommerpaläste, deren Besitzer keine einfachen Dollarmillionäre sein können. Nun, Mr. L. P. Deacon durfte hier den prächtigsten Palast sein eigen nennen. Die Eigentümer sämtlicher Kohlenminen und Petroleumquellen hatten eine Aktiengesellschaft gebildet, von dieser war Mr. Deacon Direktor, bezog als solcher ein Gehalt von mehr als einer halben Million Dollar; außerdem besaß er noch ein gutes Teil Aktien. Er hatte Ferien genommen, wollte sie auf seinem städtischen Sommersitze verbringen, aber wirkliche Ruhe kannte Mr. Deacon trotz seines grauen Haares nicht. Sein einziger Sohn, Artur, war von der Reise zurückgekommen, er hatte europäisches Geschäft und Leben studieren sollen; dem hielt der Vater jetzt in seinem Arbeitszimmer einen Vortrag. Master Artur schien in den europäischen Hauptstädten äußerst fleißig studiert zu haben. Besonders das Leben. Er sah noch ganz ermüdet aus. Sogar die Haare hatte er sich vom Scheitel etwas abstudiert. Sonst aber ein tadelloser Gentleman und dabei wirklich ein schöner Kerl. An seinem schwarzen Bärtchen drehend, gelangweilt zum Fenster hinausblickend, hörte er dem Papa zu, der dem Sohne und Nachfolger die nächsten geschäftlichen Pflichten auseinandersetzte. »Es handelt sich also um Maximus Morris. Kennst du den?« »Nein.« »Dem das alte Kapuzinerkloster gehört, welches mitten in unserm Newtoner Kohlendistrikt liegt.« »Dieses alte Kloster kenne ich wohl, weiß auch, daß es dir ein Dorn im Auge ist, weil der Besitzer es nicht veräußern will, aber von dem Manne selbst habe ich noch nichts gehört.« »Die Sache ist folgende: Als wir bei Newton vor etwa zehn Jahren den Bauern das ganze Land abkauften, stießen wir nirgends auf Schwierigkeiten. Die ahnten nicht, daß sie auf schwarzen Diamanten wohnten, die sie samt und sonders zu Millionären gemacht hätten. Wir bekamen das ganze Land für ein Butterbrot. Nur einer machte nicht mit: der Besitzer jener Klosterruine, zu der noch vier Acker Land gehören, Mr. Maximus Morris.


Ich bot ihm das Doppelte, das Dreifache des normalen Bodenpreises — dann ließ ich ihn liegen. Wir wollten mit unsern Schächten dieses Fleckchen Land umgehen, da aber stellte sich heraus, daß die Hauptader gerade unter diesem Kloster fortläuft — auch aus andern Gründen müssen wir diese vier Acker unbedingt haben. Von dort kommt das ganze Grubenwasser — kurz, ich mußte wieder zu bieten anfangen, ging von 5000 Dollar bis auf 100 000 — alles vergeblich! Dieser Sonderling antwortet nicht einmal aus Briefe.« »Der gräbt ganz einfach selbst auf Kohlen.« »Fällt ihm gar nicht ein. Ich fing an, den sonderbaren Kauz beobachten zu lassen. Jene Vermutung lag ja allerdings sehr nahe. Die vier Acker haben einst den Klostergarten gebildet, sie sind mit einer hohen Mauer umzogen. Die konnte einem gewieften Detektiv kein Hindernis sein. Nein, in, dem verwilderten Garten wurde nicht gegraben. In das Kloster selbst konnte allerdings niemand eindringen, aber es ist ganz ausgeschlossen, daß von da aus eine Mine angelegt wird. Der alte Morris ist eben ein Sonderling. Er haust in dem Bauwerke, das gar nicht eingerichtet sein soll, schon seit einem Vierteljahrhundert als Einsiedler, nur in Gesellschaft von drei Männern, jedenfalls Schlossern; denn da drin wird Tag und Nacht geschmiedet, gehämmert und gefeilt. Das konnte ich herausbringen, aber nichts über seine pekuniären Verhältnisse . « »Erlaube mal, Papa — was hämmert er denn da zusammen?« »Der alte Mann ist einfach ein Erfinder, so einer von der verrückten Sorte, er will ein Perpetuum mobile konstruieren.« »Ein Perpetuum mobile, sehr gut das!« lächelte Master Artur. »Macht er nicht auch Gold?« »Das kann er zum Glücke noch nicht. Er sitzt vielmehr ganz gründlich imAuweh. Jetzt habe ich es endlich herausgebracht. Er mag Geld genug gehabt haben, aber das hat er mit seinem Perpetuum mobile verpulvert; zudem hat er auch eine Tochter, die mit der einfachen Lebensweise des Vaters nicht zufrieden ist und ihn daher viel Geld gekostet hat. Vor einem Jahre hat der alte Morris auf sein Grundstück eine Hypothek aufgenommen, nur 3000 Dollar. Die ersten Zinsen bezahlte er, beim zweiten Termin bat er schon um Stundung. Ich das erfahren und sofort hin, habe die Hypothek gekauft. Natürlich nicht billig. Und noch natürlicher habe ich sofort die Hypothek gekündigt.

Heute kommt es zum Klappen. Mit dem alten Morris habe ich nichts mehr zu tun, der ist vor drei Tagen begraben worden. Die Tochter schrieb mir, hat wieder um Stundung gebeten. Gibt’s nicht. Habe sie herbestellt. Welche Zeit ist es? Gleich zehn Uhr. Um zehn muß sie hier sein, sonst geht sofort der Exekutor ab und pfändet die ganze Klosterruine samt dem Perpetuum mobile. Und das Frauenzimmer braucht nicht etwa zu denken, daß ich noch einmal 100 000 Dollar biete. 4000 — nicht mehr — 1000 Dollar will ich ihr hier bar auf den Tisch zahlen, und wenn sie damit nicht zufrieden ist, dann — raus, rrraus an die Frühlingsluft!« Nach wie vor gelangweilt, blickte Master Artur in die sonnige Frühlingslandschaft hinaus, mit der die Bewohner des Kapuzinerklosters also nähere Bekanntschaft machen sollten. »Miß Leonor Morris?« meinte er dann sinnend. »Leonor heißt das Weibsbild,« bestätigte der Papa, der kein Freund von Damen zu sein schien. »Ich habe einmal eine Miß Leonor Morris in Paris kennen gelernt.« »Leicht möglich. Sie ist ununterbrochen auf Reisen gewesen, in Frankreich, Deutschland, England, in der Schweiz.« »Es war eine Dame der Halbwelt.« »Das wird sie schon gewesen sein. Wie ich sagte, die war mit der Einsamkeit ihres Vaters gar nicht zufrieden.« »Aber mit Reizen konnte die nicht wuchern. Abgelebt und abgeschleckt!« »Ja, ja, die kann auch nicht mehr jung sein.« »Mit einer hohen Schulter, die alle Kunstmittel nicht ebnen konnten.« »Warum soll sie keine hohe Schulter haben?« meinte der Papa, der offenbar schon an etwas andres dachte. »Einen Klumpfuß hat sie auch.« »Warum soll sie keinen Klumpfuß haben? Nun, Artur, wollen wir wegen der sibirischen Kohlenminen sprechen, die Rußland an uns verpfändet hat . « Da schnellte der Sohn lebhaft empor, den Blick zum Fenster hinausgerichtet. »Sieh, Papa,, was für ein merkwürdiges Fahrzeug, ein ganz neuer Typ von Motorboot, und was für eine Geschwindigkeit es entwickelt!« Der alte Deacon war nicht ein so enragierter Sportsman wie sein Sohn, der am liebsten nur von Motorbooten und Automobilen sprach, mußte aber doch bestätigen, daß es ein ganz merkwürdiges Boot war, welches dort unten den Hudson durchquerte.

Es war ein langer, grauschwarzer Kasten, fast wie ein Sarg aussehend, und zwar wie ein zugeklappter, der mit außerordentlicher Schnelligkeit die Fluten des Hudsons quer durchschnitt. »Ja, was machen denn die?!« rief Artur. »Das Boot rennt ja gegen die Ufer, muß stranden . « Nein, es strandete nicht, sondern es landete, und mehr noch, das Motorboot kletterte die sanfte Uferböschung herauf, verwandelte sich in ein auf Rädern ruhendes Automobil, erreichte die Landstraße, wurde durch Häuser den Blicken der Beobachter entzogen. »Ein Automobil, kombiniert mit einem Motorboote!!« rief Artur in hellem Staunen. »Das ist die allerneuste Erfindung auf diesem Gebiete!« »Faktisch sehr interessant, eine sehr gute Erfindung, die wird was einbringen!« bestätigte der Vater. »Nun laß uns aber die sibirischen Kohlenminen besprechen, und wie wir Rußland auch die Petroleumquellen abnehmen.« Er zwang den Sohn, seinen Erklärungen zu folgen, bis ein Klingelzeichen den Eintritt eines Dieners meldete. Er brachte auf silbernem Teller eine Visitenkarte. »Ah, Leonor Morris! Die. Dame soll eintreten!« Sie kam. Aber das war nicht die Miß Leonor Morris, die Master Artur in Paris kennen gelernt hatte. Die hier hatte weder hohe Schulter noch Klumpfuß, sah weder abgelebt noch abgeschleckt aus. Das einfache, schwarze Trauerkleid konnte der Gestalt nichts an Eleganz und blühender Jugendfrische rauben, und zwar war es die Gestalt einer Diana, und wie von dieser, ging auch von ihr ein Hauch keuscher Jungfräulichkeit aus, und dabei ein edles, durchgeistigtes Antlitz von klassischer Schönheit. Master Artur, der noch das schiefe, hinkende Bild der Pariser Dirne vor Augen gehabt, war ganz perplex, weniger der Vater. »Miß Leonor Morris?« fragte der nur, vorsichtig nach dem Klumpfuße spähend, den er aber nicht entdecken konnte, vielmehr schallten unter dem vorn etwas kurz getragnen Kleide die niedlichsten Füßchen hervor.

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