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Krates und Hipparchia – Christoph Wieland-2

Wenn ich je um dich verdient habe, als deine zweite Mutter betrachtet zu werden, liebe Hipparchia: wenn es wahr ist, was du mir so oft in der unzweideutigsten Sprache des Gefühls versichert hast, daß du mich als solche liebest – Doch, wozu dieser feierliche Eingang, als hätt ich etwas mit dir vor, wobei ich dein Herz auf meine Seite zu bringen suchen müßte, um deinen Verstand desto eher überraschen zu können? – Dies ist keineswegs der Fall, und was hälfe mir auch eine so wenig verdeckte List bei einem so besonnenen Mädchen wie du? Nein, liebste Nichte, dieser Eingang sollte dir nur sagen, daß mir die Sache, wovon ich mit dir zu reden habe, sehr am Herzen liegt, und daß du mich überaus glücklich machen würdest – aber das sieht ja schon wieder einer Bestechung ähnlich? Also, ohne Vorrede, mein Kind! Dein Vater hat mir aufgetragen, dich zu benachrichtigen, daß sein alter Freund und Stammgenoß Chabrias für seinen Sohn Leotychus um dich angehalten habe. Daß der Vater für einen der angesehensten und reichsten Bürger von Athen gehalten wird, ist dir bekannt; weniger vielleicht, daß unter unsern schönsten und gebildetsten Jünglingen nicht viele sind, die dem Sohne den Vorzug streitig machen könnten. Aber was du, wie ich besorgen muß, am besten kennst, ist die unbegrenzte Güte deines Vaters gegen dich, die ich, wie groß auch meine eigene Liebe zu dir ist, Schwachheit nennen würde, wäre ich nicht gewiß, daß deine ungemeine Ähnlichkeit mit deiner seligen Mutter [Diese Art unsrer verstorbenen nahen Anverwandten zu erwähnen, scheint bei den Griechen schon vor Einführung der christlichen Religion gebräuchlich gewesen zu sein. Eines Beispiels davon erinnere ich mich aus Lucians Lügenfreund, wo der angebliche Philosoph Eukrates erzählt, wie ihm seine selige Frau an hellem Tag erschienen sei, um sich zu beklagen, daß nur einer von ihren vergoldeten Schuhen mit ihrem Leichnam verbrannt worden.] , die wahre Quelle derselben ist. Schreib es bloß einem aus dieser vielleicht übermäßigen Güte entspringenden Zartgefühl zu, daß er, statt dir seinen Willen selbst anzukündigen, mich zur Auslegerin und Fürsprecherin seiner Wünsche bei dir erbeten hat. Er hat sein Versprechen, deinem Herzen keinen Zwang anzutun, nicht vergessen. Aber dagegen erwartet er auch, daß seine schon so oft bewährte Nachsicht gegen deine Wünsche, dich desto williger machen werde, den seinigen entgegen zu kommen, wenn sie, so augenscheinlich wie im gegenwärtigen Fall, dein eigenes Bestes zur Absicht haben. Du hast bereits vier oder fünf Freier abgewiesen, unter denen keiner war, der nicht zwanzig andern Mädchen deinesgleichen willkommen gewesen wäre. Auch haben sie sich bereits durch Verbindungen mit den ersten Häusern der Republik für deine Verachtung entschädigt. Du machtest gegen jeden von ihnen Einwendungen, denen unsre Parteilichkeit für dich mehr Gewicht beilegte, als sie billig hätten haben sollen. Indessen hat dich unvermerkt dein vierundzwanzigstes Jahr überschlichen, und deine Blütezeit eilt zu Ende. Hoffentlich ist es nicht deine Meinung, eine Priesterin der Athene oder Artemis zu werden, und dem besten der Väter die Freude zu versagen, sich in einem Sohn seiner einzigen Tochter wieder aufleben zu sehen. Was könnte dich also abhalten, ihm diesmal zu Gefallen zu sein, da er deine Verbindung mit dem Sohne seines besten Freundes eifrig wünschet? Ich habe mich, weil sonst keine Einwendung gegen den jungen Leotychus möglich ist, unter der Hand nach seinen Sitten und seiner bisherigen Lebensweise aufs genaueste erkundiget. Er steht in einem sehr guten Ruf. Er soll ein vorzüglicher Redner sein, und in allen edlern Leibesübungen nicht seinesgleichen haben. Der Stadtpfleger Demetrius [Die Rede ist von dem berühmten Demetrius Phalereus, der von K. Kassander, Antipaters Sohn, vier Jahre nach Alexanders des Großen Tod, unter dem Namen Επιμελητης της πολεως zum Oberbefehlshaber in Athen erhoben wurde. Ich habe für eine beinahe wörtliche Übersetzung des griechischen Epimeletes kein passenderes Wort gefunden, als den Amtsnamen der beiden obersten Magistratspersonen der ehmaligen Reichsstadt Augsburg, Stadtpfleger.] selbst hat in öffentlicher Gesellschaft sehr vorteilhaft von ihm gesprochen. Kurz, das Einzige, was an ihm auszusetzen ist, – und was ich dir hätte verheimlichen können, wenn ich nicht ganz offenherzig gegen dich sein wollte – ist, daß er seit einiger Zeit die Tänzerin Lycänion aus Lesbos unterhalten haben soll, welcher ich (um nicht ungerecht zu sein) nachsagen muß, daß sie für die bescheidenste und sittigste ihres Gelichters bekannt ist. Leotychus hat indessen seinem Vater feierlich zugesagt, daß er sie von dem Augenblick an verabschieden werde, da er sich Hoffnung machen dürfe, deine Hand zu erhalten, und der Vater verbürgt sich für die Erfüllung dieses Versprechens. Ich brauche kaum hinzuzusetzen, daß die vorgeschlagene Heirat den Beifall beider Familien hat, und daß kein Zweifel ist, auch dein abwesender Bruder (dessen Rückkunft aus Sicilien nahe ist) werde große Zufriedenheit über eine Verbindung zeigen, die ihm seinen Weg in der Republik nicht wenig erleichtern wird. Ziehe nun das alles in reife Überlegung, liebe Hipparchia, und setze mich bald durch eine gefällige Antwort in den Stand, deinem Vater einen schönen Beweis zu geben, daß du nicht nur die Gestalt, sondern auch das Gemüt deiner edeln Mutter geerbt habest, die immer ihr höchstes Glück darin fand, sich ihren Pflichten aufzuopfern. Deine Antwort wird mich auf meinem Landgute unweit Munychia [Letzteres ist der Name eines der drei Häfen von Athen, nach welchem auch die umliegende Gegend benannt wurde, die einen eigenen Demos (d.


i. einen kleinen Kanton, ein Landstädtchen, oder einen Flecken mit der dazu gehörigen Flur) ausmachte. Attika war in hundertundvierundsiebzig solcher Kantons abgeteilt.] finden, wo ich mich, häuslicher Angelegenheiten wegen, einige Dekaden aufzuhalten genötiget sein werde. Lebe wohl!

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