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Kapitän Sharkey – Arthur Conan Doyle

Als der Spanische Erbfolgekrieg endete und die Verträge von Utrecht unterzeichnet wurden1, verlor eine große Anzahl von Freibeutern ihre Unterstützung durch die konkurrierenden Königreiche. Einige wurden zu friedlichen Händlern – was natürlich nicht so lukrativ war – andere schlossen sich einer Fischereiflotte an. Nur die verwegensten hissten den ›Jolly Roger‹ am Besan und erklärten damit der gesamten menschlichen Rasse den Krieg. Mit einer Mannschaft aus aller Herren Länder durchstreiften sie die See. Ab und an verschwanden sie, um ihr Schiff in einer versteckten Bucht zu überholen oder sie schwelgten in Ausschweifungen in einem abgelegenen Hafen, wo sie die Bevölkerung mit Ihrer Verschwendungssucht blendeten und mit ihrem brutalen Verhalten in Angst und Schrecken versetzten. Von der Küste bei Coromandel 2, über die Gewässer bei Afrika und Madagaskar, bis nach West Indien und Amerika waren die Piraten eine immerwährende Bedrohung. Mit unvergleichlicher Kaltschnäuzigkeit plünderten und raubten sie in Gewässern, wo die Jahreszeit angenehme Bedingungen versprach; im Sommer vor Neu-England und im Winter in den tropischen Gewässern. Sie wurden zur gefürchtetsten Bedrohung, denn sie kannten keine Disziplin und Zurückhaltung, die ihre Vorgänger, die Bukanier 3, beeindruckend und respektabel erscheinen ließ. Diese Piraten waren niemandem Rechenschaft schuldig und sie behandelten ihre Gefangenen, wie es ihnen gerade in den vom Alkohol benebelten Sinn kam. Vereinzelte groteske Großzügigkeit konnte die allgemein vorherrschende unvorstellbare Grausamkeit nicht verschleiern. Ein Kapitän, der in ihre Hände fiel, wurde manchmal samt seiner Ladung freigelassen, nachdem er als Saufkumpan in einer hemmungslosen Ausschweifung teilgenommen hatte. Wahrscheinlicher war es, dass man ihm seine Lippen und seine Nase mit Salz und Pfeffer angerichtet zum Essen servierte. Nur die mutigsten Kapitäne steuerten in diesen Tagen Häfen in der Karibik an. Ein solcher war Kapitän John Scarrow von der ›Morning Star‹, und doch war er sehr erleichtert, als er unter dem Schutz der Kanonen der Festung Basseterre vor Anker ging. St. Kitts war der letzte Anlaufhafen in der neuen Welt und schon am nächsten Morgen wollte er in die Heimat, nach ›Old England‹, aufbrechen. Er hatte genug von den piratenverseuchten Gewässern. Seit er mit einer vollen Ladung Zucker und Pfeffer in Maracaibo den Anker gelichtet hatte, stöhnte er auf, wenn sich ein TopSegel am fernen Horizont der tropischen See zeigte. Sein Kurs führte ihn entlang der kleinen Antillen nach Norden und überall bekam er Geschichten von Gewalt und Niedertracht zu hören. Kapitän Sharkey von der 20-Kanonen-Bark ›Happy Delivery‹ war die Küste heruntergekommen und hatte auf seinem Weg eine Spur von ausgeraubten Schiffen und ermordeten Seeleuten hinterlassen. Gräuliche Anekdoten von seinen makabren Vergnügungen und seiner immerwährenden Grausamkeit machten die Runde. Von den Bahamas bis zur südamerikanischen Küste war seine rabenschwarze Bark mit dem zweideutigen Namen mehr gefürchtet als der Tod. Kapitän Scarrow mit seinem neuen Vollschiff war so besorgt, dass er einen Kurs weit westlich der üblichen Handelsrouten gesetzt hatte. Doch selbst in diesen abgelegenen Gewässern fanden sich Spuren des teuflischen Kapitän Sharkey. Eines Morgens bargen sie ein kleines Beiboot, das auf dem Ozean trieb.


In dem Boot befand sich ein Seemann, der bereits im Delirium lag und heiser schrie, als sie ihn an Bord hievten. Seine Zunge war vertrocknet und lag wie ein verschrumpelter, schwarzer Pilz in seinem Mund. Wasser und Pflege verwandelten ihn jedoch in kürzester Zeit in den stärksten und pfiffigsten Seemann an Bord. Er stammte aus Marblehead in Neu England4 und war der einzige Überlebende eines Schoners, der von dem entsetzlichen Sharkey versenkt worden war. Eine Woche lang trieb Hiram Evenson – das war sein Name – unter der tropischen Sonne dahin. Sharkey hatte angeordnet, dass man die verstümmelten Überreste seines Kapitäns als ›Reiseproviant‹ mitgab. Aber der Matrose hatte diese sofort dem Meer übergeben, denn er befürchtete, dass er irgendwann der Versuchung nicht mehr widerstehen konnte. So blieben ihm nur die Reserven seines mächtigen Körpers. Als er schließlich von der ›Morning Star‹ gerettet wurde, war er bereits in einem Zustand des Wahnsinns, der sich kurz vor solch einem Tod einstellt. Für Kapitän Scarrow war es ein Glücksfall, denn gute Matrosen waren schwer zu finden und ein Pfundskerl wie der Neu-Engländer wurde gerne in die Mannschaft aufgenommen. Er schwor, dass er der einzige Mann sei, dem Kapitän Sharkey jemals einen Gefallen getan hatte. Nun lagen sie unter dem Schutz von Basseterre vor Anker, wo ihnen der Pirat nichts anhaben konnte und dennoch lastete der bedrückende Gedanke an ihn schwer auf ihrer Seele. Ein Boot mit einem Zollbeamten kam zu ihnen herüber. »Morgan, ich gehe jede Wette ein, dass der Zollbeamte von Sharkey anfängt, noch bevor er einhundert Worte von sich gegeben hat«, sagte er zu seinem ersten Maat. »Wohlan Kapitän, ich halte mit einem Silberdollar dagegen«, antwortete der raue Seebär aus Bristol an seiner Seite. Die schwarzen Ruderer brachten das Boot längsseits und der in Leinen gekleidete Steuermann sprang an Bord. »Willkommen Kapitän Scarrow!« rief er. »Haben Sie schon von Sharkey gehört?« Der Kapitän grinste seinen Maat an. »Welche Teufelei hat er jetzt wieder begangen?«, fragte er. »Teufelei? Dann wissen Sie es noch nicht! Wir haben ihn sicher hinter Schloss und Riegel, hier in Basseterre. Am Mittwoch haben sie ihn vor Gericht gestellt und morgen wird er gehängt.« Das entlockte dem Kapitän und seinem Maat spontan einen lauten Ausruf der Freude, der einen Augenblick später von der Mannschaft übernommen wurde. Sofort war alle Disziplin vergessen und die Mannschaft drängte sich zum Heck, um die Neuigkeiten zu erfahren. Der Neu-Engländer stand ganz vorne und hatte sein vor Freude leuchtendes Gesicht zum Himmel gerichtet, denn er stammte von Puritanern ab. »Sharkey soll gehängt werden!« rief er.

»Sie brauchen nicht zufälliger Weise noch einen Henker?« fragte er den Beamten. »Zurück!«, schrie der Maat, dessen Sinn für Disziplin stärker war als seine Neugier. »Ich zahle den Dollar mit Vergnügen, so gerne habe ich noch nie eine Wettschuld beglichen«, sagte er zu seinem Kapitän. »Wie kommt’s, dass der Verbrecher gefangen wurde?« »Nun, er wurde schlimmer als seine eigenen Kameraden es ertragen konnten. Sie fürchteten ihn so sehr, dass sie ihn unbedingt loswerden wollten. Also haben sie ihn ein Stück südlich der Mysteriosa Bank ausgesetzt. Dort wurde er von einem Kauffahrer aus Portobelo aufgegriffen und hierher verbracht. Zunächst wurde vorgeschlagen, ihn in Jamaika vor Gericht zu stellen, aber unser guter, kleiner Gouverneur, Sir Charles Evan, wollte nichts davon wissen. ›Er gehört mir und ich werde ihn rösten‹, sagte er. Wenn Sie bis morgen um 10 Uhr bleiben können, dann werden Sie ihn hängen sehen.« »Ich wünschte, ich könnte warten«, sage der Kapitän mit Bedauern. »Aber wir liegen schon weit im Zeitplan zurück. Wir müssen mit dem Gezeitenwechsel heute Abend auslaufen.« »Das können Sie nicht tun«, sagte der Beamte mit Nachdruck. »Der Gouverneur wird mit Ihnen mitkommen.« »Der Gouverneur?«

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