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Jenseits des Äquators – Ferdinand Emmerich

Würden wir diesmal Glück haben? – Diese Frage spannte all unsere Sinne. Wir, der peruanische Forscher und Kollege Dr. Perez und ich, zogen schwer bepackt dem Ziel unserer brennendsten Sehnsucht entgegen. Ganz unversehens hatten wir es gestern entdeckt, dieses augenscheinlich völlig unversehrte altindianische Grabmal, das eine herrliche wissenschaftliche Ausbeute versprach. Als wir das erstemal eine solche »Chulpa« durchforschen wollten, hatten uns die Indianer einen bösen Strich durch die Rechnung gemacht und uns gezwungen, unverrichteterdinge abzuziehen. Unsere Auftraggeber aber, ebenso wie wir, legten besonderen Wert auf die Funde solch letzter Überreste der uralten Vor-Inkakultur, und unser eigener Ehrgeiz und Forschertrieb spornten uns besonders an, die Erwartungen noch zu übertreffen. Gern hätten wir uns sofort in die Arbeit gestürzt. Leider aber hinderte uns die zwar liebenswürdige, aber reichlich unbequeme Gesellschaft, die seit einigen Tagen mit uns reiste, am sofortigen Beginn. Eine eben in Peru ausgebrochene Revolution hatte nämlich den derzeitigen Staatspräsidenten veranlaßt, sich mit einiger Geschwindigkeit zurückzuziehen. Mit der gesamten Umgebung, deren Damen und einem großen Troß von Beamten, Bedienten und Gepäck wollte man versuchen, die Grenze zu erreichen. Natürlich hatte keiner von ihnen von den Gefahren und besonderen Anforderungen einer Urwaldreise über das Gebirge eine richtige Vorstellung. Heilfroh war die ganze Gesellschaft, als sie nach der ersten »Fühlungnahme« – Gewehr im Arm, Finger am Abzug – feststellte, daß wir nicht nur keine Wegelagerer, sondern Forscher waren, deren Erfahrungen dem ganzen »Hofstaat« von größtem Nutzen waren. Um sie überhaupt wieder loszuwerden, hatten wir ihnen für ihren weiteren Weg, von den Höhen des bolivianischen Gebirges hinab zum Titicacasee, unsere drei Diener als Führer und Beschützer mitgegeben, und heute früh waren sie mit erheblichem Aufwand von Dankesbezeugungen und Freundschaftsversicherungen endlich abgeritten. Felipe, mein getreuer Helfer und Freund, sollte zusammen mit Carlos, dem Diener des Dr. Perez, unten in dem kleinen Uferdorf Maiquia für uns Quartier machen und uns dann wieder bei der Chulpa treffen. Da lag nun das alte Grabmal! Der mit Ranken und Schlingpflanzen überwucherte, durch feine Einfachheit imponierende Bau hatte den Grundriß einer Ellipse. Das Gemäuer bestand auch hier aus mächtigen, gut behaltenen Trachytund Porphyrblöcken, die bis zu einer Höhe von acht Meter aufeinandergetürmt lagen. Als Dachverschluß diente eine einzige, riesige Porphyrplatte von vielleicht dreißig Zentimeter Dicke. Sie war in geneigter Lage über das etwazwei Meter im Durchmesser haltende Grabmal gebettet. – Ein tatsächlich für die Ewigkeit bestimmter Bau! Zuerst suchten wir die an jeder Chulpa befindliche Öffnung nach Osten zu entdecken, aus der, nach dem Glauben der Indianer, die Seelen der Toten emporsteigen sollen. Wir fanden sie, unter Brombeeren versteckt, genau an der Stelle, wo die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne sie in jeder Jahreszeit treffen mußten. Sie befand sich vier Meter über dem Erdboden und war rechteckig – groß genug, um einem Menschen das Eindringen zu ermöglichen. – Gegenseitig unterstützten wir uns bei der Überwindung der trennenden, durch Stacheln und Dornen geschützten Höhe. Noch eine letzte Anstrengung, dann konnten wir einen ersten Blick in das geheimnisvolle Halbdunkel des Grabes werfen. Ein Gefühl der Unsicherheit beschlich mich, als wir uns anschickten, das Innere der Chulpa zu betreten.


Ich hatte das Empfinden, etwas Ungehöriges zu tun. Es war weder Furcht noch Abscheu, sondern wohl Scheu und Ehrfurcht vor dem Heiligtum eines fremden Volkes. Ähnlich erging es meinem Begleiter. Doch kurz entschlossen warf ich die Strickleiter in den Raum und stieg langsam hinunter. Die eindringenden Sonnenstrahlen schufen dort ein ziemlich Helles Zwielicht. Der innere Boden der Chulpa lag etwa ein und einen halben Meter tiefer als der äußere. Durch geschickte Lagerung der Blöcke waren an der Innenwand Stufen geschaffen, die wohl dazu dienen sollten, den Bestatteten dereinst das Verlassen des Grabes zu erleichtern. Diese Toten fesselten natürlich zuerst unsere Blicke. Auf dem aus verwittertem Kalkstein bestehenden Boden saßen im Kreise, die Füße dicht aneinandergestellt,vierzehn Mumien, von denen drei vornübergefallen waren. Quer über den Füßen lag ausgestreckt ein weiterer mumifizierter Körper, den wir auf den ersten Blick für die Überreste eines Kindes ansahen. Neben jeder einzelnen Mumie standen in Körbchen und Näpfchen die Opferbeigaben, aus denen sich unschwer das Geschlecht der Toten feststellen ließ. Wir fanden eingeschrumpfte Maiskolben, dann Keulen, Schleudern, einen Köcher, Fischhaken und Messer aus Knochen, ferner Bastschnüre, die wohl den Männern mitgegeben wurden, während die feingearbeiteten, Binsengeflechte, die Wolle und einige lange Dornen Beigaben für die Frauen darstellten. Wir unterschieden hiernach die Mumien von elf Männern und drei Frauen. – Im Hintergrunde der fast drei Meter weiten Halle standen, der Öffnung abgekehrt, auf einem glatt geschliffenen Steine neun verschlossene Töpfe aus gebranntem Ton. Drei davon zeigten Verzierungen. Sie hatten die Form unserer Teekannen, waren aber ohne Schnabel. Daneben, säuberlich angeordnet, standen zehn flache Tonschüsseln mit dunkelbraunen Körnern, die wir später als Mais erkannten. Wir betrachteten lange Zeit wortlos die irdischen Reste von Angehörigen eines Volkes, über dessen Leben und Treiben uns fast gar keine Überlieferungen zur Kenntnis gekommen sind und das doch auf einer so hohen Kulturstufe stand. Wie viele Jahrhunderte mochten verflossen sein, seit liebevolle Hände den hier Versammelten die letzte Ruhestätte errichteten? Diese feste Burg hatte eine jahrhundertelange Regierungszeit des ebenfalls verschwundenen Volkes der Inka unversehrt überstanden. Sogar die alles vernichtende Habgier der spanischen Eroberer waran ber Ruhestätte vorübergegangen … und jetzt stand ich, der kultivierte Sohn eines hochkultivierten Volkes, hier vor den eingetrockneten Leichen, um mit rauher Hand zerstörend in den Frieden des Grabes einzugreifen! – In diesen Betrachtungen fiel es uns ganz besonders auf, daß sich weder Fledermäuse noch sonstiges Getier in der Chulpa befanden. Das erhöhte noch das Unbehagen, das wir kaum zu bannen vermochten. Wir zögerten beide, Hand an die Mumien zu legen. Allein, was half das alles. Die Wissenschaft verlangte von uns die Erforschung solcher Stätten verschollener Kultur, und ihr mußten wir gehorchen. Mit solchem zwecklosen Nachdenken war eine kostbare Stunde verstrichen, und die Uhr mahnte zur Aufnahme der Arbeit.

Die Sonne hatte inzwischen ihre Strahlen verschoben und ein tiefes Halbdunkel über die Stätte gelegt. Wir mußten unsere Kerzen anzünden. Beim Aufflammen des Zündholzes fiel mein Auge auf eine etwas verblichene Wandmalerei, die einen Sonnenball mit menschlichem Gesichtsausdruck darstellte. Der in das Antlitz gelegte Ausdruck zeigte so viel Leben, daß mir war, als würde unser Tun von einem Wächter beobachtet. Wir waren beide Männer, die keine Furcht kannten. Aber als die flackernden Strahlen des matten Kerzenlichtes über den stummen gespenstischen Kreis huschten und die gähnenden Augenhöhlen in den leeren Totenschädeln zu beleben schienen, konnte ich ein Gefühl des Unbehagens doch nicht unterdrücken. Ich glaube, wenn ich schon vorher gewußt hätte, was uns bevorstand, ich hätte auf die Untersuchung verzichtet. Dem Doktor ging es nicht besser. Es ist eben doch etwas anderes, einem Toten an gewöhnlichen Orten gegenüberzustehen oder ihn aus seinerletzten Ruhestätte zu reißen und gezwungen zu sein, ihn in seine einzelnen Teile zu zerlegen. Die erste Mumie, die wir in Angriff nahmen, war in ein Bastgeflecht eingewickelt, das man über dem Schädel sackartig zusammengebunden hatte. Eine Öffnung für das Gesicht, das uns unheimlich entgegengrinste, war freigelassen. BeimAufheben der Mumie rutschten die Knochen der beiden Füße mit dumpfem Klappern zur Erde. Das prasselnde Geräusch brach sich in schwachem Echo in den konisch zulaufenden Wänden und fand in allen Winkeln des Baues einen klagenden Widerhall, Wir versuchten, den Schädel durch die Öffnung herauszuziehen, mußten es aber aufgeben, weil sie zu eng war. Der Doktor trennte nun das Geflecht vorsichtig auf, wobei ich ihm leuchtete. Als der Sack dann in seinem oberen Teil offen vor uns lag, sahen wir ein Gebilde, das an ein riesiges schwarzes Ei erinnerte, auf dessen Spitze gähnende Höhlungen die Stelle von Augen, Nase und Mund bezeichneten. Bei näherer Betrachtung strahlten wir über den seltenen Fund. Wir hatten einen jener Schädel vor uns, die zu Lebzeiten des Menschen auf künstliche Weise in die Eiform gebracht worden waren, und zwar derart, daß das Gesicht auf die spitze Seite des »Eies« gedrängt wurde. – Aus früheren Funden war bekannt, daß sich diese Kopfform bei den alten Aymaras aus der Vor-Inkazeit fand. Das Alter dieser Grabstätte konnte also mit ziemlicher Gewißheit bestimmt werden.

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