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Jacob Ehrlich – Frederick Marryat

Ich ward auf dem Wasser geboren, geneigter Leser – nicht auf dem salzigen, ergrimmten Ocean, sondern auf dem süßen, rasch dahin fluthenden Strome. Auf einer Art Schwimmküste, genannt Lichter, und auf der Temse war es, wo ich bei niedrigem Wasserstande zum ersten Male den Geruch von Schlamm in mich sog. Mein Vater, meine Mutter und des Lesers gehorsamer Diener bildeten die Mannschaft (ein Ausdruck, der etwas prahlerisch erscheinen könnte, wenn ich nicht das Recht der Kindschaft in Anspruch nähme). Mein Vater hatte die ausschließliche Leitung; er war Monarch auf dem Verdecke; meine Mutter natürlich die Königin, und ich der muthmaßliche Thronerbe. Bevor ich ein Wort von mir selbst rede, bitte ich um die Erlaubniß, eine gewissenhafte Beschreibung von meinen Eltern zu geben. Zuerst will ich ein Gemälde von meiner königlichen Mutter entwerfen. Die Tradition erzählt, daß nie eine leichtere Gestalt und ein leichterer Fuß über die Planken des Lichters hintanzte, als sie zum ersten Male an Bord kam; aber so weit mein Gedächtniß reicht, war sie immer eine dicke und schwerfällige Frau. Ortsveränderung war nicht ihre schwache Seite, wohl aber der Wachholderbranntwein. Die Kajüte verließ sie selten – den Lichter nie, weßhalb auch ihre Schuhe so wenig abgenutzt wurden, daß sie mit einem Paar fünf Jahre ausreichte. Bei dieser Liebe zur Häuslichkeit, welche sich alle verheirathete Damen zum Muster nehmen sollten, konnte man sie immer antreffen, wenn man ihrer bedurfte; aber war sie auch stets bei der Hand, so war sie doch nicht immer auf den Füßen. Wie der Tag sich neigte, legte sie sich auf’s Bett – eine weise Vorsicht für diejenigen, welche nicht mehr stehen können. Die Wahrheit ist, daß meine verehrte Mutter, trotz ihres tadellosen Wandels, häufig vom starken Geiste verführt, und trotz ihrer ehelichen Treue bisweilen mit dem heimtückischen Feinde der weiblichen Tugend – dem Wachholder, im Bette gefunden wurde. Der Lichter wurde, wie ein zweites Eden, worin meine Mutter die Eva und mein Vater den Adam spielte, von dieser Schlange heimgesucht, und wenn die Königin auch keinen Apfel speiste, so wußte sie dafür das Glas zu führen, was im Grunde noch schlimmer war. Anfangs – ich erwähne dieß zum Beweise, wie schlau sich der Böse immer unter einer verführerischen Gestalt einzuschleichen weiß – anfangs trank sie nur in der Absicht, ihren Magen gegen die Kälte zu schützen, und die Nebeldünste, die aus dem Wasser aufstiegen, schienen eine solche Vorsichtsmaßregel völlig zu rechtfertigen. Mein Vater griff aus demselben Grunde zu seiner Pfeife; aber zu der Zeit, als ich geboren wurde, war die Gewohnheit in den Besitz ihrer vollen Rechte getreten: er rauchte und sie trank von Morgen bis in die liebe Nacht. An seinen Lippen hing die Pfeife, an den ihrigen das Glas, als wäre dieß nun einmal ein notwendiges Bedürfniß ihrer Existenz. Ich hätte jede Kälte herausfordern dürfen, in den Magen meiner werthen Eltern würde sie nicht eingedrungen sein. – Doch ich habe für jetzt genug von meiner Mutter gesprochen, und will daher auf meinen Vater übergehen. Mein Vater war ein aufgedunsener, wohlgerundeter, langarmiger, kleiner Mann, der für seine Stellung in oder vielmehr außer der Gesellschaft geboren schien. Er konnte einen Lichter führen, wie nur irgend Jemand; aber mehr konnte er nicht, da er nur zu diesem Geschäfte von Jugend auf erzogen worden war. Das einzige merkwürdige Ereigniß in seinem Leben war allenfalls ein Gang für meine Mutter an’s Land und die Rückkehr an Bord, sein einziger Genuß die Pfeife, und da ein geheimnißvolles Band zwischen dem Geschäfte des Rauchens und der Philosophie besteht, so brachte er es durch lauter Rauchen zu einer gewissen Vollkommenheit in der letzteren. Es ist eben so seltsam, als wahr, daß wir unsere Sorgen durch den Tabak wegdämpfen können, während sie ohne dieses Mittel schwer auf unserer Seele lasten. Es gibt keinen beruhigenderen Zug, als den Zug durch das Rohr einer Pfeife. Die wilden Krieger von Nordamerika erfreuten sich dieser herrlichen Gabe der Natur vor uns, und der Pfeife wird die Weisheit ihrer Berathung und die lakonische Aeußerung ihrer Gedanken zugeschrieben. Es wäre gut, wenn sie auch in unsren gesetzgebenden Versammlungen eingeführt würde.


Freilich könnten dann die Damen nicht mehr durch die Luftlöcher hinunterschielen, aber wir würden mehr Vernunft und weniger Worte haben. Auch der stoische Gleichmuth, womit diese amerikanischen Krieger mit der Pfeife im Mund alle Foltern ihrer Feinde ertragen, ist eine Folge des Tabaks; und von der wohlbekannten Wirkung dieses Wunderkrautes rührt der sonderbare Ausdruck her, daß man sagt, man habe »einem Andern die Pfeife ausgelöscht,« wenn man ihn erzürnt hat. Meines Vaters Pfeife erlosch niemals, weder im buchstäblichen, noch im bildlichen Sinne. Er besaß einige Sprüche, die jeden Unfall zu einem glücklichen Ende brachten; und weil er sich selten oder nie in viele Worte ergoß, so prägten sich diese Sätze tief in mein junges Gedächtniß ein. Einer heißt: »Mit Weinen gewinnt man nichts; geschehene Dinge lassen sich nicht ändern.« Waren einmal diese Worte über seine Lippen getreten, so wurde der Sache nicht weiter erwähnt. Nichts schien ihn zu berühren. Die Führer der übrigen Lichter, Barken, Schiffe und Boote aller Art, welche mit uns um den Extrafuß Wasser stritten, wenn wir mit der Fluth hinauf- oder hinabtrieben, brachten durch ihre Flüche keine andere Wirkung auf ihn hervor, als ein paar Extrarauchsäulen aus seinem Pfeifenkopf. An meine Mutter richtete er nur die einzige Ermahnung: »Nimm’s kaltblütig;« aber sie verfehlte ihren Zweck völlig, da sie im Gegentheil ihre Leidenschaften steigerte und Oel in’s Feuer goß. Gleichwohl war der Rath gut, und er wäre noch besser gewesen, wenn sie ihn befolgt hätte. Ein anderer Lieblingsausdruck meines Vaters, der nach demselben Muster seiner Philosophie gebildet war, und dessen er sich bediente, wenn etwas nicht nach seinem Wunsch ging, lautete: »Das nächste Mal mehr Glück.« Diese Denksprüche prägten sich tief in mein Gedächtniß. Ich wiederholte sie mir unaufhörlich, und wurde dadurch ein Philosoph, als meine Weisheitszähne noch lange im Keime schlummerten und ich noch die erste Zahnreihe hatte, womit uns die Natur beschenkt, damit wir uns ohne Gefahr den Genüssen des Sauglappens hingeben können. Meines Vaters Erziehung war vernachlässigt worden. Er konnte weder lesen noch schreiben; aber wenn er auch nicht gerade ein Erfinder der Buchstaben genannt werden konnte, wie Cadmus, so gewöhnte er sich doch an gewisse Hieroglyphen, die gewöhnlich ihrem Zwecke hinreichend entsprachen und als ein künstliches Gedächtniß betrachtet werden konnten. »Ich kann weder schreiben, noch lesen, Jacob,« sagte er; »ich wollt‘, ich könnt‘ es, aber sieh‘, Junge, dieses Zeichen bedeutet drei Viertel von einem Buschel, merke dir’s, wenn ich dich frage, oder ich will des Kukuks sein, wenn ich dich nicht bläue.« Nur in besondern schwierigen Fällen bedurfte er einer neuen Hieroglyphe – oder einer so langen Rede, wie die ebengenannte. Ich war vertraut mit seinen gewöhnlichen Zeichen und Streichen, und da ich ein gutes Gedächtniß hatte, konnte ich ihm auf den Sprung helfen, wenn er beim Augenblicke eines mißgestalteten x oder z nicht wußte, was er daraus machen sollte, um die unbekannte Größe zu finden, welche diese Buchstaben, wie in der Algebra, bezeichneten. Ich habe zwar gesagt, daß ich der muthmaßliche Erbe, nicht aber, daß ich auch das einzige Kind war, das meinem Vater in der Ehe geboren wurde. Meine verehrte Mutter hatte außer mir noch zwei Sprößlinge zur Welt gebracht; aber das erste, ein Mädchen, war durch die Masern den Leiden der Welt entrückt worden, das zweite, mein älterer Bruder, hatte im dritten Lebensjahre sein Unterkommen durch einen Sturz vom Sterne des Lichters gefunden. Zur Zeit dieses Ereignisses war meine Mutter, unter Begleitung des starken Geistes, zu Bett gegangen, während mein Vater auf dem Verdeck stand und, behaglich seine Pfeife schmauchend, am Haspel lehnte. »Was war das?« rief er, lauschend und seine Pfeife aus dem Mund nehmend; »soll mich wundern, wenn es nicht Joe gewesen ist.« Und er steckte die Pfeife wieder zwischen die Lippen und rauchte wie zuvor. Die Vermuthung meines Vaters erwies sich als richtig. Niemand anders als Joe hatte das Geräusch im Wasser erregt, das meinen Vater aus seinen Betrachtungen weckte, denn am andern Morgen war er nicht zu finden.

Einige Tage später wurde er zwar aufgefischt, aber begreiflichermaßen war »der Lebensfunke erloschen,« wie die Zeitungen zu sagen pflegen; ja noch mehr, die Aale und Kaulbarsche hatten dermaßen an seiner Nase und seinem dickbackigen Gesichte genagt, daß er, wie sich mein Vater ausdrückte, »zu nichts mehr zu gebrauchen« war. Am Morgen nach diesem Unfall stand mein Vater früh auf und vermißte den armen Joe. Er ging in die Kajüte, rauchte seine Pfeife und sagte nichts. Da mein Bruder zur gewöhnlichen Stunde nicht beim Frühstück erschien, rief meine Mutter mit heiserer Stimme seinen Namen; aber Joe befand sich außer Hörweite und blieb stumm wie ein Fisch. Da mein Vater gleichfalls den Mund nicht zur Antwort öffnete, so verließ meine Mutter die Kajüte und durchsuchte den ganzen Lichter; ja, sie warf sogar ihre Blicke in den Hundestall, um sich zu überzeugen, ob er nicht vielleicht bei dem großen Hunde schlafe– aber Joe war nirgends zu finden. »Wo mag er denn hingekommen sein?« rief meine Mutter mit dem Ausdrucke mütterlicher Besorgniß auf ihrem Gesichte, indem sie sich auf dem Rückwege nach der Kajüte an meinen Vater wandte. Mein Vater nahm seine Pfeife aus dem Munde, senkte den Kopf derselben in lothrechter Richtung, bis er sanft auf dem Verdecke landete, steckte sie dann wieder in den Mund, rauchte mit kummervoller Miene und schwieg. »Du wirst doch nicht sagen wollen, er sei über Bord gefallen?« schrie meine Mutter. Mein Vater nickte mit dem Kopfe und blies eine dichtere Rauchwolke von sich. Ein Strom von Thränen, Ausrufungen und Vorwürfen folgte diesen bejahenden Zeichen. Mein Vater störte den Ausbruch mütterlichen Schmerzes mit keiner Sylbe. Und als er in Schluchzen dahinstarb, war auch die Glut seiner Pfeife erloschen. Er klopfte die Asche aus und bemerkte mit ruhiger Miene: »Mit Weinen gewinnt man nichts; geschehene Dinge lassen sich nicht ändern.« Damit füllte er seine Pfeife aufs Neue. »Nicht ändern?« rief meine Mutter, »hätten aber können geändert werden.« »Nimm’s kaltblütig,« versetzte mein Vater. »Nimm’s kaltblütig!« wiederholte meine Mutter mit Wuth – »nimm’s kaltblütig! Ja, du nimmst Alles kaltblütig; ich glaube, du würdest es kaltblütig nehmen, wenn ich über Bord fiele.« »Auf jeden Fall würdest dann du es kaltblütig aufnehmen müssen,« versetzte mein unerschütterlicher Vater. »Ach Gott! ach Gott!« rief meine arme Mutter, »zwei so arme Würmlein, und beide verloren!« »Das nächste Mal mehr Glück,« tröstete sie mein Vater; »also sprich jetzt nicht mehr von der Sache, Sally.«

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