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Im Gran Chaco von Paraguay – Ferdinand Emmerich

Auf dem argentinischen Dampfer ›Belgrano‹, der mich den Paranâfluß hinauf nach Asuncion brachte, gesellte sich ein Mann zu mir, der nach mehr als einer Richtung hin mein Interesse erregte. Er war nach Art der Herbateros gekleidet. Sein ganzes Auftreten aber stand mit seiner äußeren Erscheinung im Widerspruch. Ich fand bald heraus, daß seine Ausstaffierung als Teesucher den Hauptzweck verfolgte, so wenig als möglich aufzufallen und die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen von sich abzulenken. Aus seiner Schweigsamkeit zog ich den Schluß, daß der Mann viel in der Einsamkeit lebte. Von da zu meiner Frage an ihn: »Sind Sie Naturforscher?« war nur ein Schritt. Aus den grauen Augen schoß ein Blitz ängstlichen Mißtrauens, der mir ein Lächeln abnötigte. Ich kannte ihn, den Blick. Er sagt dem Fragenden: »Nimm dich in acht, daß ich dir nicht ins Gehege komme!« So schaut nur der Sammler, der fürchtet, von einem Kollegen um die Ausbeute einer reichen Fanggegend betrogen zu werden. Als der Mann stumm blieb, klopfte ich ihm auf die Achsel, und mich nun der deutschen Sprache bedienend, rief ich aus: »Keine Angst, Herr Kollege. Ich bin Forscher. Sammelobjekte kann ich auf der von mir geplanten Reise nicht mitnehmen. Also haben sie keine Konkurrenz zu fürchten.« »Woher wissen Sie, daß ich Deutscher bin. Ich sehe, ebensowenig wie Sie selbst, unsern Landsleuten doch nicht ähnlich?« »Nein. Aber wer sich so dem Winde und Wetter aussetzt und davon zeugt unsere gegerbte Haut der kann nur ein Deutscher oder ein Fremder der arbeitenden Klasse sein. Und gegen das letztere spricht vieles an Ihnen. Was, kann man nicht sagen.« »Nun ja. Ich bin Orchideensucher. Mein Weg führt mich durch den Gran Chaco. Einmal dort, folge ich meinem Stern.« »Ein wenig Chaco möchte ich auch kennen lernen. Das Innere der Waldwildnis reizt mich indessen wenig. Ich beabsichtige den Paranâfluß aufwärts zu wandern und, wenn möglich, durch den Rio Xindu in den Maranhon zu gelangen.


« »Donnerwetter, das ist ein Wagnis, Herr Kollege! Sie wissen zweifelsohne, daß die Botokuden auf Weiße nicht gut zu sprechen sind. Ich habe mich bisher immer geweigert, ihr Gebiet zu bereisen, obwohl mir dort Schätze winken.« »Mich können solche Erwägungen nicht abhalten. Zu oft schon wurde ich vor wilden Stämmen gewarnt. Kam ich dann in ihr Gebiet, so zeigte es sich, daß wohl der Weiße selbst die Schuld trug, wenn er nicht die Aufnahme fand, die er erwartete. Auch die Botokuden werden mit sich reden lassen.« »Ja, wenn Sie die Sprache verstehen, dann mag es Ihnen gelingen, unbehelligt durch das Gebiet zu kommen.« »Ich verstehe kein Wort ihrer Sprache. Dennoch hoffe ich den Wilden begreiflich zu machen, daß ich als Freund zu ihnen komme. Wenn Sie also sonst nichts abhält, so sind Sie mir als Reisebegleiter willkommen.« »Darüber können wir ja noch reden, wenn wir nach Asuncion kommen oder haben Sie ein anderes Ziel?« »Ich hoffe, in Asuncion Briefe zu finden. Wenn diese keine gegenteiligen Nachrichten enthalten, dann mache ich zunächst einen Abstecher an den Pilcomayo. Und was gedenken Sie zu tun?« »Hm, der Abstecher wäre mir vielleicht von großem Nutzen. Ich fuhr bereits einmal den Fluß hinauf, hielt mich jedoch auf der argentinischen Seite, da man mir von dem Besuche des linken Ufers abriet. Wirklich sahen wir auch ein paar Indianerlager. Die Soldaten schossen darauf.« »Das ist doch kein Grund, einen einmal gefaßten Entschluß fallen zu lassen. Irgendwo müssen die Indianer doch lagern. Daß man ihnen aber anscheinend auch die Nachtruhe mißgönnt, ist eben die Ursache der Feindseligkeiten, mit denen die Indianer, also die rechtmäßigen Herren des Landes, jedem Weißen entgegentreten. Und dann wundert man sich nachher, und entrüstet sich, wenn der rote Mann von seinem Hausrecht Gebrauch macht. Fragen sie doch einen der weißen Hazienderos, die da vorn mit ihren Goldmünzen prahlen, ob sie es sich gutwillig gefallen ließen, wenn man sie plötzlich von ihrem Besitztum vertriebe.« »Das ist Politik, Herr Kollege, und darüber rede ich lieber nicht.« »Aber ich rede darüber und sage jedem, der es hören will, was ich darüber denke. Nützen werde ich damit allerdings keinem … Ein Indianer trat an uns heran. Wir hatten deutsch gesprochen und ich hatte keineswegs die Stimme gedämpft, als ich meine Ansichten entwickelte.

Immerhin überraschte es mich, als der Mann mir in gebrochenem Deutsch seinen Dank aussprach, daß ich die Sache seines Volkes verteidigte. »Wie? Du verstehst deutsch?« fragte ich, erstaunt den roten Sohn der Wälder ins Auge fassend, »Wo hast du denn das gelernt?« »Ich war Zögling bei den Jesuiten in Asuncion. später arbeitete ich auf einer deutschen Farm. Dort lernte ich die fremde Sprache …« Er stockte. Die Worte waren mühsam zusammengesucht worden und ich glaubte, ihm zur Fortsetzung seiner Erzählung helfen zu müssen. Darum forderte ich ihn auf, sich der spanischen Sprache zu bedienen, wo der deutsche Wortschatz nicht ausreichte. Ein Lächeln überflog seine Züge. »Die Worte fehlen mir nicht. Ich würde sie auch nicht aussprechen, wenn ich nicht wüßte, daß ich dem Herrn vertrauen kann. So aber muß ich es wohl tun, weil ich hoffe, daß mich die Herren mitnehmen, wenn sie an den Pilcomayo reisen.« »Schlau bist du, das muß ich sagen!« rief ich aus. »Aber bevor ich nicht weiß, mit wem ich zu tun habe, kann ich deine Hoffnungen nicht in die Tat umsetzen. Also fahre fort. Wir verlieren ja keine Zeit, wenn wir dich anhören. Wen hast du umgebracht?« Mein Kollege lachte laut auf bei dieser Frage. Nicht so der Indianer. Er streifte mich mit einem scheuen Blick und ließ seine dunklen Augen über die geschäftig über das Deck laufenden Matrosen gleiten, gleichsam als fürchtete er, daß jemand die Frage gehört habe. »Woher weiß der Herr …?« stammelte er. »Von dir selbst weiß ich es,« erwiderte ich. »Dein ganzes Benehmen und deine Gegenfrage beweisen es. Uebrigens hast du von uns nichts zu fürchten. Wenn du glaubst, dein Geheimnis für dich behalten zu sollen, dann unterlasse es zu antworten.« »Es ist kein Geheimnis, Herr. Ich habe drüben, jenseits der Grenze, bei Belen einen Weißen im Kampfe erstochen. Er mißhandelte seine jungen Diener und Dienerinnen mit dem Lasso, so daß sie blutend und halb tot auf dem Hofe liegen blieben.

Dann hetzte er noch seinen bissigen Hund darauf. Ich kam zufällig vorüber und tötete den Hund mit der Bola. Der Weiße schoß auf mich, ohne zu treffen. Da sprang ich auf ihn zu und rang mit ihm. Jeder zog das Messer. Ich war schneller als er. Dann packten mich seine Leute und schleppten mich vor den Richter. Es war ein Farbiger. Er warf mich in ein Gefängnis. Am dritten Abend vergaß der Wächter die Türe zu schließen. Draußen stieß ich auf zwei Indianer, die Pferde hielten. Sie zeigten mir den Weg und gaben mir Geld … Hier bin ich, Herr! Ich will nach Asuncion und mich den Patres entdecken. Sie werden mir helfen, in meine Heimat zu kommen …« »Wo liegt deine Heimat?« fragte ich, angenehm berührt durch das offene Bekenntnis des Mannes. »Weit oben am Rio Apa. Da, wo der Fluß aus dem Gebirge in die Ebene tritt, liegt unser Dorf. Es sind arme Indianer, Herr, die von den Weißen aus ihrem Lande am Rio Fogones vertrieben wurden, als ich noch ein kleiner Knabe war.« »Hm kennst du den Gran Chaco?« »Welchen, Herr? Meinst du die Wälder zwischen dem Rio Pilcomayo und dem Paraguayflusse? Den kenne ich genau. Es wohnen noch viele Indianer in den Flußtälern. Sie gehören auch zu meinem Stamme.« »Wie heißt dein Stamm?« »Wir nennen uns Karapahy. Der Stamm ist sehr stark und hat viele Häuptlinge. Unser Dorf gehört zu den Karapahy Pidma.« »Würdest du uns in den Chaco begleiten?«

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